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Der Vice-Graf

Leopold Schefer als Ökonom

Von Bernd-Ingo Friedrich



Im Jahre 1812 wurde der später als Dichter und Komponist berühmt gewordene Leopold Schefer zum „General-Inspector“ des Grafen Hermann von Pückler ernannt. Er übernahm das Burglehn, eine Stadt mit 700 und 39 Dörfer mit 4.000 Einwohnern; 55.000 ha Land mit Feldern und Wäldern, Vorwerken, Mühlen, Fischteichen, Köhlereien und Imkereien; Ziegeleien, Erzgruben, Eisenhämmern, einem Alaunwerk und vielem mehr; er verfügte über die Polizei, entschied in Gerichtssachen und beaufsichtigte ein Konsistorium.

In jener Zeit begann die Industrialisierung, die Landschaften und den Alltag der Menschen zu verwandeln. Als nach dem Wiener Kongreß auch in den preußisch gewordenen Teilen der Oberlausitz die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, gingen auch hier die Bauern in die Städte, in Manufakturen und erste Fabriken, verdienten besser und ihre Höfe wuchsen. Leopold Schefer nahm von 1812 bis 1816 intensiv Teil an dieser Entwicklung, doch es gibt aus jenen Jahren kaum Zeugnisse seines Wirkens. Sein Name taucht meist nur zwischen den Zeilen der von den störenden Verdiensten Anderer bereinigten Pücklerbiographien auf. Sein Talent zu einem „Vice-Graf[en]“ war aber dennoch sogar einem Heinz Ohff aufgefallen:


leopold schefer portraet 1820


„Dieser Schefer [...] muß, seinen schwärmerischen Erzeugnissen zum Trotz, über einen ausnehmend klaren Kopf verfügt haben, weniger ein Literat als ein Praktikus. Alle von ihm überlieferten Urteile zeigen, ebenso wie die literarischen, vor allem jedoch finanziellen Ratschläge, die er Pückler gibt, Realitätssinn und kühlen Verstand.“1

Dabei standen die Sterne für Leopold Schefers Verwaltung denkbar schlecht. Sein Biograph Lüdemann schreibt: „Die Schullehrer hungerten und froren, an den Tabackspfeifen ihre Hände erwärmend; die armen Wenden plagten sich in völlig nutzlosen Roboten. Dörfer und Vorwerke, ohne Scheiben in den Wohnungen, ohne Dächern auf den Scheuern, boten ein Bild jämmerlichsten Verfalls dar; kein Graben zog, keine Brücke hielt.“

Hinzu kamen schier endlose Truppendurchmärsche von West nach Ost und Ost nach West und Einquartierungen, die kein Ende nahmen, so daß Schefer sich notierte, die Zeit sei dreißigmal schlimmer als der Dreißigjährige Krieg gewesen. Leider haben die Professoren Bettina und Lars Clausens dazu derart gründlich geforscht, daß einem – wieder einmal – nur noch übrig bleibt, ihren Spuren zu folgen. Für den Schreiber hat das den Vorteil, daß er nicht mehr so viel zu schreiben braucht. Für den Leser, der alles genau wissen will, hat das natürlich den Nachteil, daß er sich zusätzliche Literatur beschaffen muß; in diesem Fall ist das der Aufsatz „Ich habe mich nicht zerstreut. Leopold Schefer als Generalinspektor von Muskau (1811-15)“.2 Schefers Eintreten für die über alles menschliche Maß hinaus geschundene Bevölkerung führte des öfteren zu Diskrepanzen mit dem Schloßintendanten Wolff. Während Wolff den Weinkeller seiner Herrschaft am liebsten zugemauert hätte, teilte Schefer an Offiziere und Mannschaften kräftig aus, wissend, daß sie auf diese Weise weniger Schaden anrichten würden, und Wolff vermerkte 1813 in seinen Aufzeichnungen: „Dec.: Discusion mit den ViceGraf Schefer mündlich und schriftlich über große Consumtion.“3

Trotz alledem konnte Schefer später resümieren: „... ich selber habe ex propriis ipsius 49.000 Thaler [Schulden] in den 5 Jahren abgezahlt, die ich die Generalvollmacht hatte.“4

