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Die Kinderbüchersammlung von Oskar Roesger im Museum Bautzen

Kurz beschrieben von Bernd-Ingo Friedrich


Habent sua fata libelli: Auch Libellen haben einen Vater.
(Aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen von biF:)



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Bautzen ist über 1000 Jahre alt. Der Bautzener Kaufmann und Buchhändler Oskar Roesger (1843-1910) wurde geboren, als Bertuchs Bilderalbum für Kinder zum letzten Mal erschien; zwei Jahre später erblickte Hoffmanns Struwwelpeter das Licht der Welt – eine hübsche Koinzidenz aus einem Artikel von Dr. Uwe Plötner, die sich fortsetzen läßt: Oskar Roesger starb vor 100 Jahren, und noch zwei Jahre hin, dann wird der 1992 bis 2009 generalüberholte Bautzener Museumsbau 100 Jahre alt.

Oskar Roesger war der Gründer des „Alterthumsmuseums der Stadt Bautzen“, späteren „Provinzialmuseums der sächsischen Oberlausitz“, zuletzt „Stadtmuseums Bautzen“, heutigen „Museums Bautzen“ und gleichzeitigen Regionalmuseums der sächsischen Oberlausitz. Als Gründungsakt gilt die Einrichtung eines musealen Raumes für die unzähligen, von Roesger zusammengetragenen ur- und frühgeschichtlichen Objekte, Bücher, Archivalien, Münzen, Stadtansichten sowie kunsthandwerklichen und Gegenstände des häuslichen Gebrauchs in der ehemaligen Bürgerschule am Wendischen Graben. Als Gründungsjahr gilt 1869.

Heute besitzt das Museum mehrere hunderttausend Objekte. Dieser opulente Fundus wird künftig eine große Rolle spielen, denn in den gegenwärtigen und kommenden Zeiten knapper Kassen – nach 65 Jahren Bürgerfleiß im Frieden! – können daraus noch etliche Ausstellungen komponiert werden. Als Oskar Roesger begann, Kinderbücher zu sammeln, spielten solche Überlegungen keine Rolle. Die rund 350 Exemplare, die er Stück für Stück von Privatleuten aus Bautzen und der näheren Umgebung erwarb, oder sich schenken ließ, waren das Resultat einer Sammelleidenschaft, mit der das Bürgertum der Gründerzeit sein Geschichtsbewußtsein materialisierte und schließlich repräsentierte. Mehr dazu wird in einem „demnächst“ – siehe oben, die knappen Kassen – in der Jahresschrift des Museums erscheinenden Artikel Uwe Plötners zu lesen sein.1 Trotzdem und obwohl die Sammlung bereits 1962 in den Marginalien2 und seitdem immer wieder einmal vorgestellt wurde, will ich sie hier noch einmal vor allem unter dem Aspekt beschreiben, daß die Bücher den Bautzenern beinahe verloren gegangen wären, und wo sich andere auf die Berühmtheiten konzentrierten, möchte ich, wie immer, „meine“ Lausitz und das angrenzende Schlesien favorisieren.


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Lesezeichen "Kinderbücher", herausgegeben vom Stadtmuseum Bautzen. Photo © Jürgen Matschie, Bautzen.


Anfang der 1960er Jahre wies eine wissenschaftliche Bibliothekarin der Sächsischen Landesbibliothek Dresden (heute Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, kurz SLUB) den damaligen Generaldirektor der Deutschen Staatsbibliothek Berlin, Prof. Dr. Horst Kunze, auf die Bautzener Kinderbücher hin. Sie lagerten zu jenem Zeitpunkt in einem bunt bemalten Lausitzer Bauernschrank und wurden kaum beachtet. 1967 wurden sie der noch im Aufbau befindlichen, 1951 erst gegründeten Kinderbuchabteilung der Staatsbibliothek übergeben, „damit sie in deren wissenschaftlicher Spezialabteilung für das Kinder- und Jugendbuch durch ein differenziertes Katalogsystem erschlossen und für wissenschaftliche Zwecke bereitgestellt werden kann. Wir glauben im Sinne des einstigen Sammlers zu handeln, wenn wir mit der Übergabe der Sammlung dazu beitragen, die wenigen, noch vorhandenen alten Kinderbücher möglichst an der Stelle zu konzentrieren, an der sie am intensivsten genutzt werden können. Die Kinderbuchabteilung der Deutschen Staatsbibliothek [die heute über einen Bestand von über 200.000 Bänden verfügen kann!] ist bisher die einzige Spezialabteilung ihrer Art an den wissenschaftlichen Bibliotheken beider deutscher Staaten.“

Das Bibliographieren der Bücher übernahm der damalige Direktor der Kinderbuchabteilung, Heinz Wegehaupt, und das Ergebnis seiner Bestandsaufnahme wurde in dem soeben zitierten, illustrierten, von Werner Klemke auch äußerlich zu einer kleinen Augenweide veredelten Katalog Alte Kinderbücher publiziert.3 Einen Großteil der Kataloge erhielt die Stadt Bautzen, außerdem richtete die Staatsbibliothek in Berlin eine repräsentative Kinderbuch-Ausstellung aus, später für Berlin und Bautzen eine Brüder-Grimm-Ausstellung.

Der „Katalog der Dauerleihgabe“, wie er im Untertitel heißt, enthält 217 laufende Nummern. Obwohl er unter einigen Nummern mehrere Ausgaben oder Bände erfaßt, enthält er doch nur den ersten an die Staatsbibliothek verbrachten Teil der Sammlung. Diese erste „Lieferung“ wurde noch protokolliert. Bei der zweiten, die aus Fundstücken bestand, die während der Vorbereitung der Bautzener Grimm-Ausstellung in verschiedenen Depots aufgestöbert worden waren, verzichteten die Bautzener Verantwortlichen auf Formalitäten. Die Bücher sind dennoch vollzählig und zum Teil fachmännisch restauriert nach Bautzen zurückgekehrt. Die Rückführung der Dauerleihgabe unter der derzeitigen Leiterin der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Deutschen Staatsbibliothek, Carola Pohlmann, erfolgte problemlos und ohne Dissens.

