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Die Muskauer Töpfer in der Literatur

18. und 19. Jahrhundert

Zusammengestellt von Bernd-Ingo Friedrich


Die schriftliche Überlieferung des Töpferhandwerks in der Literatur setzte auch in der Lausitz relativ spät, etwa am Anfang des 18. Jahrhunderts ein. Bis dahin waren die Töpfer Handwerker, die wie viele andere auch ihre Arbeit taten und weiter nichts. (Das heißt: in der Literatur ...) Erst mit der europäischen Aufklärung, insbesondere initiiert durch die „große Enzyklopädie der Franzosen“ Diderot und d’Alembert erwachte das wissenschaftliche Interesse auch an den Handwerken und ihren technischen Details, eroberten populäre Darstellungen der Arbeitswelt des Menschen die pädagogische und zuletzt auch die belletristische Literatur.1 Die Nachrichten über die Muskauer Töpfer beginnen – wie so oft in ähnlichen Fällen – mit einem Theologen, mit einer Predigt und einem furchtbaren Unglück.

August Andreas Achilles, Pastor an verschiedenen Orten und Muskauer Superintendent von 1757 bis 1776, Neffe des Magisters Andreas Achilles, einem Hauptvertreter des Halleschen Pietismus und Freund Franckes, predigte vier Tage nach dem großen Muskauer Stadtbrand 1766 über Eine durch ein unerhörtes Zornfeuer Gottes ganz und gar verstöhrte Stadt [...] (Dresden: Kraus 1766). Die Chronik von Stadt und Park Bad Muskau (Weißwasser: Inter-Media Werbeagentur 1997) zitiert auf Seite 25 richtig (muß man bei dieser Chronik hinzufügen) einen Aktenmäßigen Bericht [...] des Muskauer Archediakons Christian Gottlieb Langner (Budissin: Monse 1788), in dem es zu der Ursache des Brandes etwas vage heißt:

„Es kam nemlich an dem eben gedachten Tage, in den Nachmittagsstunden, in einem Hause in der Schmelze,2 das ist, in der vor dem Schmelzthore, gegen Mittag gelegnen Vorstadt, durch Verwahrlosung Feuer aus, welches die ersten zunächst an die innre Stadt stossenden Häuser dieser Vorstadt, und weil der Wind nach der Stadt zu stand, die ganze, damals freylich schlecht und meistentheils von Holz erbaute innre Stadt, mit allen ihren öffentlichen und Privatgebäuden verzehrte, und in wenigen Stunden in einem rauchenden Schutt- und Aschenhaufen verwandelte.“

Es hatte also, wie und durch wen die Katastrophe auch immer ausgelöst worden sein mag, nichts genützt, die Töpfer aus der Stadt zu verbannen. (Merkwürdigerweise findet sich nirgendwo aufgezeichnet, was in solchen Fällen mit den Brandstiftern geschah ...)

Das große „Zornfeuer Gottes“ taucht – verständlicherweise – bis heute in den Beschreibungen Muskaus auf, so in Superintendent Johann George Vogels Versuch einer Schilderung [der Gegend um Muskau] (Bautzen: 1769), der Erdbeschreibung von Kursachsen [...] des Privatgelehrten Dankegott Immanuel Merkel (6 Bde. Leipzig: Barth 1797-1800) oder eben in der oben genannten Muskauer Chronik, herausgegeben von Erich Merkle. Bei allen finden natürlich auch die Töpfervorstadt und ihre Töpfer Erwähnung.3

Ludewig Traugott Heinrich Wolff, 57 Jahre lang Schloßsekretär, Schloßintendant und gewissenhafter Chronist auf Schloß Muskau, hielt, die Töpfer und die Schmelze betreffend, Angenehmeres fest: In seinen „Merckwürdigen Begebenheiten“, aufgezeichnet von 1767 an bis über das Ende seiner Dienstzeit 1824 hinaus, zeigt er, daß selbst der Zorn Gottes die Muskauer von Feiern mit „Feuerwerken“ nicht abzuhalten vermochte:

