Zum Heimatbuch des NOL
Bautzen: Lusatia Verlag 2006
Von Bernd-Ingo Friedrich
Geschichte schreiben:
Störendes entfernen,
Unpassendes zusammenbiegen,
Erwünschtes dazutun.
(biF 2005)
Das Erste und wohl auch Wichtigste bei der Beurteilung eines Sachbuchs ist eine Sichtung der Quellen, welcher sich dessen (deren) Verfasser bediente(n). Also schaut man zuerst in das Literaturverzeichnis. Finden sich dort mehr dubiose als seriöse Quellen, läßt man die Finger von dem Werk und lädt seine Freundin lieber wieder einmal in ein nettes Restaurant ein.
Um es vorweg zu sagen: Daß ein Buch alt ist, bedeutet nicht zwangsläufig, daß es überholt ist; die Bibel werfen wir ja auch nicht weg, bloß weil sie schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat – im Gegenteil. Aber die Würde des Alters schätzt man besser da, wo es angebracht ist. Beim Wein zum Beispiel. In den exakten Wissenschaften, und dazu gehört im gewissen Sinne auch die Historiographie, gehört es sich für Jemanden, der sich öffentlich und kompetent in einem Sachbuch äußert, ganz einfach, daß er sein Wissen regelmäßig um ein paar neue Erkenntnisse erweitert; notfalls sogar eine neue Denkrichtung einschlägt. Auf welchem Niveau sich in dieser Hinsicht die Beiträge der Neuerscheinung Von der Muskauer Heide zum Rotstein, dem Heimatbuch des Niederschlesischen Oberlausitzkreises, befinden, sollen ein paar ausgesuchte bibliographische Angaben zeigen: Meyer 2000, Bahlcke 2002, Richthofen u. Rostowski 2004 bzw. 2005 – ein Arzt würden sagen „o.B.“ – durchaus modern. (Was nun aber wiederum nicht den Automatismus einschließt, ein neues Buch wäre anschaffenswert, weil es neu ist!)
Im Falle der Beiträge zur Stadt Bad Muskau in dem brandneuen Heimatbuch des NOL ist die verwendete Literatur allerdings alt und leider zumeist überholt:
Mörbes „Märchenbuch“ von 1861, das antiquierte Heimatbuch von Pohl, 1934, und das stark tendenziöse, dickleibige Standardwerk Muskau (das offenbar jeder über Muskau Schreibende unter Strafandrohung verwenden muß) von Arnim/ Boelcke, Erstauflage 1978.
Des weiteren kommen vor: Schriftenreihe zur Stadtgeschichte 1987ff., Tischer 1987, Vaupel 1988, Badar/ Bruksch (Parkführer) 1988, Rießner 1989 (ein lesens- und lobenswertes Heft, welches beweist, dass es auch anders geht), Heinrich 1989, Badar/ Brucksch/ Mrosko/ Rippl (Parkführer) 1992. Die 1998 und 2004 erschienen Parkführer werden ignoriert.
Besondere Erwähnung, nicht nur als jüngste, sondern als „Quelle“ überhaupt, verdient Herrn Dr. E. Merkles Chronik usw. von 1997. Das von dem - vorsichtig formuliert - etwas medienversessenen Westimport Merkle forcierte, von einer unbedarften Medienagentur überstürzt produzierte Machwerk, von dem sich die Autoren sofort nach seinem Erscheinen eiligst distanzierten, enthält im Impressum den Hinweis: „Der sehr umfangreiche Literatur- und Quellennachweis kann beim Verlag angefordert werden“. Dieses Beiblatt (tatsächlich nur 1 Blatt!) listet in einer schamhaft als „Hinweise zum Inhalt“ getarnten Liste 50 Seiten (von 120!) mit 61 Errata samt Berichtigungen auf und bietet - neben einigen anderen unbedarften Extras - einen immerhin um 15 Begriffe erweiterten Anmerkungsapparat, der einem zuvor lediglich bei „DTSB“ und „Parochie“ auf die Sprünge half.
Auf Quellen solcher Güte verweisen unsere Autoren also.
Der Inhalt ihrer Beiträge ist danach. Insbesondere wird man mit einer so konzentrierten Schönrednerei konfrontiert, daß einem nach und nach unwillkürlich der Verdacht kommt, man könnte bei seiner eigenen Beschäftigung mit Geschichte die Bücher falsch herum gehalten haben. Denn weshalb die Bürger in Frankreich, Polen, Deutschland; in ganz Europa plötzlich so versessen darauf wurden, all die famosen adligen Kerlchen loszuwerden, die von den Herren Autoren als ihren Untertanen so überaus liebevoll, väterlich, treusorgend und uneigennützig dienend beschriebenen werden; und daß sie hundert Jahre lang keine Ruhe damit gaben, ja sogar Vermögen, Gesundheit und Leben dabei riskierten - das versteht man nach der Lektüre der Muskauer Geschichte beim besten Willen nicht mehr. Was zumindest zeigt, daß nicht nur das Studium der Weiber schwer ist.
Eine Liste der sachlichen Fehler kann beim Autor gegen Entrichtung einer angemessenen Gebühr angefordert werden.
Der Beitrag über Weißwasser ist von ähnlicher Güte. Hier genügt es, selbst für den ortsgeschichtlich nur vage Unterrichteten, darauf hinzuweisen, daß der Name Josef Schweig darin sage und schreibe nicht ein einziges Mal genannt wird. Zu einer derart gediegenen Ignoranz fällt einem nun allerdings nichts mehr ein.
In beiden Beiträgen ist die zwar nur kurze, in ihren Folgen jedoch gravierende Zeit des Nationalsozialismus, wie in allen bisherigen Chroniken, konfliktsparend ausgeblendet. Für Bad Muskau hätte es beispielsweise nahegelegen, mit einer seit 2001 ungedruckt („...und wird es lange bleiben.“) im Bestand des Stadt- und Parkmuseums lagernden Arbeit über zwei Villen im Badepark, die eins dieser Häuser als SA-Quartier nachweist und dazu interessante Details mitteilt, eine behutsame publizistische Aufarbeitung dieses Zeitraums zu beginnen. Es wäre nämlich wirklich an der Zeit – und dieses Heimatbuch hätte dafür eine gute Gelegenheit geboten – jungen Leuten einmal ganz konkret den Weg aufzuzeigen, der schließlich in jenen riesigen Trümmerhaufen führte, in dem die letzten Muskauer Standesherren ihre „treue Belegschaft“ 1945 eiligst zurückließen und an dessen Beseitigung noch immer – materiell wie ideell – gearbeitet werden muß. Noch leben ein paar Zeitzeugen.
P.S. Ich habe mir das Buch trotzdem gekauft: Weil ich meine Heimat liebe, weil mir der Herausgeber sympathisch ist, und weil ich hoffe, daß mich die anderen Beiträge, wo ich mich nicht so gut auskenne, nicht auch so enttäuschen. Und vor allem, weil der Verleger seine Arbeit preiswert und gut getan hat.
(2006)
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