(Die wertvollsten Stücke einer umfangreichen Musikinstrumentensammlung, die zu jener Zeit unter ähnlichen Vorzeichen an das Stadtmuseum von Frankfurt an der Oder, heute Museum „Viadrina“, abgegeben wurde, befinden sich nach wie vor dort. Zurückgekehrt ist aber eine unansehnliche, nahezu zerstörte, aber sehr interessante kleine Glasharmonika mit 24 Schalen: Sie könnte dem Muskauer Dichter und Komponisten Leopold Schefer [1784-1862] gehört haben und auf verschlungenen Pfaden in die Sammlung gelangt sein, nachdem Schefer sie, wie seine gesamte immobile und mobile Habe, vor Antritt seiner „Weltreise“ 1816 verkauft hatte. Einige Indizien sprechen durchaus dafür.)

Die Bautzener Kinderbücher wurden in den Bestand der Staatsbibliothek integriert. Sie erhielten die (roten) Stempel „Deutsche Staatsbibliothek Berlin“ und die Sigle „Bau“ (für Bautzen) mit einer laufenden Nummer. In Wegehaupts späterer Bibliographie Alte deutsche Kinderbücher 1507-1850 4 ist der Bautzener Bestand nicht erkennbar, weil keine Siglen angegeben sind, doch auf einigen Abbildungen von Titelblättern sind die sogenannten „Roesger-Nummern“ erkennbar: ein großes R mit einer vier- oder fünfstelligen Zahl im Gefolge. Eine solche tragen die Maximen von Heydenreich (R 15696, Wegehaupt 930), Gottschalks Deutscher Fabelschatz (R 16114, Wegehaupt 1408), Selchows Länder und Völker Europa’s (R 16545a, Wegehaupt 1411) und Reichenbachs Blumengewinde (R 16128, Wegehaupt 1751). Müllers Erzählungen des Lehrers verraten sich lediglich durch den Bautzener Museumsstempel.

Ebenso könnte bereits die erste Seite der Bibliographie (die Seite 10) ein Bautzener Exemplar zeigen (das „Aabcchdef“ von 1770), und auch für die vorletzte Abbildung, eine Seite aus Wilmsens Miranda mit der Nummer 2296, könnte ebenso wie für die zweite Abbildung (ein ABC ou méthode facile, Nr. 4), oder Odo’s und Rosa’s Blumenkranz von Blumauer (179), Chimanis Gemählde (411), Gablers Skizzen (691), Grafs Höflicher Schüler (812), Der Frau Maria le Prince de Beaumont lehrreiches Magazin (1262), Seidels Zweite Nahrung (2039) oder, um die Aufzählung abzuschließen, die vier „kindlich frohen Mädchen“ auf der bezaubernden Seite 236, ein Bautzener Original Modell gestanden oder gelegen haben. Tatsächlich diente das Bautzener Exemplar von Reichenbachs Blumengewinde (Signatur: Bau 165) sogar als Vorlage für die Faksimileausgabe, die 1981 als Band 26 der Reihe Historische Kinderbücher im Verlag Edition Leipzig erschien: Reichenbach, Anton Benedict: Blumengewinde in Vater Rosenfelds Lieblingslaube oder Unterhaltungen über Gegenstände aus dem Natur-, Kunst- und Menschenleben, ein neues und lehrreiches ABC- und Lesebuch. Neudruck der 1830 [bei Taubert in Leipzig] erschienenen Ausgabe. Herausgegeben von Prof. Dr. Horst Kunze. (Das Nachwort verfaßte Heiner Vogel aus Mölkau bei Leipzig.)


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Die verschiedenen, handschriftlich auf den Buchtiteln angebrachten Erscheinungsjahre in eckigen oder runden Klammern erwiesen sich zumeist als von Heinz Wegehaupt oder seinen Mitarbeitern hinzugefügt und damit als ungeeignet für eine Identifizierung Roesgerscher Exemplare. Doch schon die bescheidene Liste belegt, daß die Bibliographie durch die Bautzener Zimelien ungeheuer gewonnen hatte, insbesondere die Doppelseite 162/163. Die dort reproduzierten Titelblätter lassen – zusammen mit zahlreichen anderen dieser Art – vermuten, daß Oskar Roesger, der insgesamt ein gutes Gespür für ausgezeichnete Qualität gehabt haben muß, die Kupferstichtitel besonders faszinierten. Die Staatsbibliothek ließ seine Kinderbücher denn auch schweren Herzens wieder gehen.

Die letzte Bestandsaufnahme im Oktober 2010 ergab 298 verschiedene Titel mit 377 Ausgaben in 353 Bänden. Zu meiner Freude war weder Heinz Wegehaupt noch anderen ein Büchlein aufgefallen, das, wie man das im 18. Jahrhundert oft zu tun pflegte, um beim Bücherbinden Geld zu sparen, mehreren anderen beigebunden war. Es war das Reglen-/ und/ Textbüchlein/ Zu/ Arithmetischer anwei/ sung und übung/ gerichtet auff al/ lerlei handlungen./ Durch/ Hr. M. Zingen. In Verlegung Johan Melchior Hardmejers. 1677. 5 Es versteckte sich hinter einem wohl-informirten/ Brieffsteller aus dem Jahre 1728 und ist jetzt offiziell das älteste Buch der Sammlung.

Das jüngste der Roesgerschen Bücher ist Aus der frohen Kinderzeit, 1896 erschienen bei Schreiber in Eßlingen, das damals noch sein Rucksack-S hatte – das wurde ihm lange vor der x-ten deutschen Schreibreform von den amerikanischen Besatzern abbefohlen, weil ihre Schreibmaschinen dieses Unikum nicht besaßen.6 Tatsächlich jüngstes Buch, aber ein Nachkauf, ist eine um 1910 gedruckte Arche Noah,7 die, gedruckt auf ungewöhnlich schlechtes Holzschliffpapier, schon zu zerfallen beginnt.

Ansonsten sind fast alle großen Namen der Aufklärung – wie Niemeyer, Gedike, Meißner und Weiße – und des Biedermeiers – wie Campe, Bertuch, Winckelmann, Meynier oder, noch etwas darüber hinaus, Thekla von Gumpert mit mindestens einem Werk vertreten.

Über die Kinderbuch-„Klassiker” Friedrich Justin Bertuch oder die Brüder Joachim Heinrich und Friedrich Campe muß man eigentlich nicht schon wieder etwas schreiben. Von Joachim Heinrich Campe gibt es natürlich Robinson den Jüngeren in mehreren Ausgaben, und auch Friedrich Campe ist mit seinen Druckerzeugnissen zahlreich vertreten; aber sein überaus reizendes, von Charlotte Boden auch beschriebenes und mit der Abbildung einer Kupfertafel gewürdigtes klein- und querformatiges Bilderbuch für kleine wißbegierige Mädchen gehört hier unbedingt her. Es enthält mit „Die Köchin“ ein „delikates“ Kapitel, in dem Campe den schmuddligen Kindern zur Abschreckung die lehrreiche Geschichte einer schnupfenden Mamsell erzählt, deren Essen fertig war, wenn ihr ein schnupftabakgeschwärzter Tropfen von der Nase in den Topf fiel ...

