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Nun auch noch Holz und Schlaf?

Der geschundene Pegasus in Muskau.

Von Bernd-Ingo Friedrich


Zum Mithören: „Jožin z Bažin“ von Ivan Mládek (© 1978).
Ein tschechischer Kultsong mit „Blasrohr“.

(Siehe Wikipedia, the free encyclopedia.)


Kaum zu glauben: Der geschundne Pegasus, ein Gemeinschaftswerk des Dichters und Dramatikers Arno Holz (1863-1929) und des auch zeichnenden Schriftstellers und Philosophen Johannes Schlaf (1862-1941), ist – seiner „Philo-Genese“ nach – ein „echter Muskauer“.1 (Ein Schelm, wer bei „Muskau“ und „geschunden“ an Arges denkt!) Das geht aus einem Brief hervor, den Johannes Schlaf 1921 an den Schriftsteller Ludwig Bäte in Osnabrück schrieb.2 Darin beantwortete er eine Reihe von Fragen, die der Schriftsteller ihm für sein geplantes Johannes-Schlaf-Buch gestellt hatte; erklärte ihm seinen Stammbaum und lieferte Informationen über die Entstehung seiner mit Arno Holz gemeinsam verfaßten Satire Der geschundne Pegasus, sein Zerwürfnis mit Holz und sein wohl wichtigstes Werk, Frühling (1896).3 Zu der Satire ließ er Bäte wissen:

„Der geschundene Pegasus wurde von Holz und mir gelegentlich eines gemeinsamen Sommeraufenthaltes zu Muskau in der Oberlausitz hergestellt. Einige Bogen Zeichnungen und die Reime dazu hatte ich schon vorher in Magdeburg gezeichnet und verfaßt. Sie brachten uns in Muskau auf die Idee des ganzen Buches. Die übrigen Reime hat Holz geschrieben, ich habe die Zeichnungen hergestellt.“

In Adalbert von Hanstein, Das jüngste Deutschland, wird Der geschundne Pegasus, an dem auch „Milli“ Holz (Emilie Wittenberg, die erste, 1893 angeheiratete Frau von Arno Holz) mitgereimt hatte, erwähnt als „Ein Tag aus dem Leben der beiden Dichter der ,Familie Selicke’“.4 Die Dichter selbst nannten ihn „Eine Mirlitoniade in Versen“.

„Ein Mirliton besteht aus einer Röhre, die an einem Ende mit einer Membran verschlossen ist; in das andere singt oder spricht man. Hörbar wird so ein näselnder, plärrender Zwitter aus Tönen und Geräusch, in jedem Falle eine Denaturierung der natürlichen Stimme. Die Instrumentenkunde weist ihm seine Verwandtschaft mit Klangerzeugungsmitteln primitiver Kulte und der antiken Schauspielermaske nach; im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert war es in Frankreich bekannt in Form der flûte à l’oignon [Zwiebelflöte], bei der ein Stück Zwiebelhaut als Membran fungiert; später ist es zum industriell gefertigten Lärmapparat für Kinder und zum Scherzartikel auf Jahrmärkten abgesunken. Wenn man gerade keine Röhre und keine geeignete Membran zur Hand hat, kann man sich seine akustische Wirkung am besten so vorführen, daß man ein Stück Butterbrotpapier über einen Kamm legt und darauf bläst. Eine Mirlitoniade läßt sich also der Sache nach auch umschreiben mit der Redewendung: Auf dem Kamm geblasen.“5


pegasus johannes schlaf arno holz pegasus 1892      pegasus arno holz dafnis lyrisches portaet 1904


Es handelt sich also bei der Holz/Schlafschen Dichtung um sorglos „auf dem Kamm geblasene“ Verse, die allerdings bereits auf den späteren Verfasser der anspruchsvollen, quasi-barocken „Freß- Sauff- & Venus-Lieder“6 hindeuten; 50 Seiten voller Nonsens, die einmal an Wilhelm Busch, ein andermal an Heinrich Hoffmann, dann wieder an Heinrich Zille denken lassen; an Edward Lears Complete Nonsens wird man durch die einleitenden Knittelverse erinnert:

„Zwei Knaben hier mit viel Pläsir
Mißbrauchen Feder und Papier
Und blasen möglichst mit Elong
Das Klopp-Klipp-Klapphornmirlitong.“

