Eine Exkursion in den sächsischen Orient
oder: Der Mega-Sammler
Von Bernd-Ingo Friedrich
Man erkennt ihn sofort. Seiner Garderobe sieht man an, daß er keine Zeit verschwendet. Helles Jackett, offenes weißes Hemd, der Rest ist improvisiert. Er besteht aus – ich geniere mich zwar etwas, das zu erwähnen, doch die Wahrhaftigkeit meiner Berichterstattung geht mir nun einmal über alles – schmuddeligen Jeans-Shorts, grauen Wollsocken, schwarzen Gesundheitssandalen und dazwischen – man möge mir noch einmal meine Redlichkeit verzeihen – ein Paar nackten, leider nicht mehr sehr schönen, 91 Jahre alten Männerbeinen. Der Mann ist Jahrgang 1919. Sein graues Haar sitzt spärlich, dafür im Nacken etwas länger, auf dem eigenwillig eckigen, altersbraun gefleckten Schädel. Seine helle, kaum faltige Gesichtshaut ist von feinen bläulichen Äderchen durchzogen. Mit seinen rot geränderten eisgrauen Raubvogelaugen, die er immer wieder geschickt hinter dem dicken Rahmen einer altväterlichen Hornbrille verbirgt, mustert er scheinbar gleichgültig, doch unablässig hellwach seine Gegenüber. Er war Anwalt. Er war aber kein Anwalt schlechthin, sondern, wie er selber sagt, ein sehr guter, sehr fleißiger und dabei sehr glücklicher, denn zu seinen immer „guten“, das heißt zahlungskräftigen Klienten zählten viele der heute so genannten VIPs, zeitweilig sogar der Schah von Persien. Sein Curriculum vitae, der im Jahr der Ermordung Karl Liebknechts begann, ihn durch Dutzende Länder und Kulturen führte und aktuell in die größte Krise seit dem Zirkulieren des auch von ihm mitbeschleunigten Finanzkapitals reicht, ist ebenso bemerkenswert wie seine Sammlung. Sein Bildungsweg war autoritär-humanistisch; seine Teilnahme an den Kriegen seiner Zeit war erfolgreich, was aber nur heißt, daß sie, für ihn zumindest, ohne gravierende Schäden endete; seine Karriere im westlichen Nachkriegs-Deutschland war beispielhaft; seine Familie ist zahlreich, sichtbar kerngesund und deutsch mit allem Drum und Dran, und seine Ansichten über Gott und die Götter, die alten Philosophen und die Welt sind so felsenfest gegründet wie die fugenlosen Mauern eines Maya-Tempels. Auch seine Ahnentafel ist imposant, denn sie reicht bis in die Zeit der Kreuzzüge zurück. Damit ist er – als Bürgerlicher! – sogar weiter gekommen als beispielsweise der Fürst Pückler. Er hat seine Zeit genutzt im Sinne seiner frei aus dem Lateinischen übersetzten Lebensmaxime „Nutze deine Anlagen, mach’ was aus dir und sei anderen ein Vorbild“. Diese Maxime ist das Kernstück des Vortrages, mit dem er die Führung durch sein labyrinthisches Privatmuseum im Stil einer mittelalterlichen Wunderkammer einleitet, das an Opulenz kein bißchen zu wünschen übrig läßt; im Gegenteil.

Denn ohne Zweifel beispielhaft hat er sämtliche orientalischen und einen erklecklichen Teil der okzidentalischen Kulturgüter gerettet, die seinen Lebensweg durch die halbe alte Welt irgendwie tangierten; die neue Welt, Amerika, existiert für ihn quasi gar nicht, und wenn – was man ja durchaus auch nachvollziehen kann –, dann nur als Hort alles Barbarischen. Wie konsequent, umsichtig und klug er beim Akquirieren agierte und agiert – ich greife ein wenig vor – demonstriert er sehr eindrucksvoll unmittelbar im Anschluß an unseren Rundgang. Im Gegensatz zur Kassiererin der zwanzigköpfigen Gruppe, mit der ich angereist bin, weiß er nämlich ganz genau, wer seinen Obolus bereits entrichtet hat und wer noch nicht und sogar, wer vorhaben könnte, sich darum herumzudrücken. Das Geldeinnehmen dirigiert er mit einer Grandezza, die keinen Zweifel daran läßt, daß ihm dieses Talent wie überhaupt sein Beruf und seine Berufung, das Akkumulieren, von seinen Ahnen in die Wiege, oder ins Blut, gelegt wurde. Sowie er eine der zahllosen Türen seiner Häuser öffnet, ermuntert er seine Besucher zu ausgiebiger, kurzer Neugier mit den Worten: „Gucken Sie ruhig. Hier, alles voll. Hier auch, alles voll, und da drüben ist noch mehr. Kommen Sie. Sie können alles fotografieren.“ Der Transport des Ganzen aus dem westlichen in den östlichen Teil Deutschlands, ins Land seiner Väter und Mütter, soll volle sieben Jahre in Anspruch genommen haben!
