Eine Weltpremiere
Leopold Schefers Streichquartett Nr. 1
Von Bernd-Ingo Friedrich, André Kurtas und Thomas Staudt
Vortrag vom 13. Juni,Artikel in der LR vom 15. Juni,
Artikel in der SZ vom 27. Mai 2010
sowie Einladungstext.
Einführung, vorgetragen zur Premiere des Römischen Quartetts op. 20 Nr. 1 d-Moll am 13. Juni 2010 in der Orangerie Bad Muskau
Sehr geehrte Damen und Herren, es ist mir eine große Ehre und innige Freude, den folgenden Teil des Benefizkonzertes einleiten zu dürfen.
Mozart kennt man, Schubert kennt man auch, den Komponisten Leopold Schefer kennt man wohl eher nicht. – Noch. – Daß Leopold Schefer, der erfolgreiche Biedermeier-Autor, auch komponierte, wußten selbst seine Zeitgenossen kaum. Es gibt zwar eine CD mit 22 Liedern von ihm, und im Internet sind zwei kleinere Kompositionen für Glasharmonika zu hören, doch darüber hinaus existieren – obwohl inzwischen einiges an Schefer-Noten vorliegt – noch immer keine Klangbeispiele. Wie aber kommt Schefer nun trotzdem in die illustre Gesellschaft von Schubert und Mozart? Bevor ich dazu komme, möchte ich ein paar Worte zu Leopold Schefer überhaupt sagen.
Leopold Schefer, ein Jahr älter als sein Jugendfreund Hermann von Pückler, wurde 1784 in Muskau geboren. Er wurde zunächst vom Vater, einem Mediziner, später von Andreas Tamm, einem Juristen, sowie dem Hofrat Johann Justus Röhde im Geiste der Aufklärung unterrichtet und bezog 1799 das Bautzener Gymnasium. 1804 mußte er die Schule ohne Abschluß vorzeitig verlassen. Eine Universität kam deshalb für ihn nicht in Frage. Er bildete sich autodidaktisch weiter, schmiedete Pläne und ließ sich nach Art auch der damaligen jungen Leute mehr oder weniger ziellos treiben.
Im Frühjahr 1809 widerfuhr ihm mit Agnes von Pückler, der Schwester Hermann von Pücklers, die große Liebe seines Lebens. Das ungleiche Paar verbrachte eine kurze glückliche Zeit beinahe Tür an Tür im gräflichen Schloß, bis die Comtesse – für sie eine Tragödie – von ihrem Bruder im Dezember 1812 standesgemäß verheiratet wurde.
Im selben Jahr trat Schefer als „General-Inspector“ – ohne Vertrag und ohne festes Gehalt – in Hermann von Pücklers Dienste. Die anschließenden vier Jahre intensiver praktischer Tätigkeit als „Vice-Graf“ waren für den Langzeitpubertierenden ebenso prägend wie die „Weltfahrt“ – seine „Lebensuniversität“ – die er von 1816 bis 1820 unternahm. (Übrigens nannte auch Pückler seine Fußreise, die er mit 21 antrat, noch „Jugend-Wanderungen“ ...)
Schefer kehrte von der Reise, die ihn bis nach Konstantinopel geführt hatte, als gefestigter, in sich ruhender Mann zurück, der wußte, was er konnte und wollte. Er war nun in elf Sprachen zu Hause und spielte Mandoline, Zither, Klavier, Glasharmonika und Orgel. Er heiratete 1821, ließ sich ein Haus nach eigenem Plan bauen; zeugte einen Sohn, der ein tüchtiger Ingenieur und des Vaters ganzer Stolz wurde, vier Töchter, denen er Klaviersonaten schrieb, und rührte sich bis zu seinem Tode 1862 kaum noch vom Fleck. Zeitgenossen beschrieben ihn übereinstimmend als einen „Weltweisen“, der, seiner eigenen Kräfte bewußt, in vollen Zügen das häusliche Glück genoß. Er schrieb publikumswirksam kalkulierte Novellen und Romane für den Lebensunterhalt; versuchte mit seiner Lyrik, vor allem mit seinem Hauptwerk, dem Laienbrevier, das zwischen 1834 und 1898 insgesamt 21 Auflagen erfuhr, in die Welt hinein zu wirken, und betrieb die Musik als seine Herzensangelegenheit.