In dem „Dollstück“ der deutschen Bohème-Literatur werden die Abenteuer zweier Freunde, unverkennbar Schlaf und Holz (zur Wahrung der Parität einmal anders herum), die aber der Bohème niemals wirklich zugehörten, in Form einer Bildergeschichte erzählt: Man ergeht sich zunächst (rauchend!) im Grünen, läßt sich sodann im stillen Kämmerlein zur Dichtung nieder, doch das Kämmerlein erweist sich bald als ganz und gar nicht still. Das Dichten an Familie Selicke wird nachhaltig gestört und beendet, man speist im „Schwarzen Tuthahn“, nimmt einen Café im „Gebratnen Floh“, gerät weitläufig wegen einer Rezension der Familie Selicke in der „Vossischen Zeitung“ in eine Schlägerei mit Adolf Christian Gottlieb Schnulze, einer Inkarnation des spießig-drögen Hausbesitzers, die in einer Verbrüderung endet. Man zieht mit Schnulze zum Billardspiel ins Café „Zum vergnügten Sägebock“ (Likör und Bowle), hat im „Litterarischen Verein Bellevue“ eine unangenehme Begegnung mit einer literarischen Größe, zieht weiter zum „Geschwollenen Affen“, dort gibt es Schnäpse (Maison du Nord), von da zum neu eröffneten „Cafe Helgoland“, wo es „Wein u. ächte Biere“ und „Schneidige Bedienung“ und wieder einen Rauswurf gibt, weil der „erotisierte“ Schnulze um seiner „despotischen Triebe“ willen mit der „schneidigen Bedienung“ aneinander gerät.

„Doch, Gott sei Dank! im ‚Wilden Geier’
Tagt heut der Rauchklub ‚Leo Meyer’“.

Im Rauchklub wird viel Bier und Brüderschaft getrunken, Radau auf der Straße führt zur Konfiskation des mitgeführten „Mirlitongs“; einem Zwischenaufenthalt in einer Arrestzelle folgt das böse Erwachen in der eigenen.

Man „schüttelt sich und spricht voll Ekel:
‚Herrgott, ist mir heut’ fin de siècle!’“

Der Beschluß der Mirlitoniade (phonetische Anklänge an John Milton, den Schöpfer des Paradise Lost, waren sicherlich beabsichtigt) lautet:

„Kannst Du’s vermeiden, heiß’ nicht Schnulze,
Plagt Dich die Gicht, trag’ mit Geduld se,
Schlürf’ sogar Austern, knacke Nüsse,
doch schinde niemals Pegasüsse!“

Als die Persiflage erschien, waren Holz und Schlaf längst zerstritten (über Hintergründe und Ursachen streiten sich heute die Literaturhistoriker) und malträtierten ihre „Pegasüsse“ weiter, nur eben auf getrennten Wegen. Direkte Hinweise auf Muskauer Lokalitäten sind im Geschundnen Pegasus nicht zu entdecken, doch der „Vergnügte Sägebock“ könnte eine Anspielung auf den „Bockkeller“ in der „Bockkellergasse“ sein, und eine Villa „Bellevue“ gibt es in Muskau tatsächlich – freilich auch in ungefähr 333 anderen Städten. Aber ob oder nicht ob – wir bilden’s uns halt ein ...

(1. April 2010.)

pegasus cabanel birth of venus 1863


Nachtrag

Aus einem offenen Brief Arno Holz’ an Richard Feller über die „Die Dichtung der Jetztzeit“, datiert „September [18]83“.
Gefunden auf http://www.uni-due.de/lyriktheorie/texte/1883_holz.html

