Verlorene Bibliotheken: Gaußig und Neuhardenberg
Ideen, Skizzen, Material
Von Bernd-Ingo Friedrich
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Bücher existieren heute in zwei Kategorien: 1. Kapitalanlagen (wie das Notizbuch Leonardo da Vincis, das Bill Gates sich angeschafft hat; oder die Erstausgabe von Der Herr der Ringe) und 2. Bücher, die kein Mensch mehr braucht. War man eine Zeit lang in Deutschland stolz auf seine Bildung, so ist man es heute auf Porsche, Privatjet und Hochsee-Yacht. Alle drei eignen sich nicht als Aufbewahrungsort für Bücher. In gewissen Fernseh-Sendungen werden die Domizile der High Society vorgeführt; man bekommt ganz sicher die Gargage gezeigt wie früher den Rennstall; und weil heute die Friseuse zur Arbeit mehr Schmuck trägt als die Milliardärsgattin zum Ball, ist das Gold in den Toiletten der Raffkes gelandet und man bekommt mit Sicherheit auch diese zu sehen, aber nie eine Büchersammlung.
Als man das gute alte Ur-Meter beiseite legte und das Meter definierte als die Strecke Wegs, die das Licht in einer Sekunde zurücklegt, war der Raum der sinnlichen Wahrnehmung entzogen. Vorbei sind scheinbar auch die Zeiten, da das Wissen eine handliche Form hatte und man in großen Bibliotheken staunend vor geheimnisvollen Bücherwänden stand. Skrupel, wie sie Augusto Monterosso in seiner Geschichte „Wie ich mich von fünfhundert Büchern befreite“ schildert, existieren für die Besitzer von ehemals bedeutenden Bibliotheken nicht mehr.
Seit Jahren werden kulturhistorisch wertvolle Bibliotheken, teils klammheimlich, teils schamlos offen verramscht. Solange man ausreichend staatliche Gelder haben kann, werden die Bibliotheken zum nationalen Kulturgut erklärt, erweist sich jedoch ein Verkauf als vorteilhafter, wird das Kulturgut flugs wieder zum Privatbesitz.1
Zum Beispiel wurden bei Reiss & Sohn in Königstein/Taunus versteigert:
1993 bis 1994 die Bibliothek der Grafen von Schönborn-Buchheim, Erlös 7 Mill. DM
1999 bis 2001 Fürstlich Fürstenbergische Hofbibliothek Donaueschingen.
Die Hannoveraner hatten ihre Familienbibliothek 1970 bereits verscheuert, der Skandal um das Heinrichs-Evangeliar beschäftigte sogar den Spiegel.2
Das Ganze hat Tradition. Auch die Pücklers haben sich mit dem Verkauf von Zimelien aus der Schloßbibliothek von den Schulden befeit, die ihre aufwendige Lebensführung mit sich brachte, und wer sich beispielsweise nach dem Verbleib des „Froissarts“ aus der Callenberg-Pücklerschen Bibliothek erkundigt, bekommt zum Teil recht merkwürdige Auskünfte.3
Nach Siegfried Neumann, Cottbus, ist die von Eberhard König im Katalog XXIX des Antiquariats Bibermühle gemachte Angabe, die Veröffentlichung hätte den Froissart des Fürsten Pückler zur Vorlage gehabt (der zunächst seiner Vertrauten Ludmilla Assing vererbt worden und später über deren ital. Freunde in den Handel gekommen sein soll) falsch. Statt dessen wäre er im Besitz der Pücklers verblieben und später von Graf Heinrich von Pückler zur Bezahlung seiner Schulden veräußert worden. Wer die Handschrift erworben hat und wo sie sich jetzt befindet, sei nicht bekannt.
Auskunft Antiquariat Bibermühle (Tenschert): Brief vom 16.01.2004 „...Daß es sich bei der Handschrift um diejenige des Fürsten Pückler handelt, steht unumstößlich fest, dafür gibt es auch schriftliche Belege (Paris, 1879)“
Froissart: Jean, franz. Geschichtsschreiber u. Dichter, 1337 – etwa 1410; seine Chroniken des 14. Jh. sind eine wichtige Quelle für die Kulturgeschichte während des 100jährigen Krieges; sie umfassen die Jahre 1327 – 1400. Entstanden 1373-1400, gedruckt 1495, Titel: „Chroniques de France, d’Anglettere, d’Eccoise, d’Espagne, de Bretagne etc.“ Die Handschrift wurde zwischen 1460 und 1510 von o.g. Kardinal verfaßt und stellt eine Zusammenfassung der wichtigsten Quellen dar.
