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Friedrich Staps, erschossen zu Schönbrunn

Leopold Schefer und sein Staps-Komplex

Von Bernd-Ingo Friedrich


Das „pantheistische Trifolium“ saß zwar auf einem Stengel, nämlich Muskau, doch seine Blätter - Pückler, Schefer und Petrick - trugen sehr verschiedene Farben.

Fürst Hermann von Pückler-Muskau, der die Welt von allen dreien am meisten angeschaut hatte, war ohne eigentliche Weltanschauung, ein sogenannter „Realist“ ohne Zweifel am Bestehenden mit dem Gestus eines Romantikers, aber seine materielle Welt war ja auch – von ein paar Millionen Talern abgesehen, die ihm seiner Meinung nach fehlten – in Ordnung. Er schwadronierte allein des Effekts wegen einmal in die eine, ein andermal in die andere Richtung; seine Welt sollte vor allem eins sein: originell und bunt, ein Welttheater. Deshalb vollzog er, nach eigenem Bekunden, im Alter von 54 Jahren noch den Übertritt zum „prächtigen Katholizismus“; wohl deshalb verstand er sich auch mit dem Dramatiker Heinrich Laube so gut, und wohl deshalb ist er – nach über 150 Jahren Inkubationszeit – nun auch so überaus glücklich in der vergnügungssüchtigen Moderne angekommen.

Sein Halbbruder und Schützling Johann Gottfried Petrick, der als Theologe seltsamerweise den aufgeklärtesten Standpunkt vertrat, wandte sich an die Vernunft der Hörer seiner Predigten bzw. Leser seiner Schriften. Er entwickelte ein radikales, fundamentalistisch-religiöses Programm, das die Lebensverhältnisse der Menschen bessern sollte, sie jedoch erschreckte.

Leopold Schefer, der „verhinderte Tatmensch“, wandte sich an das Gefühl des Publikums und verzichtete aus „Einsicht in den Lauf der Welt“ auf jegliche Ideologie. Seiner Ansicht nach sollte der Mensch unablässig an seiner moralischen Vervollkommnung arbeiten, woraus der gesellschaftliche Fortschritt sich von selbst ergäbe. Leopold Schefer lebte – obwohl er ihn nicht ausstehen konnte – nach Johann Wolfgang von Goethes Maxime, der Mensch habe auf seinem, ihm vom Schicksal zugewiesenen Platz das Bestmögliche zu leisten. Nur einmal dachte Schefer ernsthaft daran, in den Gang der Weltgeschichte einzugreifen: Er plante, wie Heinrich von Kleist und viele andere junge Männer seiner Zeit, Napoleon zu ermorden.


staps 1 friedrich staps berlin 1843


„Ich bin ruhig, weil ich jetzt ein Ziel habe, ich weiß, daß ich es bin, der es thut. – Wer Tyrannei nicht leiden kann, wem es ernst ist, sie zu verdrängen, der muß die Freiheit mehr als sein Leben lieben und aus diesem edlen Beweggrund handeln. Er wird also Niemandes Mietling sein; er wird nicht vorher prahlen wollen damit, indem er Mitverschworene wirbt. Eine Hand ist hinreichend. Der Gedanke muß aus ihm sein und er muß ihn ausführen. So wird und muß es ihm gelingen. Aber ob er die Früchte seiner That sieht, das versprech’ ich ihm nicht.“1

Doch gar so sicher, wie er sich in diesen Zeilen gab, war er nicht, und so versuchte er sich in den Selbstgesprächen seiner Tagebücher immer wieder neu zu motivieren, suchte er eine moralisch integre Begründung für sein Vorhaben. Seine Notizen zu dem 1806 anonym erschienenen Artikel „Durch welche Triebfeder läßt sich jezt die Tapferkeit der Teutschen vermehren?“ zeugen davon.2 Für Schefer war an diesem Artikel wichtig: Die Deutschen haben kein Vaterland, folglich keinen Patriotismus; sie sind zu aufgeklärt für religiösen Fanatismus und kämpfen auch nicht für ihre Freiheit wie in einer Revolution, also muß man ihr Ehrgefühl stärken, so daß sie um der Ehre willen kämpfen.

