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Nicht nur schwarze Kunst

50 Jahre Grafikwerkstatt Dresden

Von Bernd-Ingo Friedrich


gwd katalog grafik aus dresdner werkstaetten 1985


Ich kann mich leider nicht erinnern, von wem die Feststellung stammt, richtige Kunst müsse nach Schweiß riechen und wo ich diesen Satz gelesen habe. Alle von mir verdächtigten und befragten Künstler bestritten ihre Autorschaft daran. Gewöhnlich riecht die „richtige“ Kunst ja auch angenehm nach Druckerschwärze, Papier, Holz, Leinwand oder Ölen; doch wirft man einen Blick in die Räume der Grafikwerkstatt Dresden, so scheint das Zitat nicht ganz abwegig zu sein. Zumindest beim Einrichten der Werkstätten muß einiger Schweiß vergossen worden sein: Die eine Hälfte wird von der imposanten „Obergrabenpresse“ beherrscht, die andere von einer mächtigen Steindruckschnellpresse; dazwischen befinden sich etliche kleinere Pressen bis hin zu einer Minipresse für Achtelbögen, die einmal Kurt Querner gehört haben soll; Setzkästen, mächtige Lithosteine, Stapel von Papier und Trockenpappen vervollständigen den Eindruck, daß hier ganze Kerle (und Weiber) am Werk sind.

In Bartkowiaks Forum Book Art heißt es: „Es riecht nach Druckerschwärze und nach köstlichem Tee. Glücklich ist derjenige, der zur Teestunde [um 10] die Werkstatt betritt, denn es wird hier tatsächlich noch über Kunst geredet, über Politik philosophiert, über den Alltag geplaudert. ‚Kollektiver Individualismus’ ist an diesem Ort wahrhaftig und lebendig.“1

Damit ist jene besondere Atmosphäre der Grafikwerkstatt Dresden charakterisiert, die vom Tag ihrer Gründung an zahlreiche Künstler anzog und die zu erhalten den Druckern Peter Stephan (Steindruck, Algrafie und Leiter der Werkstatt), Torsten Leupold (Radierung und Algrafie) und Udo Haufe (Handsatz und Hochdruck) bis heute gelungen ist.

Es ist hier unmöglich nachzuzeichnen, wie in der „Druckwerkstatt – Goetheallee – Verbandsdruckerei – Grafikwerkstatt – Berliner Straße – Grafikwerkstatt Dresden – Junghansstraße [...]“ von der Gründung durch Werner Wittig, Claus Weidensdorfer, Elly Reichel und Horst Jockusch im Jahre 1958 an über die Drucker Elly und Heinz Schreiter, Michael Wackwitz, Roland Stolle und Dietmar Günther bis auf den heutigen Tag Hard- und Software von einer Hand in die andere gegeben wurden. Selbst eine geraffte Darstellung wäre noch zu umfangreich. Das wichtigste kann man nachlesen in einer von den heutigen Druckern liebevoll erarbeiteten und herausgegebenen kleinen Chronik.2

[Zum „Gründungsmythos“ siehe unten: „... eine Anmerkung zum Text“ von Günther Fuder.]


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Die nach der Wende von der Stadt Dresden übernommene Werkstatt befindet sich heute im Souterrain der ehemaligen Kamerawerke VEB Pentacon Dresden, den heutigen Technischen Sammlungen der Stadt Dresden. In ihr gibt es vollständig ausgestattete Arbeitsplätze für Radierung, Steindruck, Hochdruck, Handsatz, Fotosatz, Fotografie, Buchbindung und einen Ätzraum mit moderner Absaugung der Säurebäder. Werkzeuge und Materialien stehen zur Verfügung. Die Arbeitsplätze können gemietet werden; um tiefer in die Finessen einer Technik eindringen zu können, assistiert auf Wunsch ein Drucker. Die fertigen Arbeiten können auch gemeinsam mit einem der Drucker gedruckt werden. Entsprechende Auflagen erarbeiten diese nach den jeweiligen Vorgaben.

