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Ehregott Friedrich Pannach: Von Oberlausizischen wendischen Bibliotheken

Transkript des Ms.: Von Oberlausizischen wendischen Bibliotheken
7 hs. Seiten, blattweise pag. (gestempelt) von 8 bis 11
In: Vermischte hs. Aufzeichnungen Ehregott Friedrich Pannachs ohne Titel, Ort u. Jahr
Entst. um 1797. Sorb. Kulturarchiv, Sign. SKA MS VI-29 B
Transkribiert von Bernd-Ingo Friedrich, Weißwasser


(1) H.[err] Knauth hat in seiner Oberlausiz Sorbenwenden Geschichte 386 eine Nachricht eingeschaltet, welche nicht gz. richtig ist, u. also lautet:
Weyl. H.[err] Christoph Faber,1 wendischer Pfarrer zu Klix, hat die in der Oberlausizischen Sorbenwendensprache gedrukten Bücher, so viel er hat habhaft werden können, fleißig gesamlet, u. davon eine ziemliche Anzahl zusammengebracht, deren Catalogum er in die Acta eccles: vinariens: einrüken laßen, welche nach s. Tode [E.] HochEdl. Rath der Stadt Budissin von den Erben erkauft, u. der daßigen Bibliothek einverleibet.
Seine völlige Richtigkeit hat es mit der unternommenen Sammlung; auch damit, daß das Vzeichniß von den zusammen gebrachten Büchern in dem angeführten Weimarischen Werke, und zwar im 10ten Bande Thl. 58. vom Jahr 1746 stehe; ferner auch damit, daß diese Sammlung nunmehr auf der bauzener Rathsbibliothek anzutreffen sey. Man findet sie daselbst der Thüre linker Hand wo sie in der ersten Abtheilung auf einen Brettchen ihren Plaz hat.
Hingegen ist es nicht völlig ausgemacht, ob der seel. Faber, wie Knauth schreibt, oberwähntes Vzeichniß selbst eingesannt habe, da in einer Note in den Actis blos gemeldet wird, daß es dem Sammler von einer guten Freundin in der Absicht zuschikt worden sey, um es diesen Actis einzuverleiben. Ganz gewiß aber hat es mit der Art und Weise, wie der Rath zu Budißin zu dieser Sammlung gekommen, ein gz andere Bewanntniß als Knauth glaubt u. angiebt.
Sel.[iger] Christoph Friedrich Faber war mein Großvater mütterlicher Seits. Von dessen zu Anfange des 1796ten Jahres verstorbenen jüngsten 70.jährigen Tochter, die meine Mutter war, erlangte ich auf mein öfteres oft blos von ohngefähr u. absichtlich weit hergeholtes fragen diese Nachricht: daß Faber ohne e. Bezahlung zu verlangen oder zu erhalten, seinen

(2) Vorrath an wend. Büchern der angezeigten Bibliothek geschenkt u. selbige dem damaligen Burgmeister Callmann zugesannt habe, mit Bitte derselbigen einen bestimmten Platz anzuweisen. Die weitere Schiksale dieser Bücher waren alsdann folgende. In dem Callmannschen Hause hatte man ihnen unter dem Dache einen Winkel angewiesen. Bey dem Aufenthalte meines seel. Bruders in Bautzen in den Jahren 1764. bis 68. fing unser seelige Vater an nachzufragen, wie es ihnen, da selbige in der Bibliothik nicht befindlich, möge ergange seyn. Allein mein Bruder wurde jedes mahl nach seiner eigenen Aussage wie Paulus von Felix, auf eine gelegenere Zeit verwiesen, die jedoch niemals eintrat. Da aber Callmann starb, so ließ sich ein naher Anverwannter von demselben, u. von uns, der verstorbene Subrector in Bautzen Faber bereitwillig finden die Aufsuchung des Vermißten über sich zu nehmen, u. er fand es an gedachten Orte, säuberte es von Staub u. Motten u. schafte es der Schenkung gemäß an einen mehr sicheren u. anständigen Ort. Man besorgte wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit, daß dieser wend. Bücher Vorrath in seiner vorigen, allerdings nicht vortheilhaften Lage, Verlust werde erlitten haben. Aber der Augenschein versichert es so gleich, daß derselbe nicht groß und beträchtlich könne gewesen seyn. Denn der Einband hat an den wenigsten gelitten, u. da v. den 59. Stücken, welche die Acta specificiren, noch 51. an der Zahl vorhanden sind, so fehlen mithin nur 8. Stück, u. diese fehlende sind kleine Werklein. Handschriften in wendischer Sprache geschrieben od. dieses Völcklein angehend, sind nicht da, auch keine Nachricht, ob jemals welche den gedruckten Büchern sind beygefügt gewesen.
Das wäre die kurze Geschichte der ersten öffentl. aufgestellten Sammlung von Büchern in wendischer Sprache, über welche, so wie überhaupt ü. die gze Rathsbibliothek zu meiner Zeit der Conrect: Cober izt ab. der Conrect: Hartung die Aufsicht hat, u. von allen gern Beyträge annimmt um sie zu vervollständig.


