Rosa und Sally Teitelbaum
Ein verdrängtes Kapitel Geschichte
Von Werner Schubert
Der folgende Artikel ist ein Kapitel aus: Werner Schubert/ Bernd-Ingo Friedrich: Die jüdische Minderheit in Weißwasser. Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Juristische Ahndung und historische Aufarbeitung nach 1945. Teil 1. Weißwasser 2008; S. 34f.
Wie die Adreßbücher von 1927 und 1933 melden1, waren die Teitelbaums bis zur ersten Hälfte der 1930er Jahre Bürger von Weißwasser. Eine Liste der Synagogengemeinde Görlitz aus dem Jahre 1931 nennt unter Nr. 160 ebenfalls Sally T. Kaufmann, Weißwasser, Gartenstraße 4, heute Bruno-Bürgel-Straße 7. Erst 1934 oder 1935 verzogen sie nach Muskau und bezogen dort die Parterrewohnung der Villa „Treu“, Grüner Weg 2. Das weist auch das Adreßbuch für Muskau aus dem Jahre 1937 nach. Einen Eintrag im Geschäftsverzeichnis des Adreßbuches gibt es nicht. Er ging also keiner selbstständigen Tätigkeit nach. Am Reichspogromtag, am 10. November 1938, überfiel eine Terrortruppe aus SA-Leuten und einem SS-Mann ihre Wohnung, die völlig zerstört wurde. Sie beendeten noch am gleichen Tag ihr Leben durch Erhängen an den Fensterkreuzen.

Friedhofstafel mit den Namen von Sally und Rosa Teitelbaum in Bad Muskau.
Die Teitelbaums wurden im Osten Preußens geboren; Rosa Teitelbaum am 20.7.1878 in Posen, Sally am 21.7.1876 in Gilgenburg, dem heutigen Dabrowno, etwa 50 km südöstlich von Allenstein (Olsztyn) und 30 km von Osterode (Ostroda) entfernt im ehemaligen. Ostpreußen2. Wie viele Deutsche verließen sie ihre Heimat, die preußische Provinz Posen, nachdem sie im Gefolge des verlorenen Ersten Weltkrieges an Polen abgetreten werden mußte. Wir treffen sie wieder im Jahre 1920. Zu diesem Zeitpunkt wohnten sie in Weißwasser. Sie waren Mitglieder der Synagogen-Gemeinde Görlitz. Er war als Kaufmann in einer Liste der auswärtigen Mitglieder als Nr. 138 verzeichnet, und zwar als „Wahlmann“, der die „Repräsentanten“ der Gemeinde zu wählen hatte3. Nach einem preußischen Gesetz von 1847 über die „Verhältnisse der Juden“ waren diese verpflichtet, unter staatlicher Aufsicht Synagogen-Gemeinden zu bilden, in denen wirtschaftlich selbstständige und unbescholtene Männer über 18 Jahre die Repräsentanten, d.h. den Vorstand wählen konnten. Der Oberbürgermeister von Görlitz als staatliche Aufsicht verschickte an die Wohngemeinden Urlisten mit der Auflage, diese zu prüfen und die Gemeindemitglieder zu benachrichtigen.
Sicher ist, daß beide Teitelbaums bis Mitte der 1930-er Jahre in der Tonwarenfabrik von August Kanther in Lugknitz, Muskauer Str. 88, beschäftigt waren4. Eine Zeitzeugin wohnte dort bei ihrem Großvater und lernte Sally Teitelbaum über einen längeren Zeitraum persönlich kennen. Er war von kleiner Statur, seine Haare schon ergraut. Er besorgte Aufträge. Eine andere Zeitzeugin, die gegenüber der Fabrik wohnte, sah ihn oft in der Werkstatt und beobachtete, wie er Tonfiguren formte, um sich zu beruhigen, wie er sagte. Rosa Teitelbaum versah die Buchhaltung und das Rechnungswesen. Die kleine Fabrik brannte allerdings wenig später ab und wurde nicht mehr aufgebaut. Es konnte nicht geklärt werden, ob ein technischer Defekt oder Brandstiftung die Ursache war. Alle in der Familie nahmen aber als sicher an, daß es ein Racheakt gegen Hermann Kanther war, weil er die Mitarbeit der beiden Juden, die vielleicht sogar Teilhaber waren, nicht beendete. Gegen den Großvater der Zeugin wurde jedenfalls nicht wegen Brandstiftung ermittelt. Er hatte ein Alibi, da er zu der fraglichen Zeit in der Kantine der Grube "Babina" saß. Diese Version konnte durch einen weiteren Zeugen bestätigt werden5. Danach waren die Teitelbaums nette bescheidene Leute, die eine Art Vertreter- und Buchhaltertätigkeit bei Kanther ausübten. Nach dem Brand hat er wahrscheinlich in der Kantine der "Babina" ausgeholfen, die Kanther nach diesem Unglück übernommen hatte.
