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Keine Bibliophilie, aber eine Pilzgeschichte

Der Tintling

Von Bernd-Ingo Friedrich


Neu: Was haben Fliegenpilze, Modest Mussorgski, Dimitri Schostakowitsch, Igor Strawinski, Lew Mej, Nikolai Leskow, „Die Lady Macbeth von Mzensk“ und der Musikwissenschaftler Ernst-Jürgen Dreyer seit Juni 2011 gemeinsam?
Sie alle sind zum Thema „Pilze in der E-Musik“ in einem Artikel vereint: Ernst-Jürgen Dreyer: „Giftpilze/ Vergiftete Pilze.“ In: Der Tintling. Die Pilzzeitung. Hrsg. Karin Montag, Schmelz. Heft 3/ 2011. 16. Jg. 15. Juni 2011; S. 59-62.


pilzzeitung1 der tintling      pilzzeitung2 der tintling kuriosa


Im Briefkasten steckt ein dicker Brief; wird wohl von der Verlegerin sein, denke ich; wird ja auch Zeit, schon anderthalb Monate überfällig, die neue Pücklereisbroschüre, aber nein – es ist eine Pilzzeitung. Sie heißt „Der Tintling“ und kommt aus dem Saarland. Das Heft sieht nobel aus, ist üppig und durchgehend farbig bebildert, Satz und Layout machen einen originellen Eindruck. Traut man den Saarländern gar nicht zu, so was; jedenfalls nicht denen, die man aus den Witzen kennt, oder dem Oskar, oder so. Die Redakteuse heißt Karin Montag.

Gleich fällt mir eine Anekdote ein: Siegbert, einer meiner begeistertsten Anhänger im Fach Pilzkunde, kam eines Tages wütend zu mir und erzählte von seinem neuesten Abenteuer mit einigen Pilzen, die er nach oberflächlicher Konsultation seines Pilzführers zu Schopf-Tintlingen erklärt hatte. „Tja“, schimpfte er, „wunderbar die Dinger, ganz toll geschmeckt, schön gemütlich Bierchen dazu, aber dann, du, mein lieber Scholli du, ich sage dir“ – der Kenner ahnt, oder weiß bereits, was kommt:

Nach Bruno Hennig: „Kurze Zeit (1/2 bis 2 Stunden) nach dem Alkoholgenuß tritt eine Rötung des Gesichtes ein, die allmählich ins Violette übergeht und sich über den Nacken und einen großen Teil des Körpers ausbreitet, während Nasenspitze und Ohrläppchen merkwürdigerweise blaß bleiben. Gleichzeitig treten Hitzegefühl, Herzklopfen und Pulsbeschleunigung, großer Durst, Schwierigkeiten beim Sprechen und Sehschwäche auf, während Erbrechen und Durchfall fehlen. Die Symptome verschwinden nach einiger Zeit wieder, treten aber abgeschwächt wieder auf, wenn in den nächsten Tagen wieder Alkohol genossen wird.“ – Siegbert hatte die giftigen Falten-Tintlinge erbeutet.

„Und was soll ich dir sagen, du! Nach drei Tagen, ich schwör’s dir, trau’ ich mir wieder ein Bierchen, ach was, einen winzigen Schluck, und das Ganze geht wieder von vorne los! Ich sah aus! – kannst du dir nicht vorstellen, du! Wie ein Clown, genau wie im Pilzbuch! Und ein Durscht, also nee! – ich kann Dir sagen, du, viel schlimmer wie Heimweh! Also, die Dinger könn’ mir jetzt alle gestohlen bleiben; ich sammle wieder meine Steinpilze, und die Makronen, wie immer!“ – Ja, soll er man; wär’ für mich vielleicht auch besser gewesen.

Ja, aber wie komme ich nun zu dem unverdienten Geschenk? Kein Anschreiben, kein Klebchen, keine Widmung, nichts. Ich meine – sinnig ist der Gruß ja, „Der Tintling“ für einen Schriftsteller, bloß: ich kenne im Saarland niemanden und habe auch nie wissentlich mit einem Saarländer kommuniziert; vor einiger Zeit hatte ich einem Mykologen zwar eine kleine Geschichte (die „Erna in die Pilze“) für die „Südwestdeutsche Pilzrundschau“ vermacht, aber die sollte erst im Sommer erscheinen, außerdem kam der Pilzfreund aus dem Schwarzwald. Bleibt bloß noch das Internet. Nach meinen unfreiwillig-bösartigen Erfahrungen mit Giftpilzen bin ich ja nun leider ebenso unfreiwillig zum Sammler von Fungiana geworden; ich besitze eine kleine, aber ansehnliche Sammlung von Pilzbüchern, ein Pilz-Exlibris, einen Briefbeschwerer mit Fliegenpilz, einen dito Bierhumpen, besser: ein „Hümpchen“ (Lady’s Cup) und ein paar ähnlich sinnige Souvenirs, denn wer den Schaden hat, muß für Spott bekanntlich nicht sorgen. (Deshalb kaufe ich mir alte Pilzbücher, vor allem auf Trödelmärkten, auch möglichst heimlich.) Einige Kuriosa habe ich konterfeit und zum Spaß ins www gesetzt; darüber hinaus habe ich Pilzgeschichten veröffentlicht, mittlerweile schon acht Stück, eine davon ist allerdings auf meines Freundes EJD geistigem Kompost gewachsen. Für ihn, einen Musikwissenschaftler, enthält das Heft sogar „Pilze in der Ernsten (groß geschrieben!) Musik“. Möglicherweise ist die Frau Montag nicht nur Pilz-, sondern auch Menschenfreundin, hat von meinem Mißgeschick gelesen und möchte mich belehren; so etwas gibt’s ja.