pannach kettenbibliothek wimborne minster

Kettenbibliothek des Münsters Wimborne (GB), gegründet 1686.


(3) Eine zwote Sammlung ist erst im Werden. Mit dieser hat es folgende Bewandniß. Ihr Standort ist in der Sankristey der evangl. wendischen Kirche zu St. Michaelis in Budißin, u. der Stifter derselbigen der, an der nehmlichen Kirche v. 1731. bis 1745 gestandene Diaconus Johann Pech aus Wilthen gebürtig.
Dieser junge, rüstige, u. besonders für die Seelenverbesserung der Wenden eifrigst bemühte Mann, sezte im Jahr vor seinen nur zu frühen Tode seinen lezten Willen auf u. lies selbigen gehörigen Orts confirmiren. Aus selbigen kann ich durch die Gütigkeit des H.[errn] Diac: Hilbenzes2 folgendes abschriftlich mittheilen.
Extract.
aus weyl. H.[errn] Johann Pechs, Diac. zu St. Michaelis alhier hinterlassenen Testaments d.d. 8. Apr. 1740. Es ist ab. nach göttlicher Lenkung u. Uberzeugung mein Wille, daß 300 [Taler; im Folg. m. versch. Abbr.] zu der von mir angeordneten Armenbüchse auf der Seydau sollen geschlagen u. [E.] Hochlöbl. Oberamt zur Confirmation übergeben werden.
Meine Meinung ist diese, die Büchse solle bleiben, wie bisher, nebst den Interessen von meinen 300 Fl. u. wo noch was mehr ausgelohnt würde, möchte, wie vor andere Bedürftige, sonderlich bekehrte u. heilige, also insonderheit vor arme Kinder zum Schulgehen, damit sie wenigsten lesen lernen, u. zu den benöthigten Büchern, als S. b. L. Catechismus u. N. Testament auch wohl etwa ein Gesangbüchel angewendet werden. Da denn auch e. jedes solches Kind einen von meiner Heilsordnung, wobey der Catechismus angebunden, erhalten sollte, welche von den Schulmeistern mit den Kindern könne tractirt werden, u. es auch vielleicht die wendischen H.[errn] Prediger zu tractiren sich würden gefallen lassen.
Meine Successores, die H.[errn] Diac. zu St. Michaelis alhier, würden die Gütigkeit bezeigen, u. allemal Aufsicht üb. solche Büchse u. Gelder haben, wie auch noch zwey andere bekehrte u. den Geiz hassende Männer auf der Seyau, wie bisher geschehen, an der Seite haben, u. wohl zusehen, daß solch Geld wür-


pannach manuskript wendische bibliotheken

Handschrift Ehregott Friedrich Pannachs (1761–1826) um 1800.


