Altes Neues aus der Pücklerei
Thelem Universitätsverlag Dresden 2008
Von Bernd-Ingo Friedrich

Nun ist er also da, der zweite Teil von Pücklers Jugend-Wanderungen ... Die Fachleute wird’s freuen – wegen des nach knapp drei Jahren Wartezeit endlich auch für den ersten Band verfügbaren Registers. Ein bißchen werden sie sich natürlich auch wieder wundern, ziert den Einband doch bereits ein Pückler, der eigentlich gar keiner ist; oder besser gesagt: Er ist nicht der Pückler ...
Der Rezensent sieht sich in Nöten. Doch nachdem die Veröffentlichung seiner durchaus schonenden Analyse des inhaltlich – man muß es sagen – leider mangelhaften ersten Bandes einen langen, borstig-bösen Rattenschwanz Ärger nach sich zog (siehe dazu auch http://www.kulturpixel.de/artikel/136), beschränkt er sich diesmal – vorsichtshalber – darauf festzustellen, daß der zweite Band beinahe doppelt so dick ist wie der erste, aber nur 3 Euro teurer. Und das ist toll.
(15.10.2008.)
Zufällig erwischt:
S. 642: „Am selben Tag [gemeint ist der 20. März 1815] traf Pückler wieder in Muskau ein.“
In der Anmerkung 353, S. 702, gibt es dazu – leider ebenfalls unbrauchbare – Alternativen inklusive Sekundärliteratur. In den Aufzeichnungen des Schloßintendanten Wolff jedoch heißt es unmißverständlich:
„19t. April. Ankunft des Standesherrn nach seiner Campagne aus London. Es war feyerlicher Empfang vorbereitet. Da aber die Ankunft [1.] Uhr war – so verbat er alles und wünschte Ruhe für heut.“
(Montag, 21. Dezember 2009, 22:29.)
Zum Teil 1 hieß es seinerzeit:
Tue das Notwendige.
Tue das Notwendige gleich.
Tue das Notwendige mit Vollkommenheit.
(Friedrich Rückert)
Dem neuen Werk über den Fürsten Pückler merkt man an, daß hier einer schreibt, der viel besitzt, sehr viel weiß und das auch unbedingt zeigen will. Es geht ein wenig zu wie beim Teppichhändler auf einem orientalischen Basar: Verschwenderisch bietet uns der Autor zahllose Kostbarkeiten aus seiner reichen Schatzkammer, versichernd, er hätte durchaus noch mehr, aber er hätte gut für uns ausgewählt. Er beschenkt uns hier mit einer Anekdote, dort mit etwas Hörensagen, da wird in Gänze die Geschichte der Reformation abgehandelt, bis dem armen Leser von dem farbenprächtigen Gewebe ganz wunderlich wird und er vielleicht erst einmal Zuflucht bei Leopold Schefer sucht – um etwas zu verschnaufen, sich geistig zu erfrischen mit einem Spruch aus dessen Laienbrevier (vielleicht: „Geduld, die seligste der Tugenden ...“) –, um sich sodann erneut in das Abenteuer der literarischen Erkundung zu stürzen, die zum erklärten Ziel hat, die lustigen Streiche eines Reichen für jedermann faß- und fühlbar zu machen. Warum Pückler wurde, was er war und wie er es wurde, geht dabei allerdings ein wenig verloren. Das opulente Werk leidet unter einer gewissen Überfrachtung; hierin ist es ähnlich jenen Scheferschen Dichtungen, in denen es der belesene Jugendfreund des gefeierten Grafen/ Fürsten ebenfalls nicht vermochte, seiner Gedankenfülle Herr zu werden. Immer wieder drängen sich Reflexionen hervor, die den Fluß stören, was dem Autor gelegentlich selbst etwas bedenklich geworden zu sein scheint, und auch wo er meint, er könnte seine Leser möglicherweise überfordern, verfällt er in einen beschwichtigenden Ton, der nicht immer angenehm ist.
Das Werk enthält im Wortlaut etliche oft zitierte, vollständig aber bisher nur im jeweiligen Original nachlesbare Schriften wie das „Religions-Gespräch mit einem Jünglinge ...“ usw. von Karl Friedrich Brescius. Einiges hätte verdient, ausführlicher behandelt zu werden, anderes hingegen gerafft oder mit einem entsprechenden Hinweis abgetan sein können; so hätte u.E. auf den wiederholten Abdruck von Tamms Schrift „Noch Etwas über Leibeigenschaft, Erbuntertänigkeit ...“ usw. im Interesse der gewählten Thematik und zugunsten anderer Schriften Tamms, die für die Entwicklung Hermann von Pücklers aussagekräftiger und vor allem neu gewesen wären, verzichtet werden können. Hier ist der interessierte Leser aufgefordert, anhand der noch unvollständigen Quellenangeben – da bisher nur Band 1 des Werkes vorliegt – weiter zu arbeiten.