Auf Friedrich Justin Bertuch, komme ich an dieser Stelle nur deshalb kurz zurück, weil seine Bilderbücher für Kinder Motive für eine weitere Bautzener Spezialität lieferte. (Nicht nur ein Schelm, wer dabei an Senf denkt ...)

Mit 154 bemalten Zinnfiguren einer im Untertitel gleichlautend als „Geschenke an die Jugend“ (anfangs „... für Kinder“) bezeichneten Serie, einem „Naturhistorischen ABC-Buch“ in zwölf Fortsetzungen (ursprünglich waren zehn vorgesehen und zum Preis von 15 Talern angekündigt worden), besitzt das Museum Bautzen nämlich die größte Sammlung dieser Figuren innerhalb Deutschlands. Der Graveur und Zinngießer Johann Ernst Fischer (1759–1821) in Halle/ Saale stellte sie für den ebenfalls in Halle ansässigen Kunsthändler und Verleger Friedrich Georg Dreyßig (1761–1814) her, dessen reichhaltiges Verlagsprogramm auch Schulbücher, Spielbücher und Kinderbücher umfaßte. Als Vorlagen für die Gravur der Formen mit dem „F“ auf der Bodenplatte dienten Fischer die detaillierten, technisch ohne weiteres umsetzbaren Kupferstiche in den beliebten zeitgenössischen Realien- und Anschauungsbüchern, so auch des Bilderbuchs für Kinder von Bertuch.


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Nachweisbare Motivlieferanten für spätere Offizinen, die sich im 19. Jahrhundert ähnlichen Projekten widmeten, waren auch die berühmte Vollständige Völker-Gallerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlichen Beschreibungen derselben (4 Bände mit 3 lithographierten Titeln und insgesamt 210, davon 176 kolorierten lithographierten Tafeln, 1830-39 bei Goedsche in Meissen erschienen), die Nationen-Bilder von Rußland, Polen, Baiern, sowie der Turkmannen, Ungarn, Neugriechen, Chinesen, Beduinen, Tyroler, Lappländer, Ottaheiti, Freundschafts-Insulaner, Spanier, spanischen Colonisten Conception, Ureinwohner von Sierra Leone und Hottentotten. Nebst ausführliche Beschreibung der Lage und Erzeugnisse dieser Länder; Wohnungen, Beschäftigungen, Gebräuche und Gewohnheiten deren Bewohner (2 Bände mit 20 kolorierten Kupfertafeln, Suhl, Gotthilf Müller 1838) und die Neue Bilder-Gallerie für junge Söhne und Töchter von Carl Lang. (Neue Bilder Gallerie für junge Söhne und Töchter zur angenehmen und nützlichen Selbstbeschäftigung aus dem Reiche der Natur, Kunst, Sitten und des gemeinen Lebens Ihro Königl: Hoheit der Prinzeßin Auguste v. Preußen zugeeignet. mit 151 Abbildungen Berlin bey Wilhelm Oehmigcke dem Jüngern 1794 – so die korrekte Schreibweise des gestochenen Titelblatts!)

Mit mehreren Bänden der Neuen Bilder-Gallerie für junge Söhne und Töchter, einem Band des Weimarer Originals sowie drei Bänden eines Wiener Nachdrucks des Bilderbuchs für Kinder enthält die Roesger-Sammlung „zwei jener langlebigen enzyklopädischen Werke, die eher ins Kinderzimmer als aufs Katheder gehörten“ (Uwe Plötner). Der erste Band der Nationen-Bilder, enthaltend Rußland, Polen, Baiern, sowie die Turkmannen, Ungarn, Neugriechen, Chinesen, Beduinen auf „zehn colorirten Kupfertafeln“, und eine Kleine Völker-Gallerie 8 mögen das Bild in dieser Kategorie abrunden. Der Preis für „beide Bände zus. 1/6 Rthl.“, vermerkt „den 15. October 1832“ im vorderen Buchdeckel der Nationen-Bilder, ist recht stolz im Vergleich mit den 2 bis 21 Groschen, die in der Regel in die Kinderbücher eingedruckt sind, erscheint aber dennoch mäßig angesichts eines Preises von „1 thlr. 12 gr. Sächsisch“ für ein Bilder-Allerley von Schreiber aus dem Jahre 1810, oder gar der „2 Rthl. sächs.“, die 1828 ein reich illustriertes Bändchen Fabeln bei Gleditsch in Leipzig kostete.

Seine „Geschenke an die Jugend“, kleine Holzkästchen, die bis zu 30 Zinnfiguren enthielten (bis jetzt konnte lediglich ein etikettierter Deckel gefunden werden), und dazu ein 48 bis 172 Seiten umfangreiches Büchlein in Klein-Oktav mit entsprechenden, von namhaften, überwiegend Hallenser Gelehrten verfaßten Beschreibungen, versandte Dreyßig anfangs nur in größere Städte, allerdings in beste Häuser. Für das „Erste Geschenk“ – Abbildungen merkwürdiger Thiere, in neun und zwanzig zinnernen Abgüssen nebst einer Beschreibung ihrer Lebensart von D. Johann Forster und Georg Simon Klügel, Professor der Naturlehre und Mathematik in Halle. Erstes Geschenk für Kinder. Verlegt von Friedrich Christoph Dreyssig, Kunsthändler in Halle, 1792 (1 Thlr. 12 gr.) – annoncierte er im Intelligenzblatt der Allgemeinen deutschen Literaturzeitung: Voß und Schropp & Co. in Berlin, Korn in Breslau, Hermann in Frankfurt am Main, Bohn und Bachmann & Gundermann in Hamburg, Hahn und die Gebr. Helwing in Hannover, Nikolovius in Königsberg, alle Buchhändler in Leipzig, und natürlich sich selbst, also Dreyßig in Halle.9 Mit dem „Sechsten Geschenk“ belieferte er 1797 schon die Oberlausitz, zunächst die Buchhandlungen in Görlitz und Zittau. Die achte Lieferung im Jahr 1800 war dann auch in Bautzen in der Buchhandlung Arnold erhältlich. 2006 widmete sich die Sonderausstellung „Eisvogel trifft Klapperschlange, Zinnfiguren und Kinderbücher in der Aufklärung“ des Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg diesen Komplex.10 Heute sind im Bautzener Museumsshop Repliken verschiedener Tierfiguren erhältlich, die der Mainzer Graveur Markus Grein zusammen mit dem Zinngießer Dick Christensen herstellt. Die ersten Stücke hat die Restauratorin Betina (!) Beck aus Kesselsdorf (Wilsdruff) bemalt, alle weiteren Figuren bemalte, und bemalt noch, der Maler, Graphiker und „PMA“ (Pädagogische Mitarbeiter) des Museums, Ulrich Schollmeyer, ein Tausendsassa, der auch „bastelt“, musiziert, heiter-philosophische Stücke fürs Puppentheater schreibt und selber aufführt.