„[...] die Dichtkunst unserer Tage ist eine wesentlich reproduktive und tritt als solche die Bahnen, welche der produktive Klassizismus, und zwar – was sehr bemerkenswert ist – nicht nur der des vorigen Jahrhunderts allein, dem dichterischen Talent erschlossen hat, breit; so breit, daß heut auch der Minderbegabte ‚in einer Sprache, welche für ihn dichtet und denkt’ ein gewisses poetisches Etwas zu Stande zu bringen vermag; woher es denn auch kommt, daß – Gott sei’s geklagt – der schon polizeiwidrige Dimensionen annehmende Dilettantismus nie üppiger in’s Kraut geschossen ist, als grade in unseren Tagen! Namentlich sind gewisse Kapitel unserer Poetik geradezu brigantenmäßig ausgeplündert worden. Ich erinnere hier nur, um ein Beispiel für zehn zu geben, an die weil. Ghaselenfabrikation deutsch sein wollender Poeten en masse! Kaum hatte es sich als Chorführer der bereits alternde Goethe auf seinem westöstlichen Divan einigermaßen bequem gemacht, als auch schon Rückert, bekleidet mit dem bekannten grünseidenen Turban des Propheten (bei allen diesen westöstlichen Dichtern eigentlich eine conditio sine qua non) seine östlichen Rosen pflückte, Platen nach Schiras pilgerte, bei welcher Gelegenheit seinen Frackschößen die Pergamentsrolle mit den Abenteuern der Abbassiden entrutschte, um aus den dortigen Gartenhainen Orangen zu stehlen, und nach diesen Evolutionen, wie Immermann meinte, alles andre, nur keine deutschen Gedichte zu ‚vomieren’, als, sage ich weiter, Leopold Schefer seinen „Koran der Liebe“ [Mark. d. Verf.] schrieb, Daumer seinen Hafis übersetzte1 und immer mehr und mehr bekannte und unbekannte Dichter und Dichterinnen (!!!) auf den muselmännischen Leim gingen und sich in dem kindischen Aufputz eines orientalischen Flitterphrasentums so wohl fühlten, daß sie unsere deutsche Nachtigall auf gut persisch immer nur ‚Bülbül’ schimpften – bis endlich in unseren Tagen Bodenstedt mit seinen ‚Liedern des Mirza Schaffy’ in der Gunst des Publikums den Vogel abschoß und leider, immer noch nicht der Letzte der Mohikaner geworden ist! Noch heute spuken die totgeborenen Kinder seiner Epigonen, welche sich in seine tscherkessische Muse verliebt haben, in den verschiedentlichen ‚Blumen und Blättern’, ‚Blüten und Perlen’, ‚Thränen und Sternen’ und wie dergleichen Anthologiengezücht, dieser Sargnagel aller individuell aufstrebenden Poesie, welche sich von dem herkömmlichen ‚Mittelgut’ emanzipieren will, sonst noch betitelt sein mögen, wie Gespenster, die an die Vergänglichkeit alles Irdischen gemahnen, herum!“

(20.09.2010)

Anmerkungen und Literaturhinweise
1 Der geschundne Pegasus. Eine Mirlitoniade in Versen von Arno Holz und 100 Bildern von Johannes Schlaf. Berlin: F. Fontane & Co. 1892. (Hier: Dass. Faksimiledruck der Ausgabe von 1892, "Den Autoren und Freunden des Verlags zum Weihnachtsfest 1971 überreicht". Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung 1971).
2 Eigenh. Brief m. Unterschr. „Johannes Schlaf“ und Umschlag […] Weimar 23.VIII.1921. Angeboten und beschrieben bei www.lot-tissimo.com, gefunden am 27.3.2010 von Helga Heinze.
3 Das Johannes Schlaf-Buch. Zu seinem sechzigsten Geburtstag herausgegeben von Ludwig Bäte, Kurt Meyer-Rotermund und Rudolf Borch. Rudolstadt: Greifenverlag 1922.
4 Hanstein, Adalbert von: Das jüngste Deutschland. Zwei Jahrzehnte miterlebter Literaturgeschichte. Leipzig: R. Voigtländer Verlag 1910; S. 229.
5 Dieter Bänsch im Nachwort des Nachdrucks von 1971.
6 Arno Holz: Dafnis. Ein lyrisches Porträt aus dem 17. Jahrhundert. München: Piper Verlag 1904. (Hier: Dass. Leipzig: Rudolf Koch Verlag 1938.)
Eine Anmerkung zum Nachtrag
1 Hier hätte „verfaßte“ stehen müssen, denn Daumer war tatsächlich der Schöpfer des vielbeachteten Hafis. S. dazu: Fünfundzwanzig Lieder und Gesänge von und nach Georg Friedrich Daumer. Herausgegeben und mit einem Essay begleitet von Ernst-Jürgen Dreyer. Köln: Stallgefährte 2010. (Sonderheft Musikwissenschaft 2.)


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