Radierungen werden auf Richardssons Kupferdruckpressen gedruckt – darunter die legendäre „Obergrabenpresse“ (keine Richardssons!) mit einem Druckfundament von 105 x 180 Zentimetern. Für den Steindruck werden geschliffene Steine vorrätig gehalten; Handabzüge werden auf Krause-Reiberpressen, sehr hohe Auflagen auf einer Faber & Schleicher-Steindruckschnellpresse gedruckt. Beim Hochdruck kann auf einer Grafix-Andruckpresse gearbeitet werden, für Handabzüge gibt es Krause-Kniehebelpressen, hinzu kommt ein Boston-Tiegel für Kleindrucksachen. Algrafie und Offset werden auf einer Korrex-Andruckpresse gedruckt. Für buchbinderische Arbeiten sind Prägepresse, Falz- und Perforiermaschine, Drahtheftmaschine, Drahtkammbinder, Stockpresse, Schneidemaschine, Passepartoutschneidemaschine und Pappschere vorhanden. Außerdem können in einer kleinen Dunkelkammer Filmvorlagen für den Druck erstellt werden. Technische Details und weitere Angebote kann man auf der Dresden-Website www.dresden.de/Grafikwerkstatt oder von den Druckern selbst erfahren.

Ein Vorzug der Werkstatt besteht darin, daß sich alles in einem mehrfach unterteilten Raum auf einer Ebene abspielt, so daß einer dem anderen über die Schulter sehen kann. Das hat schon manchen auf den Gedanken gebracht, sich an kleineren Drucksachen zu versuchen, und so hat auch der Buchdruck allmählich zugenommen. Zum Herstellen eines original(typo)grafischen Plakats wird außerdem jeder ermuntert, der im Rahmen der 2006 initiierten Veranstaltungsreihe „Gelesenes gedruckt, Gedrucktes gelesen“ seine Werke vorstellt.

Um den Buchdruck kümmert sich vor allem Udo Haufe, ein gelernter Buchdrucker, der sich Handsatz und handwerklichen Buchdruck in der Werkstatt erst erarbeiten mußte. Der – inzwischen schon wieder aktualisierungsbedürftige – Schriftenkatalog weist einige Holzlettern, rund 120 verschiedene Antiqua-, Versal-, Schreib-, Fraktur- und nichtlateinische Schriften in verschiedenen Schriftstärken und -größen aus, darunter eine intern „West-Garamond“ genannte, weil sie aus Hamburg stammt; unvollständige Sätze werden weiter komplettiert. Hinzu kommt ein fast ebenso starker Katalog mit „Zierat“. Das scheint nicht viel zu sein, doch daß es nicht darauf ankommt, wie groß oder umfangreich ein Sortiment ist, sondern was man daraus macht, belegen die bereits entstandenen Drucksachen zur Genüge.

Bekannt als leidenschaftliche „Buchmacher“ sind Christiane Just und Andreas Hegewald. Ihre Beziehung zum Buch ist alt; sie begannen mit sogenannten DDR-Künstlerbüchern und dem Leitwolfverlag (1983-1996). In ihrer 2004 gegründeten Buchenpresse entstanden in Zusammenarbeit mit der Graphikwerkstatt mittlerweile rund zwei Dutzend Bücher. Ein bemerkenswertes Experiment liegt mit Dantes Das neue Leben vor. Hierbei wurde Buchdruck (vollständiger Text) kombiniert mit Digitaldruck (Anmerkungen des Übersetzers B. Jacobsen 1877) und 25 Aquatinta-Radierungen von Christiane Just.

Vier Jahre lang, von 1998, dem Jahr der Verlagsgründung an, bis 2002 nutzte auch der Satzverlag Peter Wagler die Werkstatt intensiv für seine Arbeit. Wagler ist, wie Hegewald und Just, des öfteren Autor, Künstler, Setzer und Drucker in einem. Von seinen 50 bis 60 Büchern insgesamt hat er in der Junghansstraße etwa 20 Titel produziert. Eins seiner – vorläufig – letzten Bücher war 2001 Acht Engländer und zwei Amerikaner im Tien-Schan; Dramen-Texte und satirische Stücke Waglers mit sechs Hochdrucken von der Radierplatte von Andreas Dress.


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Andrea Türke. In der Grafikwerkstatt Dresden. 2001.
Steindruck 26,5 x 32,5 cm.