Die bekanntesten in den Bautzener Kinderbüchern zu findenden Illustratoren sind Daniel Chodowiecki mit einem Frontispiz zu einem Buch von Christian Felix Weiße11 und Heinrich Ramberg, der in Der Wald und das Meer mit ihren Bewohnern zusammen mit seinem Kupferstecher Wilhelm Jury sogar namentlich auf dem Titelblatt genannt ist.12 Theodor Hosemann gesellt sich als bekanntester Vertreter des Biedermeiers dazu. Die kleine Hausfrau in 12 Bildern von Th. Hosemann mit Text (Berlin, Winckelmann & Söhne 1876) ist eine meiner kleinen Favoritinnen in der Sammlung.


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Hervorragend bebildert mit „prächtig illuminierten Kupfern“, Holzschnitten oder -stichen sind insbesondere die faszinierenden ABC-Bücher, die sich zu allen Zeiten größter Beliebtheit erfreuten und von denen die Sammlung etliche enthält. Allein dem Titel nach besitzt das Museum anderthalb Dutzend davon. Darunter befinden sich je ein englisches, französisches und italienisches, ein deutsch-wendisches, je ein drei- (Russisch enthaltendes!) und sechssprachiges sowie ein viersprachiges Kleines Bilder-Cabinet von 1734, das, sage und schreibe: 98 in jeweils neun Felder unterteilte Kupfertafeln, also insgesamt 882 in briefmarkengroßen Bildchen detailreich dargestellte Begriffe enthält:

Lfd. Nr. 150: Kleines Bilder-Cabinet, Worinnen, Zu Erlernung der Lateinischen Sprache, Die üblichste Wörter in Bildern ausgedruckt/ Und dero Bedeutung I. Teutsch/ II. Lateinisch/ III. Französisch und IV. Italiänisch beygefüget anzutreffen, Nebst deutlich und leicht zu begreiffenden Grammaticalischen Lehr-Sätzen. Ein Für die Anfänger nuetzliches Wercklein. Franckfurth und Leipzig: Bey Joh. Leopold Montag, Buchhändler in Regenspurg. 1734. 96 S. R 16863. / Beigebunden (dazu gehörend): 150a. Kleines Bilder-Cabinet Zu Erlernung der Vier Sprachen I. Teutsch, II. Lateinisch, III. Französisch und IV. Italiänisch. Cum Privileg: Sacræ Cær: Maj. Augspurg Verlegts Heinrich Jonas Ostertag Kupfferstecher o.J. (98 Kupferstichtafeln mit je 9 Unterteilungen für je 1 bildlich dargestellte Vokabel.)

Die meistgenannten Verlagsorte sind Leipzig, Nürnberg, Stuttgart, Berlin, auch Wien kommt mehrmals vor, sowie Halle mit dem Verlag der Waisenhaus-Buchhandlung und Esslingen mit „Schreiber“. Dresden, Meißen und Pirna vertreten Sachsen, aus der benachbarten Sechsstadt Görlitz kommt merkwürdigerweise kein einziges Exemplar, dafür beteiligen sich die drei A-Städte Basel, Paris und Prag. Löbau steuert immerhin zwei Autoren bei (einen Rektor und ein Mitglied der niederkunnersdorfer Lehrer-Conferenz-Gesellschaft bei Löbau). Für Budißin (bis etwa 1800), Budissin (bis etwa 1840) oder Bautzen (ab 1840) offenbart die Bibliographie eine erstaunliche Verlagslandschaft: Arnold, Drachstedt, Hübner, Matthiae, Monse, Reichel, Richter und Schulze – macht acht Verlage!

Damit bin ich in der Lausitz angelangt. Die wenigsten Bücher wurden hier – wie überhaupt – von Schriftstellern verfaßt, sondern von Lehrern und Pastoren, die sich im – allerbesten! – Geiste der Aufklärung um ihre Schäflein, oder Lämmlein, sorgten, zugleich aber auch herbe Not litten und sich von ihren Büchern ein bescheidenes zusätzliches Einkommen versprachen. Davon zeugen zwei sehr originelle Einfälle. Karl August Engelhardt, „Mitglied der Königl. Sächs. Oberlausitz. Gesellschaft der Wissenschaften“, ließ auf sein Lehrbuch der Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen 13 drucken: „Preis: beim Verf. 8 gr.; im Buchh. 12.gr.“, und der „Verfasser der merkwürdigsten Schicksale der Oberlausitz und ihrer alten Hauptstadt Budissin“ ging mit Der Herr und die Kleinen,14 einem „Büchlein für Kinder, Eltern, Lehrer und alle Freunde des Herrn“, in „Budissin 1833 gedruckt bei Ernst Gottlob Monse“, sogar noch einen Schritt weiter, indem er hinzusetzen ließ: „Zu haben in den Buchhandlungen“ (es folgen die Namen) „sowie beim Herausgeber, Schloßgasse Nummer 153, zwei Treppen hoch.“ Damals bewohnte man offenbar noch tatsächlich „feste Quartiere“. Die Kinderbuchtexte zeugen von dem großen Einfühlungswillen der Autoren; mit dem Einfühlungsvermögen der neuen Pädagogen haperte es jedoch mitunter noch.