Eine Aufzählung all dessen, was er im zweistöckigen Haupthaus samt ehemaliger Stallung und einer riesigen, notdürftig ausgebauten Scheune zusammengetragen hat, ist demnach schlicht unmöglich. Punkt. Denken Sie sich irgend etwas Russisches oder Orientalisches aus, egal was, – es ist da; vom Mammutzahn bis zur Schallplatte mit Volksmusik, von der Ikone bis zu Lenins Büste, vom Eisbärenfell bis zum mediterranen Grabstein aus Marmor, vom Nomadenteppich bis zur Nargileh, vom Räucherstäbchen bis zum goldenen Altarschrein, vom Schlackebrocken bis zum Edel-, Mond- und Bernstein – es fehlt buchstäblich nichts. Ein paar Briefbeschwerer gibt es auch, aber die taugen nicht viel. Modernes Kunstgewerbe halt. Und: Alles, ausnahmslos alles wurde ganz ehrlich erworben, reell verzollt und legal importiert!

Ein Mensch, der zu Übertreibungen neigt, würde sagen, daß jeder Quadratzentimeter der Fußböden und der Wände einschließlich der Decken bedeckt sei, aber weil ich niemals übertreibe, muß ich einschränken: weil man Textilien nicht faltenfrei und ohne zu zipfeln annageln kann, lugt hier und da noch ein Fleckchen Wand hervor. Teppiche über Teppiche – Kelims, Madrasse, Schirasse, Makramees, Ikebanas und weiß Gott was – aus Samt und Seide von waschlappen- bis unbezahlbar groß bedecken in dicken und allerdicksten Lagen sämtliche Fußböden, selbst die Ziegel eines eher ungewollt museal wirkenden Schuppens; sie hängen an sämtlichen Wänden und am Gebälk der Scheune; dazwischen Bilder, Skulpturen, Säbel und Pistolen; Applikationen und Batiken; Gesticktes und Gestricktes; Seide, Leinen, Wolle, Brokat und Leder; Hüte, Mützen, Tücher, Schals und Accessoirs vom antiken Tabaksbeutel bis zur Damenhandtasche aus den 1960er Jahren. Man sieht Stachelschweinborsten, Kolibrifedern, Kokoseier und Straußennüsse; Gläser, Tassen, Kannen – sogar eine mit Rädern ist dabei! – Öfen und Kamine; Gerätschaften zum Kaffeerösten, -kochen und -servieren; Teegeschirr und -siebe; Öllämpchen, Armleuchter, elektrische Lampen; Hocker, Stühle Tische, Taburetts und Fußschemel; Reitsättel für Araber, Esel und Kamele; Waffen, Helme, Orden und Medaillen; Schränke und Vitrinen voller Nippes – ich glaube, es reicht. Ich sagte ja schon: denken Sie sich irgend etwas aus. – Natürlich! auch Schuhe! Was denken Sie denn! Ich sag’ doch: Alles.
An Geschirr und Besteck dürfte in etwa so viel da sein, daß man allen momentan darbenden Pakistanis – wir schreiben das Jahr 2010 – eine Tafel ausrichten könnte. Dazu könnte man allen Männern ein feines Tabakdöschen oder Feuerzeug, den Damen ein Schmuckstück, den Kindern ein Spielzeug schenken; an Kleidung für alle würde es hier und da vielleicht ein bißchen fehlen. Ackergerät, Mörser, Töpfe, Tiegel, Pfannen, Vorratsgefäße, all die Dinge, die man brauchte, um zu erzeugen, was auf die Tafel gehört, sind ebenfalls da. Um es an die Tafel zu bringen, müßte man lediglich die Kumte und Karren flott machen, die, zerlegt in ihre Einzelteile, zusammen mit einem bizarren Urnen- und Amphorenwald das weitläufige, sehr urwüchsige Grundstück dekorieren. Sogar eine Statue von Praxiteles (siehe Wikipedia) soll einmal dazu gehört haben. Sie dürfte das einzige jemals hierher gelangte Einzelstück gewesen sein – sie wurde verkauft, man prozessiert noch um einige Millionen – aber sonst ist alles mindestens doppelt vorhanden. Haifischzähne, Trilobiten, Manganknollen, Quarzdrusen, Scherben und ähnlich banale Artefakte sind kistenweise eingelagert. König Arthus’ Schwert, das in der Scheune zusammen mit ein paar gleichartigen und gleichaltrigen Rüstungsteilen nagelneu funkelnd zwischen einem halben Dutzend riesigen rostigen Schießeisen hängt, ist zwar auch ein Unikat, aber das hat sicherlich irgend ein Witzbold heimlich dazu addiert.

