Mein Haus Nr. 204 vor der Stadt
Die Leopold-Schefer-Villa in Bad Muskau
Von Bernd-Ingo Friedrich

Das Geburtshaus Leopold Schefers.
Zwischen den Fenstern im Obergeschoß befindet sich
die 1945 zerstörte Gedenktafel.
Es gibt Zweckoptimisten, die meinen, daß das Warten auf die Erfüllung eines Wunsches schöner sei als die Erfüllung selbst. Eine unglückliche Liebe würde sie schnell eines besseren belehren, und auch das Verlangen nach ungestörtem Wohnen ist kein aufschiebbarer Luxus, sondern – gerade für den Kopfarbeiter – eine Notwendigkeit. Die Wohnungen bzw. Häuser von Schriftstellern, Künstlern und Gelehrten sind Gegenstände von Kalendern, Essays und dicken Büchern. Von Beethoven weiß man, daß er ständig umzog; Bertolt Brecht schrieb, es sei zweckmäßig, in Wohnungen und mit Möbeln zu wohnen, die wenigstens 100 Jahre alt sind; Bibliophile suchen sich ihre Wohnungen danach aus, wie viele Bücher und Regale hineinpassen, und von Heinrich Zille ist der Satz bekannt, man könne einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt. Arno Schmidt wünschte sich nichts weiter als ein Häuschen und Ruhe zum Schreiben, keine Besuche und am allerwenigsten Freunde, denn abgesehen von den vielen lästigen Verpflichtungen ihnen gegenüber sei für einen Schriftsteller ja Jeder (und Jede) ein Objekt der Beobachtung – Material quasi – und da ginge es nicht an, ausgerechnet diejenigen davon auszunehmen, an die man am dichtesten herankäme, was jedoch – man kann sich den Rest denken. Er glich darin seinem geschätzten altvorderen Kollegen Leopold Schefer aus Muskau. Auch Schefer fand, daß nur das Kleine sich verbinden müsse, während das Starke sich Verbündete für seine Vorhaben suche. Auch Schefer brauchte sein Haus zum Schreiben und verließ es 40 Jahre lang nur selten und äußerst ungern; es fehlte eigentlich nur, daß er es mit sich getragen hätte wie eine Schnecke das ihre.
Menschen wie Schefer, für die das eigene Heim als Rückzugs- und Arbeitsort einen ganz besonderen Stellenwert hat, sind auch im 21. Jahrhundert keine seltene Erscheinung. Solchen Zeitgenossen fällt es sofort auf, wenn - zum Beispiel - auf ihrem Hausdach ein Dachziegel locker ist oder gar fehlt. Perfektion gehört für sie ganz einfach zum Leben wie auch zu ihrem täglichen Schaffen. Haus und Garten bedeuten Ruhe, genügend Raum zum Denken und Inspirationsquelle für Ihren stets wachen Geist. Wird diese Kraftquelle durch äußere Einflüsse gestört, so ist die baldige Flucht des Kopfarbeiters quasi vorherbestimmt. Viele tun sich aus diesem Grunde auch mit abhängigen Wohnverhältnissen eher schwer und sind erleichtert, wenn die finanziellen Mittel es ihnen erlauben, einen Hauskauf zu tätigen. Die dadurch erlangte Unabhängigkeit und der damit einhergehende Gewinn an Lebensqualität sind für den Kreativen ein Geschenk, das sich positiv in seinem Wirken niederschlägt.