M. Christian Peschecks Gymn. Zitt. Collegae Vorhoff der Meß-Kunst 15 ist das schmale, aber äußerst respektable Werk eines echten Profis. Von ihm ist ein zweites Werk präsent, das in Zittau verlegt wurde, die Kinderreisen oder praktische Anleitung für die reifere Jugend, reisend mit Aufmerksamkeit zu sehn, zu hören und zu forschen, in einem Beispiele dargestellt von M. C. A. Pescheck. Zittau und Leipzig, Verlag von Birr und Nauwerck. 1836. Das Buch, das einen „Preis [von] 12 gr.“ hatte, enthält ein echtes Autogramm in Form der Widmung: „Geschenk an Louise Klien vom Verfasser.“ Viele Bücher enthalten ähnliche handschriftliche Einträge, die sich bei den meisten jedoch auf Besitzeinträge, also bloße Namennennungen ohne Daten oder andere Angaben beschränken, die keine weiteren Schlüsse zulassen. Bei zweien sind es Namen, die auf zwei der drei bedeutenden Museumsstifter hinweisen, die mit einer Marmorbüste auf einem Postament im Foyer geehrt werden: Der eine Eintrag lautet „Paul Roesger Realschüler“ und der andere „Karl Stieber 1809“.


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Das Vermächtnis von Friedrich Carl Gustav Stieber (1801-1867), welches 1877 eine Vielzahl an Exponaten und Geld in den Bautzener Museumsbesitz brachte, wurde so hoch bewertet, daß das Museum nach 1884 vorübergehend als „Stiebermuseum“ bezeichnet wurde. Er fügte seinem Namenszug hinzu: „Liebes Buch, wenn jemand kommt, so sage nur, nim mich nicht mit denn ich gehör Friedrich Karl Gustav Stiebern, und ich heise selber so“.

Nb. Der dritte Stifter ist, oder war, Otto Weigang (1832-1914), Besitzer einer „Chromolithographischen Kunstanstalt und Großdruckerei“ in Bautzen. 1906 schenkte er neben etwa 200 Gemälden große Geldsummen an das Museum, mit der ausdrücklichen Zweckbestimmung, einen würdigen modernen Museumsneubau zu errichten. 1912 wurde er als das „Provinzialmuseum der sächsischen Oberlausitz“ an seinem heutigen Standort am Kornmarkt eröffnet. – Und um nun niemanden zurückzusetzen, hier zwei weitere unbedingt zu nennende Stifter: Die Dresdner Malerin und Kopistin Emilie Henriette Therese aus dem Winckell hinterließ der Stadt bereits 1867, also noch vor der Eröffnung des Altertumsmuseums, testamentarisch 119 Bilder, die den Grundstock der Gemäldegalerie bildeten. 1898 erhielt das Museum von dessen Nachkommen einen Teil der wertvollen Stiftung des Hans von Gersdorff auf Weicha (1630–1692) zugesprochen.

Zurück zum Buch, oder besser: zu den Büchern. Mit einem ähnlich einprägsamen Titel wie Magister Peschecks Meßkunst versehen ist Der kurtzgefaste/ Kleinere/ Himmels-Weg/ Deutsch und Wendisch 16 des Pfarrers Christoph Schlencker aus Purschwitz. Der Pfarrer wandte sich mit ihm an – wie der Saganer Stadtgerichtdirektor und Schriftsteller Carl Weisflog sie in seiner Novelle „Die Quellnymphe“ nannte – „die Stock-Ur-Ur-Urenkel des Lech und Zech, den armen, gutmüthigen Menschenschlag [...] der seinen gnädigen Herrn Du, seinen Ochsen Er nennet, und dem die Bockpfeife und die Geige, am Sonntagabend in der Schenke, das non plus ultra aller Erden-Seligkeit sind“, die Sorben.

Schlesische Verlagsorte – es sind nur zwei – sind Breslau (heute Wrocław) und Glogau (heute Głogów; die Stadt ist im Jahr 2010 ebenfalls 1000 Jahre alt geworden). Aus Breslau kommt eine französische Übersetzung des Le nouveau Robinson von Joachim Heinrich Campe;17 ein Musaeum für Kinder aus dem Jahre MDCCLXXXIII (12 Hefte eines Periodikums, das wohl 1783-1784 in Breslau, Liegnitz, Hamburg und Leipzig bei Mathiesen erschien), sowie ein bezauberndes, seinerzeit offenbar sehr beliebtes Sachbuch: Die nützliche Welt. Mit 26 illuminierten Holzschnitten. Breslau 1814, gedruckt und im Verlage der Stadt- und Universitäts-Buchdruckerei bei Graß und Barth, hier mit dem 1.–26. Stück der dritten Abteilung. Im Verein mit ähnlichen Lehrbüchern, wie einem Oeconomischen Jugendfreund oder einem Hanfbüchlein kompensiert es gewissermaßen das Fehlen zweier berühmter Namen. Es „fehlen“ nämlich - damals schon sündhaft teuer! - Comenius’ Orbis Pictus und Basedows Elementarwerk.


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Das Hanfbüchlein, wie es auf dem Umschlag heißt, oder dem Titel nach: Ein Büchlein vom Hanf stammt aus Glogau.18 Ebenfalls aus Glogau sind vier Bändchen der Herzblättchen-Bücher von Thekla von Gumpert, verh. Thekla von Schober, die später mit unzähligen Auflagen ihres Töchteralbums Popularität erlangte.

Ein Neuer Orbis pictus in sechs Sprachen oder das unterhaltende und belehrende Bilderbuch für Kinder von jedem Alter herausgegeben von H. Seidel (Nürnberg und Leipzig, bei Friedrich Campe. 1804.) ist an dieser Stelle (nicht nur!) wegen seines Verfassers Heinrich Seidel bemerkenswert. Über ihn ist zwar nichts bekannt, doch er ist nun schon der dritte Heinrich im Bunde der schriftstellernden Seidels, denn die Literaturwissenschaft kann bereits auf den Leberecht-Hühnchen-Seidel sowie auf einen Muskauer Hofgerichtsassessor gleichen Vornamens verweisen.

Als weitere Frau sei noch Amalie Schoppe genannt, die zu meiner Liste einen etwas kuriosen Titel beisteuert: Die Auswanderer nach Brasilien oder die Hütte am Gigitonhonha. Nebst noch andern moralischen und unterhaltenden Erzählungen für die geliebte Jugend von 10 bis 14 Jahren. Von Amalia Schoppe, geb. Weise. Berlin. Verlag der Buchhandlung von C. F. Amelang. (Brüder-Str. 11). (1828).

Von Amalie Schoppe zu dem Erlanger Johann Heinrich Meynier (1764-1825) – ein Buch macht’s möglich: Die Gefahren des Meeres oder Abentheuer unglücklicher Seefahrer. Zur angenehmen Unterhaltung der Jugend herausgegeben von G. L. Jerrer u. A. Schoppe geb. Weise. Mit 6 colorirten Kupfern. Leipzig, bei Carl Cnobloch o.J. (1831).

