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Geschichtliches zur Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz

Von Matthias Wenzel


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Die Gesellschaftsbibliothek

Am 21. April 1779 fanden sich in Görlitz, einer Stadt mit damals etwa 7.500 Einwohnern, im Osten des Kurfürstentums Sachsen und inmitten der einst politisch und wirtschaftlich so selbstbewussten Oberlausitz gelegen, 20 Vertreter des gebildeten Bürgertums und des aufgeklärten Adels zusammen, um eine wissenschaftliche Gesellschaft ins Leben zu rufen, die sich den Namen „Oberlausitzische Gesellschaft zur Beförderung der Geschichts- und Naturkunde“, ab 1792 „Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften“ gab.

Die Initiative war von dem damals 27 Jahre alten Juristen, Sprachforscher und Historiker Karl Gottlob Anton ausgegangen. In einem Brief an den Gutsherren und Naturwissenschaftler Adolf Traugott von Gersdorf hatte er den Plan entwickelt, für die Oberlausitz eine Vereinigung wissenschaftlich interessierter Männer ins Leben zu rufen. Die Ziele waren zunächst weit gefasst: Forschung auf den unterschiedlichsten Gebieten der Natur und Geisteswissenschaften und die unmittelbare Anwendung und Nutzbarmachung der gewonnenen Erkenntnisse zum Wohle des Vaterlandes.

Für die Erfüllung der selbstgewählten Aufgaben begann die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften unverzüglich Sammlungen anzulegen. Der Besitz und die Pflege von Sammlungen war die ganz selbstverständliche und unverzichtbare Basis für wissenschaftliche Arbeit.

Ein Herbarium der Oberlausitz wurde begründet, Vogel-, Fisch- und Säugetierpräparate wurden zusammengetragen, es gab historische „Collectionen“ (Münzen, Siegel, Urkunden, Kupferstiche), und natürlich gehörte auch die Anlage einer gemeinsamen Büchersammlung zu den Aktivitäten der Mitglieder. Bereits in den ersten Statuten, die sich die Gesellschaft gab, war von der gemeinsamen Bibliothek die Rede: Ein jedes Mitglied hatte bei seinem Eintritt in die Gesellschaft „ein brauchbares Buch im Werthe eines Ducaten oder etwas an Naturalien oder anderen Merckwürdigkeiten zu überreichen.“

Zu Beginn wurden aus dem schmalen Etat vor allem die kostspieligen enzyklopädischen Werke angeschafft. Die Akten vermelden als erstes käuflich erworbenes Sammelwerk die Ökonomische Enzyklopädie von Johann Georg Krünitz, ihr folgen die Werke Diderots.

Als weitere Quelle des planmäßigen Bestandsaufbaues war die Abgabe von Pflichtexemplaren der Veröffentlichungen der Mitglieder vorgesehen. Der erste bekannte Zugang dieser Art war die Mineralogische Geographie des Churfürstentums Sachsen von Friedrich Wilhelm Charpentier, 1778 veröffentlicht.

Inhaltlich spiegeln die eingegangenen Titel das wissenschaftliche Profil der Gesellschaft wider. Werke zur Geschichte, Ökonomie, Naturgeschichte und Philosophie dominieren, Schriften zur Landeskunde der Oberlausitz spielen zunächst noch eine untergeordnete Rolle. Gewiss verließ man sich dabei auch auf die zum damaligen Zeitpunkt bereits über 50 Jahre in der Stadt befindliche Milich´sche Stadt- und Gymnasialbibliothek.

Die eingegangenen Buchtitel wie auch die anderen Sammlungsgegenstände wurden in der eigenen kleinen Zeitschrift „Anzeigen von den Sammlungen einer Privatgesellschaft in der Oberlausitz“ (1782-1804) veröffentlicht und die fleißige Benutzung der Sammlungen wird den Mitgliedern ausdrücklich empfohlen.

