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Summa summarum

Eine Anthologie dubioser Bücher aus der Region um Weißwasser

Von Bernd-Ingo Friedrich


1. Wer nichts vom Büchermachen versteht, sollte keine Bücher machen.
2. Wer nicht genügend Geld hat, ordentliche Bücher zu machen oder machen zu lassen, ebenfalls.
3. Geld allein macht keine ordentlichen Bücher, siehe 1.

Das Buch hat sich bis heute (noch) seinen besonderen Nimbus als Erzeugnis sowohl Geistes als auch des Handwerks bzw. der Industrie bewahrt. Die Deutschen verdanken ihm den Ruf, ein Volk der Dichter und Denker zu sein, doch das ist relativ lange her. Nach dem 15. hat sich das 19. Jahrhundert um das Buch besonders verdient gemacht, und noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde in Deutschland vehement um Details der Typographie und des Satzes gestritten, wurden Schriften entwickelt und verbessert, um das Buch als Werkzeug des Geistes tauglicher zu machen. War der Buchdruck über vier Jahrhunderte die Domäne von ausgewiesenen Fachleuten, studierten Typographen, gelernten Setzern, Druckern, Buchbindern usw., so ist er heute zum Tummelplatz von Dilettanten im allerschlechtesten Sinne geworden. Als Teilaspekt der Demokratisierung an und für sich zu begrüßen, hat die leichte Handhabbarkeit der PC dazu geführt, daß die Errungenschaften des konventionellen Buchdrucks in der Mülltonne gelandet und das Buch mehr und mehr zu bedrucktem Papier zwischen zwei Pappen verkommen ist. Es wird massenhaft in den Markt gedrückt, egal wie gut oder schlecht es – meist auch inhaltlich – ist. Schlechte und/ oder schlecht gemachte Bücher – Typographien überhaupt – haben erschreckend zugenommen und dürften an hervorragender Stelle mitverantwortlich für die Leseunlust der jungen Generation sein, denn ein schlecht gemachtes Buch, das heißt, ein Buch, welches auf die physiologischen Grundlagen des Sehens und Erkennens keine Rücksicht mehr nimmt, ist wie eine stumpfe Axt, die ihrem Benutzer die Lust am Arbeiten nimmt. Ein schlechtes Buch aber ist nicht nur stumpf, sondern auch schädlich: Ein schlecht gemachtes Buch diskreditiert seinen Inhalt. Es ist ein Symbol des Kulturverfalls. Einige dieser Zeitzeichen – ich beginne mit eigenen – sollen hier von Zeit zu Zeit benannt werden; für alle würde wohl nicht einmal das www ausreichen.


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Johann Andreas Tamm, Cottbus 2007.
Für die Verkleinerung der Vorlage mit den Schriftgrößen 11 und 9 Punkt von 100 % auf 82,5 % für einen "ökonomischen" Druck zeichnet: Der Regia-Verlag Cottbus.

Das Fürst-Pückler-Eis, Cottbus 2008.
In diesem Falle genügt es darauf hinzuweisen, daß das Original-Rezept für das Fürst-Pückler-Eis 400 anstatt 200 Gramm Zucker enthält. Diesen und andere „Druckfehler“ sowie die lieblose Aufmachung verdankt das Werkchen der Graphik-Designerin Therese Schneider, Berlin, die im übrigen auch die unansehnliche Website der Stiftung Fürst-Pückler-Museum Park und Schloß Branitz designete. Warum die gut verkäufliche Broschüre ohne ISBN erschien? Das wäre eine an den Herausgeber, die o.g. Stiftung, zu richtende (gute) Frage.

Die jüdische Minderheit in Weißwasser, Heft 3, Teil 1, Weißwasser 2009.
Eine ordentlich geschriebene, aber haarsträubend aufgemachte Broschüre, auf welcher der eigene Name prangt – für einen Bibliophilen doppelt bitter: Kein Titelblatt, kein Impressum (in dem dann auch Top Light Werbung, Weißwasser, für Satz und Layout gestanden hätte) und ein Satzspiegel, der diesen Namen nicht verdient. Das fehlende Titelblatt ist hier um so weniger zu verschmerzen, als es nicht nur kosmetische Funktion gehabt hätte. Auf ihm wäre nämlich zu lesen gewesen, daß es sich bei dem vorliegenden Heft um den ersten Teil einer größeren Arbeit handelt. Sein Fehlen wird vollkommen unverständlich, wenn man sich bis zur letzten Seite durchgelesen und festgestellt hat, daß diese blütenweiß ist. Der aus der Zentrierung gerutschte Davidsstern auf dem Umschlag und die vielen äußerst unschön mit der Oberkante dicht an den Text gesetzten Abbildungen sind dagegen kaum noch bemerkenswert. Warum ein so wichtiger Beitrag zur Zeitgeschichte in Kleinstauflage und ohne ISBN erschien, wäre wiederum eine an den Herausgeber zu richtende Frage.

