Die Wikipedia
Übungsplatz für Parlamentsdebatten
Von Bernd-Ingo Friedrich
Wer meint, er würde in seinem Buch nun endlich die ganze Wahrheit verkünden,
bedenkt nicht, daß er den tausend schon vorhandenen, in denen dasselbe behauptet wird,
lediglich ein weiteres hinzufügt, das die Verwirrung nur vergrößert.
(biF 2006)
Die Wikipedia
Umfragen zufolge gilt die Wikipedia unter Schülern und Studenten als das kompetenteste Nachschlagewerk, als das Nachschlagewerk schlechthin. Das kommt vermutlich daher, daß sie keine Frakturschriften, demzufolge keine alten Nachschlagewerke mehr lesen und demzufolge auch nicht wissen können, was ein Nachschlagewerk sein sollte und auch sein kann. In keinem gedruckten Nachschlagewerk der Welt steht so viel Müll wie in der Wikipedia, und das hat Gründe, die in der Organisation der Wikipedia selbst, aber vor allem in ihrer Manipulierbarkeit durch Hinz und Kunz liegen.
Ihr organisatorisches Kernproblem benennt die Wikipedia selbst: „Neben dem Problem bewusster Fehleintragungen besteht das weit schwerer einzugrenzende Problem, dass sich in den Inhalten mittelfristig Halbwissen durchsetzt. In einer durch Arbeitsteilung ausgezeichneten Gesellschaft verfügt immer nur eine Minderheit über Fachwissen. Die jeweilige Minderheit läuft stetig Gefahr, von der Mehrheit ‚korrigiert’ zu werden. Die Inhalte laufen somit Gefahr, nicht den Wissensstand der Gesellschaft, sondern die vorherrschenden Vorurteile abzubilden, zu bekräftigen und zu tradieren. Dem ist selbst durch ‚korrektives’ Eingreifen von Autorenseite und administrative Vorgänge nicht vollständig beizukommen.“ (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia)
Dem ist überhaupt nicht beizukommen, und damit hat Wikipedia den bedeutendsten Vorteil verschenkt, den sie gegenüber den gedruckten Lexika hätte haben können, nämlich die Chance, kompetent und immer auf dem neuesten Stand zu sein. Statt dessen bietet sie – ein gesamtgesellschaftliches Phänomen – Masse statt Klasse, viel Geschwurbel, wenig Fakten, und das von der ersten Zeile an. (Zum Beispiel – nur eins – wäre es hilfreich, vor die Erklärung eines Substantivs anstelle des albern-monotonen „Ist-ein/ -eine“ erst einmal dessen Artikel zu setzen, denn dann könnte es nicht passieren, daß im Artikel „Couleur“ von „das Couleur“ anstatt „die Couleur“ die Rede ist.) Spezialisten, die ja auf jedem Gebiet immer wieder nachwachsen und oft zu Erkenntnissen gelangen, die gängigen Auffassungen widersprechen, haben in der Tat kaum eine Chance, mit ihren Forschungsergebnissen in der Wikipedia durchzudringen, es sei denn, sie verwenden darauf eben so viel Zeit wie auf ihre Forschungen. Verantwortlich dafür sind gewisse „Benutzer“.
Die „Wikipedisten“
Das Gros der sogenannten Benutzer entpuppt sich schnell als ignorante und arrogante Schwätzer; als Maulhelden, die sich hinter Pseudonymen verstecken, weil sie zu ernsthaftem Recherchieren selbst im Internet zu faul sind und von denen man deshalb – bis hin zu ihren sexuellen Präferenzen – fast alles erfahren kann, doch nur selten die Dinge, die von Interesse wären: Name, Alter, Beruf, wissenschaftliche Reputation. Was die Selbstportraits der Benutzer in der Regel vermitteln, sind strotzendes Selbstbewußtsein und ein „gefühltes Wissen“ jenseits aller Rationalität. Das Heer der Egomanen kümmert sich bevorzugt um Kleinkram wie Apfelessig, Buhlschaft, Brutkolonie, Winterpelz oder Zigeunerrastplatz Marzahn und so kommt es, daß beispielsweise der polnische Nationalheld Tadeusz Kosciuszko erst seit 2007 mit einem bescheidenen Artikel vertreten ist. (1 Autor, 36 verschiedene Bearbeiter, 50 Bearbeitungen!)
Die „Diskussion“
Diskussionsbeiträge werden nicht beurteilt, sondern mitunter sogar binnen 10 Minuten abgeurteilt, sozusagen abgewatscht. Wenn das Diskutieren nicht mehr hilft – argumentiert wird sowieso kaum – wird in bester Stasi-Manier denunziert.