Trotz eines jährlichen Sustentationsbeitrages in Form eines Buches oder Dukatens hält sich der Umfang der gemeinsamen Büchersammlung in den ersten Jahren in bescheidenen Grenzen: 1791, also nach 12 Jahren Sammlungstätigkeit, waren es erst 424 Nummern, die durch Käufe und Geschenke in die Bibliothek gekommen waren.


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Nutzung, Wachstum, Bestände

Nachdem das Problem der Aufstellung der Bestände glücklich gelöst werden konnte, war als nächstes für die fachgerechte und kontinuierliche Betreuung Sorge zu tragen. 1811 beauftragte die Gesellschaft den neugewählten Sekretär Friedrich Gottlieb Fielitz (1774-1813) damit. Ihm folgte ab 1813 Johann Gotthelf Neumanns (1777-1831), der sich als Bibliothekar große Verdienste erwarb. Wichtigstes Resultat seiner rastlosen Arbeit ist ohne Zweifel der 1819 im Druck erschienene zweibändige alphabetische Katalog, von dem ein durchschossenes Exemplar mit ausreichend Platz für Ergänzungen bis 1877 als Arbeitsexemplar diente.

Die weitere Entwicklung der Bibliothek im 19. Jahrhundert ist ein getreues Abbild der sich wandelnden Ziele und Aufgaben der Gesellschaft. Während man in den ersten Jahren Natur- und Geisteswissenschaften gleichermaßen pflegte, sich mit sozialen, ökonomischen, medizinischen und bildungspolitischen Fragen befasste, tritt nun eine immer stärkere Hinwendung zu historischen Fragen an die Stelle der Universalforschung.

Die Ursachen für die Neuorientierung sind vielfältig, das Ergebnis ist die allmähliche Umwandlung der Provinzialakademie zu einem historischen Verein für die Oberlausitz. Die Konzentration auf historische, gelegentlich auch literaturwissenschaftliche Forschungen, erweist sich jedoch als richtig. Im 19. Jahrhundert tragen viele maßgebliche Historiker aus Sachsen, Böhmen und Schlesien einerseits durch ihre Mitarbeit zum erfolgreichen Wirken der Gesellschaft bei, andererseits durch ihre Buchspenden und Belegexemplare zum weiteren Ausbau der Bibliothek.

Aus der Zeit zwischen 1804 und 1829, also dem 2. Vierteljahrhundert des Bestehens, seien stellvertretend genannt:
      - der Altertumsforscher und Pionier des öffentlichen Bibliothekswesens, der Großenhainer Karl Benjamin Preusker,
      - der spätere Direktor des Preußisch Geh. Staatsarchivs Gustav Adolph Tschoppe,
      - der Germanist und Kunsthistoriker Karl Gustav (recte Johann Gustav Gottlieb) Büsching, Breslau,
      - der Dresdener Historiker und Numismatiker Karl Friedrich Wilhelm Erbstein,
      - die sächsischen Geographen Albert Schiffner, Karl August Engelhard, Friedrich Gottlob Leonhardi,
      - der Dresdener Oberbibliothekar Hofrath Friedrich Adolph Ebert.

Eine zahlenmäßig noch bedeutsamere Quelle des Zugangs war aber der 1826 einsetzende wissenschaftliche Schriftentausch. Mit dem 1821 erstmals erschienenen „Neues Lausitzisches Magazin“ verfügte die Gesellschaft über eine eigene Zeitschrift, mit dem sie im Verlauf der folgenden Jahrzehnte ein umfangreiches System des Schriftentausches aufbaute. Erster Partner war übrigens die dänische Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde in Kopenhagen. Bis 1929 wuchs die Anzahl der Tauschpartner auf über 270.

Wichtige Zugänge konnte die Bibliothek der Gesellschaft in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder durch die Übernahme von Nachlässen verzeichnen. Zu nennen sind besonders:
     - die literarische Hinterlassenschaft des Muskauer Dichters Leopold Schefer,
     - die Bibliothek und zahlreiche Manuskripte des Schriftstellers Freiherr Friedrich von Uechteritz,
     - die etwa 230 verschiedene Dante-Ausgaben umfassende Sammlung Theodor Paur’s
     - die Sammlung von Arbeiten des Historikers Christian Knauthe zur Lausitzischen Geschichte und Topographie
     - der Nachlaß des Görlitzers Literaten und Publizisten Ludwig Kunz mit vielen Drucken und Dokumenten aus der Zeit des literarischen Expressionismus.


