Der Leopold-Schefer-Bestand in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Von Mattias Wenzel

Die folgende Bestandsübersicht wurde veröffentlicht in: Neues Lausitzisches Magazin. Neue Folge. Band 5/6, Görlitz - Zittau 2002/2003; S. 125ff.
(Darin auch: Völker, Klaus. „Oh Mensch, so sei mit Freuden auch ein Mensch. Leopold Schefer, Pücklers ‚Generalbevollmächtigter’“; S. 119ff.)

Als Leopold Schefer am 16.02.1862 starb, hinterließ er einen so umfangreichen wie unübersichtlichen Nachlass an Manuskripten – Tagebücher, Briefe, Kompositionen, aber auch Notizen zu Haushaltsdingen, Literaturnachweise, Skizzen etc. – dass bereits frühere Bio- und Bibliographen nicht umhin kamen, diesen besonderen Charakter seiner Hinterlassenschaft extra hervorzuheben.
Theodor Paur, der Autor des im Neuen Lausitzischen Magazin 1862 veröffentlichten Nekrologes ahnt angesichts der zahlreichen handschriftlichen Foliobände, daß "deren Einsicht dem Biographen einen fast überwältigenden Stoff ... liefern wird".1
22 Jahre später spricht Emil Brenning in seiner Biographischen und literargeschichtlichen Würdigung Leopold Schefers von Tagebüchern, in denen "... von den wirklichen Vorgängen des Lebens selten Bericht erstattet wird und niemals in übersichtlicher, zusammenhängender Weise".2 Die "... rastlose und staunenswerte Schreiblust dieses merkwürdigen Menschen ..." bietet dem Biographen Gelegenheit, sowohl dem "... chaotische[n] Durcheinander eines äußerst sensiblen und vollkommen auf sich gestellten Gemüthes ..." mit seinem "... unaufhörlichen Aufeinanderthürmen von Ideen und Betrachtungen" des jungen Leopold Schefers nachzuspüren, als auch den reifen Dichter als unermüdlichen Produzenten literarischer und musikalischer Ideen und Werke zu zeichnen.
In jüngerer Zeit wurden Schefers nachgelassene Tagebücher durch Bettina und Lars Clausen als "... ein Superpuzzle für Biographen, aber gar nichts zum Abschreiben von Daten, Orten, Personal" bezeichnet.3
So verwirrend wie die innere Struktur seines Nachlasses, so heterogen ist auch die heutige Fundlage der einzelnen Bestandteile. Es ist das große Verdienst von Bettina Clausen (die gemeinsam mit Lars Clausen 1985 die beeindruckende Sozio-Biographie Schefers Zu allem fähig4 herausbrachte), in einer "auf Vollständigkeit zielenden bibliographischen Dokumentation"5 Schefers handschriftlichen Nachlass, aber auch die Ausgaben seiner Werke, die Rezensionen und die Sekundärliteratur bis zum Jahr 1985 zu verzeichnen.
Dem Fundortregister dieser Bibliografie zufolge ist Schefers handschriftlicher Nachlass heute auf 40 verschiedene Institutionen, überwiegend in Deutschland, verteilt. Aber auch in Breslau, Philadelphia, Straßburg, Wien und Zürich finden sich einzelne Stücke – zumeist Briefe.
Der mit Abstand größte Komplex befindet sich jedoch im Archiv der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften (OLB). Der Umfang des Bestandes beträgt ca. 4 lfm. Seine heutige Ordnung und Aufbewahrung geht auf die Bearbeitung durch Bettina und Lars Clausen im August 1970 zurück. Das von ihnen angefertigte Bestandsverzeichnis ist das bis zum heutigen Tag verwendete Findhilfsmittel.6 Alle folgenden Angaben stützen sich darauf.