Beispiel 1: Artikel „Fürst-Pückler-Eis“
Beim Diskutieren dieses Artikels hat sich der Benutzer OS („DER dicke Panda“) besonders hervorgetan – nicht verdient gemacht! Seine Rabulistik offenbart anschaulich und eindrucksvoll, wie ein einziger Benutzer monatelang die Arbeit vieler sabotieren kann, indem er sich generell weigert, Fakten zur Kenntnis zu nehmen.
Auf der Grundlage der Diskussion um das Fürst-Pückler-Eis kann man OS ohne weiteres bescheinigen
- für den Fall, daß er dazu fähig sein sollte, Unvermögen,
- und für den Fall, daß er willens sein sollte, Unfähigkeit
zu sachlicher und vor allem konstruktiver redaktioneller Arbeit; Kombination aus mangelndem Willen und Unfähigkeit nicht ausgeschlossen. Es täte der Wikipedia gut, sich von Benutzern wie ihm zu trennen, denn sie provozieren mit den Ergebnissen ihrer Arbeit – man sehe sich weitere Artikel von OS an – geradezu berufene Urteile wie „die Wikipedia – das dümmste Lexikon aller Zeiten“.
Beispiel 2: Artikel „Briefbeschwerer“
Die Benutzer heißen hier Ureinwohner, Schlurcher, Schorle, Dickbauch, Bubo bubo (der Uhu) oder Jpp; insgesamt sind es um die zwanzig. Momentan mit dem Artikel befaßt ist der „Universalgelehrte, Kosmopolit, Enzyklopädist, Kaltduscher“ und so weiter, „Nachkomme von Adam und Eva sowie Noah (der mit seiner Arche die Sintflut überstand; siehe auch Stammbaum Jesu)“ (sic!) Wolfgang1018. Die 1018 am Pseudonym meint offenbar die Anzahl seiner Interessengebiete oder – was wahrscheinlicher ist – die Anzahl der Sprachen, die er selbstverständlich fließend spricht.
(Als letzter Polyhistor wird übrigens Leibnitz bezeichnet.)
Wolfgang beginnt mit einem Tip: „Speziell für Schüler: Wenn euer Lehrer nichts taugt, wenn eure Lehrbücher keine passenden Erklärungen haben, wenn euer Lexikon im Regal veraltet ist und die Suche mit einer Suchmaschine euch nur einen Haufen wirrer Links beschert, dann seid ihr in der Wikipedia richtig. Hier gibt es die Informationen, die ihr sucht, und ich sorge dafür, dass es ständig mehr werden.“ Da hat er wohl recht.
Doch wer sich mit seiner Benutzerseite befaßt, braucht gar keine Wikipedia; – für die hat er dann nämlich keine Zeit mehr. Diese Seite ist eine reichlich fußballfeldgroße Selbstdarstellung, in der man etwa auf Höhe der Mittellinie erfährt, daß Wolfgangs Vorbilder Gott, Jesus Christus und der Apostel Paulus sind. Noch im eigenen Strafraum gibt er deshalb zu Protokoll, was jene vermutlich zu sich nahmen und demzufolge auch er zu konsumieren pflegt:
„Obst und Gemüse nehmen in meiner Ernährung einen vorrangigen Stellenwert ein. Vom Frühstück bis oft weit in den Nachmittag hinein bevorzuge ich Rohkost und frischgepresste Säfte, was in mir eine große Lebensfreude auslöst, eine Begeisterung, die ich gern an andere weitergebe. Das Obst, gleich ob Heidelbeeren, Aprikosen, Granatäpfel oder Durian, und das Gemüse - von der Karotte über die Radieschen und die Paprika bis zur Topinambur - erinnern mich an den Garten Eden und an die biblischen Prophezeiungen zur Wiederherstellung des irdischen Paradieses. Außer Frucht- und Gemüsesäften gehören zu meinen bevorzugten Getränken Früchte- und Kräutertees, Leitungswasser, levitiertes und destilliertes Wasser, Hafer- und Sojamilch, Gemüsebrühe, Wein, Kombucha und indischer Lassi. Milch, Bier, Kaffee und Cola trinke ich nicht oder nicht mehr.“ (Kursiv = verlinkt!)
Tabakrauch – igitt – verabscheut er natürlich, und deshalb unterstützt der Kernenergie-Befürworter auch die deutschen Politiker bei der Lösung ihres größten Problems seit der Rechtschreibreform. Vom Gammel-Fleisch würde er gern loskommen wollen – schafft er aber nicht. Wenn man ein wenig umherdribbelt, erfährt man, daß er gern durch den Hofgarten seines Zweitwohnsitzes Coburg „walkt“. Sein Hauptwohnhaus in Nürnberg zieren „zwei Sanddornsträucher, mehrere Kornelkirschbäume und zahlreiche Mahonien und Felsenbirnen, von deren (sauren) Früchten [er] gerne im Sommer und Herbst nasch[t]“!