Peter Wagler war auch Schüler von Claus Weidensdorfer, der als druckender Künstler wiederum Einfluß auf die Drucker nahm. Für dessen 70. Geburtstag schuf Andrea Türke das Blatt In der Grafikwerkstatt Dresden (in der Platte signiert und mit Weidensdorfers Geburtstagsdatum 19.8.2001 versehen), bei dem Andreas Dress spontan mit Hand anlegte: Er machte seinen in der Werkstatt hängenden, in der Grafik dargestellten Steindruck Lebenstanz mit wenigen Handstrichen und seiner Signatur zur echten Dress-Grafik in der Türkeschen. Auf dieser ist der Drucker Peter Stephan beim Einwalzen eines größeren Lithosteins zu sehen. So entstand ganz beiläufig eine für die symbiotische Beziehung zwischen den Künstlern und Druckern exemplarische Grafik.3

Die Chronik der Grafikwerkstatt vermerkt für 1986: „Ein Meilenstein in der Werkstattgeschichte ist die Zusammenarbeit mir der eikon-Grafikpresse im Verlag der Kunst Dresden. Rudolf Mayer betreut Carlfriedrich Claus und organisiert den Druck der Edition.“ Gemeint ist damit Aggregat K (1986/88) von Carlfriedrich Claus, ein druckgrafisches Großunternehmen, an dem neben Ernst Lau (Rostock) und Thomas Ranft (Karl-Marx-Stadt) auch die Dresdener Drucker Roland Stolle, Peter Stephan und Dietmar Günther (indirekter Flachdruck auf der Offsetandruckpresse) sowie Jochen Lorenz, der Drucker der Obergrabenpresse (Radierungen) beteiligt waren. (Letzterer ist im Werkverzeichnis Carlfriedrich Claus’ fälschlich als „P. Lorenz“ angegeben; Stolle und Stephan fehlen darin ganz.) Claus, der damals einige Wochen in Dresden arbeitete, schuf seine Blätter über mehrere experimentelle Zwischenschritte zusammen mit Kollegen und Druckern in der Werkstatt. (Rauchen mußte er allerdings vor der Tür.) Andere eikon-Editionen folgten nach. 1993 veröffentlichte Rudolf Mayer mit Angela Hampel die letzte Mappe.

Mit der Nummer 1 der „Edition Handpressendrucke“ stellten die Dresdener Drucker 1994 ihre werkstatteigene Grafikedition vor. Die Editionen sollen das handwerkliche Niveau der Werkstatt widerspiegeln. Dazu tragen je sechs Künstler mit Grafiken in sechs verschiedenen Techniken bei; den originalgrafisch gestalteten Einband inbegriffen. In eigener Regie entstanden drei Kassetten. Die Edition 4, eine Gemeinschaftskassette von fünf jungen Frauen zum Thema Fräuleinwunder, wurde 2005 in Zusammenarbeit mit der Büchergilde Gutenberg herausgegeben, welche auch den Vertrieb übernommen hat. Die Kassetten für die Editionen stellt Christiane Oertel in der Buchbinderei der „Hochschule für Bildende Künste“ Dresden her. Kooperationen mit anderen Werkstätten gibt es ebenfalls.

Über den Austausch der Dresdener Künstler untereinander hinaus hat dank des umtriebigen Werkstattleiters der internationale Austausch an Bedeutung gewonnen.4 Intensive Kontakte haben sich zu gleichartigen Werkstätten in Ohio/ USA, Schweden, Österreich, Tschechien und Makedonien entwickelt; Künstlerinnen und Künstler aus Kanada, Frankreich, Polen, Chile oder Holland drucken hier. Gegenwärtig wohnt und arbeitet beispielsweise Rose-Marijke Weiss aus Holland in Dresden und stellt auch gleich in der Galerie „Am Damm“ aus. Nicht unerwähnt soll in diesem Zusammenhang bleiben, daß auch sorbische Künstlerinnen zu den Nutzern der Grafikwerkstatt zählen.

Eine Jubiläumsausstellung in der Städtischen Galerie Dresden mit einer Auswahl von annähernd 150 aus 20.000 Belegdrucken von rund 600 Künstlern hat verständlicherweise für einige Aufregung gesorgt. Der Katalog zur Ausstellung ist durchaus opulent zu nennen, obwohl den Druckern ein bescheideneres Äußeres lieber gewesen wäre. Ein bemerkenswertes Detail: Ein Namenfries durchzieht das Buch von der ersten bis zur letzten Seite. Es sind die Namen der Künstler, die in der Werkstatt gedruckt haben oder gedruckt worden sind. Ihre Namen sind mit Bedacht nicht alphabetisch angeordnet, denn sollte tatsächlich einer übersehen – nicht vergessen – worden sein, so ist das nicht leicht herauszufinden.5

Ein kleines, aber sehr feines Büchlein haben sich die Drucker mit der bereits erwähnten Chronik selbst geschenkt. Hier ist nun auf das Handwerk bezogen chronologisch abgehandelt, was den Kuratoren der Städtischen Sammlungen mit ihrem Konzept leider nicht geglückt ist. In ihm findet sich auch ein kurzer Bericht über die von den Druckern „spontan organisierte“ Entrollung eines Transparents, das die in der Ausstellung nicht vertretenen Künstler wenigstens namentlich präsentierte ...