B. und L. Clausen fassten das Material in 56 Konvoluten zusammen. Nach literarischen Gattungen geordnet ergibt sich folgende Umfangsverteilung:
A Prosa Konvolut 1-10
B Dramatisches Konvolut 11
C Episches Konvolut 12-15
D langdauernde Sammlungen (darunter die Tagebücher) Konvolut 16-35
E Gedichte Konvolut 36-42
F Noten, Rezensionen, Briefe, Varia Konvolut 43-56
Das Clausensche Bestandsverzeichnis weist dann sehr detailliert den Inhalt der einzelnen Konvolute nach. Das nachfolgende Beispiel verdeutlicht dabei die Heterogenität des Materials:
D 16 ["Staps-Komplex"]:
a) Brutus (hs.)
- (12 Bögen mit Entwürfen)
b) (Materialien zu:) Vaterlandsliebe / Tagebuch von Staps (hs.)
(grauer Umschlagbogen, enthaltend:)
- Life of Napoleon Bonaparte, London 1815 (gedr., Randbem. von Schefer)
Verzweifelte Vaterlandsliebe. Die Mission zum Tode. Die eigene Sendung. Die Sendung zum Tode)
- Abendzeitung v. 15.01.1835 (teilweise, darin: Napoleon und das St. Helenen Thal)
- Schefers hs. Auszug daraus (1 Zettel)
- 1 Buchblatt (Text über Fürstenwillkür, Qu.: unbekannt)
- 1 Buchteil aus den "Mémoires du Général Rapp" (o.O. u. J., S. 120-169, enthaltend Chap. XIX über Staps)
- o.V.: Friedrich Staps, Berlin 1843, Buchhandlung des Berliner Lesecabinetts (mit zahlr. hs. Anmerkungen Schefers)
- Stelle aus Staps Tagebuch (2 Bögen hs.)
- 18 Bögen verschiedenen Formats mit Notizen
- Zeitungsabriß von 1835 (März) zur Gedenksteinsetzung für die 11 Schill'schen Offiziere
- 9 Bögen verschiedenen Formats mit Notizen
(13 Seiten verschiedenen Formats) 7 Seiten "Ad Staps"
(NB Schefers) und "Durch welche Triebfeder läßt sich jetzt die Tapferkeit der Teutschen vermehren?"
- 12 Einzelblätter Text, beginnend mit "Die Königin ..."
- S. oder die Handschrift von 1809 (1 lange Notiz auf 1 Zettel)
(NB Schefers) Herausgegeben von Leopold Schefer. Stuttgart, Hallberger'sche Verlagsbuchhandlung. 1836 (25 S. Ms.)
- 1 Zettel "Ad Staps" ("Ich soll mich beherrschen!")
- 11 Bögen verschiedenen Formats mit Staps-Notizen
- 1 S. aus einem gedr. Buch mit einem ital. Vers von Giardino, ausgerissen am Sonntag, den 21.4.1835
Der an diesem Beispiel sichtbare Detailreichtum der Verzeichnung ergänzt in hervorragender Weise die in der gedruckten Bibliografie zu findenden Angaben. Bemerkenswert ist daran auch, dass es für viele der in diesem Bestandsverzeichnis nachgewiesenen Werke in der gedruckten Bibliografie keine Hinweise gibt – weder im Register der Hauptwerke noch im Register der Titelanfänge. Es handelt sich zumeist wohl um Vorarbeiten und Entwürfe oder auch nur um, in einem ersten Überschwang der Ideen, angefertigte Titelblätter, denen nie ein Manuskript folgte.