Von der Anlage eines Dorfes, mit der sich Schefer u.a. bei den Sorben so verdient machte, daß sie ihn „Junger Vater“ nannten,5 berichtet Schefer selbst: „Und leider erlaubte die dem Fürsten übrigens so kostspielige nachhaltig=nachtheilige Separation, die auf einmal durchgeführt ihn und seine Leute dem Ruin nahegebracht haben würde, sie erlaubte ihm noch mehre tausend Morgen Landes von drei ja vier um Muskau liegenden Dörfern, die ihm für große Einbußen als freies Eigenthum zugefallen, dem Parke anzuschließen. Die Dörfer sind Berg, Krauschwitz, Keula, Braunsdorf und Gobelin, das nach dem gänzlichen Abbrande desselben, von mir für alle Bedürfnisse junger mittler und alter Bauern ganz neu aufgebaut, nunmehr als sogenanntes ‚verlornes Dorf’ auf die linke Seite der Neiße weggebaut ward bis auf einen Besitzer, der sein Eigenthum auch bis heut noch so liebt, wie der Fürst das seine.“6 Das an anderer Stelle als „wendischer Flecken“ bezeichnete Dorf ist auf dem Parkplan A zu Pücklers Andeutungen über Landschaftsgärtnerei verzeichnet.7 Schefers Bericht ist somit auch fürstlich belegt.


glashuette jaemlitz karte ca 1816


Ein weiteres Schefer-Projekt ist vermutlich die Jämlitzer Glashütte. Sie verdient nicht nur als eine der ältesten Hütten der Oberlausitz hervorgehoben zu werden, sondern sie dürfte auch weltweit die einzige Glashütte sein, die von gleich zwei Dichtern auf den Weg gebracht wurde. In der Leopold-Schefer-Soziobiographie von Bettina und Lars Clausen wird dazu die Vermutung geäußert: „Wieweit eine zweite Investition, die 1815 in Jämlitz gegründete Glashütte [...] auf Schefer (mit)zurückgeht, ist offen; Hermann Pücklers Einfall, wie Houwald [Die Niederlausitzer Rittergüter und ihre Besitzer, Neustadt an der Aisch 1981, S. 258] nahelegen könnte, ist es u.E. nicht.“8 Für diese Vermutung sprechen auch einige im Staatsfilialarchiv Bautzen aufbewahrte, die „Glashütte zu Jemlitz“ betreffende Akten.9

Pückler hielt sich im Anschluß an die Befreiungskriege 1813/14 von Frühjahr 1814 bis April 1815 in England auf; ein von Leopold Schefer eigenhändig verfaßtes „Notat zur Verpachtung der Glashütte“, wurde aber bereits am „24. Juny 1815“ unterzeichnet von „L. Schefer“ und dem Glasfaktor „Johann Ignatius Seedel“, der 1767 schon die Hütte in Friedrichshain gegründet hatte. Der Pachtvertrag mit dem Datum „21. July 1815" ist von Hermann Graf von Pückler-Mußkau (!), Johann Ignatz Seedel und Joseph Maschke unterschrieben. Dem vorausgegangen war unter anderen ein Schreiben von „Pro Consul Weisflog“ an „Wohlgeborener Herr Generalinspector [Schefer]“, „Sagan den 2. July 1815“.

Möglicherweise hat Schefer sich noch nach seiner offiziellen Entlassung aus dem Dienst Pücklers 1819 um die Jämlitzer Hütte gekümmert, doch ob das Kürzel „L.S.“ unter einer Anlage zum Pachtvertrag mit dem Faktor Johann Georg Milde vom 12. Dez. 1827 für „Locus Sigilli“ oder „Leopold Schefer“ steht, muß offen bleiben.10


glashuette jaemlitz unterschrift schefer


Karl Weisflog (1770-1828) war der zweite an der Hüttengründung beteiligte Dichter. Er war Stadtrichter in Sagan (heute Zagan/ PL) und begann erst als Fünfzigjähriger mit dem Schreiben. In nur acht Jahren schuf er ein Werk von zwölf Bänden mit insgesamt über 3000 Seiten. Seine Phantasiestücke in Hoffmanns Manier waren erfolgreich, denn sie entsprachen den damaligen Lesererwartungen. Die beiden Dichter waren befreundet und verkehrten einige Jahre lang auch persönlich miteinander. Hermann von Pückler wurde von Karl Weisflog gelegentlich juristisch beraten.11