(09.09.08. In: Marginalien 192/ 4.2008.)


„... eine Anmerkung zum Text:

Die Aussage ‚... von der Gründung durch Werner Wittig, Claus Weidensdorfer, Elly Reichel und Horst Jokusch im Jahre 1958 ...’ [...] ist sachlich falsch. Elly Reichel hatte mit Gründung und Ausbau der Grafikwerkstatt nichts zu tun. Sie war Teilnehmerin an einem der Kurse, die Elly und Heinz Schreiter ab 1961 für interessierte Künstler zur Einführung in die handwerklichen Grundlagen des Steindrucks gaben. (Zum zeitlichen Ablauf siehe auch [unten] die Broschüre ‚15 Jahre Grafikwerkstatt Dresden’ von Peter Stephan, Torsten Leupold und Manfred Wiemer.)“

Angemerkt von „Günther Fuder, Neffe von Elly und Heinz Schreiter, Zeitzeuge und guter Bekannter von Elly Reichel.“

(Dresden, 30. Mai 2011/ Weißwasser 04. Juni 2011)


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Großes Fest zum Jubiläum
am 30. August 2008

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Fotografien: Katrin Friedrich

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Nachtrag

Von der alten Kunst des Drucks auf Papier mit Hilfe verschiedenartiger Druckerpressen, wie sie in der Dresdener Grafikwerkstatt mit viel handwerklichem und künstlerischen Geschick betrieben wird, bis hin zur modernen Form des Fotodrucks auf Leinwand war es ein recht weiter Weg. Der Erstellung der verschiedenen Druckvorlagen gesellte sich bei der Entstehung der ersten Zeitungen schon bald das Handwerk des Fotografen hinzu. Beide Disziplinen ergänzten sich auch im Bereich der bildenden Kunst. Ein Druck wurde oft durch fotografische Elemente ergänzt. Anfang der 1970er Jahre kam man auch hierzulande in unterschiedlichen Fotolaboren auf die Idee, einen speziellen Leinwand-Druck zu entwickeln, bei dem ein Foto großformatig auf einen leinwandähnlichen Hintergrund aufgebracht wurde. Zunächst waren die Herstellungskosten für diese Neuheit jedoch viel zu hoch. Erst mit dem Durchbruch der digitalen Fotografie um das Jahr 2000 herum konnten günstigere Herstellungsverfahren und damit auch die Vorraussetzungen für preiswertere Fotodrucke geschaffen werden.

(03.07.2010.)

Anmerkungen
1 Karin Weber: „Eine Grafikwerkstatt von ganz besonderem Charme.“ In: Bartkowiaks Forum Book Art. Kompendium zeitgenössischer Handpressendrucke, Malerbücher, Künstlerbücher, Einblattdrucke, Mappenwerke und Buchobjekte. Hrsg. Heinz Stefan Bartkowiak. 20. Ausgabe. Hamburg 2002-2003; S. 625f.
2 Grafikwerkstatt Dresden 1958-2008. Hrsg. Peter Stephan und Torsten Leupold. Grafikwerkstatt Dresden 2008.
3 Vgl. 50 Jahre Grafikwerkstatt Dresden. Im Refugium ein Universum. Katalog zur Ausstellung der Städtischen Galerie Dresden. Hrsg. Gisbert Porstmann. Städtische Galerie Dresden 2008, S. 74 – dort leider falsch bezeichnet.
4 Litografiska verkstaden Tidaholm. Grafikwerkstatt Dresden: Tidaholm – Dresden. Printmakingworkshop. A Swedish-German Artists Exchanging. Ett svenskt-tysk konstnärsutbyte. Ein schwedisch-deutscher Künstleraustausch. Hrsg. Grafikwerkstatt Dresden. Tidaholm/ Dresden 2007. (Englisch, schwedisch, deutsch.)
5 Siehe Anm. 3.

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