„1774. 24. Juny. Vermählung der Gräfin Henriette Louise von Callenberg mit den Reichs Hofrath Carl Christian edlen Herrn und Grafen zur Lippe, Sternberg und Schwalenberg, allhier im hochgräfl. Schloße [...] Den 25ten Nachmittags fuhren sämmtlich anwesende Herrschafften nach den Ziegelscheunsee auf den Berg. Die Neuvermählten wurden von bekränzten Bauer-Mädchen in einer grünen Laube mit Blumen und Kränzen empfangen. Man wohnte einer veranstalteten Fischerey bei und verfügte sich von da nach Vorwerg Gablentz. Vor dem Eingange hatte sich ebenfalls junges Volck mit Blumen versammelt. Zu dem Hofe führte eine Allee von jungen Fichten nach dem Wohngebäude zu, um dieses herum und in den Garten waren grüne Bogengänge, Luststücken und an der Thüre eine Ehrenpforde angelegt. Abends ward hier soupirt und der Garten illuminirt. Bey der Rückkehr nach Mußkau hatte sich am Wege, wo bis Mußkau Leuchtfeuer brannten, das wendische Volck von den benachbarten Dörfern mit Musick versammlet und tanzte. Die Stadt war mehr als jemahls erleuchtet, desgleichen auch die Schmelze. Welche man in Augenschein nahm.“


ker1 encyclopedie francaise diderot dalemenbert      ker3 leske reise durch sachsen muskau      ker2 bernoulli reisebeschreibungen muskau


Damit kommen die bemerkenswerteren Reiseschriften, die etwas über die Muskauer Töpfer und ihre Töpferei enthalten, an die Reihe. Nathanael Gottfried Leskes Reise durch Sachsen ist der oft zitierte Klassiker dieser Literaturgattung. Leske, geborener Muskauer, Professor der Ökonomie an der Universität Leipzig, notierte in „Muskau, am 16. Junius. 1782“:4