„Das Volk ist es nicht werth, noch verdient es, sich in den Finger zu schneiden, daß dieser Auswurf sicher und ungestört sein elendes und lächerliches, fades Dasein fortsetzen könne! Tugend, so wird dir wieder ein Leben geweiht. O, daß Alle immer so bereit seien, immer für das Gute gern zu sterben.!”

„Wehe dem Mann, den sein wüthender Geist in unendlichen Krieg treibt
      Thor, der seines Siegs Früchte nun nimmer genießt,
Du führst sie in den Krieg, die du führen solltest zum Leben,
      Weh’ dem Geschlecht, das erwacht, furchtbar umklirret von Krieg.“

Ungeachtet dessen, daß der angehende Dichter und Komponist sich zu jenem Zeitpunkt in einem quälenden Selbstfindungsprozeß und einem fürchterlichen Gefühlschaos befand, entsprangen seine Introspektionen stets seiner Grundüberzeugung, daß „die beste aller möglichen Welten“ noch zu erschaffen sei.

Man meint, auch seinen Freund Petrick zu hören, wenn er fragt: „Was thun die Könige für die Menschen? Was hat namentlich Napoleon gethan? Alles das Gute, was er will, wird die Wunden nicht heilen, die er geschlagen hat. Die Völker vereinigen, noch sie nach Gesetzen richten, macht ihren Zustand nicht um ein Haar besser. Alles, was die Könige können, ist, dem Volk Frieden geben, daß es dann in Ruhe aller Segnungen des Lebens und der Natur theilhaftig werden möge. Ein stolzer König, wie Bockbein [Friedrich August von Sachsen] etwa, ist nicht werth, König zu sein, weil er nie seine Pflichten erfüllen kann, da er sie und alle seine Verhältnisse nicht kennt, aber sich erstaunend leer fühlen muß, Menschenachtung nicht achtend; und ein Gott kann er nicht werden.“ Den Schlußsatz „Nieder mit den Götzen, wir brauchen, wir wollen keine Götter!“ hätte Petrick allerdings mißbilligt.

Empörung spricht auch aus Schefers Zeilen: „Bonaparte war mein Mann, aber an dem Tage, als er Napoleon (das heißt also Kaiser) ward, habe ich sein Basrelief im Mörser zerstoßen. Daß ich doch die Kunst wüßte, die den Freimaurern sonst beigelegt wurde, die abwesenden Verräther in ihren Silhouetten erstechen zu können!“

Am 12. Februar 1812 schrieb er seinem Freund Blochmann nach Dresden: „Bald hätt’ ich mich durch meine Vaterlandsliebe verleiten lassen zu etwas, was Du errathen mußt – wer die Vaterlandsliebe nicht höhnt, der hätte auch die That ehren müssen. Für den Thäter bleibt sie Sünde, aber da sie ein Abwerfen des Drucks, ein Aufstreben zur Freiheit, nicht ein Leiden, sondern eine Handlung ist, so scheint sie selbst größer, als die Geduld der Sklaven. Sie hat auch den Beifall der meisten Menschen, und auch die übrigen sollten bedenken, daß sie, ohne Nachtheil der Sünde, doch Theil haben an den heilsamen Folgen, an die der Thäter nur in der Ferne denkt – ihn drückt, höhnt der Augenblick – und sein Tod sollte sie vollends versöhnen. – Ich hatte einen Mann von Lumpen und alten Kleidern gemacht (wem ähnlich kannst Du denken) und ermordete ihn alle Abende einmal, um sicher des Mannes und der That gewohnt zu werden. – Wie liegt das Schicksal in jedes Menschen Hand, der entschlossen ist und eigenliebig genug, für einen Diener desselben zu halten! Aber das Leben verlieren ist weniger, als den Ruhm des unbefleckten Lebens – und den hat er verloren, er ist ja sterblich – und die Tage seines Glanzes werden bald vorüber sein und er ist ja sterblich, – und bald wird sich das Vaterland ja auch so wieder heben – und ich steckte meinen Mann in den Ofen und er stank das ganze Haus aus. –“

