Die Arno-Schmidt-Sammlung der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften
Von Matthias Wenzel

Der folgende Text wurde im Frühjahr 2009 für den Katalog der Kabinettausstellung „Schienenwolf + Zettelkasten : Arno Schmidt in/über Görlitz" im historischen Büchersaal der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften geschrieben. Der letzte Absatz ist nicht mehr aktuell!
Wie alles begann – Arno Schmidt in der OLB
Im August 1963 erhielt die Görlitzer Bibliothek einen Brief aus Bargfeld in der Lüneburger Heide. Der Absender stellte sich darin mit den Worten vor, er sei ein Schriftsteller, welcher auch im Schriftstellerlexikon der DDR verzeichnet sei und bat um Hilfe bei seinen Recherchen zu dem weithin vergessenen Muskauer Dichter Leopold Schefer, dessen Nachlass seiner Kenntnis nach in Görlitz erhalten und aufbewahrt sei.
Dieser Brief steht am Beginn einer anfangs recht bescheidenen Sammlung an Werken über den ‚Wort-Metzen’ und ‚Schrift-Schteller’ Arno Schmidt und seine frühen Jahre in Greifenberg, Lauban und Görlitz. Sie ging viele Jahre nicht über das übliche Maß hinaus, in welchem die OLB das Leben und Werk von Schriftstellern und Gelehrten der Oberlausitz und Niederschlesiens dokumentiert. Der Mangel an „harter Währung“ machte einen vollständigen Erwerb der im Westen Deutschlands erscheinenden Werke ohnehin unmöglich. Selbstverständlich fanden jene Publikationen Eingang in den Bestand der Bibliothek, die sich mit den vielfältigen und dichten Bezügen des Autors zu den Orten seiner Jugend und seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten beschäftigten, – eine herausragende Sammlung war dies freilich aber noch nicht.1
Zwei wertvolle Schenkungen
Glücklicherweise stand Görlitz – die Stadt, in der Schmidt an der Oberrealschule das Abitur ablegte und in der sein langjähriger Freund Heinz Jerofsky lebte – immer im Blickfeld seiner engagierten Leser. Viele von ihnen sind in der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“ (GASL) zusammengeschlossen. 2005 lud die GASL ihre Mitglieder nach Görlitz ein, um hier vor Ort den Spuren des Dichters nachzugehen.
In jener Zeit stand mit Wolf-Dieter Krüger einer der wichtigsten Sammler aus dem Kreis der Arno-Schmidt-Leser vor der Frage „Wu Hi [damit]?“ Mit Spürsinn, Kenntnisreichtum und finanziellem Engagement hatte er in zwanzigjähriger Arbeit eine Sammlung von biographischem und bibliophilem Rang aufgebaut. Nicht nur die mannigfaltigen Ausgaben der Schmidtschen Werke, auch Übersetzungen, Anthologien, Sekundärliteratur und vieles mehr zählen dazu. Dutzende Tonbandmitschnitte von Rundfunksendungen sowie Grafiken, z.B. von Eberhard Schlotter, Jens Rusch und Gert-Peter Reichert runden die Sammlung ab. Was aber die Sammlung neben ihrer Fülle so bemerkenswert macht, ist ihr unübersehbarer Doppelcharakter als Arbeitsmittel und Objekt begeisterter Sammlerleidenschaft. Handschriftliche Eintragungen zeugen von intensivster Spurensuche in den Texten des Dichters. Unzählige Beilagen stellen den Bezug zwischen der literarischen Welt und der durch den Sammler verifizierten Realität her. Fotos und Landkartenausschnitte verdeutlichen konkrete Handlungsorte und nicht zuletzt sind die prachtvollen Exlibris von Jens Rusch und Gert-Peter Reichert eine vorzügliche Bereicherung.
Wolf-Dieter Krüger hatte als Organisator der Görlitzer Tagung der GASL im Jahr 2005 den Kontakt zur Oberlausitzischen Bibliothek aufgenommen. Ein Jahr später entschloss er sich dankenswerterweise, seiner einzigartigen Kollektion in der Görlitzer Bibliothek eine neue und dauerhafte Heimat zu geben.