„Das zweite beträchtliche Gewerbe treiben die Töpfer, wovon ein und zwanzig Meister hier befindlich sind. Sie wonen in der nach Görlitz gelegenen Vorstadt, die Schmelze genant. Ihre Arbeit ist in hiesiger Gegend weit und breit bekannt und verdient viel Beifal. Die Güte ihrer Arbeit gründet sich gröstenteils auf die Tüchtigkeit des Tons, den sie verarbeiten. Sie würden sich in guten Umständen befinden, wenn ihnen nicht ihr Gewerbe durch die vielen Zölle, Accisen und Abgaben erschweret würde. Auch ist ihre Arbeit für das Land nuzbar, weil sie alle ihre rohe Materialien aus dem Lande selbst nehmen. Der Ton liegt teils auf ihren eigenen, teils auf herrschaftlichen Grundstükken, und zwar auf letzteren besonders der braune eisenschüssige Ton, aus welchem die roten muskauer Töpferwaren verfertigt werden. Für denselben bekömt die Herrschaft etwas gewisses als einen Tonzins. Järlich verbrauchen die Töpfer sechzig bis siebenzig Scheffel Salz, womit die Töpferwaare besprengt, zum Teil auch in die Tonmasse eingeknetet wird. Das Geschir, welches sie bereiten, ist ser mancherlei: z. B. Oefen von besonderer Festigkeit, Reibenäpfe oder Aesche, Schmelztiegel, welche mit gestoszenen Sand bestreuet werden, Flaschen von verschiedener Grösze, allerlei Krüge, z. B. Weinkrüge, welche häufig nach Prag und Wien verfaren werden; sie enthalten sechs bis acht Meszkannen, auch wohl zwei Wasserkannen: und andere gemeine Töpferwaare. Besonders bereiten sie ser feste töpferne Rören, welche von langer Dauer sind und zu Wasserleitungen statt hölzerner oder eiserner Röhren gebraucht werden können. Diese Röhren sind sechs viertel Ellen lang und so eingerichtet, dasz eine in die andere paszt, noch einmal so weit als die hölzernen, im Durchschnitt vier bis fünf Zol. Sie werden durch Kalk- und Gipskitte mit einander verbunden. Man sol sie an einigen Orten in der Oberlausitz z. B. in Lukersdorf bei Löbau mit Nuzen gebraucht haben.*) Vor den hölzernen haben sie den Vorzug, dasz sie nicht so leicht verwerfen. Anderes gemeines Töpferwerk wird in der Erde mürbe und aufgelöst; dieses aber ist so hart, wie Steingut, schlägt Feuer am Stal und ist wenigstens auf lange Zeit unveränderlich. Seine Farbe ist durch und durch braun, wenn es aber die Töpfer inwendig grau haben wollen, dann stekken sie vor den Brand fetten Kien in die Rören, welches nach dem Brennen eine Veränderung der Farbe verursacht. Das Handwerk wünscht sich eine Vermerung ihrer Arbeit, und würde sie erhalten, wenn die jezt beschriebenen Rören mehr in Aufnahme kommen sollten. Dermalen ist auch dieses Handwerk in dürftigen Umständen, denn die Güte ihrer Waare ist auszerhalb der Gegend nicht bekant genug, und ihre Ausfuhr ins Preußische ganz verboten. Vorzüglich beklagte man sich, dasz die Schlesischen Töpfer den guten Ton ausfüren, Töpferwaare daraus verfertigen und zum Verkauf nach Muskau bringen dürfen; da hingegen kein Sachse bei Baustrafe Ton aus Schlesien holen darf. Solte nicht auch diese, vielleicht nicht genugsam erwogene Gewonheit, wodurch den hiesigen Töpfern der größte Teil ihrer Narung entzogen wird, eine Verbesserung verdienen?“
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*) Ein Augenzeuge versichert mich, dasz schon vor einigen Jaren mit denselben zu Wien der Versuch gemacht worden: ob solche wirklich den hölzernen Rören bei Wasserleitungen vorzuziehen wären. Die Erfahrung hat zum Vorteil der Tonrören entschieden. Nur müssen sie an Orten, wo viele und schwere Lasten gefaren werden, nicht zu seichte liegen.

Wenige Jahre nach ihm befand auch der Superintendent Vogel, der allerdings nie versäumte, sich wozu auch immer zu äußern, in den Ostermeßanzeigen der Churfürstlich-Sächsischen Leipziger ökonomischen Societät von der Ostermesse des Jahres 1798, gedruckt zu Dresden 1798, einiges über die „Verbesserung der töpfernen Röhren“.

Lediglich der Vollständigkeit halber sei hingewiesen auf Johann Bernoullis Sammlung kurzer Reisebeschreibungen und anderer zur Erweiterung der Länder- und Menschenkenntniß dienender Nachrichten. (16 Bände und 2 Registerbände. Leipzig: Buchhandlung der Gelehrten 1781–1787; Jahrgang 1784, Vierzehnter Band.) Er enthält „Joh. Bernoulli’s Reise in die Oberlausitz im Sommer 1782.“ Im „Zweite[n] Abschnitt. Beschreibung der freyen Erb- und Standesherrschaft Mußkau“ erwähnt er in einem Abschnitt auf der Seite 365 folgende Erwerbszweige: „Papiermühlen, Tuchmacher, Töpfer, Pfeifenmacher, Büchsenmacher, Posamentierer, Wachslicht- und Wachsstockfabrikante, sind ausser einer ansehnlichen Menge von Fleischhauern, Schuhmachern, Schneidern und Bäckern, die vorzüglichsten Gewerke der Stadt und des Landes.“

Runde fünfzig Jahre später berichtete der Stralsunder Arzt und Schriftsteller Karl Theodor Friedrich Siemerling aus der Lausitz: „Auch sind die Muskauer Töpfer berühmt, deren Waaren als schöngeformte Heitzöfen, besonders Thonröhren zu Wasserleitungen, als sehr haltbar und wohlfeil bekannt sind.“ In einer Anmerkung kommt er noch einmal auf sie zurück. „Die schon erwähnten, eine lange Reihe bildenden Töpferöfen am Ende der Stadt, erleuchten im Sommer allnächtlich die Gegend, und werden von Fremden oft für eine Feuersbrunst angesehen.“5