Das Geburtshaus Leopold Schefers „am Markte No. 128“ muß ein kleines, verwinkeltes Stadthaus gewesen sein. Der wenig vermögende Vater, ein kleiner Landarzt mit einem „zu weiten Herzen“, hatte es nach dem großen Stadtbrand 1766 auf einem freien Platz erbauen lassen und mit seiner Familie am 10. Juli 1780 bezogen. Es mußte jedoch bald wieder verkauft werden, und die Familie mußte in das Haus der Großmutter umziehen. Zuletzt beherbergte das Haus am Markt Familie und „Bedachungsgeschäft und Bauklempnerei“ Richard Günzel. An seiner Außenfassade befand sich bis zur Zerstörung des Hauses 1945 eine Gedenktafel, die am 9. September 1904 wohl anläßlich des 120. Geburtstages Schefers enthüllt wurde; etwas verspätet, denn Schefer wurde am 30. Juli geboren. Die Würdigung Leopold Schefers seitens der Stadt Muskau erfolgte aber ohnehin 20 Jahre später als an vielen anderen Orten, wo seines 100. Geburtstags gedacht wurde. Heute erinnert in Bad Muskau nur noch der zu eben jenem Jubiläum 1884 von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz gestiftete Grabstein an den seinerzeit vielgelesenen und von seinen Mitbürgern hochgeachteten Dichter und Komponisten!
Nach dem Tod der Großmutter 1812 lebte Schefer als Generalinspektor Hermann von Pücklers und zeitweiliger Geliebter der Schwester des Grafen mit im Schloß. Die „Laube“, das offenbar winzige Häuschen seiner Großmutter, sowie seine wenige bewegliche Habe machte er im März 1816 zu Geld für seine große Reise in den Orient. Nach der Rückkehr von der Weltreise nahm er noch einmal für kurze Zeit provisorisch Quartier bei seinem Gönner. Von 1820 bis 1830 bewohnte er ein kleines Nebengebäude im Hof der Muskauer Apotheke.1 Das Gebäude wurde erst nach der Wende 1990 abgerissen.
Das Grundstück vor dem Köbelner Tor, auf das Leopold Schefer später seine Villa setzte, wurde laut Grundbucheintrag bereits am 1. September 1824 von Schefers Cousin Gotthard Hermann Clemens Schefer, geb. am 25.4.1805, gekauft und am 23. Februar 1826 auf „den vormaligen standesherrlichen Generalinspektor Gottlob Leopold Immanuel Schefer“ übertragen.2 Der Bau des einstöckigen Hauses mit geräumigem Dachgeschoß dauerte dank Schefers guter Vorarbeit und seiner Beziehungen nur knappe zwei Jahre. „Mein Haus Nr. 204 vor der Stadt“, nannte er es, erbaut 1830, bezogen am 1. September 1831, genau sieben Jahre nach dem Erwerb des Grundstücks durch seinen Cousin.

Wie wichtig das Haus für Schefer war, geht aus seinen Tagebüchern und hinterlassenen Notizen hervor. Unzählige Skizzen und Entwürfe belegen, daß Schefer sein Haus bis ins Detail, und das heißt in seinem Fall bis hin zu den Tapeten und Gardinen, selbst geplant und projektiert hatte. Im Tagebuch 64 findet sich zum Beispiel ein Grundriß des Erdgeschosses mitsamt der Einrichtung.3 Bemerkenswert daran ist ein Dienerzimmer mit Zugang von außen. („Dir müssen Feind sein: die die Knechtschaft wollen!“) Im Tagebuch 67 waren es gleich vier Seiten, auf denen Schefer mit breiter Feder und Eisengallustinte schreibend und zeichnend seinen Traum vom trauten Eigenheim träumte. 4 Der Grundriß des Hauses war ebenso originell wie sein Äußeres. Alle Zimmer im Erdgeschoß waren um einen zentralen Raum in der Mitte gruppiert, die Essen befanden sich in der Mitte und an den Ecken des Hauses, so daß es von allen Seiten beheizt werden konnte. Im Keller stand außerdem ein Backofen, der (Ökologie im 19. Jahrhundert!) zusätzlich Wärme spendete, wenn gebacken wurde, und der erst in den 1930-er oder 40-er Jahren wegen verschärfter Brandschutzbestimmungen stillgelegt werden mußte. Das Arbeitzimmer Schefers lag jenseits des Familientrubels unter dem Dach, ein später projektierter Anbau sollte Gästezimmer enthalten.