Realitätssinn und praktischen Verstand findet man auch in Leopold Schefers Werken. Bereits die Erstausgabe des 21 Mal aufgelegten Laienbreviers, Schefers Hauptwerk, enthält Gedichte wie „Dir müssen Feind sein, die die Knechtschaft wollen“ (März XXX.), und unter den ausgewählten Gedichten befinden sich gallige Verse auf die Deutschen wie „Sankt Peter mit dem Pudel“ oder „Das Grab der Deutschen“, in denen er ihnen ihre Duckmäuserei ankreidet.12

Wer Schefers Dichtungen schwülstig nennt, verkennt zumeist seine Absicht. Und so ist es denn auch dem Dampfplauderer Ohff entgangen – vermutlich hat er Schefer auch nie gelesen – daß Schefers „Schwulst“ eine subtile Sozialkritik enthält, die von reaktionären Zeitgenossen sehr wohl verstanden und für Schefers Nachruhm bei Mit- und Nachwelt verhängnisvoll wurde. Schefers soziale Einstellung hat auch Niederschlag in seinen Novellen gefunden. Die Lebensversicherung13 beschäftigt sich mit dem Schicksal eines von Raubdruckern ruinierten Verlegers; in Der Glasfabrikant schildert Schefer das „kleine Glück“ eines Hüttenbesitzers.14

Wie sich die Errichtung von Glashütten sogar auf den Alltag sorbischer Hausfrauen auswirkte, wird in dem kleinen Artikel „Bei der Glätterin“ auf http://briefbeschwerer.kulturpixel.de beschrieben.

Der in dieser Angelegenheit auffallend undankbare Fürst Pückler (der Ärger über Schefers redaktionelle Eingriffe in seine Manuskripte wirkte wohl noch immer nach) hat sich selbst einmal zu Schefers Tätigkeit in seinen Diensten geäußert, und zwar in einem Brief an den Gartengestalter Eduard Petzold. Dieser Brief wurde 1884 anläßlich einer Kontroverse in der Gartenzeitung zitiert, in der sich mehrere ehemalige Gärtner Pücklers gegen ein „Gedenkblatt zum 100sten Geburtstage Leopold Schefers“ verwahrten, in welchem der Anteil Schefers bei der Anlage des Muskauer Parks übertrieben dargestellt wurde.15 Petzold beteiligte sich an der „Ehrenrettung des Fürsten Pückler“ mit einem Beitrag, der die bereits erwähnte, aus dem Zusammenhang gerissene briefliche Äußerung Pücklers enthielt, mit der er sich seinerzeit schon auf den gleichen Sachverhalt bezogen haben muß, und mit der die Wahrheit nun ein zweites Mal – diesmal in entgegengesetzter Richtung – unter die Räder kam. Pückler schrieb „Es hat mich sehr amüsiert, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, dass Schefer mein unsichtbarer Begleiter in England war, auch dass er der Begründer meines Wohlstandes ist, seine Verwaltung habe ich ihm längst verziehen. Übrigens hat Schefer andere Verdienste.“16

Weit entfernt von jeder Richtigstellung – Schefer hatte den Fürsten 1814 durch mehrere Parks in England begleitet17 – und jeder gerechten Würdigung von Verdiensten – Schefer hatte ja Muskau durch die heikelsten Jahre der Pücklerzeit gebracht und dabei noch die Schulden der Herrschaft verringert – ironisierte Pückler eine gewiß zweifelhafte Darstellung derart, daß wieder nur er im günstigsten Licht erschien – ein schlechter Kronzeuge ...