Seine musikalische Grundausbildung erhielt er vom Hofprediger Karl Friedrich Brescius in Muskau. Sie wurde entscheidend vorangebracht durch den Kantor Johann Samuel Petri in Bautzen, einen hervorragenden Lehrer, der eine unlängst wieder aufgelegte Anleitung zur praktischen Musik verfaßte und seine Schüler bei Wind und Wetter zu Fuß nach Dresden jagte, damit sie sich eine Oper von Naumann ansahen. Leopold Schefer begann zu komponieren; gehörte einem Quartett junger Leute an, das Konzerte von Benda, Bach, Haydn und anderen vortrug; beteiligte sich an der Aufführung von Singspielen und spielte gelegentlich zum Gottesdienst auf der Orgel der Muskauer Stadtkirche.
Seinen letzten Schliff bekam er in Wien, der ersten größeren Station seiner Weltreise, bei dem Kapellmeister Joseph Heydenreich und dem berühmten Antonio Salieri. Zu Salieris Schülern zählten Ludwig van Beethoven, Carl Czerny, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Franz Schubert, Giacomo Meyerbeer und – als 22. seiner alphabetischen Liste – eben: Leopold Schefer. Salieri war angesichts der Kompositionen, die Schefer ihm zur Probe vorgelegt hatte, überaus erstaunt, „daß ich sie so ohne alle Schule, nur mit der in Deutschland in der Luft schwebenden Musik gesetzt“, wie Schefer später in einem Brief mitteilte. Vorbilder, mit denen er sich auch literarisch auseinandersetzte, waren Mozart, Haydn und Gluck.
Schefer unternahm von sich aus nur zwei Versuche, musikalisch hervorzutreten, doch beide blieben erfolglos. Seine Liedersammlung, die 1813 von Pückler bei Breitkopf und Härtel herausgegebenen Gesänge zu dem Pianoforte, geriet in den Strudel der Kriegsereignisse und ging größtenteils verloren. Eine Zusammenarbeit mit Robert Schumann, der sich zunächst als Herausgeber der Zeitschrift für Neue Musik mit der Bitte um eine Novelle an Leopold Schefer gewandt hatte, gedieh nicht über Anfänge hinaus. Der Dichter war der Doppelstrategie nicht gewachsen, die das Vermarkten der Produkte zweier Kunstgattungen von ihm erfordert hätte.
Schumann widmete Schefers Kompositionen in seiner Zeitschrift 1838 anerkennende Worte und bemühte sich, die Aufführung einer Sinfonie durch Mendelssohn zu vermitteln, was aber an Schefers mangelhafter Zuarbeit scheiterte. Schumann schrieb unter anderem: „Der Dichter des ‚Laienbrevier’, so vieler phantastischer Novellengebilde, erscheint heute zum erstenmal in diesen Blättern, und nicht wie ein bittender Dilettant mit einem Hefte Lieder, sondern wie der Besten einer, gleich mit Werken der strengsten Kunstgattung.“ Er wies auf Einflüsse Glucks, Anklänge an Mozartsche Kompositionen, aber auch auf Vorwegnahmen des Romantischen hin, das erst mit Beethoven in die Musik kam, und rühmte an Schefers Werken eine „Gesunde Harmonik, deutsche Männlichkeit und Tüchtigkeit in Ausdruck und Gesinnung ...“
Dieser Beitrag, in den Schumann einige Angaben Schefers unkritisch übernommen hatte, ist übrigens auch verantwortlich dafür, daß man Leopold Schefer lange Zeit mehrere Opern und die phantastische Zahl von zwölf, noch dazu niemals aufgeführten Sinfonien zuschrieb. Zum Vergleich: Beethoven hinterließ „nur“ neun. Schefers musikalisches Œuvre weist aber auch ohne solche Übertreibungen beachtliche Werke auf. Zu ihnen gehören die Streichquartette, mehrere vierhändige Klaviersonaten, die erwähnte Sinfonie, die unvollendete Oper „Sakontala“ sowie über 180 ein- und ausdrucksvolle Lieder und Gesänge.
Das Werk besteht aus drei Gruppen, die mit seiner Biographie korrespondieren. Einen ersten Akzent setzte Schefer aus einer ersten Todeserfahrung heraus 1805 mit dem Liederkranz „Um dich weint meine Seele“. Er war seinem in Rußland tragisch verunglückten Freund Alexander Röhde gewidmet. Mit ihm nahm er die Erfindung des Liederzyklus’ vorweg, die allgemein Ludwig van Beethoven zugesprochen wird – welcher seinen Zyklus „An die ferne Geliebte“ jedoch erst 11 Jahre später schuf.