Für den Interessenten an Schefers Nachlass ergibt sich daher folgende Sachlage: Informationen zum Standort der Scheferschen Manuskripte erhält er in zwei Stufen: Die gedruckte Bibliografie weist die besitzende Institution nach. In der OLB ermöglicht das detaillierte Bestandsverzeichnis dann den punktgenauen Zugriff auf die Manuskripte des Oeuvres und die darüber hinaus in Fülle vorhandenen sonstigen Materialen zur Biografie.
Neben den handschriftlichen Werken besitzt die OLB eine große Anzahl von gedruckten Ausgaben der Werke Schefers. Sofern sich diese in seinem Nachlass befanden und ihm als Handexemplar dienten, sind sie über das Clausen'sche Bestandsverzeichnis erschlossen. Daneben sind alle in der OLB vorhandenen gedruckten Ausgaben der Werke Schefers in den verschiedenen Bibliothekskatalogen verzeichnet. Es handelt sich um folgende Titel:
Handexemplare
Lyrische Werke, 2. Ausg. (Frankfurt a.M. 1828) SW VI 602
Virginia Accoramboni (Stuttgart 1833) SW VI 600
Neue Novellen, Bd. 1-3 (Leipzig 1835) SW VI 599
Galate (Leipzig 1835) SW VI 676
Der Nabob (Leipzig 1835) SW VI 677
Hafis in Hellas (Hamburg 1853) SW VI 604
Weitere zeitgenössische Ausgaben
Kleine lyrische Werke, 2. Ausg. (Frankfurt a. M. 1828) SW VI 597
Die Gräfin Ulfeld oder die vierundzwanzig Königskinder (Berlin 1834) SW VI 526 u. 687
Neue Novellen, Bd. 4 (Leipzig 1835) SW VI 599
Kleine Romane,1., 2., 4., 5., 6. Teil (Bunzlau 1837) SW VI 641
Laienbrevier, 3. Aufl. (Berlin 1839) SW V 218
Mahomets türkische Himmelsbriefe (Berlin 1840) SW VI 686
Vigilien (Guben 1843) SW VI 406
Ausgewählte Werke, 12 Tle. in VI Bdn./ Bd. II fehlt (Berlin 1845) SW VI 422
Génévion von Toulouse (Leipzig 1846) SW VI 529
Achtzehn Töchter (Breslau 1847) SW VI 603
Die Sibylle von Mantua (Hamburg 1852) SW VI 528
Homers Apotheose (Lahr 1858) SW VI 504
Der Weltpriester (Nürnberg 1876) SW VI 424
[Darin: Wallfahrt zu Petrarca’s Grabe; Göttliche Komödie in Rom; Galanterie; Sultan Tuman, oder die Eroberung von Egypten.]
Selbstverständlich wird in der Gegenwart das Material zu Leben und Werk Leopold Schefers möglichst vollständig erworben. Dem Leser steht der für die Schefer-Renaissance grundlegende Funkessay Arno Schmidts Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen7 ebenso zur Verfügung wie die 1975 erschienene literaturwissenschaftliche Arbeit Albin Lenhards Zur Erzählprosa Leopold Schefers8 oder die 1985 verlegte Sammlung von 9 Erzählungen Der Waldbrand.9 Mit Schefers kompositorischem Schaffen befassen sich die Aufsätze des Musikwissenschaftlers Ernst-Jürgen Dreyer.
Gemeinsam mit den vorhandenen Manuskripten aus dem Nachlass des Muskauer Dichters und Komponisten ist so eine reiche Grundlage für eine intensive Beschäftigung mit seinem Werk und weiterführende Forschungen vorhanden.
(13.02.2010.)

Nachtrag v. 13.02.2010
Mit dem Handbuch von Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich: „Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben“. Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer, Görlitz: Verlag Gunter Oettel 2006, wurde die Aufarbeitung des Leopold-Schefer-Nachlasses insgesamt im Wesentlichen abgeschlossen. Das Handbuch widmet sich der in der Sozio-Biographie Zu allem fähig von Bettina und Lars Clausen (Frankfurt a. M. 1985) nicht erfaßten zweiten Lebenshälfte Schefers und fügt der Leopold-Schefer-Bibliographie von Bettina Clausen (ebenfalls Ff. a. M. 1985) das musikalische Werk Schefers hinzu. Es enthält eine Einführung, einen musiktheoretischen Teil mit zahlreichen Notenbeispielen, das Werkverzeichnis und ausführliche Register. Zwei Anhänge stellen Ausschnitte aus Schefers Musik- und Prosaschaffen vor. Das Buch wendet sich zwar in erster Linie an Musiker, kann aber durchaus auch von interessierten Laien mit Gewinn gelesen werden. Eine ausführliche Rezension erschien in Letopis. Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur 54 (2007) 1; S. 147–149.
Anmerkungen
1 Neues Lausitzisches Magazin 39 (1862) S. 496f.
2 Neues Lausitzisches Magazin 60 (1884) S. 1ff.
3 Clausen, Bettina; Clausen, Lars: Zu allem fähig: Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. Frankfurt/M.: Bangert & Metzler 1985; Bd. I, S. 190.
4 S. oben.
5 Clausen , Bettina: Leopold Schefer Bibliographie: Werk und Rezeption 1799-1985. Frankfurt/M.: Bangert & Metzler 1985.
6 Clausen, Bettina; Clausen, Lars: Aufnahme des Nachlasses von Leopold Schefer (1784-1862) in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften. 1970. (Unveröff. Typoskript.)
7 Schmidt, Arno: Der Waldbrand, oder Vom Grinsen des Weisen. - Zuerst ersch. in: Belphegor. Karlsruhe: Stahlberg 1961.
8 Lenhard, Albin: Zur Erzählprosa Leopold Schefers. Köln, Wien: Böhlau 1975. (böhlau forum literarum 4.)
9 Schefer, Leopold: Der Waldbrand: Gesammelte Erzählungen. Nachw. u. Ausw. von Klaus Völker. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1985.
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