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Prof. Dr. Frank Förster, Historiker

Der Mann, der nach dem Vater kam

Von Siegmund Musiat
und Bernd-Ingo Friedrich


Ein bißchen Tratsch muß sein: Frank Förster wurde in Muskau (ohne Bad) als ältester Sohn von Herbert und Margot Förster geboren. Der Vater war Studienrat, die Mutter die Tochter des Architekten Wilhelm Kade und der Gastwirtstochter Helene Kade, geborene Rönsch. Er wuchs in einem kultivierten Elternhaus voller – heute als Antiquitäten bezeichneter – alter Möbel auf, aus denen vor allem das Biedermeier-Wohnzimmer herausstach. Von seinen Mitschülern am Weißwasseraner Gymnasium wurde er beneidet, weil er Klavier spielen und gute Karikaturen zeichnen konnte, also beste Chancen bei den Mädchen hatte. Sie nannten ihn „Pussi“. Er entwickelte sich trotzdem, unspektakulär und daheim wenig beachtet, zu einem in Fachkreisen geachteten Wissenschaftler und wurde Miterbe einer vielbeneideten regionalgeschichtlichen Sammlung mit einer erlesenen Bibliothek, die sein Vater mit viel Findigkeit und Energie zusammengetragen hatte. Frank Försters Verdienste wurden bereits 2002 mit einem Artikel in der Zeitschrift für sorbische Sprache, Kultur und Geschichte gewürdigt:


ff1 sorbische hochzeit girlande nationalsozialismus 1933


Siegmund Musiat: „Prof. Dr. Frank Förster 65 Jahre.“
Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Am 3. Juli 1937 in Bad Muskau als Sohn eines sorbischstämmigen Studienrats geboren, besuchte Frank Förster nach der Grundschule die Oberschule im oberlausitzischen Weißwasser. Der Abiturient schrieb sich 1955 für die Fachrichtung Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Potsdam ein und wechselte nach zwei Semestern an die Philosophische Fakultät der Leipziger Universität über, wo er neben Geschichte auch Sorabistik (einschließlich sorbischer Volkskunde) studieren konnte. Ein enges Verhältnis verband ihn mit seinem akademischen Lehrer, dem Volkskundler Pawol Nedo, der ein guter Bekannter seines in der Heimatforschung der Muskauer Heide engagierten Vaters war. Die Mitgliedschaft im sorbischen Studentenverein Sorabia, die Unterkunft im sorbischen Studentenheim, die sorbischen Lehrveranstaltungen, die Verwendung der sorbischen Sprache am Studienort und der eigene Wille holten nach, was ihm am deutschen Geburtsort und an der deutschen Schule vorenthalten geblieben war.

Der junge Diplom-Historiker bewarb sich am Institut für sorbische Volksforschung in Bautzen, das damals der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin zugeordnet war. Direktor Pawol Nowotny stellte ihn 1960 als wissenschaftlichen Assistenten in der Abteilung Geschichte ein. Wie am Institut allgemein üblich, war auch Frank Förster in der Folgezeit an komplexen Forschungs- und Publikationsvorhaben beteiligt. Es handelte sich etwa um Band 2 der „Geschichte der Sorben” (1974), die Dorfmonographie „Groß Partwitz” (1976) und die ethnosoziale Gegenwartsforschung, woraus u.a. seine Habilitation erwuchs.

Für die sorbische Forschungseinrichtung war es ein Gewinn, dass Frank Förster sich in diesem Zusammenhang speziell mit der Wirtschaftsgeschichte beider Lausitzen befasste, zumal sich die Institutstätigkeit bis dahin auf Sprache, Literatur und Kultur der Sorben konzentriert hatte. Solange sich Försters Forschungen auf ältere Zeiträume erstreckten, stand einer Veröffentlichung der Ergebnisse nichts im Wege. Anders war die Rechtslage, als er sich mit Sozialstatistik des Mittellausitzer Industriegebiets zur DDR-Zeit zu beschäftigen begann. So durfte zwar seine Dissertation „Senftenberger Revier 1890–1914” 1968 im Druck erscheinen, nicht aber seine Habilitationsschrift, die sich mit der sozialen Struktur ländlicher Industriearbeiter im gemischtnationalen Teil des Lausitzer Braunkohlereviers im Jahre 1972 befasste. Eine Kurzfassung der damals als vertrauliches Material eingestuften Studie konnte erst nach der politischen Wende – 1995 – publiziert werden.

Im „alten” Institut wurde Frank Förster mit verantwortlichen Aufgaben betraut: wissenschaftlicher Sekretär, Redaktionssekretär der historischen Reihe (B) des „Lĕtopis”, ab 1977 Leiter der Abteilung Volkskunde und stellvertretender Direktor. In Anerkennung seiner fachlichen und organisatorischen Leistungen wurde ihm 1984 durch die Akademie der Wissenschaften der DDR der Titel eines Professors für sorbische Geschichte verliehen.

