Das Lieblingsbuch
Nach Viktor Auburtin
Von Bernd-Ingo Friedrich
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Mein Freund EJD hat mir ein hübsches kleines rororo-Taschenbuch von 1957 mit einigen „ganz kurzen Lesestücken“ von Victor Auburtin geschickt. In einer dieser wunderbaren Geschichten verabschiedet sich ein alter bibliophiler Arzt, der weiß, daß er nur noch einige Tage zu leben hat, wehmütig von seinen geliebten Büchern und bittet seine Haushälterin, ihm Homers „Odyssee“, sein Lieblingsbuch, mit in das Grab zu geben. (Eine zweiseitige illustrierte Aral-Werbung in der Mitte des Buches kommt wie eine Auburtinsche Erzählung daher und zeigt, wie charmant die Werbung damals sein konnte.) Der Doktor stirbt wie vorausgesagt, doch die etwas schusselige Haushälterin legt ihm statt des erbetenen Homers die zweite Auflage von Brauchitschs Gewerbeunfallgesetz unter das Kopfkissen. Die neugierigen Freunde des Doktors entdecken es und wundern sich darüber natürlich sehr, glauben aber den Beteuerungen der Haushälterin, er hätte sich eben dieses Buch zur letzten Ruhe gewünscht, und lassen es geschehen.
„Es ist aber anzunehmen, daß er auch so ganz ruhig und ohne irgendwelche Beschwerden seinen guten Schlaf gefunden hat.“
Derartiges kann mir nicht passieren. Denn sowie ich, der bibliophile Frührentner, den eigentlich angenehmen Status eines Altersrentners erlange, werde ich wohl – es sei denn, ein Bestseller hülfe mir zuvor aus der Not – meinen Staat regelmäßig um Almosen bitten müssen. Um in den „Genuß“ dieser Almosen zu gelangen, muß ich jedoch der staatlichen Forderung nachkommen, erst einmal allen Besitz von einigem Wert zu veräußern, und erst wenn ich mich von meiner geliebten Bibliothek, der zuverlässigsten Begleiterin meines ansonsten sehr bescheidenen Lebens, verabschiedet habe, wird er, der Staat, vielleicht bereit sein, mich noch ein Weilchen notdürftig am Leben zu erhalten. Meine Bücher werden also vor mir dahingehen, und es wird weder ein Lieblingsbuch da sein noch ein anderes, das man mit ihm verwechseln könnte – allerdings auch keine Haushälterin, die das tun könnte. Es wird um mich herum so leer sein wie in dem Sarg, in den ich irgendwann ziehen werde, und der Übergang von dem einen in das andere Quartier wird mir nicht schwerfallen.
Und es ist anzunehmen, daß ich ruhig und ohne Beschwerden schlafen werde, wie es mir hier in diesem (bundesdeutschen) Lande nie vergönnt war.
(26.03.08)

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Ernst-Jürgen Dreyer per Email am 27.03.2008
Lieber biF,
herzlichen Dank für den schönen Text! Aber glauben Sie wirklich, daß Bücher, und gar noch alte Scharteken, die wegen ihrer Frakturschrift ja doch keiner mehr lesen kann, als konfiszierbare Werte gelten? Die kann man doch nur gebührenpflichtig entsorgen! Oder haben Sie einen bitter stimmenden gegenteiligen Bescheid erhalten? Langsam muß man ja den größten Unsinn für möglich halten ... Wird mich Ihr Brief aufklären? - PS: Ich wollte schon lange sagen, daß mir Ihr „Prosagedicht“ mit den nackten Mädchen, die am Weiher Ihre Freundinnen wurden, sehr gut gefällt.
Es grüßt den Weißwasseraner mit Anhang der Neusser mit Anhang.
Hans-Hermann Krönert per Email am 22.01.09
Lieber Bernd-Ingo,
hier nun mein Kommentar zu Deinen nachdenkenswerten Betrachtungen zu einem Feuilleton von Auburtin. Herzlichen Gruß von Peitz nach Bela Wodka.
Hans-Hermann K.
Lieber B.-I.
Auburtin-Fan Krönert liebt da eine andere Geschichte des großartigen Feuilletonisten, nämlich die von den großen Männern wie dem großen Karl und dem großen Friedrich, von Napoleon und von Washington, die nach Victors poetischer Recherche alle um 5 in der Früh aufstanden, ein frugales Mahl zu sich nahmen, viel arbeiteten, keinen Wein tranken und niemals rauchten. Auburtins Lieblingsheld aber ist Ludwig XV., der mit der Pompadour bis um Elfe schlief, nie arbeitete, viel Champagner trank und ein Rührei auf Königsart erfand.
Aber noch viel besser gefällt mir die herzige Geschichte von den Brüsten. Die muss man dreimal lesen und dann versuchen, sie nachzuerzählen. Um dann festzustellen: So wie V.A. wunderbar erzählend schreiben kannste einfach nicht, auch wenn de’s fünfmal lesen würdest. Diese Klarheit und Schönheit in der Kürze!
Ja, und je älter ich werde, wie du es beschreibst, um so eher schau ich den schönen jungen Weibern auf den Busen, wenn sie vor mir stehen, und auf die engen Jeans, wenn sie an mir vorbeilaufen. Und nun les’ ich gar, zu meinem inneren Schrecken, einen Liebesroman, was ich seit Jugendtagen nicht mehr tat. Es ist einer von Federico Moccia, der ein italienischer Bestsellerautor sein soll: Ich steh auf dich, heißt er. Und geht ans Gefühl wie weiland Marlitt und Courths-Mahler zusammen. Und ich denke, die Jahre rücken uns der schwärmerischen Jugend und der Kindheit näher, und sie mögen uns nur verschonen, kindisch zu werden.
Ende des Monats soll ich im Cottbuser Rathaus-Foyer etwas Gesprochenes beisteuern zu der Ausstellung meines Freundes Gerd Rattei, der feine Lichtbilder zum Thema „Pückler und die Frauen heute“ zeigen wird. Schöne junge Frauen und Mädchen, herrliche alte Bäume und Bauten im Park von Branitz – das ist der gegensätzliche Reiz, den der Fotokünstler mit Raffinement eingefangen hat. Eine schöne Frau ist ein Juwel, schreibt Pückler, eine gute Frau ist ein Schatz, und er meint, das Halbverdeckte ist in der Landschaft (und an einer Frau) ohnehin jeder Schönheit vorteilhaft. Branitzer Schönheit ist das Ganze, der reizvolle Hintergrund von Baum und Bauwerk ist das hintergründige Detail – so entsteht Faszination.
Glaubst Du, dass die Veräußerung Deiner schönen Bücher, die ich flüchtig in Deiner Muskauer Bibliothek bewundern konnte, Dich ein Weilchen noch am Leben erhalten könnte, wie Du so unernst schreibst? Ich glaube kaum – wo sind die Bela-Wodka-Büchernarren und Staatsbeamten, die etwas von der Kostbarkeit Deines Buches wissen oder wenigstens ahnen?
Von meinen drei Kindern ist nur meine älteste Tochter literatursüchtig, und ausgerechnet sie wohnt, wenn ich sterbe, weit weg in der Stadt an der Leine, die Heine einst in der Harzreise so verspottet hat. Bei einer Kur in Tabarz ist mir der Spruch eingefallen, der in meiner Todesanzeige stehen könnte: „Wenn die Zeit kommt, laß los/ Du fällst zurück wie in Mutters Schoß“. Doch bei einer Kur in Bad Suderode, paar Jahre später, las ich einen Vers im Faust II, der mir viel besser gefällt als mein eigener: „Ihr glücklichen Augen/ was je ihr gesehn/ es sei, wie es wolle/ es war doch so schön!“, lässt Goethe Lynkeus, den Türmer, sprechen.
Jedenfalls, eh meine Bücher in die Tonne gekloppt werden (die Regionalliteratur wie die hundert Heimatkalender zwischen Herzberg und Fürstenberg, die ich einst sammelte, hab’ ich sie vorm Jahr dem Cottbuser Stadtarchiv geschenkt), schenk’ ich meine Auburtins (Sündenfälle, Rütten & Loenig 1970; Bescheiden steht ..., Eulenspiegel 1987 und Sand und Sachsen, Verlag das Arsenal, meiner besten Freundin; dazu die signierten Bände des einstigen Wochenpost-Feuilletonisten Heinz Knobloch, der den Auburtin einst für die DDR-Verlage entdeckte.
Auf daß wir noch ein Weilchen in klugen, schönen Büchern blättern können – Hans-Hermann Krönert.
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