Schefer opponierte aus dem Gefühl heraus, doch sein durchdringender Verstand belehrte ihn allmählich eines besseren, oder besser: anderen. Parallel dazu entwickelte sich seine pantheistische Weltsicht und offenbarte ihm den „Weltenplan“, der alle großen Taten vor der Vollendung scheitern läßt; Beispiele dafür waren ihm große Eroberer wie Cäsar und Alexander. Er erkannte in der Vollendung bereits den Stillstand und formulierte daraus die Sentenz, die Menschen vollendeten ihre Götter und gingen sodann an ihnen zugrunde. Mit der Intensität des in Gedanken Durchlebten schwand die Intensität des Wollens. Am Ende hatte Schefer den Mord in effigie vollendet und auf die Tat verzichtet. (Sein Biograph Karl Siegen macht „die Liebe“ dafür verantwortlich ...) Schefer litt keineswegs unter dem Verzicht, sondern begann, ihn literarisch zu verarbeiten.

Wann Schefer Kenntnis von dem Attentatsversuch des Naumburger Pastorensohns Friedrich Staps erhielt, ist nicht zweifelsfrei belegbar. Staps’ patriotische Tat wurde nachweisbar zum ersten Mal 1813 im Russisch-deutschen Volksblatt gewürdigt,3 das – makaber genug – der Erfolgsschriftsteller August von Kotzebue herausgab, der 1819 selber einem – allerdings irregeleiteten – Attentäter zum Opfer fiel: Der Jenaer Student und Burschenschafter Karl Ludwig Sand erstach ihn in seiner Mannheimer Wohnung, angeblich mit den Worten: „… hier, du Verräter des Vaterlandes!“ Seine Tat löste die sogenannten Demagogenverfolgungen aus, in die – wohl eher zufällig – auch Heinrich Laube geriet.4

Ein zweiter Bericht über Staps’ Attentatsversuch ist für das Jahr 1822 nachweisbar,5 es folgen die Memoires du General Rapp, aide-de-camp de Napoleon, ecrites par mi-meme. Paris 1823. Diese befinden sich ebenso wie die Broschüre Life of Napoleon Bonaparte [...] London o. J. (siehe Abbildung) in Leopold Schefers Nachlaß. Auf diesen Grundlagen könnten die ersten Skizzen und Entwürfe entstanden sein, die 1836 unter anderem in einen liebevoll kalligraphierten fiktiven Buchtitel mündeten:


staps 2 napoleon umschlag      staps 3 napoleon titelblatt      staps 4 schefer


„Vaterlandsliebe./ Tagebuch des Friedrich St .../ aus Achtzehnhundert und Neun./ Mit Bemerkungen/ des jungen Herrn von S ..../ Herausgegeben von Leopold Schefer./ Stuttgart,/ Hallberger’sche Verlagshandlung./ 1836.“ Seine Rückseite trägt das „Motto:

Die kleine Biene sticht den Feind so ritterlich,
Weil sie für sich nicht ist, sie fühlt ihr Volk in sich.
Friedrich Rückert.“

„Die kleine Biene“ Friedrich Staps beschäftigte Schefer ein zweites Mal intensiv, als ihm um 1843 das Büchlein Friedrich Staps. Erschossen zu Schönbrunn, bei Wien, auf Napoleons Befehl im October 1809. Eine Biographie aus den hinterlassenen Papieren seines Vaters M. Fr. Gottl. Staps, Prediger zu St. Othmar vor Naumburg [...] in die Hände geriet.6 Sein in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz aufbewahrtes Exemplar enthält zahlreiche Anstreichungen und Vermerke, darunter zu dem Satz „Nun aber nähert er sich und kommt Napoleon sehr nahe“ auf Seite 103 die praxisorientierte Marginalie: „Pistole!“ Doch obwohl Schefer lebenslang Material für seinen „Staps-Komplex“ sammelte, wurde nie ein geschlossenes Werk daraus. Die Ursachen dafür sind nur zu erahnen.