(4) armen Leuten u. Kindern möchte zu Theil werden, u. solche dasselbe genüßen von denen es heißt: Was ihr gethan habt einen unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan.
Wie wohl ich nun weiß, daß sie es insgesammt aus Liebe zu Gott gern ohne Bezahlung übernehmen werden, was ich ihnen hier ansinne, so will ich doch, daß der H.[err] Diac. jährlich 1 [Taler] und jeder von den 2. andern Männern 12 gl. u. wenn etwa künftig das Vmögen der Büchse wüchse, od. sonst nach Befinden, jährl. ein jeder noch einmal so viel bekommen soll. Der H.[err] Diac. ab. wird belieben e. ordentl. Register üb. die Gelder zu halten wie auch die 2. Adjuncti damit alles fein christl. und ordentlich gehe.
Wobey mir auch eingefallen, ob es nicht dienlich wäre, wenn v. solchen Gelde jährl. ein od. zwey [Taler] zur Erkaufung einiger erbaulich Büchlein zb. Arndts, Speners, Rambachs in die St. MichaelisKirche angewendet würden, damit m. mit der Zeit ein klein Bibliothekgen darinnen hätte zum Gebrauche der Herrn Prediger u. auch solcher Zuhörer, die gerne was erbauliches lesen, sich ab. es selbst nicht anschaffen können. Wäre der H.[err] Diac: sonst guten Vmögens u. treuen Herzens, so würde er vielleicht den ihn gewidmeten jährl. 1 [Taler] oder 2 [Taler] auch dazu hergeben, damit das Bibliothekgen besser wüchse, doch das stünde bey ihm.
Es soll auch mein Büchervorrath zur Beförderung dieses Instituts der zu samlenden Bibliothek, wenn mein Sohn minderjährig ersterben sollte, halb der hießigen wendischen und halb der Wilthenschen Kirche gewidmet seyn, doch soll mein Weib u. meine Eltern, oder wo sie gestorben sind, meine Geschwister, die freylich haben, jedes zehn Bücher u. also zusammen 20. vor sich zu nehmen, welche sie wollen, u. welche ihnen die erbaulichsten u. nützlichsten zu seyn scheinen. (Handbibeln, Gesangbücher u. was sie sonst von kleinen Büchern um Gebrauche gehabt, bleibe aus den Meinigen.) Gott helffe nur, daß sie die Bücher also brauchen und lesen, daß sie die göttliche Kraft in den Worten an ihren Seelen nicht hindern.
Sollte es geschehen, daß meine Erben meine aussenstehenden

(5) Gelder nicht alle wieder bekommen sollten, u. nun etwas gebraucht würde, so müßte allenfalls der Seydauer Büchse 100 [Taler] u. dem Wilthener Legato 50 [Taler] entzogen werden, es wäre denn, daß meine hinterlassene Withwe andern Rath wüßte. Budissin den 8. Apr. 1740. Joh. Pech, Diac. bey St. Mich: Daß vorstehendes auf 7. diversen Seiten abschriftlich befindliche Extract aus den Pechischen Testamente mit den wahren Originali, pravia collatione diligenti, eines Inhalts befunden worden; Solches wird zu mehrerer Urkund unter Vordrukung des gewöhnl. OberAmts Secrets hier mit pflichtmäßig attestiret. Sigl Budissin den 2ten Nov. 1743.
L.S. Königl. Pohl. u. Churfstl. Sächs. OberAmts Kanzley
Johann Gottfried Glaß
OberAmts Notar jur.
Diese Confirmation ist sub. dato d. 2. Nov. 1743 v. den damaligen OberAmts Hauptmann, Friedrich Kaspar, Graf v. Gersdorf von OberAmts wegen ertheilt u. die Administration dieses Legats vor 300 [Taler] dem Diac: George Braden, u. Martin Posteln nebst Martin Förstern, beyderseits Einwohnern auf der Seydau aufgetragen worden, so daß sie die jährl. Interessen an den’ Termin Walpurgis u. Michaelis zu erheben, gewissenhaft austheilen, ordentlich Rechnung führen, u. diese mit den lezten Dec. beym OberAmt übergeben.
Man möchte nun wohl in den vorgesezten lezten Willen des seel. Pechs einige Ausdrücke sehr eigen u. sonderbar finden. Wenn man aber auch anderen theils sich es erzählen läßt, daß in den Tagen, in welchen dieser Wille niedergeschrieben wurde, auch die Wenden ein gewisser Schwindel und Neigung ergriffen hatte, seine Mitchristen schon bey deren Lebzeiten in Heilige u. Unheilige einzutheilen, u. solchergestallt sehr oft eine Canonisation anzunehmen, bey welcher der Diabolus rot¿ auch nicht einmal muchsen durfte, so übersieht man so etwas mit schonender Nachsicht – Und nun weiter zu dem, was sich ferner mit unserer Bibliothek zutrug