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Die OLB heute

In den letzten Jahren des II. Weltkrieges kam die Tätigkeit der OLGdW zum Erliegen. Da man auch für Görlitz Luftangriffe befürchten musste, wurden ab 1942 die Sammlungen der Gesellschaft, wie auch die der Milich´schen Bibliothek, ausgelagert. Die wertvollsten und wichtigsten Stücke der Bibliothek, die Handschriften zur lausitzischen Geschichte, die Inkunabeln und wertvolle Drucke des Barock kamen dabei in Auslagerungsorte auf dem östlichen, heute polnischen Neißeufer. Sie befinden sich heute zu großen Teilen in der Universitätsbibliothek Breslau.

Als nach dem Ende des Krieges 1945 durch Befehl der Sowjetischen Militäradministratur alle wissenschaftlichen Vereine verboten wurden, betraf dies auch die OLGdW. Statutengemäß ging ihr Eigentum, das Haus Neißstraße 30 und die darin aufbewahrten Sammlungen, in den Besitz der Stadt Görlitz über.

Nach einer Phase wechselnder Unterstellungen entschied sich die Stadt, das Haus und die Sammlungen der Gesellschaft zu einem Museum umzugestalten. Der Bibliothek der Gesellschaft wurden die Bücher der Milich´schen Bibliothek als Sonderbestand mit beigefügt und am 1. Januar 1951 wurde sie unter der, den Bezug zur untergegangenen Gesellschaft herstellenden, Bezeichnung „Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften“ eröffnet. Seit dieser Zeit ist die OLB eine öffentlich zugängliche, wissenschaftliche Spezialbibliothek in kommunaler Trägerschaft.

Heute sind es vor allem 3 Themengebiete, die die Aufgaben der Bibliothek dominieren:
      1. Weiterführung der traditionsreichen regionalgeschichtlichen Sammlung als Basis besonders für regionale Forschung,
      2. Sammlung und Erschließung der Literatur von und über Jacob Böhme,
      3. Pflege und Erschließung des wertvollen historischen Altbestandes für die nationale und internationale Forschung.

Ausgehend von der Tatsache, dass die historischen Ereignisse und Veränderungen infolge des II. Weltkrieges, die Grenzziehung zwischen Deutschland und Polen entlang der Neiße die mit Sicherheit einschneidendsten historischen Ereignisse in der Geschichte der Oberlausitz für viele Generationen sind, widmet die OLB der Literatur zu diesem Themenkomplex besondere Aufmerksamkeit. Dabei wird auch die relevante polnische Literatur einbezogen. Im Gegenzug kann eine zunehmende Inanspruchnahme der OLB durch regionalgeschichtlich interessierte polnische Leser konstatiert werden.

1994 wurde mit der Einführung moderner EDV-Technik begonnen. Gegenwärtig sind ca. 75.000 Titel per Computer recherchierbar, darunter nahezu der gesamte Bestand an regionalkundlicher Literatur, der Jacob-Böhme-Bestand, die Sammlung historischer Landkarten, die Schulprogramme und die im Archiv der Oberlausitzischen Gesellschaft lagernden handschriftlichen wissenschaftlichen Aufsätze der Mitglieder der oberlausitzischen Gesellschaft. Der Zugriff auf die Kataloge per Internet – in vergleichbaren Einrichtungen längst Standard – ist über die Website der Bibliothek www.olb.goerlitz.de möglich. Da aber die meisten Bücher wegen ihres Alters oder Wertes ohnehin im Leseraum der Bibliothek eingesehen werden müssen, bleibt der Weg in die Räume der Bibliothek im Barockhaus Neißstraße 30 für regionalgeschichtlich interessierte Leser unverzichtbar.


