50 Jahre Domowina-Verlag Bautzen
50 lat ludowe nakladnistwo Domowina Budysin
Von Bernd-Ingo Friedrich

Im Deutschen so geläufige Städtenamen wie Sagan (heute Żagań in Polen), Guben, Görlitz, Dresden, Chemnitz, Leipzig oder Gera sind sorbischsprachiger Herkunft.1 Sie deuten die einstige territoriale Verbreitung der Sorben nur an. Im Hannoverschen Wendland leben die „Polaben“ genannten Nachfahren der Sorben, deren Sprache noch zu Leibnitz’ Lebzeiten gesprochen wurde; sorbische Auswanderer gründeten im 19. Jahrhundert Kolonien in Australien und Amerika.2 Auch so manche Einzelbiographie erweist sich mitunter überraschend als mit dem Sorbischen über die Zeiten hinweg verbunden, wie das Beispiel des Muskauer Dichterkomponisten Leopold Schefer zeigt, dessen vermutlich sorbische Herkunft erst unlängst belegt werden konnte.3 Heute zählt Deutschland ca. 60.000 Sorben (auch Wenden genannt), davon leben 40.000 in der Ober- und 20.000 in der Niederlausitz. Sie sprechen Obersorbisch, Niedersorbisch und verschiedene Übergangsdialekte wie den Muskauer Dialekt; pflegen regional variierte, uralte gemeinsame Bräuche und tragen landschaftlich verschiedene Trachten.
Jahrhunderte lang widerstanden die Sorben dem Druck zur Assimilation seitens der Deutschen. Dieser war in der Zeit des niedergehenden Absolutismus besonders groß und führte zur Entwicklung einer sorbischen Nationalbewegung seit Beginn der 19. Jahrhunderts. Parallel dazu befaßten sich z.B. in der "Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz" namhafte Gelehrte und Theologen wie der Mitbegründer der Gesellschaft, Karl Gottlob Anton, mit der sorbischen Kultur; Theologiestudenten gründeten in Leipzig die „Lausitzer wendische Predigergesellschaft“ zur Pflege der Muttersprache; der Muskauer Standesherr Hermann von Callenberg erlernte die Sprache seiner überwiegend sorbischen Untertanen, um sich mit ihnen verständigen zu können.4 Den Intentionen von Pietismus und Aufklärung gemäß erschienen im 18. Jahrhundert vermehrt gedruckte Bücher in sorbischer Sprache. Zu nennen wären hier vor allem das Neue Testament obersorbisch (1706) sowie die erste vollständige Bibelübersetzung 1728 im Bautzener obersorbischen Dialekt. Der erste nachgewiesene Druck überhaupt ist Ein Ewigwerender Kirchen Calender mit der niedersorbischen Übersetzung von Luthers Gesangbuch und Kleinem Katechismus von 1574. Der instruktive Katalog Sorbisches Schrifttum zur gleichnamigen Dauerausstellung im Sorbischen Museum Bautzen widmet sich diesem wichtigen Teil der sorbischen Geschichte5 .