Wir übergehen die Schilderung seines Bildungsweges, seiner Informationsquellen, seines Equipments (erster Laserdrucker 1988 – Donnerwetter!); seine Bibel-Mission; zu lesende Bücher/ nicht zu lesende Bücher; die zu empfehlenden Filme/ die nicht zu empfehlenden Filme; seine Prophezeiungen et cetera, perge, perge; und halten nur fest: Der Mann ist ein Leuchtturm, denn seine Vorbilder sind Gott, Jesus Christus und Anton Zischka.

Bibbia_con_rosa.jpg
Und so erscheint es schließlich ganz folgerichtig, daß er sich, angelangt im gegnerischen Strafraum, als Verfasser des Artikels „Laudatio“ outet, Zitat: „(weil ich zuweilen Lobreden über mich höre)“. Also – wer Wolfgang1018 heiraten möchte, denn er ist seltsamerweise noch ledig (nix wie ran!), findet hier mehr, als er von Polizei, Meldestelle, Schufa, Nachbarn und Schwiegermutter in spe jemals erfahren könnte. Und vor allem: Nur Gutes!
Wolfgang hat nun mit Hilfe der Ureinwohner, Schlurcher, Scholle, Jpp und den vielen Ungenannten in vierjähriger Arbeit einen Artikel über Briefbeschwerer zusammengebracht, der ähnlich gehaltvoll ist wie der einleitende Satz zu seinem Artikel „Glasindustrie“:
„Die Glasindustrie umfasst alle Unternehmen der Glasherstellung und -bearbeitung. Da Glas aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken ist und in Industrie, Forschung, Bauwesen sowie in den Privathaushalten universell eingesetzt wird, handelt es sich bei der Glasindustrie um einen bedeutenden Wirtschaftszweig.“ Tja, wer hätte das gedacht. Absatz, Zitat:
„Wenn mich einer auf die eine Backe schlägt, halte ich durchaus auch die andere hin. Ich kann manchmal einfach nicht anders. Schon in meiner Schulzeit bin ich Raufereien aus dem Weg gegangen. Wikipedianer sollten diese Schwäche (?) aber nicht allzu sehr ausnutzen.“
Man würde das gern einmal ausprobieren wollen, aber erstens geht das ja in der Wikipedia nicht, und zweitens – wer und wo ist Wolfgang1018?
(Zu nachklassischen Briefbeschwerern siehe briefbeschwerer.kulturpixel.de.
Sie ist nicht nur die einzige Website zu diesem Thema, sondern ein Ergebnis der einzigen auf Provenienzforschung basierenden Arbeit dazu. Die Website wurde Wikpedia als Weblink vorgeschlagen und von dem Ignoranten Wolfgang1018 handstreichartig entfernt. Er hätte in seiner Laudatio besser schreiben sollen: "... ich sorge dafür, daß meine Beiträge ständig mehr werden.")
Ein Resultat
Ich denke, die OSsis und Wolfgangs sind verantwortlich für den Aufschrei gequälter Seelen wie Dickbauch, der sich im August 2005 mit den Worten verabschiedete:
„Nein, ich habe wirklich keine Lust mehr.
Danke für die netten Nachrichten, aber es geht mir hier schon länger nur noch auf den Sack.
1. Dieses ewige rumdiskutiere für jeden Pups.
2. An jeder Ecke lauern die Klugscheißer im Dutzend, ach was noch mehr.
3. Immer dieses für alles und jedes rechtfertigen müssen.
4. All die Vollspaten, die diese Veranstaltung mit Google verwechseln.
5. All die Labersäcke, die jeden Scheiß und Wortmüll behalten wollen, ohne zu erkennen was sie damit anrichten.
6. Die religiös/politisch/sonstwie Verwirrten, die meinen alles was mit ihrem Lebensmittelpunkt zusammenhängt würde den Rest der Menschheit interessieren.
7. All die Spielkinder, die meinen eine Enzyklopädie sei der richtige Platz für einen mehrseitigen Beitrag über die Anzahl der Pickel auf Harry Potters Arsch.
8. Aber vor allem dieses ewige rumdiskutieren ‚Der böse böse Admin blabla’, ‚Benutzer:XY hat mir meine Sandburg kaputt gemacht - das stimmt nicht, der hat zuerst mein Schäufelchen geklaut’...das kanns einem wirklich verleiden.
Wenn ich hier noch weiter teilnehme, dann als IP, aber Gott, der Teufel und was-weiss-ich-noch-alles mögen vor der Torheit bewahren in diesem Affenzirkus jemals wieder den Dompteur spielen zu wollen.“ – Dito.
(1. April 2009)
Nachtrag
Der Inhalt der Benutzerseite "Wolfgang 1018" wurde inzwischen vermehrt und überarbeitet.
Der Artikel "Briefbeschwerer" wurde leicht überarbeitet, und natürlich enthält er nach wie vor keinen Hinweis auf briefbeschwerer.kulturpixel.de.
(30. Mai 2009)
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen