Anmerkungen zu Verschiedenem von Lutz Stucka
Vermutlich für die Katz’
Von Bernd-Ingo Friedrich
Der Artikel wird momentan überarbeitet.Siehe dazu auch die "Anmerkungen zu Ein uralter Wald von Lutz Stucka" auf www.kulturpixel.de.
sowie die "Anmerkungen zu den Vandalismen von Lutz Stucka", ebenfalls dort.
Den Regionalhistoriker erkennt man daran, daß er – für alle Fälle – mit dem neuesten Klatsch vertraut ist; über die letzten 50 Jahre Bescheid weiß; über die 100 Jahre davor sehr gut informiert ist; das Mittelalter voll überblickt und quasi unschlagbar ist, sobald es um die Uhrzeit geht. Darüber weiß er alles: Ganz hinten links im Urwald, im Jagen 112, stand die 3.000 Jahre alte Eiche, unter der unsere Vorfahren jeden Freitag früh um neun zwei Weiße Deutsche Edelziegen opferten, die mindestens anderthalb Zentner wogen und zuvor auf den Namen „Heidrun“ getauft wurden; die Messen wurden in einem heute vergessenen Dialekt der (ebenfalls vergessenen) althochdeutschen Sprache gelesen; die „Drusen“ genannten Priester trugen dabei Hirschlederhosen, lange weiße Leinenkittel und hanfgefütterte Bärenfellmützen; nach dem Zeremoniell tranken alle Mosel-Saar-Ruwer, dazu gab es gewöhnlich Weißbrot mit Honig, und an besonderen Festtagen wurden verschleierte Jungfrauen herumgereicht. Wirklich!
Bernd-Ingo Friedrich in der Lausitzer Rundschau vom 20.08.2009 (Auszug)
[...] grundfalsch sind schon die beiden ersten Spalten [eines Artikels von Lutz Stucka]. Ich zitiere ausnahmsweise einmal mich selbst: „Pückler, der nachweisbar im Juli 1806 Muskau verlassen hatte, um Europa zu bereisen, Ende 1810 wieder nach Muskau zurückkehrte und sich die folgenden drei Kriegsjahre ziellos dahintreiben ließ, nahm erst ab 1814 unter anderen Fahnen am Krieg gegen Napoleon teil.“[*] (Siehe dazu u.a. auch: Pückler, entre chien et loup, Band 2, S. 618 f.) Mit dieser fundierten Aussage fallen natürlich die Stuckaschen Konstrukte samt und sonders in sich zusammen. Eine detaillierte Analyse brächte weiteren Unfug zutage, ich will es jedoch – aus Zeitgründen – einstweilen bei der Gegenüberstellung der nachprüfbaren Jahreszahlen belassen.
Die Erkenntnis, daß es die (von Pücklers Biographen behauptete) Begegnung Pücklers mit Goethe im Jahre 1810 (!) nicht gegeben haben kann, und daß deshalb Goethes bei dieser (!) Gelegenheit erteilter Rat „Verfolgen sie diese Richtung“ usw., nur ein (von Pückler) nachträglich untergeschobener sein dürfte, ist ebenfalls ein bereits veröffentlichtes Ergebnis neuerer Forschungen. Der Herr Stucka, ich hatte ihm das schon einmal empfohlen, sollte sein Wissen bzw. Halbwissen gelegentlich aktualisieren; zumindest das kann auch (oder vor allem!) der Zeitungsleser erwarten.
Die Aussage, Pückler sei der „Begründer des naturnahen Landschaftsgartens“ gewesen, konterkariert der Autor – ohne es zu merken – selbst, indem er darauf hinweist, daß Pückler sich in England 36 Parkanlagen ansah. Ich denke, man muß das nicht weiter kommentieren.
[* Zitiert aus: Hat er? Oder hat er nicht? Fürst Pückler und die Frauen, Niedercunnersdorf 2010; verlinkt mit pueckler.kulturpixel.de.]

Lutz Stucka in der Lausitzer Rundschau vom 27. August 2009
Ich (Bernd-Ingo Friedrich) zitiere: „Bedanken möchte ich mich über das rege Interesse, welches die Artikel über den Fürsten Pückler auslösten. Besonders interessieren mich Hinweise, Kritiken und andere Ansichten, denn besonders die Heimatgeschichte ist noch recht unerforscht und das Quellenmaterial ist oft vielschichtig und zum Teil auch widersprüchlich und schwer zugänglich vorhanden.
Mein Spezialgebiet ist Weißwassers Historie und nicht Muskaus Park- oder Stadtgeschichte. So liegt es mir fern, mich neunmalklug über Pücklers Biographie zu äußern, oder gar die wertvolle Forschungsarbeit früherer Pückler-Biographen infrage zu stellen [...]“.
Und weiter: „Auch ist es mit der richtigen Benennung der Jahreszahlen so eine Sache. Weil auch einige Autoren mangels Urquellen voneinander abschreiben müssen, erhalten sich Fehler hartnäckig. Es wird dann manchmal um ein oder zwei Jahre stur gestritten, die kühnsten Behauptungen aufgestellt und den Wert der gesamten Forschungsarbeit in Frage gestellt. Ein guter Historiker, so glaube ich [!], ist jemand, dem es gelingt die wesentlichen und wichtigen Momente der Geschichte so darzustellen, dass sie verständlich für die Allgemeinheit sind und dass auch der Fachmann möglichst viele Denkanstöße für weiterführende Arbeiten erhält.
Nun ist es in einigen Fällen nicht so entscheidend, ob ein Ereignis zum Beispiel 1812, frühere Quellen nennen 1813, auch im Jahr 1814 wurde es erwähnt, stattfand, wenn es dem Sinn der Darstellung keinen Abbruch leistet. Sicher ist es sehr wichtig, exakt zu arbeiten, aber oft fehlen die entscheidenden Quellen, dies zu tun. Erfahrene und gute, besonders Regionalhistoriker erkennt man daran, wie sie mit Quellenmaterial umgehen.
Auch besteht noch kein Anlass, die Pücklerbiographie von E. Donath von 1903 infrage zu stellen und das Zusammentreffen Pücklers mit Goethe anzuzweifeln. Donath schreibt in Ergänzung der väterlichen Pücklerbiographie, die nur drei Jahre nach des Fürsten Tod veröffentlicht wurde, folgendes: ‚Bei der Eröffnung des Feldzuges 1813 hielt es Pückler im stillen Muskau nicht länger aus, er trat in russische Dienste und begleitete als Adjutant des Herzogs Bernhard von Sachsen-Weimar [recte: Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar] in den Krieg. Nach Friedenschluss bereiste Pückler zunächst England…’. Es ist nun schwer, nicht zu glauben [!], dass Pückler als Adjutant des Herzogs von Sachsen-Weimar mit Goethe, der in Weimar seit 1776 in Staatsdiensten stand, zusammengetroffen sei. [Schwer, nicht zu glauben, daß jemand, der 1976 in Berlin war, mit Wolf Biermann zusammengetroffen sei ....]“

Bernd-Ingo Friedrich an die Redaktion der Lausitzer Rundschau am 28. August 2009
Es handelt sich hier wohl um verschiedene Auffassungen vom Geschichteschreiben, die sich in verschiedenen Arbeitsweisen niederschlagen: Man kann Geschichte benutzen, um sich einen Namen und/ oder Geld zu machen, dann kommt es auf Details natürlich nicht an. Man täuscht einfach – indem man, zum Beispiel, problematische Literatur bedenkenlos mit verwendet und als seriöse Quellen ausgibt – Seriosität vor, aber damit auch den Leser. Anderseits kann man, was jedoch wesentlich langwieriger und mühevoller ist, ernsthaft forschen und versuchen, der historischen Wahrheit möglichst nahe zu kommen und trotzdem vielleicht auch etwas Geld damit zu verdienen. Dann geht es um die mitunter (!) leider etwas trockene Ermittlung und Publikation von Fakten, selbst wenn diese hier und da unwillkommen sein sollten. Es geht darum, ob man Geschichtsschreibung – zum Beispiel als eine Möglichkeit, aus der Vergangenheit Lehren für die Zukunft zu ziehen – ernst nimmt oder nicht.
Das beliebte Gerede derjenigen, die die Mühen und Kosten der Archivarbeit scheuen, die Quellenlage wäre ja, ach, so kompliziert und die Meinungen zu diesem und jenem würden in alle Ewigkeit divergieren und man besänne sich besser auf das Wesentliche, sind klipp und klar Ausflüchte. Es gibt immer wieder Neues (Altes) zu entdecken, das neue Konstellationen hervorbringt und zu einer Umwertung von Tradiertem führt.
Daß es auf Datierungen nicht so ankäme, sondern vielmehr auf eine populäre Darstellung von Zusammenhängen, ist ein sehr bequemes Argument und obendrein falsch, denn erst korrekte Datierungen ermöglichen eine korrekte Herstellung von Zusammenhängen: Unpassende oder schlecht verarbeitete Teile ergeben niemals ein brauchbares Auto.
Oder: Ein Beispiel aus der neuesten Zeit, das sicher auch dem in der Geschichte weniger Bewanderten die Bedeutung von Datierungen erschließen helfen kann, ist folgendes: Die Entdeckung der Tatsache, daß jemand in seiner Biographie angegeben hat, 1988 aus der SED ausgetreten zu sein und nicht erst 1990 – wie tatsächlich geschehen – erzeugt nicht nur einen veränderten Blickwinkel auf die betreffende Person, sondern diese erscheint durch ihre (entdeckte) Manipulation auch in einem beträchtlichen Zwielicht.
Pückler betreffend macht es demnach einen Unterschied, ob er irgendwann 1812 oder 1813 gegen Napoleon ins Feld zog oder nachweisbar erst am „30. Octbr. [1813 die] Abreise d. H. Grafen zur Campagne“ aus Muskau erfolgte (Wolff, Tagebücher der Jahre 1767-1824), denn dann kann er unmöglich, wie gelegentlich auch schon behauptet, an der Völkerschlacht (16./19. Oktober 1813) teilgenommen haben. Die Nachzeichnung seines Weges vom 30. Oktober bis zum Auftauchen in der Entourage des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar Anfang 1814 ergibt ebenfalls ein sehr merkwürdiges und von den gängigen Klischees stark abweichendes Bild. Am Ende erzeugten viele kleine Lässigkeiten nämlich einen Helden, während der „Haudegen“ in Wahrheit gar keine Lust hatte, in den Krieg zu ziehen. (Die Lützower Jäger etwa hatten es gewollt und einfach getan.) Nach dem gleichen Muster erfolgt die Umwertung von Pücklers anfänglicher Wurstelei an seinem Park zu einer planvollen Tätigkeit, wozu dann natürlich auch der vordatierte, wenn überhaupt je erteilte, Rat Goethes gehört. Ich denke also schon, daß es sich bei den oben genannten um bemerkenswerte Details handelt, die mittlerweile auch relativ unproblematisch zu ermitteln sind.
Und deshalb sollte der gewissenhafte Historiker erst an das Schreiben von Artikeln „zur Unterhaltung und Belehrung“ (Mörbe, 1855) gehen, nachdem er ein verläßliches Fundament aus Fakten geschaffen hat. Daß man dazu Quellen und erst recht Sekundärliteratur in Zweifel zieht, ist keine Marotte, sondern gängige Praxis und eine Notwendigkeit. Meine kleine Broschüre über das Fürst-Pückler-Eis (Branitz 2007) zum Beispiel verdeutlicht das geradezu exemplarisch. Bei meiner Arbeit orientiere ich mich an einem Wahlspruch, der von dem Graphiker Marcus Behmer (1879-1958) stammt: „Nichts, was man – für die Veröffentlichung, aber auch sonst – arbeitet, sollte man mit Bewußtsein weniger gut machen, als man es irgend machen kann.“ Das bin ich meinen Lesern schuldig.
Eine Arbeitsweise, bei der man erst einmal irgend etwas Ungefähres dahinschreibt und auf den korrigierenden Leser setzt, ist verantwortungslos (in den sogenannten exakten Wissenschaften ein völliges Unding) und vielleicht in einem Blog oder in der Wikipedia praktikabel, aber nicht in einem Printmedium: „... denn was die Leute sagen, ist nichts, und der Wind verweht es. Man glaubt es und man glaubt es nicht, aber littera scripta manent (Geschriebenes bleibt und überführt.)“. (Pückler, 1846.)
Ein drittes Zitat stammt aus dem Internet. Es kommentiert die Orts-Chronik der Rittergüter Ober- und Nieder-Kosel in der preußischen Ober-Lausitz, die der Pastor Johannes Mörbe 1845 veröffentlichte; derselbe, der auch 1861 die Ausführliche Geschichte und Chronik von der Stadt und der freien Standesherrschaft Muskau herausgab.
„Auch von den alten Sagen, Sitten und Unsitten oft heidnischen, bisweilen christlichen Ursprungs, von Aberglauben, von verhextem Vieh, vom Räuberhauptmann und Mädchenräuber ‚Hugdar’, vom ‚versunkenen Schloß zu Cosel’, von gruseliger natürlicher Geistermusik und anderen Schauermärchen, so um Sümpfe und Schandstätten spielen, wird berichtet, und der Chronist bemerkt, ‚daß der Glaube daran noch immer lebendig sei’. In unserer Zeit, die ja genugsam durch schwere Nöte und Mühsale gegangen ist, dürfte die Lust an solch mitternächtlichen Spukgeschichten überwunden sein.“
Oder sind da etwa wieder einmal welche dabei, die Uhren zurück zu drehen? -
Aus der Vielzahl ähnlicher Reaktionen auf Veröffentlichungen Lutz Stuckas in der LR und der SZ sei hier nur ein witziger Artikel von Brigitte Haraszin, Bad Muskau, herausgegriffen: „Wie der ‚verlogenste aller Zweifüßler’ die Geschichte fälschte“. In: Sächsische Zeitung vom 22.10.2009.
(27.08.2009 / 31.12.2011)
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