Friedrich Gottlob Staps’ Schrift diente Ernst Borkowsky in den 1940er Jahren als wichtigste Quelle für seine zusammenfassende Studie Das Schönbrunner Attentat im Jahre 1809 [...].7 Borkowsky nennt in seinem Literaturanhang eine ganze Reihe gedruckter sowie handschriftlicher deutscher und französischer Quellen, die er benutzt haben will, was jedoch angesichts des vorliegenden Ergebnisses zweifelhaft erscheint. Auch sind alle angegebenen gedruckten Memoiren bereits in Friedrich Staps (siehe oben) aufgeführt und ausführlich zitiert. Die Quellen, die Borkowsky benennt, sind:

Mémoires du Général Rapp […; s. oben]. Paris 1823. Deutsch von Oscar Marschall von Biberstein, 1902.
Bourienne, Mémoires sur Napoléon. Paris 1829.
Savary, Mémoires. Paris 1829.
Las Cases, Mémorial de Sainte Hélène. Paris 1829.
Correspondance de Napoléon I., publiée pat l’ordre de l’empereur Napoleon III., Tome XIX, N. 15935.
Friedrich Staps [...; s. oben]. (Dazu ist angemerkt: „Heute im Buchhandel nicht mehr zu haben.)
Akten des Oberlandesgerichts in Naumburg a. S., betr. das Testament der Pastorin J. K. Stapß, 1828. Protokolle der Wiener Polizeioberdirektion, 1830. (Dazu merkt der Professor an: „Ich habe diese Dokumente 1898 zu einer historischen Arbeit benutzt. Sie sind heute nicht mehr aufzufinden.“)
Archives Nationales, Paris. F 7. 6542 N. 1864, Serie 2. Stapss, Frédéric, Saxon. Projet d’assassinat contre S. M. à Schönbrunn. Liasse de pièces 8 p. 170-259.

Als „Dichterische Literatur“ listet er auf: „Walter von Molo, Friedrich Staps, ein deutsches Volksstück – Mathilde von Gellhorn: Friedrich Stapß, historisches Schauspiel – Hans Steguweit, Der Schwärmer, Schauspiel (Manuscript) – Eilhard Erich Pauls, Der Freiheit Hauch, Roman – Willibald Alexis, Friedrich Stapß – George Sand hat schon 1836 einen Stapß-Roman ‚Engelhard’ geschrieben; das Manuscript fand sich in ihren nachgelassenen Papieren.“8

Zweifel an Borkowskys Quellensichtung sind schon deshalb erlaubt, weil er wie Bernhard von Poten, der – neben vielen anderen – den Artikel „Friedrich Staps“ für die Allgemeine Deutsche Biographie verfaßte, die vielerorts anzutreffende Schreibweise „Stapß“ (mit „ß“ am Ende) unkritisch übernommen hat.9

Die Wikipedia verzeichnet Bernhard von Poten (1828-1909) als Preußischen Obersten, Militärbiographen und Mitarbeiter der Allgemeinen Deutschen Biographie. Er verfaßte – neben seiner eigentlichen Tätigkeit! – ein Handwörterbuch für die gesamten Militärwissenschaften in 9 Bänden, eine Geschichte des Militär-Erziehungs- und Bildungswesens in den Landen deutscher Zunge in 5 Bänden mit Registerband, drei voluminöse einbändige Werke sowie ca. 600 lexikalische Einträge in der ADB. Der offenkundig geltungsstreßgeplagte Offizier hat den „ß-Staps“ (möglicherweise von Willibald Alexis übernommen) in Umlauf gebracht und damit ein weiteres Mal demonstriert, wie einmal gedruckte Fehler bis in alle Ewigkeit Nachschlage- und andere Werke verderben. Dabei bezieht sich auch von Poten sogar ausdrücklich auf die oben genannte, von Staps’ Vater 1843 herausgegebene Schrift mit der korrekten Namensnennung! (Außerdem nennt er als Quelle: Historisch-Politische Blätter, 1844, XIV, 148-171.10 )