Am neu gegründeten Sorbischen Institut kehrte Frank Förster 1992 in die historische Abteilung zurück. Nachhaltig beeindruckt von seinen Forschungsergebnissen zeigten sich nun viele Menschen in der mittleren Lausitz, die im Rahmen der Erweiterung und des Neuaufschlusses von Braunkohletagebauen an neue Wohnorte „umgesetzt” worden waren. Frank Försters in der Schriftenreihe des Sorbischen Instituts als Nr. 8 herausgegebenes Buch „Verschwundene Dörfer. Die Ortsabbrüche des Lausitzer Braunkohlenreviers bis 1993” (1995; 2., überarbeitete Auflage 1996) erwies sich als wissenschaftlicher Bestseller. Die von Heimatverlust Betroffenen fanden darin ein Stück ihrer alten Identität dokumentiert; es war zugleich einer der seltenen Fälle, wo Wissenschaftlichkeit und Publikumsinteresse zusammentreffen. Ein Ergänzungsband „Bergbau-Umsiedler. Erfahrungsberichte aus dem Lausitzer Braunkohlenrevier” als Nr. 17 der Institutsreihe (1998) präsentierte insgesamt 30 Oral-History-Texte [mündliche Überlieferungen] aus den fünf Tagebaubereichen der Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) und ordnete sie in den Gesamtzusammenhang der bergbaubedingten Ortsabbrüche vor und nach 1990 ein.

Danach wandte sich Frank Förster der wissenschaftlichen und politischen „Wenden”-Beschäftigung zur NS-Zeit zu, einem Aspekt der Fachgeschichte, zu dem er seit Beginn der 90er Jahre in dem von Karlheinz Blaschke herausgegebenen „Neuen Archiv für sächsische Geschichte” (1993, 1997) und im „Lĕtopis” (2001, 2002) Teilstudien publiziert hat. Eine diesbezügliche Monographie ist in Vorbereitung. Daneben hat er am Institut für Sorabistik der Universität Leipzig regelmäßig Lehraufträge für sorbische Geschichte übernommen und den wissenschaftlichen Nachwuchs in vielfältiger Weise gefördert. Mehrfach stand er Studenten und Doktoranden als Betreuer und Gutachter zur Seite.

Von seinem jetzigen Wohnsitz in Radebeul bei Dresden aus wird der Ruheständler Frank Förster gewiss Muße finden, sich seinem aktuellen Interessengebiet, der Geschichte der Sorben unter dem Nationalsozialismus, weiter zu widmen. Seine ehemaligen Institutskollegen wünschen ihm für weitere Untersuchungen Gesundheit und Wohlergehen.

(Dr. Siegmund Musiat, geboren 1930 in Kamenz, ist Slawist und Ethnologe; Autor von wissenschaftlichen Büchern, Sachbüchern und Übersetzer. Er war als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sorbischen Instituts tätig und lebt in Bautzen. – Der Artikel erschien im Lĕtopis 49 (2002) 1.)


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Nachtrag vom 17. Mai 2011

Prof. Dr. Frank Förster konnte noch zwei Bücher veröffentlichen. Er starb am 13. Mai 2011 in Radebeul im Alter von 74 Jahren.
Die Liste seiner selbständigen Publikationen besteht aus den folgenden Titeln:

Frank Förster: Senftenberger Revier 1890–1914. Zur Geschichte der Niederlausitzer Braunkohleindustrie vom Fall des Sozialistengesetzes bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges. Hrsg. Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bautzen: VEB Domowina-Verlag 1968. (Schriftenreihe des Institutes für sorbische Volksforschung in Bautzen, Bd. 37.)

Lotar Balke und Albrecht Lange: Sorbisches Trachtenbuch. Unter Mitarbeit von Frank Förster. Bautzen: VEB Domowina-Verlag 1985.

Frank Förster: Um Lausitzer Braunkohle 1849-1945. Hrsg. Kommission zur Erforschung der Geschichte der Örtlichen Arbeiterbewegung des Bezirksvorstandes Cottbus der PDS in Zusammenarbeit mit dem Institut für Sorbische Volkforschung der Akademie der Wissenschaften der DDR und des Volkseigenen Braunkohlenkombinats Senftenberg. Bautzen: Domowina-Verlag 1990.

Frank Förster: Verschwundene Dörfer. Die Ortsabbrüche des Lausitzer Braunkohlereviers bis 1993. Bautzen: Domowina-Verlag 1995. (Schriften des Sorbischen Instituts, Bd. 8.)

Frank Förster: Bergbau-Umsiedler. Erfahrungsberichte aus dem Lausitzer Braunkohlenrevier. Bautzen: Domowina-Verlag 2007. (Schriften des Sorbischen Instituts, Bd. 17.)

Frank Förster: Die „Wendenfrage“ in der deutschen Ostforschung 1933–1945. Die Publikationsstelle Berlin-Dahlem und die Lausitzer Sorben. Bautzen: Domowina-Verlag 2007. (Schriften des Sorbischen Instituts, Bd. 43.)

(06.06.2011)


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