Der gebürtige Hugenotte Heinrich Meynier, (sprich: Menich), hier als „G. L. Jerrer“, ist bereits zweimal mit Pseudonymen (Gottschalk und Selchow) aufgetaucht. Meynier schrieb unter mindestens dreißig, oft nur geringfügig voneinander verschiedenen Namen. Zusammengesucht habe ich die folgenden, doch es sind vermutlich noch lange nicht alle:

André
André, K. H.
Bescherer
Freudenreich, Julius
Gottschalk, M. W.
Iselin, C. K.
Iselin, J. C.
Iselin, L. K.
Jerrer, Georg Ludwig
Jerrer, G. L.
Jerrer, G. C.
Jerrer, L.
Lang, J.
Meusel, Johann Heinrich
Meynier, Jean-Henri
Meynier, Joh. Heinrich
Renner, Carl Ludwig
Renner, Karl Ludwig
Sanguin
Sanguin, J. F.
Sanguin, Johann Friedrich
Sanguin, Johann H.
Sanguin, Johann Heinrich
Selchow, Felix
Selchow, Friedrich
Selchow, J. H.
Sternau, Felix
Sternberg, Julius

Der Schriftsteller, Jurist, Philosoph, Philologe, Pädagoge und Diplomat; Lector der Französischen Sprache und Zeichenlehrer hätte als Kinderbuchautor sicher berühmt werden können, wenn er sich nicht in so zahlreiche Personen aufgespalten hätte – aber vielleicht wird er es nun ja doch noch, wegen seiner vielen Pseudonyme. Sie stehen auf über 250 seiner Veröffentlichungen zu den verschiedensten Themen. Bautzen besitzt acht, auf denen einer seiner Namen steht, hinzu kommt das schon genannte, anonym erschienene Bilderbuch für wißbegierige kleine Mädchen. (Als Pendant dazu erschien, ebenfalls 1820, ein Bilderbuch für wißbegierige kleine Knaben. In beiden nennt der Verfasser sich „Sch-ck“, wobei das Kürzel für „Schunck“ steht – ein weiteres Pseudonym Meyniers. Siehe dazu auch arbeit-im-bilderbuch.blogspot.com.) Noch immer lesens- bzw. studierenswert – ich erlaube mir auch diese kurze Abschweifung noch – sind seine praktischen Anleitungen für Künstler und solche, die es werden wollen:

Theoretisch-practische/ Anleitung/ zum/ Zeichnen und Tuschen/ der/ Landschaften. Mit 6. Kupfertafeln und einem ausgetuschten Blatte. Hof, bey Gottfried Adolph Grau 1796.

Anleitung zur Ätzkunst besonders in Crayon und Tuschmanier nach eigenen praktischen Erfahrungen herausgegeben. Hof, bey Gottfried Adolph Grau 1804.

Die Kunst zu Tuschen und mit Wasserfarben sowohl in Miniatur, als in Gouache und in Aberlischer- oder Aquarell-Manier, Landschaften, Porträte, und andere Gegenstände zu mahlen. Nebst vorausgeschickten Bemerkungen über die Kunst zu zeichnen. Mit Farb-Tabelle. Leipzig, Gräff, 1799.

Neues theoretisch-practisches Zeichenbuch zum Selbstunterricht für alle Stände. Nebst einer Anleitung zum Colorieren der Landschaften, und zur Blumen- und Pastellmahlerey. 1tes und 2tes Heft. Mit 17 Kupfertafeln. Hof, bey G. A. Grau, 1800.

Éléments de perspective pratique à l'usage des artistes. Der Rathgeber für Zeichner und Mahler, besonders in dem Fache der Landschaftsmahlerey nebst einer ausfuehrlichen Anleitung zur Kuenstlerperspectiv. Der Ratgeber für Zeichner und Maler, besonders in dem Fache der Landschaftsmalerei von P. H. Valenciennes. Aus dem Franz. uebers. u. mit Anm. u. Zusaetzen vermehrt von Johann Heinrich Meynier. Hof, Grau o. J.

Anweisung zur Miniatur-Mahlerey, nach welcher Liebhaber mit einigen Vorkenntnissen in der Zeichenkunst sich selbst, ohne weitere Beihülfe eines Lehrers, zu guten Künstlern bilden können/ von Herrn Violet. Aus d. Franz. übers. u. mit Zusätzen vermehrt von J. H. M. Hof, Grau 1793.

(Valenciennes, Pierre Henri de/ Meynier, Johann Heinrich): Praktische Anleitung zur Linear- und Luftperspectiv. Hof 1803.

Anweisung/ wie/ Silhouetten/ auf eine leichte Art/ mit sehr geringen Kosten/ sowohl/ in einzelnen Köpfen/.als/ ganzen Gruppen von Personen/ mit treffender Aehnlichkeit/ auf Goldgrund hinter Glas/ zu verfertigen sind. Nürnberg, bei Gustav Philipp Jakob Bieling. 1791.

Auch lesenswert, weil lustig:

Wie soll sich/ eine/ Jungfrau/ würdig bilden? Von D. Carl Ludwig Renner. Nürnberg, bei Friedrich Campe. 1822.

Wie soll sich/ ein Jüngling/ würdig bilden? von [sic!] Dr. Karl Ludwig Renner. Zweite verbesserte Auflage. Nürnberg/ Druck und Verlag von Friedrich Campe. 1834.

Dies sei genug vom Herrn Meynier; neugierig Gewordenen empfehle ich zum Einstieg Susanne Strobach-Brillingers Artikel in der NDB 17 (1994) S. 401-402. – Es gibt in dieser kleinen Kinderbüchersammlung aber auch zu viele interessante Sachen!


kinderbuch13 taschenbuch zum geselligen vergnuegen 1823 u1      kinderbuch14 taschenbuch zum geselligen vergnuegen 1823 u4


In die Kinderbuchabteilung sicherlich nur verirrt haben sich zwei Almanache. Es sind die unter der laufenden Nummer 263 inventarisierten Jahrgänge 3 (1823) und 6 (1826) des von Johann Friedrich Gleditsch in Leipzig verlegten Taschenbuchs zum geselligen Vergnügen. Der dritte Jahrgang enthält zwar einige Rätsel und der sechste sogar einen 80seitigen Anhang mit „Rätseln, Charaden, Gedichten und Logogryphen“, doch diese waren alles andere als für Kinder ge- oder erdacht. Die Gedichte tragen Titel wie „Der erste Kuß“, „Die Brautnacht“, „Das Blutgerüst“ oder „Die Klage des Trinkers“; es gibt u.a. ein „Sylbenräthsel für Freimaurer“, und unter „Bunte Steine“ findet sich eine „Gerechte Schickung“ des Herausgebers Ferdinand Philippi:

„Dornen zwar mein Weib mir flicht,
doch mir selbst ist’s beizumessen –
wollt’ sie einst vor Liebe – fressen,
und – ich Ärmster – that’s doch nicht!“

Beiden (seltenen!) Taschenbüchern ist jedoch gemeinsam, daß sie mehrere Beiträge Leopold Schefers enthalten, darunter zwei seiner erfolgreichsten Novellen. 1823 erschien die Novelle „Palmerio“, mit der Schefer – der von 1799 bis 1804 das renommierte Bautzener Gymnasium besucht hatte – der literarische Durchbruch gelang. Darin schildert der Dichter eine Bigamie zur Zeit der griechischen Befreiungskriege gegen die Türken, an der aus heutiger Sicht besonders der abrupte und vor allem blutrünstige Schluß überrascht. Sie wird im gewissen Sinne ergänzt durch eine Musikbeilage mit „neugriechischen Nationalmelodien“, die Schefer sich in der Levante notierte. Zu der Novelle gehört außerdem einer von mehreren das hübsche Büchlein zierenden Kupferstichen Johann Heinrich Rambergs (1763-1840), des Biedermeier-Illustrators schlechthin. 1826 erschien „Die Osternacht“, eine auch regionalgeschichtlich relevante Erzählung, die 2007 neu aufgelegt wurde. Die Honorare für die Dichtungen „Wanderung in der Troas“, „Venus und Apollon“ (1826) sowie „Hyperion in Arkadien“ (1823) trugen seinerzeit ebenfalls dazu bei, daß Leopold Schefer schon bald in (Bad) Muskau seine noch heute recht ansehnliche Villa bauen konnte.

Direktor des Bautzener Gymnasiums, das auch vom Adel geschätzt wurde, war zur Zeit Leopold Schefers übrigens der berühmte Pädagoge Ludwig Friedrich Gottlob Ernst Gedike, Bruder des berühmteren, oben genannten Friedrich Gedike, des Herausgebers der Berlinischen Monatsschrift. Von ihm gibt es in der Bibliothek ein Englisches Lesebuch für Anfänger nebst Wörterbuch und Sprachlehre. von D. Friedrich Gedike, Königl. Preuß. Oberkonsistorial- und Oberschulrath, Direktor des Berlinisch-Kölnischen Gymnasiums, und Mitgliede der Königl. Akademie der Wissenschaften, wie auch der Akademie der Künste in der „Zweite[n] verbesserte[n] Auflage. Berlin, bei August Mylius, Buchhändler in der Brüderstraße. 1797.“ Ernst Gedike gehörte zu den Stiftern der 1802 gegründeten Freimaurerloge „Zur goldenen Mauer“ in Bautzen.

Das für meine Begriffe schönste Buch kommt nicht aus der Lausitz, aber immerhin aus Sachsen. Es ist das überall und immer wieder gern abgebildete, auch weiter oben schon einmal erwähnte Blumengewinde. Kupfer daraus zierten bereits die Marginalien, den „Wegehaupt“, den Katalog Schöne alte Kinderbücher,19 und seit kurzem sind alle auf einer Webseite von www.kulturpixel.de zu sehen.

Ich bin meinem bibliophilen Schicksal sehr dankbar dafür, daß es mir im hohen Alter von fast 60 Jahren noch das große Glück beschert hat, eine so exquisite Kinderbuchsammlung wie die von Oskar Roesger 377 Stück für Stück in die Hand nehmen zu dürfen :)

(13.11.2010)

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(Stark gekürzt erschienen in: Marginalien 201/ 1.2011.)

Anmerkungen
1 Die Arbeit liegt bereits vor: Uwe Plötner: Zwischen Katheder und Kinderzimmer. Die Kinderbuchsammlung des Oskar Roesger im Stadtmuseum [sic] Bautzen. Manuskript, 22 „Normseiten“. Des weiteren konnte ich Texte verwenden, die Lars Weber für die Weihnachtsausstellung des Museums „Kinderbücher. Sammlung Oskar Roesger 1843–1910“ (1. Dezember 2001 - 20. Januar 2002) ausarbeitete; die Ausstellung feierte die Rückkehr der Sammlung aus der Deutschen Staatsbibliothek Berlin. Ich danke den Autoren sowie Ulrike Telek vom Museum Bautzen für ihre Unterstützung.
2 Charlotte Boden: „,Soviel schöne bunte Bilder sah des Nachbars Karl noch nie’. Alte Kinderbücher im Stadtmuseum Bautzen.“ In: Marginalien. Blätter der Pirckheimer Gesellschaft im Deutschen Kulturbund. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag. Zweiundzwanzigstes Heft. Juni 1966; S. 36-45. Mit 7 Tafeln s/w.
3 Alte Kinderbücher. Katalog der Dauerleihgaben des Stadtmuseums Bautzen an die Deutsche Staatsbibliothek, Berlin. Zusammengestellt von Heinz Wegehaupt und Henriette Spengler unter Mitarbeit von Gabriele Schubarth. Berlin: Deutsche Staatsbibliothek 1967.
4 Heinz Wegehaupt unter Mitarbeit von Edith Fichtner: Alte deutsche Kinderbücher. Bibliographie 1507-1850. Zugleich Bestandsverzeichnis der Kinder- und Jugendbuchabteilung der Deutschen Staatsbibliothek Berlin. Der Kinderbuchverlag Berlin 1979.
5 Reglen-/ und/ Textbüchlein/ Zu/ Arithmetischer anwei/ sung und übung/ gerichtet auff al/ lerlei handlungen. / Durch/ Hr. M. Zingen. In Verlegung Johan Melchior Hardmejers. 1677.
6 Seit 1999 befindet sich im Gebäude des ehemaligen Salemer Pfleghofs in Esslingen das J. F. Schreiber-Museum. Es erzählt die Geschichte des Verlags von Jakob Ferdinand Schreiber und seiner Produkte. Die Firma hatte 1831 mit 44 Steinplatten für die Lithographie begonnen. Damit konnten farbig illustrierte Bücher und Bilderbogen in hoher Auflage hergestellt werden. Die hohe Qualität der Drucke von J. F. Schreiber führte rasch zu wirtschaftlichem Erfolg. Weithin bekannt wurden die bunten Bilderbögen, Ausschneidebögen, Kinderbücher, Wandtafeln für den Schulunterricht und die berühmten Modellbaubögen aus Papier. Der Verlag produzierte bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein.
7 Unsere Noah’s Arche. Stuttgart: Wilhelm Effenberger. (F. Loewes Verlag). Um 1910.
8 Kleine Völker-Gallerie. Oder unterhaltende und bildliche Darstellung von den Charakteren, Sitten, Gebräuchen und Kleidungen einiger merkwürdigen europäischen und fremden Völker. Mit 64 illuminirten Abbildungen. Ein Bilderbuch für die Jugend. Pirna, 1811. Bei Carl August Friese.
9 Intelligenzblatt der allgem. Literatur-Zeitung Numero 24. Mittwochs den 12ten März 1794; Sp. 191f.
10 Ausführlich dargestellt in: Schraudolph, Erhard: Eisvogel trifft Klapperschlange. Zinnfiguren und Kinderbücher in der Aufklärung. Begleitheft zur Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum. Nürnberg 2006. S. dazu auch: Fürst, Manfred: „Figuren des Graveurs Johann Ernst Fischer aus Halle.“ In: Der Friedensreiter. Hrsg. Gesellschaft der Freunde kulturhistorischer Zinnfiguren e.V. Westfalen. Münster & Osnabrück. Heft 24/ 2008; S. 12-15.
11 Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes. Mit allergnädigsten Kaiserlichen und Churfürstl. Sächsischen Privilegien. Leipzig, bey Siegfried Lebrecht Crusius. 1784.
12 Der Wald und das Meer mit ihren Bewohnern. Ein naturgeschichtliches Lesebuch für die Jugend von F. P. Wilmsen, Prediger an der Parochial-Kirche in Berlin. Mit acht Kupfern, gezeichnet von Hein. Ramberg, gestochen von Wilh. Jury. Berlin. 1821. bei J. G. Hasselberg unter den Linden No. 62.
13 D. J. Merkels Erdbeschreibung von Kursachsen und den ietzt dazu gehörenden Ländern für die Jugend. Fünfter Band. Nach dem Tode des Verfassers bearbeitet von Karl August Engelhardt, Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften. Dresden-Friedrichstadt, beim Verfasser und Leipzig, bei J. A. Barth, 1800. Vorangesetzter Titel: Erdbeschreibung der Markgrafthümer Ober- und Niederlausitz für die erwachsenere Jugend. Erster Band. Meist nach handschriftlichen Nachrichten bearbeitet von Karl August Engelhardt, [weiter wie oben]. Ebd. 1800.
14 Der Herr und die Kleinen. Ein Weihnachts- und Osterkranz oder Auswahl der geistreichsten Lieder aus der Vor- und Mitzeit auf die Geburt, das Leben, den Tod und die Auferstehung unsers Heilandes Jesus Christus zur achtzehnhundertjährigen Feier derselben. Ein Büchlein für Kinder, Eltern, Lehrer und alle Freunde des Herrn. Herausgegeben vom Verfasser der merkwürdigsten Schicksale der Oberlausitz und ihrer alten Hauptstadt Budissin. Erstes Bändchen. Der Weihnachtskranz. Budissin 1833 gedruckt bei Ernst Gottlob Monse. Zu haben in den Buchhandlungen von C. H. Schulze und M. A. Weller sowie beim Herausgeber, Schloßgasse Nummer 153, zwei Treppen hoch.
15 Peschek, Christian: Manu Christi Protegente! M. Christian Peschecks Gymn. Zitt. Collegae Vorhoff der Meß-Kunst Darinnen Die Anfangs-Gruende dieser edlen Wissenschafft derGestallt deutlich vorgetragen, und die darzu gehörige Instrumenta erklaeret werden; Daß auch ein stumpffer Kopf dieselbe von sich selbst in kurtzer Zeit erlernen kann. Welcher So wohl der Zittauischen, als auch anderwaertigen Jugend zu Liebe, und zur Befoerderung ihrer zeitlichen Wohlfart eroeffnet worden. Worbey die noethigsten Instrumenta, in Holzschnitt gebracht sind, und wie solche sollen durch die Buchbinder und Tischler zum Gebrauch construiret werden, gezeiget. Mit Koenigl. Pohln. Und Churfl. Sächs. Privilegio. Budißin verlegts David Richter 1721.
16 Der kurtzgefaste/ Kleinere/ Himmels-Weg/ Deutsch und Wendisch// Bestehend/ In den leichtesten Fragen des wahren/ Christenthums./ Den einfältigen wendischen Kindern in der/ Schule und zu Hause// desgleichen auch andern/ in der Unwissenheit Aufgewachsenen zum/ höchst nöthigen Unterricht des selig/ machenden Glaubens und/ frommen Lebens// aufs/ einfältigste und deutlichste/ Nebst einem der Jugend sehr dienlichen An/ hange von Buchstaben oder ABC// deutschen und wen/ dischen Buchstabiren und Ziffern// In der Ober-Lausitzischen wendischen/ Sprache/ wohlmeynend herausgegeben/ von/ Christoph Schlenckern// Pfarrern/ in Purschwitz./ Mit Königl. Pohlnischen und Chur-Fürstlichen/ Sächsischen allergnädigsten Privilegio. Budißin/ bey Heinrich Simon Hübnern/ Buchhändlern Druckts Gottfried Gottlob Richter, 1722.
17 Le nouveau Robinson. Pour servir à l amusement et à l’instruction des jeunes gens de l’un et de l’autre sexe. Ouvrage traduit de l’allemand de M. Campe. Nouvelle edition, revue et corrigée, ornée de XI Jolies figures. A Breslau 1806. imprimé ehez Guill. Theoph. Korn.
18 Ein Büchlein vom Hanf. Gedichte u. Bilder von F. u. H. Jäde. Glogau, C. Flemming o.J. (1858).
19 Schöne alte Kinderbücher. Hrsg. Raimund Kitzinger, Christine Pressler und Ingeborg Ramseger. Frankfurt am Main: Buchhändler-Vereinigung 1978. (Katalog zur Ausstellung der Arbeitsgemeinschaft Antiquariat des Börsenvereins zur Frankfurter Buchmesse 1978.)

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