Den Reigen der Belletristen eröffnet der Saganer Stadtgerichtsdirektor und Schriftsteller Carl Weisflog mit seiner 1825 in der Arnoldischen Buchhandlung in Dresden veröffentlichten Novelle Die Quellnymphe. Sie liegt seit 2010 in einer modernen, reich illustrierten Bearbeitung von Bernd-Ingo Friedrich als Die Quellnymphe oder Die Bäder zu Muskau vor. In der Beschreibung der Stadt Muskau und des Hermannsbades erwähnt Weisflog die Muskauer Töpferöfen wie auch das benachbarte Alaunwerk zwar nur als reizvolles landschaftliches Detail, aber er tut das sehr eindrucksvoll:6

„Noch bin ich nicht lange genug hier, noch fesselt mich diese schöne und reiche Natur, noch bin ich zu aufgeregt, um über Menschen sie vernachlässigen zu können, und Du würdest mir Recht geben, ständest Du ein einziges Mal mit mir im Strahle der untergehenden Sonne auf diesen Bergen, sähest ein einziges Mal, wie das Purpurlicht den dicken, unter mir aufwallenden Rauch der Töpferöfen entzündet, der nun in langen Strömen dahin zieht über das lachende Thal.“

Ein wenig von ihm abgekupfert zu haben scheint der Fürst Hermann von Pückler-Muskau 1834 in der „Zweiten Abtheilung“ seiner Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, der „Beschreibung des Parks zu Muskau und seiner Entstehung“:7

„Den Vordergrund [der Ansicht vom östlichen Neißeufer aus] bildet das Neissthal mit dem Städtchen, dessen aufsteigende Terrassengärten sich mit den Strohhütten des Dorfes Berg, die hier fast unmittelbar über die Stadt herabzuhängen scheinen, malerisch vereinen. Südlich in den Schluchten rauchen Tag und Nacht die Alaunhütten und Töpferöfen, deren Feuersäulen mit eintretender Dämmerung allnächtlich die ganze Gegend erleuchten [...]“

Als „echter“ Dichter hat sich Pücklers Jugendfreund und Generalinspektor Leopold Schefer der Muskauer Töpfer angenommen. Ein erstes (publiziertes) Gedicht enthalten seine von Max Waldau herausgegebenen späten orientalischen Dichtungen mit dem seinerzeit modischen Titel Hafis in Hellas. Das Gedicht trägt anstelle einer Überschrift die Nummer 17.8

Götter seid ihr, liebe Töpfer!
Durch ein wenig Glanz und Dauer,
Durch ein Schnäuzchen an dem Kruge,
Durch ein Blümchen auf dem Bauch.
Leicht verkauft ihr eure Waare!
Und die Weiber und die Männer
Kaufen vor den Tempelthüren
Was das Haus bedarf, voll Eifer,
Willig offnen Aug’s betrogen. –
Töpfer seid ihr, liebe Götter,
Haltet feil an allen Ecken
Neue Waare neuen Käufern!
Und ich auch geh’ eben kaufen
Um ein Töpfer mit zu werden.

Ein weiteres „Töpfer-“ oder „Ton-Gedicht“ (Schefer hinterließ auch zahlreiche respektable Kompositionen) findet sich in Leopold Schefer’s Buch des Lebens und der Liebe. Das von Schefer ursprünglich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehene Gedicht wurde vom Herausgeber Alfred Moschkau, Mitbegründer der wissenschaftlichen Philatelie in Deutschland und Gründer des Oybin-Museums, in die Anthologie nachgelassener lyrischer Werke Schefers aufgenommen. Es hat hier seines Inhalts und weniger seiner literarischen Qualität wegen Platz gefunden:9