Die Fehler des Artikels in der ADB/NDB im Einzelnen:
Staps wird nicht mit sz geschrieben,
Staps war kein österreichischer Patriot, sondern ein in Naumburg an der Saale geborener Sachse, der bei Schönbrunn in Österreich erschossen wurde,
Staps’ war evangelischer Konfession; das Fragezeichen hinter „evangelisch?“ kann also entfallen.

Und: den Titel Friedrich Stapß von Willibald Alexis hat Borkowsky schlicht aus dem Hut gezaubert. Zwar schreibt Alexis im Vorwort der ersten Auflage des ersten Bandes Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit (für Juristen, Psychologen und eine „größere Leserclasse“): „Sands That und Leben stehen, wenigstens für Deutschland, allein da. Der Mordversuch des Jünglings Friedrich Staps führte zu keinem Criminalprozeß; er wurde durch ein summarisch kriegsrechtliches Verfahren abgethan. Er war eine Erscheinung, die im Erscheinen verschwand, ohne uns Rückblicke auf seine Entstehungsgeschichte zu lassen. Doch sammeln wir für einen der folgenden Bände, was aus historischen Quellen über die That bekannt ist.“11


staps 5 willibald alexis      staps 6 ernst borkowsky      staps 7 walter von molo


Dem schlossen sich tatsächlich Recherchen an. Sie führten jedoch zu unerwarteten Details mit problematischen Ergebnissen, die Heinrich Hubert Houben für sein Kompendium Verbotene Literatur von der klassischen Zeit bis zur Gegenwart rekonstruierte.12 „Im selben Jahr 1843 hatte übrigens Alexis noch ein zweites, bisher noch nicht gekanntes Renkontre mit der Zensur. Er hatte das von dem Schriftsteller A. Bernstein (Rebenstein) 1838 gegründete Lesekabinett (Behrenstr. 32) gekauft; diesem war ein Verlag angegliedert, die ‚Buchhandlung des Berliner Lesecabinets’. Zu ihren Veröffentlichungen gehörte eine Biographie des jungen Handlungsgehilfen Friedrich Staps, der 1809 auf Napoleon ein Attentat versuchte und deswegen erschossen wurde. Im Nachlaß seines Vaters, eines Predigers in Naumburg, hatte sich das Manuskript gefunden, und als es der Zensur vorgelegt wurde, strich diese mehrere Stellen, die sich gegen den französischen Marschall Ney wandten, der 1815 als Hochverräter ebenso endete wie Staps – eine merkwürdig zarte Rücksicht des Zensors, die in der Zeit der Fremdherrschaft begreiflich und damals auch von der preußischen Zensurbehörde streng geübt worden war. Alexis als Verleger beschwerte sich am 1. Juli darüber bei dem damals neugegründeten Oberzensurgericht, und dieses annullierte die Zensurstriche. Da Literatur und Presse an dieser ersten Entscheidung des Oberzensurgerichts größtes Interesse nahmen, wollte Alexis seine Beschwerdeschrift und das Urteil als Broschüre veröffentlichen. In der ersteren hatte er aber dem Zensor der Biographie Staps’ einen ‚kaum glaublichen Mangel an Einsicht, Kenntnis der Weltgeschichte und Achtung vor historischen Reliquien’ vorgeworfen und ihn beschuldigt, daß er ‚die Geschichte korrigieren und dem historischen Urtheile über Geschehenes die engen Grenzen seiner eigenen individuellen Ansicht – und zwar gegen den Buchstaben des Gesetzes – substituieren wolle’. Diese Äußerungen hatte nun wieder der Zensor der Broschüre beanstandet. Alexis wandte sich abermals an das Oberzensurgericht; der Staatsanwalt, Kammergerichtsrat Sulzer, gab aber diesmal dem zweiten Zensor recht, weil jene Äußerungen persönliche Kränkungen eines Beamten seien, und die Beschwerde wurde abgelehnt. Sulzer hatte sogar erklärt, die einmal eingereichte Beschwerde unterstehe überhaupt nicht mehr der freien Verfügung des Verfassers, zu ihrer Veröffentlichung bedürfe Alexis der Zustimmung des Gerichts und des Staatsanwalts; noch weniger dürfe er ohne deren Erlaubnis das Urteil publizieren! Dieser Auffassung schloß sich das Oberzensurgericht aber nicht an (Akten des Geh. Preuß. Staatsarchivs R 101 H 1843 I). Alexis veröffentlichte nun das Urteil, verzichtete aber auf den Abdruck der Beschwerde und erklärte in der ‚Kölnischen Zeitung’ vom 10. September (Nr. 235, die Erklärung ist datiert: ‚Saline Theodorshall bei Kreuznach, 7. Sept. 43.’), er müsse die Entscheidung des Gerichts durchaus billigen, da allerdings die Klägerin (seine Buchhandlung) in jener Beschwerde ‚ihrem (freilich niemals verhaltenen) Unwillen über die Censur, und wie diese bisher geübt worden, Luft gemacht habe’. Ihm genüge vollauf, daß durch die Entscheidung des Gerichts ein großer Fortschritt erzielt sei: die Anerkennung der Berechtigung zur Veröffentlichung von Gerichtsurteilen. Er sei daher der Hoffnung, ‚daß auf diesem Wege einem Übel, bis die Zeit zu dessen gänzlicher Austilgung gekommen, die möglichst engen Gränzen gesteckt, und es der Willkür und Einseitigkeit der facultativen Macht benommen werden dürfte’. Wenn man will, war das auch eine Antwort auf die königliche Kabinettsorder.“

