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Zum Einband degradiert:

Eine Himmelfahrtsliturgie des 14. Jahrhunderts

Kommentiert von Ernst-Jürgen Dreyer



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Das Blatt zeitlich einzuordnen, traue ich mir auf die Ferne nicht zu. Die Fraktur mit ihren Kürzeln hat sich jahrhundertelang nicht verändert; auch die Hufnagel- und Quadratnoten auf Vierliniensystem, seit dem 12. Jahrhundert üblich, hier mit rotgefärbter Linie statt Schlüssel, wurden jahrhundertelang benutzt. Vieles steht heute noch ganz ähnlich (wenn auch eindeutiger quadratisch) im Graduale Romanum.
Leichter erschließt sich der Inhalt; schon ein Blick auf Anfang und Ende läßt keinen Zweifel daran, daß es sich um die Himmelfahrtsliturgie handelt. Der eröffnende Textteil stammt aus dem Marcus-Evangelium:
           Euntes in mundum uniuersum predicate euangelium omni creature,
bei Luther „Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“ (Marcus 16,15). Unmittelbar nach dieser Belehrung der Jünger fuhr nach Marcus 16,19 der Rabbi gen Himmel.
Ein Blick auf den Schluß der rechten Textspalte bestätigt die Himmelfahrts-These. Dort beginnt mit
           Ascendit deus (…)
ein Psalmvers, der schon mehrfach erklungen ist – er steht in Spalte 2 Zeile 2, wiederholt sich in derselben Spalte knapp unterhalb der Blatt-Mitte und setzt sich, zuweilen von „alleluia“-Rufen unterbrochen, jedesmal so fort:
           (…) in iubilatione deus in voce tube.
Nach den Übersetzungen des Hieronymus von Psalm 46,6 lautet der Vers
           ascendit Deus in iubilo
           Dominus in voce tubae
beziehungsweise
           ascendit Deus in iubilo Deus in voce bucinae.
Luther übersetzt (Psalm 47,6): „Gott fährt auf mit Jauchzen und der Herr mit heller Posaune.” Gott der Herr (Zebaoth) wurde bei den Christen stillschweigend zu Christus; in der jauchzenden Auffahrt sahen sie Jesu Himmelfahrt prophezeit. Im Graduale Romanum steht unter „In Ascensione Domini“ der Vers gleich zweimal, nämlich als Vers des „Psalmus alleluiaticus“ „Omnes gentes plaudite manibus“ und als „Antiphona ad offertorium“ – mit jeweils verschiedener Melodie. Den Anfang des Psalms (46,7) kann man übrigens in der rechten Spalte des Blattes unterhalb der Mitte aufspüren, wo er mit „Omnes g“ angedeutet ist.
Jedes Mitlied der Schola wußte, wie sich das Stichwort fortsetzt. Luthers Übersetzung von Psalm 47,1 lautet „Frohlocket mit Händen, alle Völker“.
Überfliegen wir jetzt das Blatt, und zwar in Sprüngen, also unter Auslassung weniger interessanter oder auch allzu schwer lesbarer Partien, so finden wir das eingangs zitierte Marcus-Wort gleich im ersten Gesang in etwas anderer Fassung: „Ite in orbem universum et predicate dicentes a(ll)e(l)via“; die Fortsetzung steht ebenfalls bei Marcus (16,16):
           qui crediderit et baptizatus fuerit salvus erit,
bei Luther: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.”
Der zweite Gesang, hinter dem roten Großbuchstaben V (Versus) am Zeilenanfang, steht noch heute – als Antiphona ad introitum und melodisch nahezu identisch–wörtlich (wenn auch in etwas anderer Rechtschreibung) im Graduale Romanum:
           Viri galilei quid aspicitis in celum hic ihesus qui assumptus est a uobis in celum sic veniet a(ll)e(l)via.
Die Wendung „asumptus est in celum” („wurde aufgenommen in den Himmel“) steht bei Marcus 16,19; der ganze Satz etwas ausführlicher in der Apostelgeschichte (Actus Apostolorum) 1,11:
           Viri galilaei quid statis aspicientes in caelum
           hic Iesus qui adsumptus est a vobis in caelum
           sic veniet quemadmodum vidistis eum euntem in caelum.
Luther übersetzt: „Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgenommen gen Himmel, wird kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel fahren.“
Der Leser wird bei Durchsicht der linken Spalte selber feststellen, daß sich die Himmelfahrts-Wendung „in celum“ („in den Himmel“) in fast jedem der Gesänge wiederholt, im unteren Drittel in dem Satz „Videntibus ilhs (ihesus?) elevatus est et nubes suscepit eum in celum“: „Vor den Zusehenden wurde Jesus emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf in den Himmel.“ Das Wort „nubes“ – Wolke, Gewölk – verweist auf die Antike zurück, wo es den Dunst oder Nebel bedeutet, in welchen die Götter sich und andere hüllten.
Wie hier in die jüdisch-christliche Lehre die Antike nachwirkt, so dependiert wiederum das Christentum vom Alten Testament.
Abschließend ein Beispiel, in dem das Vetus Testamentum geradezu umgefälscht erscheint. In der rechten Spalte des Blattes, Zeile 2/3, findet man einen weiteren Himmelfahrtspsalm gesungen, Psalm 67 (der Vulgata), dessen Vers 19 (nach den beiden Übersetzungen des Hieronymus) so beginnt:
           ascendisti in altum cepisti captivitatem
beziehungsweise
           ascendisti in excelsum captivam duxisti captivitatem,
bei Luther (Psalm 68,19): „Du bist in die Höhe gefahren und hast das Gefängnis gefangen.“ Um den Vers, der sich auf Gott den Herrn bezieht, für ihren Rabbi passend zu machen, geht die christliche Gemeinde noch einen Schritt weiter als bei der Umdeutung von Psalm 46 (nach Lutherscher Zählung 47) - sie zitiert den Vers gleich in christianisierter Fom:
           Ascendens xpc in altum alleluia alleluia
           Captivam duxit captivitatem.
„Xpc“ – in griechischen Buchstaben (die den russischen gleichen) – ist das Monogramm Christi. Nun ist also Christus (Χριστός) zu Gott dem Herrn geworden bzw.der Jehova des Alten Testaments zu Christus, und der Psalmvers bedeutet: „In die Höhe fahrend hat Christus (alleluia alleluia) die Gefangenschaft gefangengenommen.“


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Anmerkungen zur Handschrift selbst:
Die Notenhandschrift befand sich unter dem Ledereinband einer Sammlung von Reformationsschriften, die um 1550 zusammengestellt und gebunden wurde. Das Pergament der damals wohl nicht mehr gebrauchten, aus der Mode gekommenen Handschrift diente der Stabilisierung des Buchblocks und war in den Einband integriert, das heißt eingeklebt. Die Verwendung von Makulatur für Bucheinbände war zu allen Zeiten üblich und hat unbeabsichtigt dazu beigetragen, daß viele alte Schriften wie diese vor der gänzlichen Vernichtung bewahrt wurden. Der Text des abgebildeten Blattes überstand die Restaurierung nahezu schadlos. Die alte Schrift wurde wieder lesbar, und die rote Farbe der Initialen, Kürzel und informellen Hervorhebungen leuchtet fast wieder wie vor Hunderten von Jahren, als ein fleißiges, des Schreibens kundiges Mönchlein sich erleichtert zurücklehnte und – vielleicht – sprach: „Es ist vollbracht.“


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