Der Töpfer

Das sei versichert, einen Töpfer ehr’ ich
Soviel ihm zukommt, aber auch nicht mehr.
Holz, Feuer, Rauch und tausend Feuerfunken,
Die Kunst und seinen Fleiß, und Fuß und Hand –
Soviel ihm zukommt, nimmer aber mehr.
Die Scherben auch zu achten, fordre nicht;
Die künft’gen Scherben schon, die Töpfe noch
Zu achten, laß ich; doch er selbst bedauert
Die Scherben nicht; er lacht sie heimlich an:
Durch Scherben-werden lebt er, hat er Arbeit,
Gräbt Thon, schabt Thon, und dreht die Waare
Die lustig groß auf seiner Scheibe wächst.
Durch Scherbenwerden brennt der Ofen immer,
Schlägt nachts der hohe rothe Fuchs empor
Und glühend weh’n die Feuerfunken hin. –
– Nun denke unter Thon dir was du willst ...
Und unter Feuerfunken was du willst;
Denk’ unter diesem Töpfer wen du kannst,
Auch noch so riesengroßen Scherbenmeister,
Denk unter seinem Ofen was du willst,
Auch unter Töpferscherben was du magst –
Nur sei versichert: jeden Töpfer ehr’ ich
Soviel ihm zukommt, aber Keinen mehr.“
So spricht, wer sich für Töpferwaare hält,
Doch selber nicht sein Leben erst erschafft
Und Werth ihm giebt durch seines Herzens Geist
Durch Liebe, treue Müh’ und Fleiß und Kraft.
Der wahre Mensch kann nie sich selber schmähen,
Nicht sich für wenig halten, noch die Welt;
Das kann der Müßig-Hohle nur, der Arme,
Ja Kranke nicht, der gern doch wirken wollte!
Drum ist der Reichthum nicht so dankenswerth,
Weil leicht er müßig macht und undankbar.
Nicht so beklagenswerth ist drum der Arme
Der rüstig strebt, auch lebenslang vergebens.
Ein König kann sich für sein Königreich
– Das er nur müh’los unverdient geerbt
Und nimmer sich durch seinen Fleiß erwürbe –
Nicht so bedanken, nicht so fröhlich sein,
Als wie der Arme sich bedankt für seine Hütte,
Die ihm so schwer fiel, und den Ärmeren
Vor lauter Freude noch ein Stübchen gönnt!
Das Menschenherz nur giebt dem Leben Werth,
Das Leben aber erst der guten Erde,
Die Erde aber erst dem Sternenfelde
Darin sie aufgeblüht – und Menschen trägt;
Und jeder Mensch trägt seinen Werth in sich.

In der Schefer-Novelle Die Sibylle von Mantua spielt die Töpferzunft sogar eine tragende Rolle. Ihre Hauptpersonen sind der reiche Töpfermeister und Bossierer Squarciafighi und seine Tochter Manto. Neben anderen schönen Bildern aus dem Alltag der seit Jahrhunderten im Familienbesitz befindlichen Werkstatt, oder Werkstätten, beschreibt Schefer in der turbulenten Erzählung die ungewöhnliche Verwendung einer Töpferscheibe:10

„Dann setzte er seinen kleinen Jungen, wie ein Derwischkind, das daran gewöhnt werden muß, sich ohne Schwindel zu drehen, auf eine Masse Thon und drehte sich ihn langsam zur Freude; dann stellte er den Kleinen aufrecht und wendete die Scheibe nach und nach geschwinder, bis im Schwunge das rosige Gesichtchen verschwand und die Mutter nur das Lachen des Knaben hörte, der immer fort geschwungen sein wollte. Endlich hob er das Kind herab, ergriff sein junges Weib, stellte es auch auf die Scheibe und schwang die liebe treue Seele sanft und leise. So sah er sich satt an ihr, sah, wie sich ihm das Leben erfüllt, und wie, wo sonst höchstens ein großer Topf oder eine hohe Vase gestanden, ihm jetzt ein schönes Weib stand, und sein Weib.“

Schefer erwähnte die Muskauer Töpfer – ebenso wie die Bienen (!) – auch in verschiedenen anderen Novellen für einprägsame, nicht immer so ausgesprochen schöne Gleichnisse und erwies ihnen damit seinen größten Respekt.

Mit dem aufkommenden Interesse an der Volkskunst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienen vereinzelt Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften, wie in der Lausitz im Neuen Lausitzischen Magazin, die später zu den grundlegenden Monographien über die keramischen Erzeugnisse einzelner Landstriche führten. Einer der Pioniere dieses Forschungszweiges war der Historiker Professor Ludwig Herrmann Oswald Feyerabend, seit 1903 Museumsdirektor in Görlitz und Inspektor der Sammlungen der OLGdW. Speziell zur (Ober-) Lausitzer Keramik forschten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Rudolf Weinhold, Josef Horschik und Konrad Strauß. Mehr dazu in der Übersicht auf steinzeug.kulturpixel.de.

(04.10.2010)

ker6 fragonard familie kupferstich 1763



Der (vorläufige) Abschluß der „Töpfer-Anthologie“ ist einer recht unscheinbaren kleinen Schrift entnommen:

Sagen und Bilder aus Muskau und dem Parke. Von Georg Liebusch, Diaconus und Rector zu Muskau. O. O. u. J. (1860). Druck von Julius Müller in Muskau; Zweite Auflage: Unverändert herausgegeben von E. Petzold. Dresden: Zahn & Jaensch, 1885; Seite 66-69.

Georg Liebusch (Lebensdaten – noch – unbekannt) war 10 Jahre lang Hofprediger und Rektor in Muskau, danach (im Nachruf auf seinen Vater „gegenwärtig“, also 1867) Lehrer am Königlichen Gymnasium in Quedlinburg.

Sein Vater war der Senftenberger Pfarrer, ab 1818 Oberpfarrer, und Ephori-Adjunkt Georg Liebusch (1788-1867), einer der letzten Prediger in wendischer Sprache; zudem ein namhafter Historiker, Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz seit 1834 und Verfasser eines knappen Dutzends Schriften zur lausitzischen Geschichte, darunter einer Chronik der Stadt und des Amtes Senftenberg (Kamenz 1827). Sein Hauptwerk ist das 2010 wieder aufgelegte Skythika, oder etymologische und kritische Bemerkungen über alte Bergreligion und späteren Fetischismus mit besonderer Berücksichtigung der slavischen Völker- und Götter-Namen (Kamenz 1833). Aufgrund der Namensgleichheit schreiben verschiedene Autoren ihm auch die Urheberschaft an dem Werk seines Sohnes zu. (Vgl. Nachruf auf Georg Liebusch, NLM 45 (1868), S. 234-238.)

Einen weiteren Georg Liebusch überliefert eine im Staatsfilialarchiv Bautzen erhalten gebliebene Musterungsliste:

Georg Karl Anton Benjamin Liebusch geb. am 16. August 1857 in Muskau, Gymnasiast
Vater: Georg Anselm Theodor Liebusch, Kantor und Diaconus
Mutter: Antonia Josefa Charlotte geb.Petzold
die Eltern wohnen zur Zeit in Bueding in Hessen

Aus diesen Angaben geht hervor, daß Georg Liebusch II. in Muskau eine Tochter des Gartengestalters Eduard Petzold heiratete und mit ihr – irgendwann, vermutlich verübergehend – ins Hessische zog. Es war also sein Schwiegervater, der die zweite Auflage seiner Sagen und Bildern besorgte. Mit ihnen wollte er die „Liebe wecken zur freundlichen Heimath“. Seine Beschreibung des Töpferhandwerks ist sehr bildhaft.

Kap. XVIII: Der Feuerschein.