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Die Milich’sche Bibliothek

Die „Milich´sche Bibliothek“ geht auf eine Stiftung des Schweidnitzer Juristen Johann Gottlieb Milich (1678–1726) zugunsten der Stadt Görlitz zurück. Milich hatte ihr seine Sammlung von ca. 7.000 Bänden, 200 Handschriften und 500 Münzen nebst einer Anzahl Kuriositäten und Merkwürdigkeiten vermacht und testamentarisch die Bedingung aufgestellt, dass die Sammlungen für jedermann zur öffentlichen Benutzung zur Verfügung zu stehen haben.

In Görlitz wurden die Bestände mit denen der Gymnasialbibliothek vereinigt, die ihrerseits bereits Bücher der alten Klosterbibliothek in sich aufgenommen hatte. Somit waren in dieser ersten öffentlichen städtischen Bibliothek die wichtigsten erhaltenen Görlitzer Buchbestände seit dem 14. Jahrhundert vereinigt.

Zahlreiche Geschenke und Legate ließen sie weiter anwachsen und zu einem Objekt des Stolzes der Görlitzer Bürgerschaft werden. Die im zweiten Weltkrieg erfolgten Verlagerungen und die daraus resultierenden Verluste haben den Bestand zwar empfindlich geschmälert (besonders die Handschriften und Inkunabeln sind davon betroffen), dennoch bietet die Milich´sche Sammlung auch heute noch einen ganz hervorragenden Bestand vor allem an theologischen, historischen und juristischen Werken des 16. bis 19. Jahrhunderts.

Dieser Bestand wurde 1951 mit der Büchersammlung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften vereinigt.


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Eine bescheidene Literatur-Auswahl

Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland. Hrsg. Friedhilde Krause. Hildesheim-Zürich-New Yorck, Olms-Weidmann 1997. Band 17 (Sachsen A-K), S. 284-289.

Hans-Dieter Wüstling (Bearb.): Kostbarkeiten in sächsischen Bibliotheken. Hrsg. Sächsisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. Leipzig & Dresden, UniMedia 1996; S. 42-47.

Löschburg, Wilfried. Historic Libraries Of Europe. Leipzig, Edition Leipzig 1974; S. 113f.

Die ausführlichste Darstellung liegt vor mit: Ralf Tschentscher: Geschichte der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften Görlitz bis 1970. Diplomarbeit. Typoskript. Leipzig: Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur 1998. OLBdW LX 655a.

Zum wechselvollen Schicksal des Jakob-Böhme-Bestandes der OLB empfiehlt sich: Matthias Wenzel: „Die abenteuerlichen Wege der Schriften Jakob Böhmes.“ In: Jakob Böhme und die Pest zu Görlitz. Hrsg. Musiktheater Oberlausitz/ Niederschlesien GmbH. Görlitz 2007; S. 32-41.


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Weitere Beiträge zur OLB sind:
Die Skaryna-Bibel der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz
Zwölf Zimelien aus der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Der Leopold-Schefer-Bestand in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Die Arno-Schmidt-Sammlung der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Arno Schmidts Leviathan und die Arno-Schmidt-Sammlung in Görlitz


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Einmalig: Leere Regale in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz. Die Bibliothek ist – vorübergehend – umgezogen, damit das Barockhaus Neißstraße 30 für die Sächsische Landesausstellung 2011 vorbereitet und akuten Brand- und Sicherheitsrisiken abgeholfen werden kann. Geforscht und gearbeitet werden kann dennoch im Ausweichquartier Görlitz, Arndtstraße 11a, zu den regulären Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag 10–17 Uhr und Freitag 10–13 Uhr.


Nachtrag vom 1. August 2011

Seit dem August 2011 sind einige Teile des renovierten Museums Neißstraße 30, darunter der Barocksaal der Bibliothek, wieder zugänglich. Die oben genannten Nutzungseinschränkungen bleiben voraussichtlich noch bis Ende 2012 bestehen. – Dafür sind inzwischen ca. 120.000 Titel der OLB online recherchierbar (s. oben), in Kürze auch via SWB und KVK, und auch in der ZDB ist die Bibliothek jetzt mit mehreren hundert Zeitschriften vertreten.


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