Im Vorwort der zweiten Auflage des ersten Pitaval-Bandes teilte Willibald Alexis schließlich mit: „Wenn wir damals aus historischen Quellen den Mordversuch des Friedrich Stapß’ [!] als einen Gegensatz zu dem Sand’schen Morde sammeln zu können hofften, hat sich dies als falsch gezeigt. Auch die kurze Biographie seines Vaters hat nichts Gehaltreiches vorgebracht, und am wenigsten ist der Stoff vorhanden zu einem Criminalprozeß.“13

Für eine Vernebelung der seit 1843 recht klaren Angelegenheit hat auf die jener Literaturgattung eigene Weise auch der „historische Roman“ Die Schlacht von Patrick Rambaud und Ina Kronenberger gesorgt. Dazu heißt es auf einer Webseite der Familie Wislicenius: „Rambaud wollte auf bengalische Beleuchtung nicht verzichten. So darf auch der deutsche Freiheitskämpfer Friedrich Staps durch das Buch stolzieren, obwohl das historische Attentat auf den Kaiser erst im Oktober 1809 versucht wurde, also Monate später. [Nach der Schlacht von Aspern.] Beyle [Stendhal] und Staps bewohnen das gleiche Haus in Wien und treffen dort auf ein liebenswertes Fräulein, in das nun Beyle und der Verbindungsoffizier Lejeune sich vergaffen. So läuft dann doch nur das alte Spiel von Liebe und Tod.“14

Ebenfalls auf der Website wislicenius.info wird das Gedicht „Napoleon und Staps“ von Christian Friedrich Hebbel (1813-1863) zitiert:

„Wie vor Varus, den Römer, so trat im geknechteten Deutschland
      Vor Napoleon auch mahnend die Nemesis hin.
Hätt’ er den Jüngling verstanden, der, ohne zu zittern, das Leben
      Vor die Füße ihm warf, als er’s ihm wieder geschenkt:
Nimmer hätt’ es der Völker bedurft, ihm die Lehre zu geben,
      Dass der germanische Geist immer den sittlichen rächt.“

