Leopold Schefer in Muskau, 1863
Das Haus des Lebens
Ein wiederentdecktes Gedicht

Das Haus des Lebens stehet offen,
Und Menschen kommen, Menschen gehn;
Hier Diese fürchten, Jene hoffen –
Und anders immer ist geschehn.
Die Menschen kommen klein, in Thränen,
In unenträthselter Gestalt!
Sie nähren hier ein himmlisch Wähnen,
Und gehen wieder, müd’ und alt.
Das Haus des Lebens bleibet offen,
Und Menschen kommen, Menschen gehn;
Manch alter Wunsch wird doch getroffen,
Und manches Gute ist geschehn.
Doch alle nicht gehn alt und müde –
Sie gehen schon jung aus junger Welt!
Sie hatten Glück, sie hatten Friede –
Doch Wer ist, der die Todten hält?
Das Haus des Lebens bleibet offen,
Die Sonne bleibt am Himmel stehn;
Die Erde blüht, ein ewig Hoffen
Erfüllt die Brust mit Frühlingswehn.
Doch Vieles muß die Menschheit dulden
Im neuen wie im alten Jahr,
Denn tausend Sorten alte Schulden
Treibt stets die Zeit ein, streng und baar.
Das Haus des Lebens bleibet offen,
Und Menschen kommen, Menschen gehen –
Und jeder Wunsch wird einst getroffen
Und jedes Gute wird geschehn.
Drum waltet still und ungesehen,
Der Wirth des Hauses! Gott geschieht!
Und Gott nur läßt die Welt geschehen,
Schaut göttlich: was vorüber zieht!
Das Haus des Lebens bleibet offen,
Der Ort des Wirkens immerdar;
Das Gute thun, das Bessre hoffen!
Für Gute giebts kein neues Jahr.
Ist Krieg – doch wird die Welt nicht ärmer!
Ist Friede – reicher wird sie nicht!
Das Menschenherz nur schlage wärmer,
Und jede Seele werde licht!
In: Deutsche Kunst in Bild und Lied. Original-Beiträge Deutscher Maler und Dichter.
Herausgegeben von Dr. Carl Rohrbach. Fünfter Jahrgang. 1863.
Leipzig/ Druck und Verlag des lithographischen Institutes von J. G. Bach; S. 63f.
Enthält außerdem von Leopold Schefer : „Die Dispute der Götter“.
(11.06.2009.)
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