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Vom Buchbindermeister Hubert Gotzmann

Eine Miniatur

Von Bernd-Ingo Friedrich


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Mein Buchbinder sammelt – außer Büchern, Bildern, Grafiken, Buntpapier, Kalligrafien, Zeitschriften, eigentlich allem, was aus Papier oder irgendwie bedruckt ist; regionalen, chinesischen und anderen Altertümern – alles, was er kriegen kann. Ständig ist er auf der Suche nach etwas Brauchbarem, wobei es tatsächlich nichts zu geben scheint, was ein Buchbinder nicht gebrauchen kann. „Was man hat, das hat man“ ist bei uns ein gängiger Spruch. (Mit dem Sozialismus hat das nichts zu tun; die Leute redeten hier schon immer so.) Ja, und so kann es eben passieren, daß ich mit ihm – sagen wir mal – zum „sight-seeing“ nach Zary (PL) fahre und statt dessen in Läden gerate, in die ich alleine keinen Fuß gesetzt hätte, zum Beispiel in einen „sklep gospodarstwa domowego“. Es gibt nämlich für einen Menschen, der auf ästhetischen Genuß erpicht ist, nicht leicht etwas Trostloseres als einen polnischen Haushaltswarenladen. In diesen Laden guckt er aber nicht bloß kurz hinein – nein – das dauert mindestens eine Viertelstunde, weil er nämlich alles um- und umwenden, auf seine Brauchbarkeit, und speziell auf seinen Preis hin überprüfen muß. Und das dauert halt. Schließlich erwirbt er dann vielleicht ein Sieb, zum Kleister Durchstreichen, – „ein Euro, fast geschenkt“ –, das er in siebzig Jahren, also in seinem zweiten Leben, bestimmt einmal gebrauchen kann, weil dann sein altes verschlissen sein wird. – Ich glaube, ich bin etwas vom Weg abgekommen.

Ich wollte eigentlich von seinen Grabsteinen erzählen – oder, von dem Grabstein; also: Eines Tages sollte das Grab einer entfernten Verwandten „liquidiert“ werden, und natürlich hat auch ein Grabstein ein gewisses Potential für einen phantasievollen Menschen mit Sinn für Skurriles. Man kann ihn aus Pietät oder einfach nur zur Zierde in den Garten stellen, beim Hausbau verwenden, in das Pflaster integrieren, eine Treppenstufe daraus machen und so weiter; kurz: Man kann ihn gut gebrauchen. Auf dem Friedhof lagen noch etliche entsorgte Grabsteine umher, die niemand haben wollte, und so nahm er ein paar mehr als nur den „eigenen“ – das heißt den „verwandten“ – mit. (In der DDR waren die noch nicht so wertvoll wie heute.) Zwei dieser Steine stellte er an die Wand neben seiner Werkstattür, und von einem erfährt man eine nachdenklich stimmende Geschichte:

In ihn sind nämlich („vereint mit unserem lieben Sohn“) die Lebensdaten des Ehepaares Milk aus Birkenstedt eingemeißelt, und darunter die des – wohl einzigen – Sohnes Rudi. Der Vater Max lebte von 1894 bis 1954. Der Sohn lebte von 1921 bis 1941, er blieb – gerade erst zwanzig geworden – im Krieg. Von Julianne Milk, geboren 1899, fehlt das Sterbedatum, denn es war niemand mehr da, der sich darum hätte kümmern können. Selbst die Ortschaft Birkenstedt, die bis zu ihrer Arisierung 1936 Neu-Tschöpeln hieß, gibt es als solche heute nicht mehr. Birkenstedt war 1945 an Polen gefallen und die Deutschen hatten es verlassen müssen; es heißt heute Nowe Czaple. Ob der Grabstein mit umzog oder erst in Weißwasser angefertigt wurde, wissen wir nicht; jedenfalls gab es auch niemanden zu benachrichtigen, als man das Grab der Familie Milk einebnete. Mein Buchbinder bekam den Stein, bei dem er nun an der Hauswand lehnt, an schönen Tagen von der Mittagssonne erwärmt wird, und denen, die wachen Sinnes in die Werkstatt kommen, seine bescheidene Geschichte erzählt; die Geschichte einer Frau, die heimatlos und einsam starb.

Begrünt werden beide Grabsteine durch einen Efeu mit – sowieso – langer Ahnenreihe. Er stammt nämlich aus „Mont Vernon“, dem Landsitz George Washingtons. Nach Europa gelangte der Efeu durch Gerhart Hauptmann. Er und seine Frau Margarete besuchten 1932 Amerika und dort auch die 1821 bereits gegründete „George-Washington-University“, wo besondere Gäste als Ehrengeschenk traditionell einen Senker vom Efeu ihres Namensgebers erhielten. Hauptmann pflanzte diesen Senker an sein Haus „Seedorn“ auf Hiddensee; heute überzieht das immergrüne Gewächs sein Grab, das sich ebenfalls auf Hiddensee befindet. Mein Buchbinder - sein Sohn heißt übrigens Ivo - schnitt sich seinen Senker im Mai 1985 heimlich noch von der Hauswand und pflanzte ihn an sein Haus in Weißwasser/ Germany. Von da aus hat er inzwischen das halbe Grundstück mit seinen Ranken überzogen und in rauhen Wintern schon einige Male den hungrigen Rehen eine Notration davon hergeben müssen. Und so ziert er inzwischen nicht mehr nur George Washingtons und Gerhart Hauptmanns Grabstein ... - Ehre, wem Ehre gebührt!

(09.04.2008)

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Nachtrag: Im begehbaren Massengrab unter dem Berliner Dom wesen die besseren deutschen Toten: Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Fotografieren verboten.

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