Daß bei der Fülle des verarbeiteten Materials auch ein gestandener Experte wie der Autor nicht jenem Phänomen entgangen ist, das man treffend als „Quellenversumpfung“ bezeichnet, ist nicht verwunderlich. Er nimmt z.B. aus Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer von Bettina und Lars Clausen, Frankfurt 1985, zwei Aussagen, deren eine ohnehin mit einem Fragezeichen versehen ist, und vermengt sie zu einer gänzlich anderen, jetzt eindeutig falschen Aussage. Und so ist denn bei ihm nun, als im Komödienhaus „[...] eine kleine Kapelle von nur vier Instrumenten [...] Cora [Oper von Johann Gottlieb Naumann] und Ariadne [d.i. Ariadne auf Naxos; Melodram von Georg Benda] zu der Stimme der schönen Gräfin“ aufführt [...]“ (zitiert nach Lüdemann, s. unten) aus zwei Aufführungen eine geworden; dafür erscheint eine zweite und verfälscht das Datum, so daß schließlich nicht mehr der niedliche „5-, maximal 7jährige“ Leopold Schefer als Putto auf Clementines Schoß sitzt, sondern ein vermutlich schon recht langer, 12jähriger Schlacks. Die inkriminierte Stelle findet sich auf Seite 55 und korrespondiert mit einer Anmerkung auf Seite 273. Durcheinander geraten sind dabei eine Angabe aus „Leopold Schefer’s Leben und Werke“ von Wilhelm von Lüdemann, enthalten in Leopold Schefer’s ausgewählte Werke, Berlin 1857, Band XI, Seite XV und der genannten Biographie, Band I, auf S. 177.
An einigen Passagen erweist sich der Umgang des Autors mit Datierungen auch als recht generös. Ereignisse wie die mißglückte Schuldenregulierung durch den Kommissionsrat Hempel, die Jäger (edition branitz 1, 1995, S. 26) und andere in das Jahr 1804 einordnen, verlegt er S. 111ff. mit verändertem Datum in das Jahr 1805. Woher er seine möglicherweise neue Erkenntnis hat, verschweigt er leider. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit für ein Novum im Falle jener Schuldenregulierung wohl eher gering, denn warum sollte Pückler mit falschen Papieren inkognito von Muskau nach Dresden reisen, um dort den ebenfalls aus Muskau anreisenden Hempel zu treffen, und dann in aller Öffentlichkeit ein groß angekündigtes Spektakel veranstalten?
Über den bei Ludmilla Assing (Briefwechsel und Tagebücher des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau, Reprint Bern 1971, Bd. IV, S. 344) ohne Ortsangabe undatierten Brief Pücklers an seine Mutter setzt der Autor mit der Einschränkung „vermutlich“ „November 1805“; die Ortsangabe „Muskau“ gibt es kommentarlos dazu. Aus der Ortsangabe „Leipzig“ über dem Brief an Hempel (Ebenda S. 328f.) wird kurzerhand „aus einem unbekannten Ort, jedenfalls nicht aus Muskau“, und der Brief bekommt anhand fadenscheiniger Indizien in Anmerkung 138 das Datum „November 1805“ verordnet. Merkwürdig ist der Satz „Daß sich Pückler dann im Frühjahr 1806 in Muskau aufgehalten hat, scheint [!] aus seiner Bemerkung vom Dezember 1807 (München) hervorzugehen, wonach sein Vater ihm bei seinem ‚letzten Aufenthalt in Muskau’ die Benutzung der Schloßbibliothek verboten hatte“, denn die in der zugehörigen Anmerkung 140 angegebene Biographie nennt dazu weder ein Datum, noch verwendet sie die Formulierung „letzten Aufenthalt in Muskau“. Damit ist die ganze Konstruktion natürlich fragwürdig.
Eine ähnliche Ungereimtheit: Nach Aussage des Autors S. 107 wurde Pückler mit dem 30.Oktober 1804, seinem 19. Geburtstag, mündig; daß aber am 27. November 1804 der Schloßsekretär Wolff als Vormund Pücklers bestätigt wurde, wie dieser in seinen Aufzeichnungen S. (60) vermerkt hat, verschweigt er ebenfalls.
Doch nicht nur offenbar unbequeme Datierungen, auch neuere Arbeiten werden einfach ignoriert. So kolportiert der Autor die Anekdote, wonach Pückler in Dresden mit seinem Pferd von der Elbbrücke gesprungen sein soll, obwohl Martin Sperlich bereits 1998 in seinem Beitrag „Fürst Pückler – ein sublimer Anarchist?“ (edition branitz 3, Seite 170) nachgewiesen hat, daß sie ebenso wie die „unausrottbare Neuhardenberger Baumfällaktion“ erdichtet ist.
Rezensent hat vier Mal versucht, sich aus dem Buch Rat zu holen, hat viermal falsche Angaben erwischt und will es hinfort nicht mehr tun, jedenfalls nicht mehr ohne nachzuprüfen. Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß nicht alle Briefe des bearbeiteten Zeitraums erfaßt wurden; die fehlenden sind im Archiv der Stiftung Pückler-Museum Park und Schloß Branitz auf Mikrofilm vorhanden und können dort eingesehen werden.
Alles in allem bekommt der einschlägig interessierte Sachkundige jedoch ein passables Kompendium in die Hand, mit dem sich gut weiterarbeiten läßt.
(2005)
Des weiteren zu Teil 1:
Zunächst ist man hoch erfreut – ein neues Werk, das die für den Lebensweg Pücklers so wichtigen Jugendjahre/ Jugendwanderungen untersucht. Doch schnell hat man an der Struktur erkannt – was soll da neu sein? Die Briefe sind ja schon veröffentlicht worden, da freut man sich halt auf die Kommentare und Anmerkungen. Doch auch da schon schnell – nichts als Enttäuschung. Letztlich kommt schon bald die Erkenntnis – schade, eine verpasste Chance, eine leichtsinnig verspielte Möglichkeit, endlich etwas mehr Licht in einen so wesentlichen Lebensabschnitt des Fürsten gebracht zu haben.
Grundsätzlich: Wenn man Briefe bzw. als Briefe verpackte Literatur als Quellensammlung, sozusagen als Kronzeugen seiner (wie es scheint, vorgefassten) Meinung servieren will, dann sollte man mindestens die Originalquellen, sprich die Archivalien, die Briefe und das Manuskript, wirklich im Original, nicht aus zweiter oder dritter Hand verarbeiten. Nicht ein flotter Kompilator, sondern ein Wissenschaftler, der zu eigenständigen Arbeitsergebnissen fähig ist, sollte da zu Werke gehen.
Der Autor gibt zwar in den Editionshinweisen seine beiden Hauptquellen an, Pücklers Jugendwanderungen von 1834 (einschließlich der Ausgabe von 1947, die holländische Ausgabe von 1837 scheint ihm unbekannt zu sein) und die Briefeditionen Ludmilla Assings aus den 1870er Jahren, er schreibt auch, dass und wie die Briefe in die Jagiellonenbibliothek Krakau gelangt sind, doch er verschweigt dem braven Leser (jeder halbwegs Pückler-Kenner weiß das natürlich), dass die 9 Bände Assings 1971 in Bern als Nachdruck neu herausgegeben wurden und so in jeder gut sortierten Bibliothek zu finden sind. Aber gerade der Bestand in Krakau ist für eine neue Untersuchung zu Pückler völlig unverzichtbar, dort sind die Originale, nur dort erfahre ich Neues. Der Autor mäkelt dagegen an der so überaus verdienstvollen Arbeit Assings herum, er hätte ja die Chance gehabt, die Auswahl um die nicht gedruckten Briefe zu vervollständigen. Dabei hätte er nicht einmal die Mühe einer längeren Reise nach Krakau auf sich nehmen müssen, denn die Krakauer Briefe wurden 1994/97 komplett verfilmt und warten in der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz in Cottbus auf gerade so eine Nutzung.
Ein Beispiel: Für den Beginn der Jugendwanderung macht der Autor die knappe Angabe „Anfang Juli 1806 reiste Pückler dann aus Muskau ab ... überquerte dann in einer Postkutsche die Grenze nach Böhmen, fuhr erst nach Teplice, von dort nach Duchcov (Dux) und schließlich nach Prag. In Prag begann er sein fragmentarisches ... Reisetagebuch zu schreiben“ (S.115). Ja, hätte der Autor wenigstens in das Reisetagebuch geschaut (Brandenburgisches Landeshauptarchiv in Potsdam, Rep. 37), dann hätte er uns vielleicht mehr als nur den allbekannten Brief aus den Jugendwanderungen vom 25. Juli 1806 mitteilen können, beispielsweise das genaue Abfahrtsdatum aus Muskau, den 19. Juli (Anfang Juli mussten wir lesen, s.o.). Bei einem Arbeitsbesuch in Krakau oder Cottbus hätte er beispielsweise auch erfahren können, dass nach dem von ihm abgedruckten, aus Assing Band 4 Seite 350 bekannten Brief an Ludwig Wolff im gleichen Monat noch zwei weitere Brief Pücklers aus Wien nach Muskau gingen. Mit diesen hätte er den Pückler-Freunden wirklich etwas Neues bieten können. Das trifft auch für weitere Reisestationen zu.
Der Autor kann sich ein Mäkeln an Ludmilla Assing nicht versagen, das geht so weit, dass der Autor offensichtliche Satz(Druck)fehler anmerkt, die schon mal passieren, wenn zwischen Autorin und Verleger über 1000 Kilometer liegen, wie aber die zahlreichen Satzfehler im Zeitalter des Computers entstehen, zumal Autor und Verlag an einem Ort sich befinden, ob das der Autor erklären kann? Sparen wir uns die Beispiele, seien wir nicht so kleinlich, da gäbe es andere Stellen anzumerken, noch eine kleine Auswahl:
Der Leser wird völlig im unklaren gelassen, aus welcher Quelle (Jugendwanderungen oder Assing) der Autor nun den entsprechenden Brief abgefischt hat.
Der Autor spart nicht mit Fußnoten, allerdings ist man so manches mal völlig sprachlos, wenn man diesen nachgeht. Erwartet man eigentlich in der Fußnote eine Aufklärung, woher der Autor denn nun seine Erkenntnisse hat, so wird man immer wieder von abschweifenden Erklärungen aus dem Sinnzusammenhang gerissen, bisweilen glaubt man sogar, der Autor versteht gar nicht, was er da schreibt. Zwei Beispiele:
Seite 90: Am 16. Juli 1801 schreibt Pückler an Baevenroth: „...Die Kanarienhecke befindet sich wohl ...) Oho, Kanarienhecke, das scheint doch etwas mit dem Garten oder so zu tun zu haben – Fußnote 118: „Das Anlegen einer Kanarienhecke gehörte zur neueren Erziehung (!!!???). In Leipzig erschien 1803 im Magazin für Literatur (Alter Neumarkt No. 614) eine Schrift mit dem Titel ‚Der Canarienvogel’. Eine auf Erfahrung gegründete Anweisung, was bei Pflege und Wartung desselben vorzüglich zu beobachten und worauf man bei dem Einkauf sehen muß, wenn man immer bessere und schönere Arten erziehen und mit seiner Hecke recht glücklich seyn will...“ Da ist man ratlos, gemeint ist doch offensichtlich die Vermehrung (das Hecken) der Vögel ...
Der Vater des Fürsten Pückler schreibt aus Branitz am 15. März 1804: “... werde wo möglich heute noch nach Lübbenau fahren“, da hängt der Autor eine Fußnote an, die 126, man schlage nach und lese: „In Lübben befand sich der Sitz der kurfürstlich-brandenburgischen Oberamtsregierung mit Amtsarchiv, das Landgericht und das Konsistorium der Niederlausitz“. Aha, mag der Leser denken, da holt sich der Vater staatlichen Beistand gegen die Eskapaden seines Sohnes, denn darum ging es. Doch was soll eine Verwaltung der Niederlausitz gegen einen Bürger der Oberlausitz unternehmen? Und eine kurfürstlich-brandenburgische Regierung gab es doch nie in Lübben, Brandenburg gehörte doch zu dem seit schon 1701 königlichen Preußen? Die Verwaltung des Markgraftums Niederlausitz in Lübben war seit 1635 kurfürstlich-sächsisch und erst 1815/16 kamen die Preußen. Dabei wollte Pücklers Vater gar nicht nach Lübben, wie in der Fußnote vermerkt, sondern nach Lübbenau, denn dort lebte seine Schwester, als Gräfin Auguste Charlotte Louise Gräfin von Lynar ....
Auch scheint der Autor in geschichtlichen Zusammenhängen nicht immer ganz sattelfest zu sein, da braucht der Leser natürlich eine gewisse Vorbildung, um nicht allen Darstellungen folgen zu müssen, Beispiel gefällig? S. 124, Kommentar Autor: „Der Wettiner Kurfürst wurde dann durch die Gnade Napoleons zum König Friedrich August I. befördert und erhielt als solcher Kursachsen, das Herzogtum Warschau und die preußische Enklave Niederlausitz ...“. Tatsächlich behielt Friedrich August Kursachsen, dies nur als kleiner Tipp, aber mit der Niederlausitz verhielt es sich sehr wohl anders, sie war keine Enklave, sondern als Markgraftum rund 170 Jahre schon Teil von Sachsen, nur der Cottbuser Kreis war darin eine preußische Enklave und kam jetzt zu Sachsen.
Von H. K. (2005)
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