Pücklers Park & Plauderei, Weißwasser 2009 (die sogenannte "Kirchhoff-Reihe") oder:
Das Wundertier
Ja, so wie der Pückler sollte man leben: Man wird wohlgeboren und liegt kaum in der Wiege, da stehen an ihrem Kopfende schon die drei Nornen mit Reichtum, Geist und Schönheit. Geist allein ist zwar eher schädlich als nützlich, und auch Schönheit ist nicht unbedingt ein Garant für den Erfolg – man denke nur an die wunderschönen Mädchen auf der Reeperbahn – aber Reichtum! Reichtum allein würde schon genügen; zusammen mit Geist und gutem Aussehen – was soll da noch schiefgehen. Am Erfolg eines solcherart begünstigten Sprößlings kann selbst die miserabelste Erziehung nichts ändern, nicht einmal Pubertät und Pickel können einem schaden: Man wird unweigerlich zu einem respektablen Mann. Und weil man für alles Unangenehme seine Leute und alle Tage und Nächte freie Zeit in Hülle und Fülle hat und Langeweile hätte, wenn man gar nichts täte, legt man sich einen kleinen Garten an; das heißt: Man läßt legen: Weite Wiesen mit aparten Baumgrüppchen, die mit Sichtachsen von ein paar Hundert Metern Länge das Gefühl grenzenloser Freiheit imaginieren; kilometerlange verschlungene Pfade zum Reiten und Kutschieren, die irgendwohin oder nirgendwohin, nämlich auch zurück führen können, subtil verborgen wie im richtigen Leben; Himmel blau und Schäfchenwolken; ein Schloß mit hunderttausend Büchern, lauter Kanapees und ebenso vielen hübschen, verführerisch ver- oder entkleideten Teenagern; eine Schlemmerküche mit einem Viel-Sterne-Koch und einem Konditor ... Angenehm tagträumend durchwandere ich das Gärtchen des vor langer Zeit wohlverstorbenen Lieblings der Götter, beiläufig eine vergnügliche Reportage ersinnend, so wie er es gelegentlich tat. Doch was ist das da?! Ein Kranich? – Nein. Dafür ist das Ding zu dünn. Ein Storch kann es auch nicht sein, denn dazu ist es zu grau. Für beide ist es viel zu lang, außerdem hat es einen Schnurrbart: Ach, sieh an, es ist ein Pückler. Vielmehr: Es ist die Karikatur eines Pücklers. Kerschow heißt das mit seiner furchterregenden, halbmeterhohen „Angströhre“ nur scheinbar und von Ferne so überaus lange Wundertier, das sogar kleine Broschürchen emittiert, seit es sich in einen Pückler verwandelt hat. Sie taugen bloß nichts, die Broschürchen. Es ist nicht einfach, ein Pückler zu sein, wenn einen die Nornen ganz und gar vergessen haben.


Was wuselt so spät noch durch Stadt und Wald?
Frührentner sind’s, doch sie fühl’n sich nicht alt.
Das Nichtstun – es quält sie, des Alters Fluch,
Drum wuseln sie noch – sie machen ein Buch.
Die Autoren seh’n alt aus, die Rentner stets jung –
Das nennt man hierzulande „Beschäftigung“.

Wer nichts Ordentliches, Neues schreiben kann, sollte am besten gar nichts schreiben; und wenn er schon das Schreiben nicht lassen kann, sollte er wenigstens nichts veröffentlichen. Rentner, die meinen viel erlebt zu haben, weil ihnen einmal eine Verkäuferin widersprochen hat; Extremsportler, die mit ihrem Leichtsinn Familienangehörige umgebracht haben; Jünglinge mit Liebeskummer (kann man noch verstehen) und Leute, die überhaupt nicht und nichts schreiben können, aber etwas gelten wollen im Kreise ihrer Lieben – Egomanen jeder Couleur strapazieren die Wälder zwischen der Lausitz und Sibirien (links und rechts um den Globus herum). An die 100.000 Neuerscheinungen im Jahr, fast 300 täglich, sprechen deutlich für sich. Bei einem solchen Gedränge spielt die Qualität des Geschriebenen keine Rolle mehr. Um so wichtiger sind menschliche Qualitäten, die dem Geschriebenen zu Aufmerksamkeit verhelfen können: unverhüllte Primär und Sekundärgeschlechtsteile, von Alkohol-, Drogen- oder Schönheits-OP-Exzessen lädierte Visagen, große Schnauzen, kriminelle Delikte – die Dschungelkönige und -ginnen machen es vor. Aber das sind die Extreme, und deren Buchstabenreihen entsprechen ihrem Aussehen und Auftreten. Klar im Vorteil sind auch ehemalige Verleger, Buchhändler, Antiquare, „Prommis“ und andere Politiker mit guten alten Beziehungen zum Medienrummel.
Eine ganz besondere Kulturleistung der Überflußgesellschaft aber sind die sogenannten „Rentnerbücher“. Sie erbosen mittlerweile sogar gutwilligste Sozialarbeiter. Sie gedeihen dank eines Staates, der von dem Geld, das er ohnehin nicht hat, Stillhalteprämien in jeglicher Form unter die Leute kippt, denen er ansonsten nicht mehr viel bieten kann. Und so marodieren von der langen Weile angefressene Pensionärstrupps, alle nur erreichbaren Fördertöpfe plündernd, durch die deutsche Projektelandschaft und machen den gewissenhaften Arbeitern des Geistes unlautere Konkurrenz. Mit Aldi-Computerprogrammen und sonst nichts bewaffnet; Grammatik, Syntax und Stil; Typographie, Satz und Layout ignorierend (die Orthographie übernimmt zum Teil immerhin noch der PC) schaffen sie Kulturgüter, die von leeren Bierdosen in der äußeren zwar Form abweichen, ökologisch aber mindestens ebenso desaströs sind wie jene. Den einen Mißbrauch (das Produzieren schlechter, dummer oder schlicht überflüssiger Bücher) mit einem anderen zu relativieren (Reklameflut, mehrblättrige, einseitig bedruckte Ämterschreiben, die aus technischen Gründen auf der letzten Seite nur noch einen einzigen Satz zu stehen haben) oder der Hinwies auf die soziale Komponente jedweder Art von Beschäftigung ist dabei ebenso ignorant wie gefährlich: Der Mensch vernichtet nämlich nicht nur die Natur, sondern er vernichtet mit ihr sich selbst.

Rentnerbücher
Man sehe sich bitte um im eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis ...


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