Über eine Untersuchung nach 1945 ist bisher nichts bekannt. Mit Sicherheit hat es auch nie eine gegeben, denn die vielen Versuche in der Stadtverwaltung, eine Dokumentation zu finden, oder Gespräche mit Zeitzeugen waren ergebnislos. Lediglich ein Gespräch mit dem in den 1970er Jahren tätigen Parkleiter Kurland am 12.9.2000 ergab folgende Einzelheiten: Die Leichen bestattete man auf dem Gelände der Friedhofsgärtnerei, und zwar im Bereich des Abfallhaufens. Nach dem Krieg fand eine ordnungsgemäße Bestattung an der Mauerstelle links des Friedhofseingangs statt, wo heute die Gedenktafel angebracht ist. Weitergehende Angaben waren nirgends zu erhalten. Es erscheint auch fraglich, ob eine Durchsicht des Muskauer Anzeigers6, der gegenwärtig nicht zugänglich ist, und der Lausitzer Rundschau die Lücke schließen könnte7. Die Suche nach einer Dokumentation über die Teitelbaums8, die im Zusammenhang mit der Bestattung oder der Anbringung der Gedächtnistafel eigentlich erforderlich gewesen wäre, blieb ebenfalls ergebnislos. Weder in den Abteilungen der Stadtverwaltung noch im Stadtmuseum ließ sich ein Beschluss oder ein Text finden. Auch Mitarbeiter, die um 1975 Verantwortung trugen, konnten nicht weiterhelfen. Eine Rechnung vom 20.10.1975, ausgestellt von der Firma Riech, Berliner Straße9, führte zu der sicheren Annahme, daß die Tafel in diesem Jahr anläßlich des Gedenkens an den Pogrom von 1938 angebracht wurde. Eine Feier oder eine offizielle Enthüllung soll es aber nicht gegeben haben10. Jahre früher hatte ein Steinmetz die beiden Namen denen der FIR, der Kämpfer gegen den Faschismus, hinzugefügt, die eine Steinsäule am sowjetischen Friedhof an der ehemaligen Bad Muskauer Mittelschule nennt. Ihr Grab wird jetzt offiziell im Auftrage der Stadtverwaltung von einer Firma gepflegt.
(13.05.2009)
Anmerkungen
1 Ratsarchiv Görlitz.
2 Die Daten teilte die Friedhofsverwaltung Bad Muskau mit.
3 Kommunalakte über jüdische Religionsangelegenheiten Nr. 152.
4 Die Adreßbücher 1933 und 1937 weisen ihn nach.
5 Hans Schmidt, Berliner Straße 13, im Gespräch am 25.5.2004.
6 Die Mehrzahl der Zeugen meldete sich nach einer Aufforderung im Muskauer Anzeiger.
7 In der LR ist in den Monate Oktober und November 1975, also dem Zeitraum, in dem die Gedenktafel angebracht wurde, kein Hinweis auf das Ereignis zu finden.
8 Die öffentlichen Dokumente weisen ein „t“ anstelle des auf der Tafel verwendeten „d“ aus. Eine Erklärung dafür konnte nicht gefunden werden.
9 Hinweis von Frau Regina Barufke, damals Leiterin des Stadtmuseums Bad Muskau, Bestätigung durch Firma Riech, Bad Muskau.
10 Aussage von Herrn Riech, der die Tafel nach ihrer Fertigstellung angebracht hat.
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