Anmerkungen zu Ein uralter Wald von Lutz Stucka
Cottbus: Regia Verlag 2008
Von Bernd-Ingo Friedrich

Zu den Tausenden schlechten und/ oder schlecht gemachten Büchern, die seit 1990 auch den Osten Deutschlands überschwemmen, gehört zweifellos Ein uralter Wald von Lutz Stucka. Darin wechseln völlig unbedarfte, von jeder Kenntnis historischer Zusammenhänge freie Äußerungen ab mit detailreichen Schilderungen, denen zu entnehmen ist, daß der Autor zum Teil über ausgezeichnetes Material verfügt. Er versteht es nur leider überhaupt nicht, es zu nutzen. Bücher, die derart sorglos Wissen mit Halb- und Nichtwissen verbinden, gehören zum Albtraum jedes ernsthaft Forschenden, sieht er doch durch sie seine eigene gewissenhafte, mitunter jahrelange Arbeit erneut in Frage gestellt.
Doch während der Westen schlecht gemachte Bücher (noch) verkraften kann, weil ihnen dort (noch) genügend in der Vergangenheit produzierte gute gegenüber stehen, sind diese für den Osten eine Katastrophe. Hier besteht zwar noch immer ein gewaltiger Nachholbedarf bei der Aufarbeitung der Regionalgeschichte, nur ist es aufgrund eines gründlich gewandelten Buchmarktes inzwischen so, daß jedes schlechte Buch tödlich für ein gutes wird. Ein besseres Buch über den Urwald bei Weißwasser wird es nämlich nicht mehr geben, weil niemand ein zweites verlegen wird – weil nur Wenige noch ein zweites kaufen würden. Deshalb ist es doppelt unverantwortlich, ein derart mangelhaftes Werk zu veröffentlichen. Die Hauptschuld am Zustandekommen eines Elaborats, das die trübsten Pisa-Prognosen vorwegnimmt, trifft allerdings den Verlag. Man braucht kein Lektorat, um bereits beim Überfliegen einiger Seiten Sätze wie diese (S. 7) zu bemerken:
„Der junge Pückler wurde hier von seiner Mutter und dem Großvater zur Liebe dieses uralten Waldes erzogen. So wie ihn die Natur werden ließ, sollte der Mensch ihn pflegen. Der Forstwissenschaftler Wilhelm Pfeil, welcher ebenfalls mit diesem Wald zu tun hatte, gab ihm die Feststellung, daß sich die Natur nur sinnvoll verändern lasse, wenn man sie erkannt hat.“ Gelungene Relativsätze sind generell Glückssache; Orthographie und Interpunktion kommen etwas besser weg.
Von rund 150 Seiten Text sind gute 50 reine Wiederholungen. (Besondere Bäume, Grüner Weg, der Wald muß weg usw.) Zu ihnen gehören die Variationen der Behauptung (S. 28, 30, 31, 32, 35 ...), Pückler hätte sich „vom uralten Wald“ etc. „zu seinen Parkgestaltungen im naturnahen Ambiente [...] nicht unwesentlich inspirieren lassen“ und im Waldesdickicht Sichtachsen studiert – eine Behauptung, die auch dann nicht zur Wahrheit wird, wenn man sie ständig wiederholt.
Deshalb gelingt die Aufwertung eines Naturschutzgebietes zum Kulturraum ebenso wenig wie die Verklärung einer völlig unbedeutenden Ansiedlung inmitten finsterer Wälder zu einem Brückenkopf der Besiedlung durch die – ja, wen eigentlich? Einmal nennt der Autor die Milzener, ein andermal die Lusitzer. Auch die kurz eingestreuten Bemerkungen zur Religion der Slawen (ein Begriff, den der Autor möglichst meidet) oder zum 30jährigen Krieg sind recht „neckisch“; so zu sagen.
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Aus der Fülle des Wunderlichen, das sich oft auch nur aus mißglückten Formulierungen oder unglücklichen (Ab-)Satz-Kombinationen ergibt, etwas auszuwählen, fällt schwer. Auf Seite 41 wird solcherart zum Beispiel Karl der Große zu einem Sklavenhalter. Später taumelt der Autor derart durch die Callenberg-Pückler-Zeiten, daß ihm gar nicht mehr auffällt, daß es zwischen Callenberg dem letzten (gestorben 1795) und Pückler dem dritten (dem Fürsten; Standesherr ab 1811) noch jemanden gegeben haben muß, der sich um die Standesherrschaft kümmerte – aber macht nichts: Der Callenberg war’s.
Mein Lieblingssatz steht auf Seite 15 und lautet: „Erst als das Land Muskau aus dem königlichen Lehen heraus gelöst wurde, begann eine intensivere Nutzung durch den neuen Besitzer.“ Ich lasse diese Aussage unkommentiert, weil mich ihre Richtigstellung – obwohl man ihr das gar nicht ansieht – zu viel Zeit kosten würde; ich nenne nur das Stichwort: Standesherrschaft.
Begriffe, zumal Grundbegriffe, machen dem Autor überhaupt sehr zu schaffen; ein weiteres Beispiel (S. 54): „Pleasuregronds“, hier übersetzt in „Vergnügungspark d. Verf.“ (!). Es hätte selbstverständlich heißen müssen „pleasureground“; die Erklärung – mit einem Wort nicht abgetan – ist in jedem Nachschlagewerk zu finden.
Verblüffend ist immer wieder auch die seltsame Logik des Autors, nehmen wir hierzu S. 21. Hier behauptet er, das Jagdschloß hätte eigentlich an gar keinem anderen Platz errichtet werden können als an jenem, wo es letztlich stand. Es folgen zwei Aussagen mit der Einschränkung „es könnte“ bzw. „vielleicht“ sowie eine dritte mit dem Beschluß: „wenn dies tatsächlich so war, dann hätte“ – und siehe da: Schon eine Zeile später ist es! Überhaupt stellen Konjunktive zusammen mit Adjektiven wie „eventuell“, „vielleicht“, „vermutlich“ oder „wahrscheinlich“ über weite Strecken des Buches die gängigsten Formulierungen dar. Kein Wunder: Pückler wird nur aus Sekundärquellen zitiert, und deshalb kann der Autor (S. 92) es auch „wunderbar“ finden, daß es Leute gibt, die wissen, „was Pückler in diesem Waldschloß getan hatte“. Auch er hätte dies – und noch mehr – wissen können, wenn er sich bei Pückler, Schefer, Laube oder anderen belesen hätte.
Aber nicht nur Primär- sondern auch neuere Sekundärliteratur wird ignoriert, so daß es denn passieren kann, daß Leopold Schefer (S. 35) zu einem „Garteninspektor“ wird. Nun gibt es zwar in der Schefer-Literatur der Vergangenheit so manchen Blödsinn, aber dieser war bisher nirgendwo zu lesen.
Dafür kommen etliche dubiose Quellen zu Ehren, von denen ich nur diverse „Telefonate“ erwähnen möchte und natürlich die neuerdings auch bei Journalisten so beliebte, weil bequeme „Wikipedia“ – ein Forum, das keinerlei gesicherte Erkenntnisse anbieten kann, weil jeder einigermaßen technisch Beschlagene darin herummanipulieren darf, sowie ihm der Sinn danach steht.
In diesem Zusammenhang irreführend sind – um das Ganze abzuschließen – auch die Anmerkungen bzw. Literaturhinweise am Ende des Buches. Schlägt man beispielsweise nach, was es mit „erschien in Muskau ein Büchlein“ (S. 53) auf sich hat, so landet man zunächst im Labyrinth der Anmerkungen, wo es sogar a-, b- und c-Nummern gibt, und wird dort prompt weitergeleitet zum Literaturverzeichnis – wie fast immer. Dafür findet man unter den Anmerkungen Literatur, die im Verzeichnis fehlt. Es geht also bis zuletzt so unsystematisch zu, wie nur möglich.
Zum formal deutlich besseren Teil des Buches zählen die Passagen über die Forstwirtschaft. „Vermutlich“ war dem Autor hierfür Material in die Hände gefallen, um das er sich nicht sonderlich bemühen mußte. Allerdings habe ich mich damit nicht mehr befassen mögen, denn ich habe keine Ursache zu glauben, daß dieser Teil weniger fehlerhaft ist als jener, den ich gut beurteilen kann. Es ist nämlich nicht meine – des Lesers – Sache, den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern die des Autors.
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Zum Schluß: Mich persönlich haben bereits die ersten beiden Sätze der Einleitung geärgert: „Nach vielen hundert Jahren muß nun der uralte Wald am Jagdschloß bei Weißwasser gehen. Viele Leute bedauern das sehr, sie wissen aber auch, daß es erforderlich ist.“ Ich weiß – und viele andere wissen es auch –, daß seit Jahrzehnten Satelliten und Raumstationen um die Erde kreisen, zu deren Energieversorgung schon längst keine Kraftwerke mit dem Wirkungsgrad einer Dampflok mehr benötigt werden! - Aber wer die „Protestantin“ über 100 Jahre nach ihrem Absterben noch als Sehenswürdigkeit erwähnt ....
(06.05.2008)

Zum Kommentar von "Dieter Anonymus" aus Weißwasser vom 6. Juli 2009
„Meckern“ kann eben nicht jeder, denn auch dazu braucht man Sachverstand. Wer keinen Rat sucht, bleibt ratlos. Und: Wollte man jeden Stuß, der veröffentlicht wird, noch einmal schreiben, käme man zu nichts Eigenem mehr und würde trotzdem niemals fertig. Also kritisiert man und überläßt es dem Kritisierten, sich zu bessern oder weiter zu blamieren. (NB: Anonyme Einträge werden eigentlich umgehend gelöscht, aber diesen lasse ich einmal stehen, und zwar aus gutem Grund ...)
(17.08.2009)
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