Um stattliche historische Bibliotheken, die man einst landesweit rühmte, ist es heute traurig bestellt. Die sogenannten Kulturträger stehlen sich davon, dem Staat ist alles andere wichtiger als das gesammelte Wissen vergangener Generationen, einige wenige Paradebeispiele werden von Kommunen und Stiftungen unterhalten, so gut es geht, und ihre Nutzung bekommt elitären Charakter durch exorbitante Nutzungsgebühren, die ein normaler Ruheständler kaum noch aufbringen kann.

Gaußig
Siehe: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Bd. 17. Hrsg. Friedhilde Krause. Hildesheim-Zürich-New Yorck: Olms-Weidmann 1997; S. 274-277.
Heinrich, Reinhart. Jenseits von Babel. Berlin, Verlag Neues Leben 1987.
Fellmann, Walter: Sachsen. Kunst Reiseführer. Köln: DuMont Buchverlag 2001; darin falsch: berühmte Bibliothek der Aufklärung mit 6.000 Bänden, jetzt in Dresden.
Entsprechend: Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen: Gesetz über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können (Ausgleichsleistungsgesetz – AusglLeistG) vom 27.9.1994, in Kraft getreten am 1.12.1994, §5: Rückgabe beweglicher Sachen
1997 Inventar zurück an Graf von Schall, Bibliothek ausgenommen
1998 am 31. Januar Versteigerung des Inventars; die Ergebnisliste (Internet 11.5.04) weist 1055 Positionen aus, davon 1053 verkauft zwischen 10 u. 160.000 DM; vom Erlös Wald bei Putzkau gekauft
1999 Bibliothek zurück, im Sept. Revision, Abtransport nach Vorhem (Haus Vorhem i. Westf.); eine Aufstellung in der SLUB, wo schon Regale dafür gebaut wurden, kam letztlich nicht zustande – siehe oben
Schloß 1999 verkauft an die Unternehmerin McLoughlin
Erlebt am 4. Mai 2003 im Park vor dem Schloß Gaußig:
Die Unternehmerin aus Amerika (Kanada, Irland?) benötigt 25 Minuten, um all die Fenster zu schließen, die zur Lüftung des Gebäudes geöffnet worden waren. Sie hat das Schloß vom Freistaat Sachsen gekauft. Zur Bibliothek kann sie nicht viel sagen. Die Regale sind noch da, wo die Bücher hingekommen sind, weiß sie nicht. 7.000 sollen es gewesen sein. Der jetzige Graf Schall hat sie ihr für 1 ½ Millionen verkaufen wollen, aber so viel Geld will sie für Bücher nicht ausgeben. Die meisten waren sowieso in französisch, und dann brauchen Bücher ja auch spezielle Pflege, und die kostet. Ein paar gute Sachen waren dabei, die hätte sie schon gern genommen, z.B. Humboldts Werke, aber leider ohne die Bücher mit den Bildern, die am meisten wert sind. Die Bibliothek war von guter Qualität, man hat sie verglichen mit der von Friedrich dem zweiten, in ihr waren auch alle die französischen Enzyklopädisten, deshalb die vielen französischen Bücher So viel sie weiß, sind sie alle noch beisammen. Der Graf hat Wert darauf gelegt, daß die Bibliothek vollständig irgendwo eingelagert wird, wo könnte man über ihn herausbekommen, im Internet hat er seine Adresse, er wohnt im Westfalen, oder in seinem Jagdhaus in Putzkau. Ins Schloß zurück kommen die Bücher ganz bestimmt nicht mehr. Aus dem Schloß soll eine Begegnungsstätte werden, aber leider ist eben, in der heutigen Situation, alles sehr schwierig; es ist schwierig, Geld zu kriegen.
Zum weiteren Verlauf die Zeitungsartikel:
- Schade, Thomas: Sächsische Zeitung v. 27.5.2003
- Reinsch, Ingolf: „Unter 2000 Hektar nicht wirtschaftlich“ In: Sächsische Zeitung v. 7.7.2003
- Sächsische Zeitung v. 22.9.2004; sz-online „Schloß Gaußig“
Zum Ende des Trauerspiels:
- FAKTuell - Die online-Zeitung Görlitz 24. Jahrgang 2005; Lokal-Redaktion, Dienstag 8. Februar 2005: „Schloß Gaußig per Gerichtsbeschluß enteignet.“
Neuhardenberg
Siehe: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Bd. 16. Hrsg. Friedhilde Krause. Hildesheim-Zürich-New Yorck: Olms-Weidmann 1996; S. 352.
Internet; verschiedene Quellen.