Oft ist im Dunkel des Abends oder der Nacht nach der Gegend hin, in welcher Muskau liegt, ein rother Schein sichtbar. – Durchbricht dort die Flamme das Dach und sprengte sie die Banden, in welchen sie der Mensch hält? Ist sie eben im Begriff, sich ihrer zerstörenden Allgewalt zu erfreuen und in den Stürmen zu jauchzen und zu frohlocken? Wird das freundliche Städtchen wiederum von einem Brande heimgesucht, in welchem es oft in Asche und Trümmer gesunken? – Rascher nähert sich der Wandrer der Stadt; aber keine Sturmglocke ertönt, und überall ist der Frieden der Nacht. Ein langer, schwarzer Rauchstreifen zieht über das Neißthal oder hat sich in der Form einer Säule höher, als die Berge erhoben, an welche sich das Städtchen lehnt. Lustig tanzt die Flamme über dem kurzen Schornsteine und emsig wird sie genährt und vergrößert. Helles, gelbes Licht ergießt sich aus des Ofens Mündung über die Gegenstände der Nähe. In mattem Grün überrankt der Weinstock die erhellte Wand des Hauses, und in eigenthümlicher Beleuchtung stellen sich die nächsten Gruppen des Parkes dar. Blasser glänzt der Mond am Himmel ob des fröhlichen Feuers auf Erden. Ja weiter von demselben, desto mächtiger wird die unterbrochene Herrschaft der Nacht und des Dunkels. Doch an dem Heerde der Flamme freuen sich fleißige Arbeiter; denn ihrer Hände Werk soll durch des Feures bildende Kraft die letzte Vollendung erhalten. – Eins der stärksten Gewerke Muskaus ist das der Töpfer. Selten vergeht ein Tag, an welchem nicht einer der vielen Oefen geheizt würde. –

[...] Die Töpferei ist ein Gewerk, welches von den ältesten Zeiten an hier gewesen ist und welches früher vielleicht noch mehr blühte, als jetzt. ... Der berühmte, viel besuchte Muskauer Topfmarkt war auf dem Kirchplatze, und es musste Jeder, der da seine Töpfe feil bot, einige derselben als Standgeld an die Herrschaft abgeben – eine Abgabe, auf welche die Gräfin Ursula Catharina in der Sorge für das Hauswesen in höchst eigener Person hielt. Ein großer Nachtheil erwuchs einst den hiesigen Töpfern aus dem Verbote, die schlesischen und brandenburgischen Märkte zu besuchen.

Der Boden um Muskau, auf der Grenze der Ober- und Niederlausitz, enthält vortreffliche Thonlager; das Holz zum Brennen des Geschirrs hatte aber früher in der waldreichen Gegend kaum einen Geldwerth. Der geschmeidtge Thon verhärtet im Ofen zum klingenden Steine. Dieses Steingefäß zeichnet sich vor andern Fabrikaten nicht nur durch seine Festigkeit und Dauerhaftigkeit , sondern auch ganz besonders dadurch aus, daß die Glasur auf’s Innigste mit der Masse verschmilzt [...]

Das Töpfergewerk zählt zur Zeit 14 Meister. Noch immer ist das Muskauer Geschirr berühmt und gesucht. Manch hoch beladener Frachtwagen geht nach Böhmen, bis hin in die Kaiserstadt Wien, wo der Name „ Muskauer Steingefäß“ einen guten Klang hat; manche Sendung wird zu dem Schwielung-See oder zur Oder, und von da nach Hamburg, Stettin, Danzig, ja selbst nach Amerika geführt [...]

Es ist gar interessant dem Arbeiten in einer Töpferwerkstatt zuzuschauen. Da dreht sich die zirkelnde Scheibe, da formt sich unter geübten Händen in kürzester Frist die geschmeidige Masse, da erhält sie alsbald die verschiedensten gestalten in Aeschen, Krügen u.s.w., da sieht man so recht, wenn auch im Kleinen, die Biegsamkeit und Formbarkeit der Materie, die Beherrschung derselben durch den Menschen. Ist auch alles Irdische und Irdene zerbrechlich, ist die Scherbe oft ein Bild hinfälligen Menschenlebens: – so sein doch der Name „ Muskauer Steingefäß“ bedeutungsvoll für die Zukunft des alten, löblichen Gewerkes! Mögen jene zahlreichen Flammen, welche den Thon verglasen, nimmer verlöschen im Neißthale.

(08.06.2011)

ker5 georg liebusch vater skythika kamenz 1833      ker4 georg liebusch sohn sagen und bilder muskau 1860


Nachtrag

Unter der Überschrift „Der 10. November 1859 in Muskau“ sandte Georg Liebusch einen Bericht an die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz, in dem er auch sehr schöne Worte für Leopold Schefer fand:

„Dort, wo sich die Hügel Muskau’s nach Westen zu senken, ist ein freundliches Häuschen. Dort wohnt ein greiser Dichter, der ein Sohn dieser Heimat ist. Befriedigt in des Hauses enger Umgrenzung, hat er andächtig den Stimmen gelauscht, die aus dem All an ihn ergingen und sie rein und treu wiedergegeben. – Wer kennt nicht den Veteranen der Dichter Deutschlands, den Dichter des Laienbreviers? – Tage, wie der 10. November 1859, schärfen den Blick für seltene, reiche Geister, für die Lorbeeren, welche die Anspruchslosen, in sich Glücklichen, von Wenigen bemerkt schmücken.“

Gefunden von Holger Klein in: Gottlob Traugott Leberecht Hirche: „Die Säkularfeier des Geburtstages Friedrich Schiller's, wie sie in Görlitz und anderwärts in der Lausitz begangen worden ist.“ In: Neues Lausitzisches Magazin 37 (1860) S. 60.

(28.01.2012)


Anmerkungen
1 Vergl. hierzu: Stafford, Barbara Maria: Kunstvolle Wissenschaft. Aufklärung, Unterhaltung und der Niedergang der visuellen Bildung. Amsterdam, Dresden: Verlag der Kunst 1998.
2 Nach Sanders-Wülfing, Handwörterbuch der deutschen Sprache (Leipzig 1924) könnte der Name auf die allgemeine Bedeutung von „Schmelz“ für „etwas von glänzendglatter (eig. und zunächst so durch Schmelzen hervorgebrachter) Oberfläche und: solche Fläche“ etc. zurückgehen.
3 Auf die Nennung unzuverlässiger Quellen (z. B. Mörbe, Muskau 1861) wird hier verzichtet.
4 Leske, Nathanael Gottfried: Reise durch Sachsen in Rüksicht der Naturgeschichte und Ökonomie unternommen und beschrieben. Leipzig: J. G. Müllersche Buchhandlung 1785; S. 117-119.
5 Siemerling, Karl Theodor Friedrich: „Reisebericht über Muskau. Von Dr. Fr. Siemerling. († 20. Juli 1837.) Vorgetragen im literarisch-geselligen Verein zu Stralsund am 20. Juni 1837.“ In: Sundine. Neu-Vorpommersches Unterhaltungsblatt nebst einem Beiblatte. (12. Jg.) Stralsund: Königl. Regierungs-Buchdruckerei (Verlag von Wilhelm Hausschildt) 1838; Hefte 44-49, Fortsetzung 2.
6 Die Quellnymphe oder Die Bäder zu Muskau. Ein Phantasiestück von Carl Weisflog. Wiederentdeckt und aufbereitet von Bernd-Ingo Friedrich. Hrsg. Freundeskreis „Historica“ Bad Muskau e.V.: Verlag Quint-Media 2010; S. 18.
7 Pückler-Muskau, Hermann von: Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, verbunden mit der Beschreibung ihrer praktischen Anwendung in Muskau. Mit 44 Ansichten und 4 Grundplänen. Stuttgart: Hallberger’sche Verlagshandlung 1834; S. 168.
8 Hafis in Hellas. Von einem Hadschi. Hamburg: Hoffmann und Campe 1853; S. 20.
9 Leopold Schefer’s Buch des Lebens und der Liebe. Herausgegeben von Alfred Moschkau. Leipzig: Verlag von Louis Senf 1877; S. 40.
10 Die Sibylle von Mantua. Eine Erzählung aus dämmriger Zeit von Leopold Schefer. Hamburg: Hoffmann und Campe 1852; S. 26 u.a.

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