Ihm schlossen sich die Lieder an, die er zwischen 1808 und 1814 für „seine Laura“, für Agnes von Pückler schrieb. Die erst in jüngster Zeit bekannt gewordenen Lieder sind von hoher Qualität und Eigenständigkeit und können sich neben denen Schuberts und Schumanns behaupten. Von einigen der besten heißt es in der Zeitschrift Musikforschung sogar, „daß selbst Kenner nicht zu sagen wüßten, weshalb sie nicht von Schubert stammen könnten.“
Während der 24jährigen Ehe mit Friederike Lupke, einer Muskauer Schusterstochter, entstanden hauptsächlich Intrumentalkompositionen sowie zahlreiche Skizzen und Entwürfe. In letzteren kontrastiert allerdings Schefers hoher Anspruch oft mit unzureichender Konsequenz in der Durchführung. Er schrieb, komponierte und musizierte mit seinen Kindern, saß, wie schon als Jüngling, gelegentlich an der Orgel der Stadtkirche und pflegte während seiner Tätigkeit als ehrenamtlicher Schulaufseher vor allem das Volkslied.
Drei „Grandiose Altersgesänge“, wie der Musikwissenschaftler Ernst-Jürgen Dreyer sie nennt, schließen sein musikalisches Schaffen im wesentlichen ab. In ihnen verarbeitete Schefer den frühen Tod seiner Frau 1845, nach dem er erst begriff, wie sehr er auch sie geliebt hatte. Seine letzte vollendete Komposition jedoch ist das 1854 vertonte Gedicht „Geborgenes Glück“ der 1837 bereits verstorbenen Agnes von Pückler.
Die drei „Römischen Quartette“, 2007 in Partitur und Stimmen vorgelegt von dem Bautzener Komponisten und Musikverleger Mĕrko Šołta-Scholze, entstanden quasi „zwischen den Zeiten“. In Wien war Schefer schwer erkrankt, das einzige Mal in seinem Leben; zum einen, weil ihn das Aufgeben des Gewohnten mehr belastete, als für ihn gut war, aber auch, weil ihm die Trennung von der geliebten Agnes noch immer zusetzte. Und so sind die auf der Weiterreise in Rom begonnenen Quartette auch Ausdruck der Katharsis, die Schefer während seiner Weltfahrt durchmachte; seiner Loslösung vom Vergangenen, ihn Belastenden. Sie offenbaren, so ihr Herausgeber, viel Experimentierfreude und ausgesprochene Lust am Komponieren. Anmerken möchte ich noch, daß bereits ein zweites Streichquartett, das Römische Quartett Nr. 2 in D-Dur, auf seine Premiere wartet. Für die Auferweckung der Es-Dur-Sinfonie, die Robert Schumann so beeindruckt hatte, aus ihrem nur potentiellen Dasein im vierhändigen Klavierauszug zur klingenden Partitur, fand sich bisher leider noch kein Sponsor. Ein solcher wäre der Sinfonie um so mehr zu wünschen, als dieser „gewaltige Solitär“ innerhalb des Scheferschen Œuvres ein Konzerterlebnis von Brucknerschem Format verspricht.
Ich zitiere abschließend noch einmal Ernst-Jürgen Dreyer: „Die drei ‚Quatuors’, mit Nebentitel von Schefer ‚Römische Quartetten’ genannt, für die Entstehungsdaten von 1817 [dem Entstehungsjahr] bis 1821 [dem Jahr der Reinschrift] bezeugt sind, stellen in der zuweilen kühnen ... doch oft fragmentarisch gebliebenen Scheferschen Instrumentalmusik einen Qualitätssprung dar. Erstens zeigen sie den Dilettanten gleichsam über Nacht im Vollbesitz des handwerklichen Rüstzeugs: ein Blick, wo immer auch in die Partitur geworfen, zeigt souveränen Umgang mit den vier Instrumenten, sonore Fülle und eine ständige Teilnahme aller am durchbrochen-motivischen Spiel. Ist dies zwar noch Haydns Provenienz verpflichtet, so sorgt doch schon vom ersten Satz an die tiefe Lage für einen romantischen Klang. Pars pro toto [steht dafür] der Anfang vom Kopfsatz des h-Moll- Quartetts, der darüber hinaus den schottischen Ton Mendelssohns antizipiert.“ – Zweitens:
Zu Leopold Schefers Römischem Quartett Nr. 1, das sich heute also der Konkurrenz zweier musikalischer „Schwergewichte“ stellt und das Sie nun – fast – gleich hören werden, möchte Professor Schellong als einer der Interpreten noch ein paar Worte sagen ...