Bücher sollen an die 6.000 da sein. Allerdings vermitteln sie ein bißchen den Eindruck, als hätte hier eine Empfehlung der Fürstin von Thurn und Taxis gezündet: „Wer in Wohnungen mehr Videos, CDs und DVDs als Bücher hat, sollte anfangen, sich Sorgen zu machen, oder sich erkundigen, wo er in seiner Stadt Bücher zum Kilopreis erwerben kann, um zumindest kosmetisch Abhilfe zu schaffen.“ Videos und Tagebücher beherbergt die Sammlung nämlich ebenfalls in großer Menge. Darüber hinaus gibt es – nun ja, eben alles ad libitum: Gedrucktes, Geschriebenes, Kalligraphiertes, Aquarelliertes und so weiter; Sultanserlasse und Geleitbriefe mit und ohne Turga; uralte Korane im Ganzen, Fragmente und Einzelblätter davon; Folianten; Bibeln in Englisch, Französisch, Russisch, Griechisch, Deutsch und Latein; Miniaturen von Mekka und Medina; Faksimiles berühmter Originale; lange Reihen edler Kunstlederbände aus „Reader’s Digest“ – ich habe manchmal lieber nicht so genau hingesehen; ich bin bibliophil, wissen Sie. Damit komme ich zu einer etwas heiklen Sache, denn einen etwa drei ein halb Meter langen Querbalken der Scheunendachkonstruktion bedeckt ein zweireihiger Fries, zusammengeklebt aus vielen Kupferstichen, die ursprünglich in einen Folianten aus dem 18. Jahrhundert eingebunden waren, eine illustrierte Geschichte des Orients von 1722, wenn ich alles richtig behalten habe. Das komplette Buch ist an anderer Stelle zwar noch einmal zu finden – wie auch anders – doch weil ich ein Bibliophiler bin, verachte ich eigentlich die Sammler, die ohne Not alte Bücher fleddern. Ich kenne sogar einen Historiker, der so etwas fertig bringt. Aufgrund der jetzt gemachten Erfahrung werde ich aber bei Gelegenheit noch einmal über meine möglicherweise ein wenig verklemmte Einstellung zu Kunstwerken im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit nachdenken. Es ist ja ohnehin alles vergänglich ...

Vergänglichkeit – das ist auch der wunde Punkt der gigantischen, um nicht zu sagen „monströsen“ Kollektion. Hier und da werden bereits Alters- und Lagerschäden sichtbar; altes Heu und neuer Staub legen sich auf die Kulturgüter; Insekten, Mäuse und der Zahn der Zeit nagen an ihnen; rostige Nägel zerren an den mürben Fasern der schweren Gewebe und Gewirke; der Sauerstoff bemächtigt sich der freien Radikale von Eisen, Bronze, Kupfer, Zink und Zinn; Bakterien und Pilze tummeln sich im Untergrund, und man müßte etwas dagegen tun. Doch so sehr die Zeit auch drängt, sie fehlt gerade dafür. Das Sammeln geht vor. Aus demselben Grunde muß – vorerst, mit 91 ist der Mensch ja noch nicht wirklich alt – auch eine museale Aufarbeitung der Exponate unterbleiben. Bei einem Großteil würde sie sich sowieso noch nicht so recht lohnen, weil er aus den bekannten Asia- und ähnlichen Shops stammt.
Die Exposition wird selbstverständlich aufgelockert – wer bis hierher gelesen hat, kennt den so generös sammelnden Advokaten schon ein bißchen und erahnt wohl auch seine okkulten Antriebe – durch einige mehr oder weniger bescheidene Memorabilien. Erinnerungsfotos mit Schah und ohne, Zeitungsausschnitte, Reiseprospekte, Dankschreiben und Autogramme, mehr oder weniger gute Gemälde, und, was ich ja ganz charmant finde und hier gar nicht erwartet hätte – ja, wieso eigentlich nicht? – hin und wieder sogar etwas erfrischend Erotisches. Auf einem winzigen Tischchen liegt ein klitzekleines Aquarell mit einer frivolen Haremsszene; auf einem aparten kleinen Sofa kuscheln sich bezaubernde Bauchtänzerinnen in vergoldeten Rähmchen leger aneinander; an einer Wand im Wohnzimmer räkelt sich, meisterhaft mit dem Bleistift modelliert, lasziv ein stehendes nacktes Mädchen, und die schönsten Fotos – für mich das Reizvollste dieses orgiastischen Schautages überhaupt – zeigen eine Phalanx bildhübscher junger Moskauerinnen in sehr kurzen Pelzmäntelchen mit wunderschönen schlanken Beinen in kurzen, pelzbesetzten Stiefelchen, die auf dem Roten Platz für die Kamera posieren. Wer die eine und die andere meiner Geschichtchen gelesen hat, weiß ja – die Mädchenbeine ...
(21. August 2010)
Schatzhaus in der Lausitz
Das Museum für Morgenlandfahrer in Leutwitz
Ernst-Ulrich Walter
Haus-Nummer 13
02633 Göda (OL)
Telefon 035953 / 6845
Telefonische Anmeldung erforderlich
Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen