Die Emanzipation der Pferde*
Nachwort

Die Novellen des Muskauer Dichters und Komponisten Gottlob Leopold Immanuel Schefer gehörten zu den meistgelesenen des Biedermeiers. Sein Hauptwerk, das Laienbrevier, eine Art weltliches Andachtsbuch mit Sinnsprüchen für jeden Tag des Jahres, erschien von 1834 bis 1893 in zahlreichen Auflagen und wird noch immer zitiert.
Leopold Schefer wurde am 30. Juli 1784 als Sohn eines Arztes geboren. Seine ersten Lehrer waren der Vater, der Muskauer Rektor Tamm und der Callenberg-Pücklersche Hofrat Röhde. 1799 bezog er das Gymnasium in Bautzen, das er jedoch 1804 verließ, um daheim seine kranke Mutter unterstützen zu können. Er bildete sich autodidaktisch weiter, hauptsächlich in der Muskauer Schloß-Bibliothek. 1806 unternahmen er und Graf Hermann von Pückler eine Wanderung „nach der Schneekuppe“, wobei Schefer den Weg zur Burgruine Kynast zu Fuß zurücklegte, während der junge Graf sich in einer Sänfte hinauftragen ließ – eine Episode, die bemerkenswert ist, weil sie das ambivalente Verhältnis der beiden Jugendfreunde bestens charakterisiert, ohne daß man es weiter erörtern müßte.
Agnes, die Schwester Hermann von Pücklers, wurde seine Geliebte, von ihrem Bruder jedoch standesgemäß verheiratet. Für sie komponierte er zahlreiche, unlängst erst wiederentdeckte Lieder, die inzwischen auch auf CD erhältlich sind. Darunter befinden sich einige, von denen es in einer Rezension heißt, daß „auch Schubert-Kenner kaum zu sagen wüßten, weshalb sie nicht von Schubert stammen könnten.“
Ende 1812 übernahm Schefer als Generalbevollmächtigter Pücklers die Geschäfte der Standesherrschaft und führte sie erfolgreich bis 1816. In jenem Jahr trat er mit finanzieller Unterstützung des Grafen eine ausgedehnte Reise durch Europa und Kleinasien an, die er seine „Lebens-Universität“ nannte, und von der er im Dezember 1819 heimkehrte. Während dieser studierte er Komposition bei Salierei in Wien und befaßte sich mit Medizin; außerdem erlernte er weitere Fremdsprachen, so daß er schließlich Sorbisch, Lateinisch, Alt- und Neugriechisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Koptisch, Türkisch sowie ein wenig Arabisch und Ägyptisch sprach.
Er heiratete 1821, baute sich ein Haus nach eigenen Plänen, bezog es 1831 und verließ Muskau von da an nur noch zu wenigen kürzeren Reisen. Er lebte zunächst von einer kleinen Ehrenpension, die er vom Grafen, ab 1822 Fürsten Pückler bezog, konnte jedoch bald von den Einkünften aus seiner Schriftstellerei leben. Er stand insbesondere der Fürstin Lucie von Pückler nahe und unterstützte sie während der häufigen, oft ausgedehnten Reisen Pücklers in der Administration Muskaus und bei der Anlage des Parkes; letzteres in einem Umfang, daß ihn eine Anthologie aus den 1960er Jahren irrtümlich sogar als den Schöpfer des Muskauer Parks nennt. An der Herausgabe der Schriften Pücklers hatte er ebenfalls großen Anteil. Er starb am 13. Februar 1862.
"Die Emancipation der Pferde" erschien 1828 als Vorabdruck aus der Novelle "Die Lebensversicherung" in der Zeitung für die elegante Welt, wurde später jedoch nicht mehr in die Novelle aufgenommen. Sie ist ein Kabinettstück Scheferscher Erzählkunst sowie der Novellistik des Biedermeiers überhaupt und gelangte seinerzeit sogar in die National-Bibliothek der Deutschen Klassiker.
In ihr wird von einem Kongreß der Pferde in England berichtet, auf dem die Erfindung der Dampfmaschine und ihr Nutzen aus der Sicht der Pferde enthusiastisch gepriesen wird. Eine Deputation wird beschlossen, die den Erfindern persönlich danken soll; eine Dankesfeier wird veranstaltet, und es werden, die Erfindung des Automobils vorweg nehmend – und damit ist Leopold Schefer dem 1828 erst geborenen Jules Verne um einiges voraus – die Perspektiven erörtert, die sich mit ihr für Pferde- und Menschheit eröffnen. Die Sprache Schefers ist für uns heute etwas ungewöhnlich, aber seine turbulent-drolligen Einfälle, die Schilderung des großen Umtrunks beispielsweise – „selber die Fische tanzten und sprangen herauf und redeten heute sogar, und alte Lachse sangen den Fischer von Göthe“ – machen die unwesentliche Mühe des Lesens bei weitem wett.
Meinhard Bärmichs Illustrationen aber machen das Ganze zu einem reinen Vergnügen.
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