(Mai 2010)

Siehe dazu auch die Artikel
Mitteilungen und Termine
Leopold Schefers Römische Quartette Op. 20 (1)
Leopold Schefers Römische Quartette Op. 20 (2)
Leopold Schefer als Komponist

Der Rotary-Club Weißwasser lädt ein
zum Benefizkonzert am 13. Juni 2010 um 11 Uhr
in die Orangerie der Stiftung „Fürst-Pückler-Park Bad Muskau“.
Mit Premiere des Römischen Quartetts op. 20 Nr. 1, d-Moll,
für 2 Violinen, Viola und Violincello von
Leopold Schefer
Auf dem Programm stehen:
1. Das Streichquartett Es-Dur von Franz Schubert
2. das Streichquartett d-moll von Leopold Schefer (Muskau, 1784-1862)
3. das Streichquintett c-moll von Wolfgang Amadeus Mozart.
Die Ausführenden sind:
Sabine Meng (Oberstaatsanwältin), Violine,
Dieter Schmeisser (Physikprofessor), Violine,
Wolfhard Möller (Physikprofessor), Violine und Viola,
Sebastian Schellong (Medizinprofessor), Violoncello,
und Paul Schellong (Sohn), Viola.
Das Konzert
ist eine Benefizveranstaltung des Rotary-Clubs Weißwasser
zu Gunsten der Polio-Impfungen weltweit.
Eintritt / Spende 25 Euro
Seit Arno Schmidt Anfang der 1960er Jahre den Muskauer Dichter und Komponisten Leopold Schefer (1784-1862) der Vergangenheit entriß, hat es eine Reihe von Veröffentlichungen gegeben, die ihn dem heutigen Leser in all seinen Facetten erschließt. Vor allem seiner Eigenart wegen wurde der bedeutendste Teil des Scheferschen Nachlasses, das musikalische Werk, zuletzt entdeckt. Inzwischen liegt mit dem Handbuch „Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben.“ Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer von Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich (Görlitz 2006) sowie zahlreichen Veröffentlichungen Ernst-Jürgen Dreyers in Fachzeitschriften eine umfangreiche Werkübersicht und -analyse vor. Dazu gibt es die CD „Tagebuch einer großen Liebe“ mit 22 Liedern Schefers (Bautzen 2006) und Noten, die ebenfalls von Ernst-Jürgen Dreyer sowie dem Bautzener Komponisten und Musikverleger Mĕrko Šolta-Scholze herausgegeben wurden. Letzterer brachte zu Weihnachten 2007 das erste der Römischen Quartette (op. 20 Nr. 1 in d-Moll) für 2 Violinen, Viola und Violincello heraus, das nun, fast 200 Jahre nach seiner Entstehung seine Uraufführung erlebt. Widrige Umstände hatten verhindert, daß Leopold Schefer sich zu seinen Lebszeiten auch in der Musikwelt „einen Namen“ machte. Um so mehr ist zu begrüßen, daß nun bald eine weitere Premiere einer spannenden Komposition des Lausitzer „Jean Pauls“, oder "Ritter Glucks", Leopold Schefer stattfinden wird. Mit ihr bekommt die (Ober-) Lausitzer Kulturlandschaft ein weiteres Glanzlicht aufgesetzt.
Die fünf Streicher, die das Konzert aufführen, finden sich in teils wechselnder Besetzung in ihrer Freizeit zum Musizieren zusammen und gehen nur gelegentlich an die Öffentlichkeit. Deshalb nennen sie sich schlicht „ein Streichquartett aus Dresden“, wo sie auch vorzugsweise gastieren. Wer wissen möchte, ob, wann und wo sie dort zu hören sind, kann das bei der offiziellen Tourist Information für Sightseeing, Veranstaltungen (Events) und (Vorsicht, Wortneuschöpfung:) „Overnightstaying“, also Übernachtungen Dresden erfragen. Sie einmal zu erleben, lohnt sich.
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