Seiner Schenkung 2006 an die OLB folgte 2008 eine zweite, nicht minder wichtige. Hans-Rainer Burisch hatte seit der Mitte der achtziger Jahre gemeinsam mit anderen in der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“ die Sammlung der in Zeitschriften und Tageszeitungen erscheinenden Aufsätze von und über Arno Schmidt organisiert. Im folgenden Beitrag berichtet er über die Anfänge dieses von Enthusiasmus und akribischem Engagement getragenen Unternehmens. Über 6000 Artikel dokumentieren die Resonanz des Dichters in der literarischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Im Sommer 2008 umfasste seine Sammlung über 100 prallgefüllte Aktenordner und rund 50 Audiokassetten mit Tondokumenten. Auch er schenkte im vergangenen Jahr seine Kollektion der Oberlausitzischen Bibliothek. Hier ergänzt sie sich mit den Monographien der Sammlung Krüger auf das Beste.
Heute lässt sich nicht mehr ermitteln, ob Arno Schmidt während seiner Görlitzer Zeit Leser in der Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften war. Vielleicht hätte er sich für Carl Bremikers „Logarithmisch-Trigonometrische Tafeln“ aus dem Bestand der mathematischen Literatur interessiert, die für ihn später noch einmal so wichtig wurden. Vielleicht hat er auch in jenen Vorkriegsjahren erste Bekanntschaft mit den nachgelassenen Schriften Leopold Schefers in den Regalen der Bibliothek auf der Neißstraße machen können - eine allerdings nur wenig wahrscheinliche Vermutung, zählten doch Gymnasiasten –anders als heute – nicht gerade zum typischen Klientel der damals in vornehmer Zurückhaltung agierenden Gelehrtenbibliothek.
Sicher ist aber, dass heute die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften mit über 7000 Aufsätzen und Büchern zu Arno Schmidt beste Voraussetzungen für die wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzung mit seinem Werk bietet.
Ausstellung „Schienenwolf und Zettelkasten“
Der 95. Geburtstag Arno Schmidts, sein 30. Todestag und das 60 Jahre zurückliegende Erscheinen seines Erstlingswerkes „Leviathan oder Die beste der Welten“ - der ja besonders dicht mit der Region verwoben ist - sind Anlass, in einer Kabinettausstellung unter dem Titel „Schienenwolf und Zettelkasten : Arno Schmidt in/über Görlitz“ die Arno-Schmidt-Sammlung der OLB vorzustellen. Ziel ist es dabei nicht, eine umfassende biographische Würdigung Schmidts zu leisten, sondern vor allem wird ein Einblick in die Vielfalt und die Nutzungsmöglichkeiten der Sammlung gegeben werden. Die Ausstellung wird am 19. Februar 2009 mit einem Vortrag Wolf-Dieter Krügers „Leviathan oder Die beste der Welten : Eine Spurensuche zwischen Lauban und Görlitz“ eröffnet.
So weit der Katalogtext
Ein weiterer Beitrag, der sich mit der Schenkung an die OLB befaßte, war: Ines Eifler: „Zehn Kisten Arno Schmidt. Zettel’s Traum im Lesestübchen – Die Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz erhält ein einzigartiges Geschenk.“ In: Silesia Nova 04-2006. Dresden: Neisse Verlag 2006; S. 17-19.

Die Arno Schmidt Stiftung mit Sitz in Bargfeld, Niedersachsen, dem letzten Wohnort des Schriftstellers Arno Schmidt, wurde 1981 von Alice Schmidt, der Witwe Schmidts, und Jan Philipp Reemtsma gegründet. Die Stiftung ist seit 1983 die Alleinerbin aller Rechte am Schmidtschen Werk.
"GASL ist die Abkürzung für 'Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser'. Ziel der 1986 gegründeten Gesellschaft ist die Förderung und Verbreitung des Interesses am Werk des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt (1914–1979)." (Homepage GASL.)
Anmerkung
„Wu hi?" - Arno Schmidt in Görlitz, Lauban, Greiffenberg: eine Edition der Arno-Schmidt-Stiftung/ hrsg. von Jan Philipp Reemtsma u. Bernd Rauschenbach. Zürich: Haffmans 1986.
Schweikert, Rudi: Arno Schmidts Lauban: die Stadt und der Kreis; Bilder und Daten. München: edition text + kritik 1990 (Bargfelder Bote; Sonderlieferung.)
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