Auch in seinen Briefen spielte das Haus immer wieder eine Rolle. Er schrieb zum Beispiel
am 5. März 1832 an Reimer „Von meinem Hausbau, der mich mehrere Tausende gekostet“;
11. Juli 1834 an Winkler, daß er alles bezahlt habe, was er gekauft und gebaut, für das Grundstück 1300 und für das Haus 4029 Taler;
„7. Dez 1839“ an Schumann „Brand der Scheune um mein Haus“, Schefer schickt vorsichtshalber einen Korb Papiere „in die Stadt“;
an Levy, Grüner Donnerstag 1837: Schefer kauft für das Honorar des Laienbreviers eine Wiese für seine Kühe;
30. Juli 1848 an Lehfeld: „Haus und Garten, Acker und Wiese erspart und frei“, er will sie „für die Kinder nicht belasten“;
und am 5. März 1862 schrieb Marie Schefer an Constant Wurzbach: „Schefer hinterläßt neben seinen dichterischen und musikalischen Manuskripten und den 81 Tagebüchern ‚gegen 400 Reichsthaler Verbindlichkeiten, die von den Jahren 48 od. später herstam[m]en, wo der Buchhandel darnieder lag’.“5
Zur Vergrößerung des Muskauer Parks trug er 1833 mit dem „Verkauf einer Ackerparzelle an die Standesherrschaft“ bei.6
Die Villa erregte denn auch von Anfang an das Interesse der Besucher Muskaus. Als 1849 in der Leipziger Illustrirten Zeitung Leopold Schefers Aufsatz „Der Park von Muskau“ in zwei Teilen erschien, war dem zweiten Teil auch ein Holzstich von „Leopold Schefer’s Haus zu Muskau“ beigegeben, und der Eigentümer selber schrieb dazu: „Zum Schluß gebe ich hierbei, als vielbesucht und vielmal von Reisenden und mich besuchenden Fremden, Herren und Damen, gegenüber vom Grabe der Mach=buba aus abgezeichnetes, in neu byzantinischem Styl erbautes ‚Leopold Schefer’s Haus’.“7
Heinrich Laube, der auf Schefers Anregung hin eine „Festungshaft“ in dem „seit alters her als Veste geltenden“ Muskau verbüßte,8 schrieb in seinen Erinnerungen: „Er hatte sich am Ende des Städtchens ein originelles Häuschen gebaut, welches man für eine Kapelle halten konnte, etwa für eine griechische.“9
Mehr (und anderes) erfährt man von Ludwig Geiger: In einem Brief an Moritz Veit schildert Heinrich Stieglitz Schefers Haushalt so: „Schefer’s Wohnung ist sehr einladend auf einem Gartenhügel gelegen, eine kleine englische Villa am Nordwestende des Städtchens, mit der Aussicht auf einen Theil des Parks. Da dichtet er und besorgt die Einrichtung von Haus; Feld und Garten, während seine Frau die Kinder wäscht und anzieht, die Wäsche plättet und die Küche besorgt, auch sehr besorgt ist, daß der Mann fleißig arbeite und verdiene so viel als möglich; denn zu Arbeit und Verdienen ist sie selbst erzogen; Sonntags begleitet sie ihn auch wohl Nachmittags mit den Kindern zum Spaziergang; in der Woche darf dergleichen Regelwidriges nicht vorfallen. Uebrigens scheint sie sehr brav und gutherzig zu sein, und die Kinderchen sind gesunde, reinliche Pflanzen.“10
Arno Schmidt nannte Schefers Villa in seinem Funkessay Der Waldbrand, oder Vom Grinsen des Weisen „ein originelles Gebäudlein, halb deutsches Innen-Wohnhaus, halb mediterraner Außenbau, die Nachbildung eines Griechischen Kapellchens“. (Dessen Einwohner nannte er einen „guten Meister zweiten Ranges“ und befand: „Der Selbst=Schreibende bestiehlt sie [die Meister], und schweigt.“ – Ein Schelm ...)11
Daß Schefers Villa auch höchsten Ansprüchen genügte, verrät die Liste der Eigentümer nach Schefers Tod 1862. Das bereits zitierte Grundbuch vermeldet:
10. Aug. 1865 Seine Königl. Hoheit Prinz Friedrich der Niederlande;
16. Febr. 1882 Ihre Königl. Hoheiten Wilhelmine Friederike Anna Elisabeth Marie Fürstin von Wied, Prinzessin der Niederlande, u. Luise Josephine Eugenie, Kronprinzessin von Dänemark, Königl. Prinzessin von Schweden u. Norwegen;
1. April 1884 Königl. Sanitätsrat Dr. Albert Prochnow;
3. Okt. 1894 Kaufmann Kurt Seehrich;
29. Juni 1916 Stadtsekretär Hugo Müller, z.Zt. dessen Tochter, verh. Scholze.12

Der letzte Besitzer, ein Autohändler, hat das Haus zweckmäßig „modernisiert“, zu einem Gästehaus umgebaut und den Garten an der Straße in einen rentablen Parkplatz verwandelt. Von dem einstigen Prachtbau ist nicht viel mehr als die Grundmauern geblieben. Auf die Einzigartigkeit des Baues hatten Bettina und Lars Clausen wiederholt hingewiesen. Bereits am 14.8.1971, noch vor den Umbauten, hatten sie die Stadtverwaltung von Bad Muskau in einem längeren Brief darauf aufmerksam gemacht, daß es sich dabei – abgesehen von seiner architektonischen Besonderheit – um das einzige von einem deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts selbst erbaute Haus handele, und hatten unter Hinzufügung der Kopie eines von Marie Schefer, der ältesten Tochter des Dichters, geschriebenen Briefes bemerkenswerte Details mitgeteilt. 13 Die originalen Fenster der Villa sollen damals noch auf dem Dachboden gestanden haben, Tür- und Fensterbeschläge vorhanden und die Feuerung intakt gewesen sein. (Exemplare von Leopold Schefer’s Gesängen zu dem Pianoforte, von denen nach einem Bericht Schefers einige Pakete lange Zeit auf dem Dachboden hinter der Esse aufgestapelt waren, sollen allerdings nicht mehr auffindbar gewesen sein.)
In einem Türrahmen sollen sich noch Kerben befunden haben, die das Wachstum der Kinder Schefers dokumentierten, und der Muskauer Apotheker Werner Manno will sogar noch auf die Wand geschriebene Sinnsprüche sowie die Namen prominenter Besucher gesehen haben, die mit einem Diamanten in eine Fensterscheibe eingeritzt waren.
Neben die Abbildung seines Hauses in der o.g. Illustrirten Zeitung schrieb Leopold Schefer als Schlußsatz des gesamten Artikels über den Muskauer Park: „All meine vielen auswärtigen Freunde bitte ich, dabei sich meiner in Liebe und Treue zu erinnern, wie ich Ihrer gedenke. Καλήν Πατρίδα.“14 – Er hätte sein Haus nicht in Muskau bauen sollen ...
(27.01.2009)

Anmerkungen
1 Clausen/Clausen, Zu allem fähig I, Plan von Muskau.
2 Grundbuch Weißwasser Nr. 224.
3 OLBdW Görlitz, LS-Nachlaß, TB 64:53.
4 Ebd. TB 67:81-84.
5 Zitiert nach Dreyer/Friedrich, Mit Begeisterung 15ff.
6 StFABZ, StH Muskau 2488.
7 Illustrirte Zeitung 1849, Nr. 320:109.
8 S. dazu auch Kortländer, Laube in Muskau.
9 Laube, Erinnerungen XXXX:357.
10 Geiger, Dichter und Frauen 274.
11 Schmidt, Essays III:81ff.
12 Stand 1972.
13 Im privaten Besitz des ehem. Parkdirektors K.H.A. Kurland.
14 „Kalín patrída“ (neugriechisch) ist ein Akkusativ à la „Guten Tag“ und heißt „schönes Vaterland“. Die Worte waren gegen 1820 wohl im Sinne von „auf Wiedersehen“, und aus dem Munde neugriechischer Patrioten unter osmanischer Herrschaft mit derselben Nebenbedeutung zu verstehen, wie etwa der jüdische Abschiedsgruß in der Diaspora: „Auf Wiedersehen in Jerusalem.“
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