Leopold Schefer und die Stasi
oder Unrecht Gut gedeihet schlecht
Von Bernd-Ingo Friedrich

1992 verkündete das Ww Wochenblatt, daß sich in Cottbus eine „Schefergesellschaft mit der Erhellung der Biographie des Muskauers“ befaßt.1 Die Spuren der Gesellschaft haben sich im Sand der Geschichte verlaufen, aber ihre Anfänge waren mit einer hübschen kleinen Veröffentlichung verbunden, um die sich mittlerweile eine ebenso hübsche kleine Geschichte ranken läßt. Es handelt sich dabei um Dreizehn Gedichte und Lieder aus dem Verlag Bangert & Metzler in Stuttgart.
Die querformatigen Hefte wurden von Bettina Clausen zum 200. Geburtstag des Muskauer Dichters am 30. Juli 1984 herausgegeben. Mit einigen von ihnen, wie dem abgebildeten Exemplar, hat es eine besondere Bewandtnis; es sind nämlich sogenannte „Stasi-Exemplare“. Bettina und der im Mai 2010 leider verstorbene Lars Clausen hatten auf Arno Schmidts Funkessay „Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen“ hin Anfang der 1970er Jahre begonnen, sich mit Schefer zu befassen. Die ausgewählten 11 Gedichte und zwei Lieder waren ihre erste Veröffentlichung über ihn. Es wurden 500 Exemplare gedruckt und numeriert, wovon 100 römisch numerierte dem damaligen Rat der Stadt Bad Muskau für Werbezwecke kostenlos zugedacht waren. Die Hefte kamen nie an, sondern wurden von der Cottbuser Stasi kassiert und sollten vernichtet werden. Das wurden sie aber nicht. Sie wurden zum Teil unter der Hand verscherbelt, ein Rest blieb bis nach der Wende liegen und tauchte – kurz gefaßt – zum Leopold-Schefer-Kolloquium 2006 in Bad Muskau völlig überraschend wieder auf. Die Heimkehrer sorgten noch einmal für kurzzeitigen Wirbel, weil eine die Veranstaltung observierende Dame, die kurioserweise in den 1970er und 80er Jahren in Görlitz auch für die Stasi gearbeitet hatte, etwaige Besitzansprüche auf die „Konterbande“ in ihrem Sinne zu regeln versuchte. Letzten Endes erhielt, was davon noch da war, ich.
Der Stasi-Mann, der die Hefte seinerzeit beschlagnahmt hatte, soll ein übler „Drecksack“ gewesen sein, der Cottbus mehr oder weniger verlassen mußte und jetzt irgendwo in der Nähe des Spreewaldes lebt. Er soll nach der Wende sogar noch versucht haben, seine Unterschlagung zu pervertieren, indem er behauptete, er hätte die Sendung, nach der das Ehepaar Clausen, die so unglücklich beschenkte Stadtverwaltung von Bad Muskau (die Stadträtin für Kultur hatte der Stasi mehrmals Rede und Antwort zu ihren „Westkontakten“ zu stehen) und mehrere aus den verschiedensten Gründen daran Interessierte jahrelang gesucht hatten, nur retten wollen. Die Hefte sind also überaus „historisch“ ...2
(10.09.2010)

Anmerkungen
1 Detlef Proske: „’Dir müssen Feind sein, die Knechtschaft wollen.’ Zum 130. Todestag des Muskauer Dichters Leopold Schefer.“ In: Ww Wochenblatt 2 (1992) Nr. 4 v. 26./ 27.2.1992; S. 2.
2 Die Namen der an diesem Dollstück beteiligt gewesenen Personen sind bekannt, auch der des „Drecksacks“, und können ggf. beim Autor dieser bescheidenen Miszelle erfragt werden.
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