Also durchsuche ich den „Tintling“ erst einmal danach, finde jedoch – wie beim Pilzesammeln – vorerst nichts. Jedenfalls nichts über die Grünen, Gelben oder sonstwie bunten Amanita. Dann aber entdecke ich den Artikel „Pilze in Wikipedia, Bestandaufnahme, Aufruf, Ausblick“, geschrieben von einem überzeugten Wikipedianer: „... ich bin sicher, dass mit der Zeit sich auch hier Qualität durchsetzen wird.“ – weht der Wind etwa daher: meine Pilzgeschichten plus „Die Wikipedia – Übungsplatz für Parlamentsdebatten“?

Beim Durchlesen des Artikels stoße ich auf die Zeilen: „... gibt es die Möglichkeit ... Themen zu verbinden, z.B. beim Grünen Knollenblätterpilz sowohl zu den verschiedenen Mykorrhiza-Partnern als auch zu berühmten Vergiftungsopfern ...“ – Donnerwetter! Sollte ich etwa berühmt geworden sein, und hier in Sachsen hat’s gar keiner gemerkt? Oder – ist es vielleicht doch bloß wieder eins dieser Danaergeschenke, für meine Sammlung? Ein „gefalteter Papier-Tintling“, sozusagen?

(11.02.2010.)

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Per Email am 11.02.10
Liebe Tintlinge,
danke für den netten Gruß aus Saarlouis, warum auch immer ...
http://www.kulturpixel.de/artikel/163
Ganz herzlich aus der Lausitz
Bernd-Ingo Friedrich

Per Email am 12.02.10
Guten Morgen lieber Herr Friedrich,
das hat man nun davon, wenn man die guten Vorsätze von der eigenen Vergesslichkeit über den Haufen geworfen kriegt ... ;-)
Ich habe Ihre Website entdeckt und zwar praktisch mitten im Versand von Heft 1/2010. Dies sind Tage, an denen es um nichts anderes geht, als eine gute halbe Tonne Papier, die die Druckerei soeben angeliefert hat, wieder loszuwerden.
Weil ich mich genau in dieser Versandzeit an Ihrer Website wunderbar gelabt habe, habe ich – sozusagen als Danke für die Labung – einen Tintling in den Umschlag gepackt, zu den versandfertigen Exemplaren gelegt und mir vorgenommen, Ihnen eine Mail zu schreiben oder sie anrufen. Ja, und das war’s dann ...
So viel zum Grund für den anschreibenlosen Tintling. Er ist kein Danaergeschenk, sondern soll Ihnen sagen, dass ich von Ihrer Arbeit sehr angetan bin. Und von der neuen Pilzgeschichte auch. Als Danke für Letzteres bekommen Sie von mir auch noch den nächsten Tintling, ebenfalls ohne Anschreiben, denn Sie wissen ja jetzt Bescheid ... ;-)
Die waschechte Saarländerin Karin Montag, die so manchem Lausitzer auch nicht das zutraut, was Sie schaffen, schickt Ihnen begeisterte Pilzgrüße ans andere Ende der Republik.

„Es geht auch anders, aber so geht es auch.“ (Brecht). – Man kauft bei einem Versandhandel im Internet ein Mal irgend einen Artikel. Um das Bestellte nach Hause geliefert zu bekommen, übermittelt man dem Händler natürlich seine Anschrift. Dem Erhalt dieses einen Paketes gesellt sich fortan jedoch ein lästiges Phänomen hinzu: Der eigene und nicht selten auch die Briefkästen der Nachbarn quellen über vor Gratis-Zeitschriften, Katalogen und sonstigen Werbematerialien. Für Versandfirmen sind nämlich die Adressen neuer Kunden echte Geschenke, mit denen sie ebenfalls einen schwunghaften Handel treiben. Und deshalb erhält man plötzlich alle möglichen Druckerzeignisse von Firmen, von deren Existenz man bis dato gar nichts wußte. Um so schöner ist es, wenn dann einmal ein so nett gemeintes Gratis-Exemplar wie das des Tintlings eintrudelt. Solche Überraschungen erlebt man leider nur selten, dafür aber doppelt und dreifach gerne. – Noch einmal: Danke.


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