Zu Friedrich Staps, seinen Lebensumständen und seinem mißglückten Attentat gibt es auf der Website von Dr. Detlef Belau, Naumburg, ausführliche Mitteilungen. Auf ihr gibt es auch Hinweise auf spätere sekundäre Literatur über Friedrich Staps. Alle dort genannten Autoren beziehen sich jedoch auf Borkowsky respektive Vater Gottlob Staps, so daß deren Studium eigentlich genügte. Aufgrund der von Napoleon angeordneten und gründlich durchgeführten Vernichtung aller Hinterlassenschaften Friedrich Staps’ dürfte Neues allenfalls aus einer Wiederholung der seinerzeit von Willibald Alexis durchgeführten Recherchen zu erwarten sein. Daß die dafür erforderlichen Unterlagen noch zur Verfügung stehen, erscheint jedoch zweifelhaft.15 Für eine weitere Beschäftigung mit Leopold Schefers „Staps-Komplex“, etwa unter dem Aspekt einer „Attentäter-Psychologie“, bietet sich die Verwendung folgender Quellen bzw. Literatur an:

Der sogenannte „Staps-Komplex“, Siglen D.16 und D.17, im Nachlaß Leopold Schefers, zu finden in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in Görlitz.

Brenning, Emil: „Biographische und literargeschichtliche Würdigung Leopold Schefers. Gekrönte Preisschrift.“ In: Neues Lausitzisches Magazin. 60.Band, 1.Heft, Görlitz 1884; S.1-199. Zu Staps s. S. 37-42. Die Preisschrift liegt auch als Buch vor: Leopold Schefer. Eine Monographie. Bremen: Rühle & Schlenker 1884.

Siegen, Karl: „Aus Leopold Schefers Frühzeit. Nach handschriftlichen Quellen.“ In: Akademische Blätter. Beiträge zur Litteratur-Wissenschaft. Braunschweig: C. A. Schwetschke und Sohn 1884; S.585-599 u. 635-671. Zu Staps s. S. 660-662.

Clausen, Bettina und Lars: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer. 2 Bde. Frankfurt am Main: Bangert & Metzler 1985; Bd. 1, S. 262f. u. Bd. 2, S. 409, 438.

Vergleicht man die Charakteristika Staps’ und Schefers, so ergeben sich nämlich einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten: Beide wuchsen behütet auf; beider Begabungen wurden unterstützt und gefördert; beide waren zielstrebig, diszipliniert und fleißig; ordentlich bis zur Pedanterie und ihren Altersgenossen intellektuell überlegen. Einen interessanten Bogenschlag verspricht auch die Feststellung, daß Schefer sein Attentat 1806 erwog, als Napoleon sich am Anfang seines Weges zur unumschränkten Herrschaft über Europa befand; Staps seinen Versuch 1809 wagte, als Napoleon sich auf dem Gipfel seiner Macht befand; während die gefeierten „Helden des 14. Juli“ sich zu ihrer – für erfahrene Militärs überaus dilettantischen – Tat erst Mitte 1944 aufraffen konnten, nach der Schlacht von Stalingrad und der Landung der Alliierten in der Normandie, also angesichts eines längst verlorenen Krieges, an dem sie bis dahin eifrig mitgewirkt hatten. „Vom Schillerschen Tyrannenmord zum Terrorismus des 21. Jahrhunderts“ wäre ein drittes, vielversprechendes Thema ...