(11.01.2009)


Anmerkungen
1 Ohff, Heinz: Der grüne Fürst. Das abenteuerliche Leben des Hermann von Pückler-Muskau. München: Piper Verlag 2002; S. 64.
2 Clausen, Bettina und Lars: „Ich habe mich nicht zerstreut. Leopold Schefer als Generalinspektor von Muskau (1811-15)“. In: Kulturtypen, Kulturcharaktere. Träger Mittler und Stifter von Kultur. Hrsg. Wolfgang Lipp in Verbindung mit der Akademie für politische Bildung Tutzing. Berlin: Dietrich Reimer Verlag 1987. (Schriften zur Kultursoziologie, Bd. 7); S. 107-123.
3 Wolff, Traugott Ludwig Heinrich: Merckwürdige Begebenheiten der Standesherrschaft, gräflich Callenbergischen Familie. und solcher die damit Bezug haben, während der in diesem hochgräflichen Hause in verschiedenen Verhältnißen verlebten Dienstjahren, vom M. Juny 1767. an: bis 1795. und von da weiter in andern Verhältnißen in den Regierungsjahren der Hochgräflich und Hochfürstlichen Standesherrschaften Familie von Pückler bis 1824. in allem also 57. Jahr. Manuskript. Archiv Thomas Graf von Arnim.
4 Schefer, Leopold: Brief an „Sr. Wohlgebornen Herrn Hofrath Winckler (Theodor Hell) in Dresden. Muskau, Fastnacht 1827.“ Bayerische Staatsbibliothek, München.
5 Lüdemann, Wilhelm von: „Leopold Schefer’s Leben und Werke“. In: Leopold Schefer’s ausgewählte Werke. Neue Ausgabe. Berlin: Verlag von Veit und Comp. 1857; Eilfter Theil,, S. LXIV.
7 Schefer, Leopold: „Der Park von Muskau“. In: Illustrirte Zeitung. Leipzig: Verlag von J. J. Weber; Nr. 319, den 28. Juli 1849, S. 90.
7 Karte A in: Pückler-Muskau, Hermann Fürst von: Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, verbunden mit der Beschreibung ihrer praktischen Anwendung in Muskau. Stuttgart: Hallberger’sche Verlagshandlung 1834.
8 Clausen, Bettina und Lars: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. 2 Bde. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1985; Bd. 2, S. 406.
9 Acta […] die Glashütte Jemlitz betr. 1815-1833. StFABz. Sth. Msk. 445.
10 StFABz. Sth. Msk. 1563.
11 Pückler-Muskau, Hermann Fürst von: Briefwechsel und Tagebücher. 9 Bde. Hrsg. Ludmilla Assing-Grimelli. Bern: neu=verlegt bei Herbert Lang 1971; Bd. 6, S. 470, 474 u. 481.
12 Leopold Schefer’s ausgewählte Werke. Zehnter Theil. Gedichte. Berlin: Verlag von Veit und Comp. 1846. (Separatausgabe.)
13 Schefer, Leopold: „Die Lebensversicherung“. In: Rosen. Ein Taschenbuch für 1830. Leipzig, bei Friedrich August Leo. S. 1-217.
14 Ders. „Der Glasfabrikant.“ In: Jahrbuch deutscher Belletristik auf 1859. Fünfter Jahrgang. Hrsg. von Siegfried Kapper. Prag. Carl Bellmann’s Verlag. S. (93)-152.
15 Kohut, Adolph: „Gedenkblatt zum 100sten Geburtstage Leopold Schefers“ In: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft. Leipzig: Payne, Band II 1884; S. 381-395.
16 Petzold, Eduard: „Nochmals zur Ehrenrettung des Fürsten Pückler.“ In: Garten-Zeitung, 3. Jg. 1884, Nr. 48 vom 18.12.
17 Wolff, Merkwürdige Begebenheiten: „5. Sept. [1814] Schefers Reise nach London zum H. Grafen.“ S. dazu auch: Schefer, Leopold: „Der Park von Muskau. Eine Skizze von Leopold Schefer.“ In: Illustrierte Zeitung. Wöchentliche Nachrichten über alle Ereignisse, Zustaende und Persoenlichkeiten der Gegenwart. Leipzig: J. J. Weber 1849. Monat Juli bis December. Dreizehnter Band; Nr. 319, den 11. August, S. 87-90 (I) u. Nr. 320, den 18. August, S. 107-109 (II).


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