Die Bibliothek der Kanzlerahnen lagerte nach 1945 in der Stadt- und Landesbibliothek Potsdam; von den ursprüngl.16.000 Bänden gelangten 8.000 über Potsdam (siehe auch: „Die Bibliothek des Fürsten Pückler“) wieder in den Besitz der Hardenbergs, 8.000 sind Verlust (Beutekunst)
1997 wurden Park und Schloß Neuhardenberg verkauft, im selben Jahr die selbstverständlich steuerbegünstigte Stiftung gegründet, die sich nun um die Bildung der Landjugend kümmert, wozu man allenfalls die Bibel und natürlich keine umfangreiche Bibliothek mehr braucht. Die Hardenbergs hatten Glück: „Im Jahr 2003 erhielt die ZLB über die Kulturstiftung der Länder einen Hinweis auf die Sammlung“ – der Informant sei gepriesen – und schloß mit der Familie umgehend 2004 einen Kaufvertrag ab.
Das finanziell notorisch klamme Berlin kaufte die Bibliothek für 1,7 Millionen Euro und kümmert sich nun um den wertvollen Bestand. Die Hardenbergstiftung arbeitet erfolgreich: Die Liste ihrer Projekte im Internet (7 Punkte und 2 Pressemitteilungen, Stand lt. Internet seit Ende 2004) droht nun bald eine zweite Bildschirmseite einzunehmen. Ganz nebenbei hat man sich über einige zweckmäßig ins Boot geholte Notablen Einfluß an der Stiftung Schloß Neuhardenberg, an der Viadrina und über die geachtete Erika Stürmer-Alex bei den Künstlern verschafft. Der jährliche Kunstpreis von immerhin 1500/ 300/ 200 Euro geht an Kinder, die etwas Hübsches zum Thema Toleranz basteln. Staatskanzler Hardenberg übrigens avisierte die Demokratie für das Jahr 2440. Seine Nachkommen werden wohl mit dafür sorgen, daß daraus das Jahr 3440 wird. Wenn überhaupt.
Die alten Repositorien im kleinen Bibliothekszimmer sind noch vorhanden – es macht Spaß, die kompliziert ineinander verschachtelten Regale und Regalchen zu betrachten und sich vorzustellen, was da wohl früher wohl einmal gestanden haben mag: Da hinein hätten ein paar kleine Almanache gepaßt, oder die kleinen Bändchen aus Meyer’s Groschenbibliothek; aber die waren es wohl eher nicht - „Bildung macht frei“, und das in einer adligen Bücherstube -, aber Campes Kinderbibliothek hätte es sein können
Der heutige Besitzer des Schlosses, der Sparkassen- und Giroverband Brandenburg, macht die Schloßanlage zum Hotel. Er war an der Bibliothek nicht interessiert, der Kosten wegen, siehe oben. Man nimmt von der Vergangenheit nur noch, was man für das Geschäft gebrauchen kann.
Man schafft nun zwar neue Bücher für die Hotelbibliothek an (feinste Ausgaben, durchaus: Wagenbach, Cotta, Studienausgaben), doch man sieht den Arrangements das Lieblose an. Hier wird geprotzt, hier waren zuerst die Regale, dann kamen die Bücher; hier mußte niemand erst mit dem Schreiner debattieren, wie man wohl der Bücherflut am besten Herr würde, die im Laufe der Jahre so peu à peu über einen gekommen war, immer bemüht um ein System, um letztlich doch zu scheitern und, innerlich widerstrebend zwar, dann doch der optimalen Raumnutzung den Vorzug zu geben, sich tröstend mit den ästhetischen Vorzügen dieser Variante.
Nach Frau Prof. Friedhilde Krause haben die Nazis 20.000 Bücher verbrannt; nach der Wende wurden in Ostdeutschland geschätzte 2-3 Millionen Bücher vernichtet. Es wären noch mehr, hätten sich nicht Antiquare, Pfarrer und andere Enthusiasten ihrer erbarmt und von den Müllhalden gerettet, was noch zu retten war. Unter ihnen waren übrigens Leute, die mit der Rettung der Bücher ein Bombengeschäft machten und für diese Kulturtat obendrein das Bundesverdienstkreuz erhielten – eine bemerkenswerte Schizophrenie dieser ... kaputten Gesellschaft.
(06.07.2008; notiert 04.05.2003f.)
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Anmerkungen
1 „Welfen-Fürsten im Zwielicht“/„Adlige Erben auf der Jagd nach Kunstschätzen“/„Der geprügelte Prinz“/„Joseph von Westphalen über adelstolle Deutsche“ In: Der Spiegel Nr. 6/8.2.99; S. 100-112.
2 Graf, Klaus: Vernichtung unersetzlicher Quellen. Der Schutz historischer Buchbestände in Privatbesitz muß dringend verbessert werden. Internet 1995, 1997.
3 Der Froissart des Kardinals Georges d’Amboise aus der Sammlung des Fürsten Pückler. Mit 200 Miniaturen. Hrsg. Heribert Tenschert, beschrieben von Eberhard König. Katalog XXIX. Rotthalmünster, Tenschert 1992. (Leuchtendes Mittelalter IV. Große Buchmalerei zwischen Rouen und Paris.)
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