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte das Schriftliche für die Sorben einen hohen Stellenwert. Im Zusammenhang mit dem Erstarken der sorbischen Nationalbewegung entstanden um 1850 zahlreiche Vereine, darunter die sorbische wissenschaftliche Gesellschaft „Maćica Serbska“. Sie wurde 1847 in Bautzen als Verein zur Herausgabe sorbischer Bücher gegründet und entwickelte sich im Laufe der Jahre zum überkonfessionellen Mittelpunkt sorbischer kultureller und wissenschaftlicher Bemühungen. In der Niederlausitz wurde die „Maćica Serbska“ 1880 mit Sitz in Cottbus gründet. Von 1848 bis 1937 baute die Gesellschaft eine eigene Bibliothek und ein Archiv auf und publizierte die Ergebnisse ihrer Forschungen zur Sprachwissenschaft, Geschichte, Literaturgeschichte, Volkskunde und Demographie in ihrer Zeitschrift Časopis Maćicy Serbskeje. 1937 wurde ihr Auftreten in der Öffentlichkeit von den Nationalsozialisten unterbunden, 1941 ihr Vermögen konfisziert. Nach Kriegsende ging die Gesellschaft in dem bereits 1912 gegründeten sorbischen Dachverband „Domowina“ (deutsch: Heimat) auf. Die noch vorhandenen Sammlungsbestände sowie die Aufgaben der „Maćica Serbska“ wurden von dem 1951 gegründeten „Institut für sorbische Volksforschung“ übernommen, die Publikationstätigkeit des Vereins wurde mit der Herausgabe der Lêtopis (Briefe) fortgesetzt.6 Hinzu kam die Schriftenreihe des Sorbischen Instituts.
Jan Arnošt Smoler, geboren 1816 als Johann Ernst Schmaler, kommt das Verdienst zu, mit der Smolerschen Verlagsbuchhandlung 1851 die erste sorbische Buchhandlung und 1875 die erste sorbische Druckerei gegründet zu haben. Sie wurden 1884 von seinem Sohn übernommen und 1937 im Zuge der allgemeinen Gleichschaltung wie alle anderen sorbischen Institutionen durch die Nationalsozialisten geschlossen.
Der DDR kann – bei aller Ambivalenz – bescheinigt werden, die Sorben wirkungsvoll unterstützt zu haben: Bereits 1947 konnte die Genossenschaftsdruckerei „Nowa Doba“ gegründet werden. Sie gab Zeitungen und einen Teil der sorbischen Bücher heraus; der Verlag „Volk und Wissen“ lieferte die Schulbücher, aus dem Verlag „Junge Welt“ kamen die Kinderzeitschriften. Mit der Gründung des Domowina-Verlags Bautzen am 1. Juli 1958 wurde die Herstellung sorbischer Schriften in einer Hand zusammengefaßt. Der erste Verlagsleiter Martin Benad blieb dem Verlag drei schwierige Jahrzehnte lang treu, ebenso je 15 Jahre die Cheflektoren Hubert Sauer und Dr. Paul Völkel. Die Eröffnung der verlagseigenen Buchhandlung mit dem Namen „Smoler’sche Verlagsbuchhandlung“ an historischer Stätte 1991 schloß eine lange, widerspruchsvolle historische Entwicklung ab. Die Buchhandlung befindet sich heute mit im Verlagshaus. In Fortführung einer mehr als 400-jährigen Tradition betreut der Domowina-Verlag als Nationalitätenverlag heute den gesamten Bereich des in sorbischer Sprache gedruckten Wortes. Eine kleine Chronik von 1958 bis auf das Jahr 2007 sowie einige Anhänge, in denen auch die leitenden Mitarbeiter jener Jahre genannt werden, enthält der Abschnitt „Aus der Verlagsgeschichte“ der sorgfältig erarbeiteten Bibliografie/ Bibliografia des Domowina-Verlags auf den Seiten 256 bis 271.7

Die Bibliographie – sie erschien statt einer Jubiläumsschrift („und so ehrten sie sich, indem sie sich nützten ...“) – listet in den drei Kategorien Sachliteratur, Belletristik und pädagogische Literatur insgesamt 3616 Titel auf; hinzu kommen 35 Nummern Zeitungen und Zeitschriften und von Position 3652 bis 3772 Veröffentlichungen innerhalb der Schriftenreihe für Lehrer und Erzieher im zweisprachigen Gebiet. Die seit 1994 erscheinenden Tonträger schließen die Bibliografie mit der Nr. 3793 ab. Es fällt schwer, aus der Fülle des Bibliographierten etwas auszuwählen, denn alle Bücher des Verlags zeichnen sich durch eine wohltuend klare ästhetische Gestaltung und handwerklich gediegene Ausstattung aus.
Im Vordergrund steht selbstverständlich immer das nationale Erbe: Wichtig für die Geschichte der Sorben wie der Oberlausitz generell – die über weite Strecken ja eigentlich sorbische Geschichte ist – sind Standardwerke wie die vierbändige Geschichte der Sorben. Sie war Arbeitsmittel unzähliger Historiker und wird es bleiben, obwohl eine Überarbeitung insbesondere des Bandes 4 wegen ideologischer Überfrachtung nötig wäre; aber diese Aufgabe ist im Moment nicht zu leisten.
Ebenso wichtig sind die Werkausgaben der sorbischen Klassiker Jakub Bart-Ćišinski in 14 und Handrij Zejler in sieben Bänden sowie die auf zehn Bände veranschlagte Gesamtausgabe der Werke des niedersorbischen Schriftstellers Mato Kosyk, von der inzwischen vier Bände vorliegen. Die stattlich anzusehende Reihe Serbska Poesija setzt sich mittlerweile aus 54 Bändchen zusammen, die liebevoll gestaltet und mit platz- und papiersparenden, weil rückseitig bedruckten Schutzumschlägen ausgestattet sind. Diese liefern zusätzliche Informationen zum Umfeld des im Heft mit einer Gedichtauswahl vorgestellten Poeten. Jüngstes und ein Lieblingsprojekt der seit Oktober 2003 amtierenden Verlagsleiterin Maria Matschie ist die Sorbische Bibliothek, die ausgewählte Werke sorbischer Autoren in deutscher Übersetzung vorstellt. Der siebente Band mit Gedichten Bart-Ćišinskis befindet sich in Vorbereitung. Den zwei Bänden der Vertreter der Moderne Jakub Lorenc-Zalĕski und Jurij Chĕžka mißt Maria Matschie besondere Bedeutung zu. Sie wünschte sich noch mehr Veröffentlichungen in deutscher Sprache, doch dem stehen Hindernisse entgegen, die letztendlich das Resultat aus Reglementierung und problematischer Finanzierung durch den alleinigen Gesellschafter des Kleinverlages, die „Stiftung für das sorbische Volk“, sind.

Mit zahlreichen Bildtafeln und Illustrationen ausgestattete Bücher über „typisch Sorbisches“ – Trachten, Stickereien, Ostereier, Gebäckverzierungen, Handwerk und Gewerbe in sorbischer und/ oder deutscher Sprache – sind vor allem für die breite Öffentlichkeit bestimmt. Sie verbinden Information und Augenweide auf eine ganz eigene Weise.
Mišter Krabat (deutsch: Meister Krabat), erzählt und illustriert von dem Maler und Graphiker Mĕrćin Nowak-Njechorński (deutsch: Martin Nowak-Neumann, 1900-1990), der lange Zeit das Gesicht der sorbischen Literatur und Illustration mitbestimmte, gehört seit Jahrzehnten obligatorisch zum Verlagsprogramm.
Es folgen einige durchaus bibliophil zu nennende Highlights, die von einem des Sorbischen leider Ohnmächtigen nach bestem Wissen und Gewissen ausgewählt wurden – die Ungenannten mögen ihm verzeihen.
Zu den seit Jahren beliebten (Mini-)Büchern zählen Das Wetterbüchlein und Das Kräuterbüchlein. Es gibt sie im Papp-, Leinen- und Ledereinband, mit und ohne Schuber; in sorbisch, deutsch, sorbisch-deutsch, sorbisch-polnisch und in verschiedenen Lizenzausgaben. Ein weiteres beliebtes, kürzlich wieder aufgelegtes Buch im Sonderformat ist die reich mit Holzschnitten von Iris Brankatsch ausgestattete Sammlung von Rezepten aus der sorbischen Küche Sorbisches Haus - gastlicher Tisch.

Maja Nagel als die modernste der sorbischen Gegenwartskünstlerinnen schuf für den Verlag viele Illustrationen, darunter für die Einbände der Lyrikreihe Serbska Poesija. Unter die Sachbücher geraten ist ihr Künstlerbuch nje pokoj = un ruhen, von dem es auch eine Vorzugsausgabe mit einer Originalgrafik gibt. Illustrationen von ihr schmücken ein wichtiges Buch der letzten Jahre, die zweisprachige Ausgabe der Lebenserinnerungen Šycko som how napisał/ Im Kämmerlein hab ich geschrieben des Halbbauern Hanzo Njepila aus Rohne. Die Aufzeichnungen Njepilas und eine Programmschrift des Muskauer Schulrektors Johann Andreas Tamm sind die einzigen unmittelbaren Zeugnisse zur De-facto-Leibeigenschaft in der nördlichen Oberlausitz am Ende des 18. Jahrhunderts.
In einem der zahlreichen Anhänge der Bibliografia – für uns natürlich besonders interessant – sind die „Schönsten Bücher des Jahres in der DDR“ aufgelistet. Hier begegnen wir einer ganzen Reihe klangvoller Namen wie Horst Hussel, Karl-Georg Hirsch, Klaus Ensikat, Christa Jahr, Egbert Herfurth und last not least Uwe Häntsch, der mein Lieblingsbuch aus dem Domowina-Verlag, Ben Budars Ich, Kater Stani, auf Sorbisch Ja, kocor Stani, illustrierte. Vielleicht stünden auch Illustratoren und -innen wie Iris Brankačkowa (Brankatschk; sie ist immerhin zweimal mit einem Layout vertreten), Sofija Natuškec (Sophie Natuschke), Steffen Lange oder Werner Schinko mit auf der Liste der prämiierten Künstler, doch seit der Wende reicht der Verlag keine Bücher für Prämierungen mehr ein.

Zu den Bestsellern gehört seit 1963 auch unangefochten Jurij Brězans Der Elefant und die Pilze; obersorbisch Kak je elefant do hribow šoł, niedersorbisch Kak jo elefant do gribow šeł, mehrfach illustriert und 1999 auch aufgelegt als Reprint der handschriftlichen Vorlage mit den Zeichnungen des Autors.
Spielerischer Umgang mit Sprache ist nur möglich mit einer lebendigen Sprache. Wie lebendig in dieser Hinsicht die sorbische Sprache ist, beweist Róža Domašcyna mit My na AGRA: anagramy. Mit seinem leuchtend gelben Umschlag und den Bildern von Dieter Zimmermann ist das Buch zwar auch für den deutschen Leser sehr reizvoll, ansonsten jedoch leider ein „Krabatsches Zauberbuch“, also weitestgehend unverständlich. Die Anagramme sind ohne Sinnverlust nicht ins Deutsche übertragbar.
Durchweg bibliophil mutet die erste vollständige Swjate Pismo (Heilige Schrift) für die katholischen Sorben an. Sie erschien 2006, fast 200 Jahre nach dem Druck der ersten kompletten protestantischen Bibel in sorbischer Sprache. Neben der Normalausgabe gibt es eine 1500 Seiten starke Dünndruckausgabe mit Rundumgoldschnitt in einem dunkel-moosgrünen Ledereinband. Sie ist ein wunderbares Exempel für die auch heute noch mögliche luxuriöse Ausstattung eines entsprechend geschätzten Gebrauchsgegenstandes.
Es gäbe noch vieles, was anläßlich des 40. Verlagsjubiläums von und aus dem Domowina-Verlag zu erwähnen und zu beschreiben wäre, aber ich höre wohl besser auf. Sonst wäre ein ganzes Heft Marginalien bald ausschließlich damit voll ...
(03.12.2008. In: Marginalien 193/ 1.2009.) )

Anmerkungen:
1 Die Sorben in Deutschland. Serbja w Nĕmskej. Sieben Kapitel Kulturgeschichte. Hrsg. Dietrich Scholze. Bautzen: Lusatia Verlag 1993.
2 Bernd-Ingo Friedrich: „Leopold Schefer – ein Sorbe? Pro und contra.“ In: Sorbische Kostbarkeiten. Hrsg. Wendisches Museum. Cottbus 2008./ Serbske drogotki. Zest. Serbski muzej. Chozebuz 2008. (Edition Wendisches Museum 3.)
3 Trudla Malinkowa: Ufer der Hoffnung. Sorbische Auswanderer nach Übersee. Bautzen: Domowina-Verlag 1995.
4 Karl Gottlob Anton: Erste Linien eines Versuches über der alten Slawen Ursprung, Sitten, Gebräuche, Meinungen und Kenntnisse. 2 Tle. Leipzig: Adam Friedrich Boehme 1783–1789. Reprint: Bautzen: Domowina-Verlag 1976 u. 1987.
5 Sorbisches Schrifttum. Begleiter durch die Literaturausstellung im Sorbischen Museum. Sorbisches Museum Bautzen 1992./ Serbske Pistmowstwo. Přewodnik po literarnej wustajeńcy w Serbskim musej. Serbski musej Budyšin 1992. Eine etwas kleinere Ausstellung zeigt das Wendische Museum in Cottbus.
6 „1991 wurde die Maćica Serbska von ehemaligen Mitgliedern und jungen Sympathisanten wiederbelebt mit dem Auftrag, die sorbische Wissenschaft zu fördern und Wissen über die Sorben zu verbreiten.“ (www.macica.sorben.com.)
7 Domowina-Verlag Bibliografie 1958-2007. Bautzen: Domowina-Verlag 2008./ Ludowe nakładnistwo Domowina bibliografija 1958-2007. Bautzen: Ludowe nakładnistwo Domowina 2008. Für ausführliche Informationen zu allen im folgenden aufgeführten Titeln kann hier aus Platzgründen nur auf diese Bibliografie verwiesen werden.
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