(22.10.2010)


Anmerkungen
1 Dieses Zitat sowie alle folgenden Zitate wurden den Tagebüchern Leopold Schefers entnommen.
2 Anonym: „Durch welche Triebfeder läßt sich jezt die Tapferkeit der Teutschen vermehren?“ In: Der europäische Aufseher. 1806. No. 71. Freitag, den 5. September.
3 Anonym: „Der deutsche Brutus.“ In: Russisch-deutsches Volksblatt. Herausgegeben von Kotzebue. In der Expedition Französische Straße Nr. 23, und auf allen Postämtern. Nr. 26. Berlin den 29ten May 1813; S. (1)-(3).
4 Laube wurde „kassiert“, zum Spitzel der Reaktion gemacht und für anderthalb Jahre „Festungshaft“ in den Muskauer Park geschickt. Er widmete diese „schönste Zeit [s]eines Lebens“ der Literatur, der Jagd und der Geselligkeit und brachte es in der Folgezeit zum Direktor des Wiener Hoftheaters.
5 Anonym: „Friedrich Staps, ein Nachtrag zu Nr. 34 [1822] dieser Blätter.“ In: Eisenbergisches Nachrichtsblatt mit Beyträgen zur Belehrung und Unterhaltung. Mit gnädigster landesherrlicher Genehmigung. Herausgeber F. A. Nützer. Zweyter Jahrgang. Nr. 36. Den 3. September 1822; S. 145-147.
6 Friedrich Staps. Erschossen zu Schönbrunn, bei Wien, auf Napoleons Befehl im October 1809. Eine Biographie aus den hinterlassenen Papieren seines Vaters M. Fr. Gottl. Staps, Prediger zu St. Othmar vor Naumburg. Nebst den Zeugnissen seiner Zeitgenossen. Carl Johann Friedrich Schulz, Kämmerer zu Kyritz. Erschossen daselbst am 8. September 1807, auf Befehl des Französischen Gouvernements. Berlin: Buchhandlung des Berliner Lesecabinets 1843. (Aus dem Bestand des Lesecabinets.)
7 Borkowsky, Prof. Dr. Ernst: Das Schönbrunner Attentat im Jahre 1809. Mit Benutzung der geheimen Polizeiakten des Französischen Nationalarchivs in Paris. Verlag für Militärgeschichte und deutsches Schrifttum Naumburg/Saale o. J. (Vermutlich 1942.)
8 Verifiziert: Molo, Walter von: Friedrich Staps. Ein deutsches Volksstück in vier Aufzügen. Hrsg. A. Gloy, Studienrat. Paderborn und Würzburg: Verlag von Ferdinand Schöningh. (1933.) Aus der Reihe: Der deutsche Quell. Hrsg. Dr. Heinrich Schnee. Schöninghs Textausgaben 144.
9 Poten, Bernhard von: „Stapß, Friedrich“ in: Allgemeine Deutsche Biographie 35 (1893), S. 461f.
10 Historisch-Politische Blätter für das katholische Deutschland. Herausgegeben von G. Philips und G. Görres. München: In Commission der literarisch-artistischen Anstalt 1838ff.
11 Der neue Pitaval. Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit. Begründet vom Criminaldirector Dr. J. E. Hitzig und Dr. W. Häring (W. Alexis). Fortgeführt von Dr. A. Vollert. Leipzig: F. A. Brockhaus. 1842-1890; Erster Theil (1842), S. XX.
12 Houben, Heinrich Hubert: Verbotene Literatur von der klassischen Zeit bis zur Gegenwart. Ein kritisch-historisches Lexikon über verbotene Bücher, Zeitschriften und Theaterstücke, Schriftsteller und Verleger. 2 Bde. Hier: Zweite, verbesserte Auflage, Bd. 1. Dessau: Karl Rauch 1925; S. 22f. - Den Hinweis darauf verdanke ich Dr. Nikolaus Gatter, Köln.
13 Der neue Pitaval, Erster Theil, Zweite Auflage (1857), S. XV.
14 Rambaud, Patrick, und Kronenberger, Ina: Die Schlacht. Frankfurt am Main: Insel Verlag 2000. S. dazu auch www.wislicenus.info/friedrich_staps.htm.
15 S. dazu auch Borkowskys Anmerkung zu den Akten des Oberlandesgerichts in Naumburg.

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