Kurze Andacht über den Goldschnitt
Von Friedrich Fuchs
Pf. bibliophil. in Büdingen/ Wolf
Auch wenn sie Bücher besitzen und gebrauchen, werden doch die meisten Menschen zeitlebens nicht gewahr, dass es Buchschnittverzierungen gibt. Farbschnitte, Sprengschnitte, Kleisterschnitte, Marmorschnitte, Gold- und Silberschnitte, Mehrfachschnitte. Man sieht sie, und zugleich sieht man sie nicht.Anders ist es bei evangelischen Christen. An einem Tag ihrer Jugend werden sie für einen kurzen Augenblick aus der allgemeinen bibliophilen Lethargie gerissen. Zur Konfirmation schenken ihnen Großeltern oder Paten ein in schwarzes Leder gebundenes, goldschnittverziertes Gesangbuch.
Das Gesangbuch meines (biFs) Großvaters. Berlin 1913.
Mit Klappschachtel, Schutzumschlag, recht ordentlich erhaltenem Goldschnitt
und normalen Gebrauchsspuren. Der Großvater war „KPD“.
Dieser Augenblick kann für den weiteren Lebensweg des Beschenkten von großer Bedeutung sein. Stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor: Beim Öffnen des Gesangbuchs erscheint darin ein kleiner Zettel mit dem Wortlaut „Der Goldschnitt dieses Buches ist unbedingt gegen Regen und Nässe zu schützen. Bei Nichtbeachten entstehen unschöne Wasserflecken.“ Nun ist der junge Mensch aufgrund seiner derzeitigen Entwicklungsstufe durchaus und reichlich an Mahnungen und Warnungen gewöhnt. Außerdem werden ihm Mahnungen und Warnungen als das übliche Geräusch kirchlicher Verlautbarungen auch später noch oft ans Ohr dringen und es abhärten. Aber in diesem einen Fall bleiben Rebellion und Widerstand aus. Der Konfirmand schließt das Buch, betrachtet es und denkt: „So ein Goldschnitt ist doch etwas so kunstvolles und schönes, dass ich ihn nicht durch den Schweiß meiner Hände oder den Ausfluss meiner Nase beflecken und verunreinigen will.“ Dann legt er das Buch sorgfältig an einen geschützten Ort, um es vor Gefahren zu bewahren. Zu den weiteren Schutzmaßnahmen, die er beschließt, gehört auch, dass er hinfort nicht mehr zum Gottesdienst geht. Frühestens zu seiner Hochzeit betritt er die Kirche wieder. Dies ist ihm ohne Not möglich, da bei diesem Anlass von einem fotokopierten Liedblatt gesungen wird.
Denken Sie jetzt aber bitte noch etwas weiter. Aus dem jungen Menschen wird einmal ein Erwachsener. Irgendwann wird auch er an der Himmelstür um Einlass nachfragen. Und nun sagt der Apostel Petrus im Verlauf des Vorstellungsgesprächs zu ihm: „Zeigen sie mir doch bitte einmal ihr Gesangbuch!“ Was glauben Sie, worauf sich das Interesse des heiligen Himmelspförtners richtet? Sucht er nach Benutzungsspuren oder hat er eine Vorliebe für unversehrte Goldschnitte? Na also! Deshalb sollten Sie – sofern Ihnen wirklich an der Zukunft ihrer Brut gelegen ist – unbedingt alle Hinweise auf die hochgradige Empfindlichkeit von Schnittverzierungen vor der Übergabe aus dem Buch tilgen. Falls Sie aber zu der kleinen Gruppe von Bibliophilen gehören, denen Bücher wirklich über alles gehen, dann nehmen Sie doch bitte rechtzeitig Abstand von der Übernahme eines Patenamtes.
(18. Januar 2007, 28.07.2010)
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