(6) Vom Jahr 1743. kamen die Interessen von 200 [Taler] Capital schon als Legat ein u. also auch zur Bibliothek 2 [Taler] Im Jahr 1778 lag das Pechsche Capital im Oberamts deposito, folglich blieben die jährlichen Interessen u. auch die 2. [Taler] zur Bibliothek zurück. Vom Jahr 1779 aber kam es wieder in Gang u. Ordnung. Die Ausgaben u. den erforderlichen Aufwand Aufwand dabey haben die H.[errn] diaconi auf folgende Jahre berechnet. Brade 12 Jahr. M. Jannasch 19. Jahr. Herold 3. Jahr. M. Lubasch 9. Jahr. u. Hilbenz 9. Jahr.
Durch die rühmliche Bemühung des leztgedachten u. izigen Bibliothekars Hilbenz ist ein Katalog von allen bis izt vorräthigen Büchern in 4to besorgt worden. Der Titel desselben lautet also:
Verzeichnis derjenigen Bücher, welche nach dem Vermächtniße des seel. Herrn Diac. Pechs von den in seinen, de dato den 8ten Apr. 1740. unterschriebenen, u. den 2. Nov. 1743. publicirten Testaments dazu bestimmten 2. [Taler] jährl. Zinß durch den jedesmaligen Diac: zu St. Mich: angeschafft u. unter eben desselben Aufsicht in der Sankristey der Kirche zu St. Mich: allhier in einen zu diesem Behufe angekauften Schrank aufbewahret werden. Nebst Anzeige, von welchen Diac: in welchem Jahre u. wie theuer diese Bücher nach und nach gekauft worden. Budissin den 24. Jun: 1790.
Die 3te wendische Büchersamlung, welche ebenfals als eine öffentliche angesehen werden kan, befindet sich auf den Versammlungssaale der Gesellschaft der Wissenschaften in Görlitz. Der gesellschaftl. Katalog zeigt zwar ihre Bestandteile, so wie sie mit andern Büchern nach u. nach zusammen gekommen sind, vorizt noch vermischt u. zerstreut dar. Vielleicht aber findet sich nächstens ein Mann, der sie in ein ordentliches Vzeichniß bringt.
Ich komme izt
4. auf ein Paar wendische Bibliotheken, die nun eben nicht so ganz für das Publikum sind hingestellt worden, die aber doch gewisser maßen etwas mehr als Privatanlagen sind. Sie befinden sich ferner zwar nicht in der Oberlausiz, betreffen aber doch die oberlausitz wendische Sprache. Es sind nehmlich

(7) die beyden gesellschaftlichen Samlungen, welche die in Leipzig und Wittenberg studirende Oberlausizer Wenden veranstaltet haben. Das Ao. 1716. gestiftete wendische Predigerkollegium in Leipzig besizt verschiedene Bücher u. Schriften in sr. Nationalsprache, von welchen mir ein im Jahr 1768 aufgeseztes schriftliches Verzeichniß zu Gesichte gekomen ist, welches ich izt zu sehen wünschte. Der Anfang zu dieser Bibliothek wurde bereits den 7ten Sept: 1763. durch H.[errn] M. Johann Wenzeln, nachmaligen Pfarrer in [Wehrsdorf] u. izigen baruthschen [P?...] von ihm geschenkte Bücher gemacht.
Ein 2tes wurde 10. Jahr darauf mit der Uberschrift gefertigt Catalogus Biblothec¿ sorabic¿ in usum venerand¿ societatis sorabic¿ Lipsiensis 1778. Die in selbigen Angezeigten Bücher sind aber nach einen vom Diac: Hilbenz meinem seeligen Bruder mitgetheilten Aufsaze, bey der im Jahr 1782. zu Michaelis gehaltenen Revision so weit vermehrt befunden worden, daß sie damals aus 1. Folio 13 Quart u. 44. Octav-Bänden, mithin aus 58. Büchern, nebst einigen Handschriften, welche mehrentheils wendische Ubersezungen sind, bestehen. Nach der 8ten Regel, die sich diese Gesellschaft vorschrieb, hat der jedesmalige Senior, ihre Nachrichten u. wendische Bibliothek in seiner Verwahrung.
In Wittenberg ist 1749. nach dem Beyspiele der Leipziger Predigergesellschaft eine dergleichen von einigen oberlausizischen Wenden, die daselbst Theologie studiren, errichtet worden. Bey dieser Gelegenheit wurde auch der Grund zu einer ähnlichen Büchersamlung gelegt. Jedes neue eintretende Mitglied mußte sich zur Anschaffung eines nüzlichen u. wo möglich wendischen Buches verstehen. Durch das unglückliche Bombardement am 13. Oct. 1760. wurde die Schloß und UniversitaetsKirche in einen Steinhauffen verwandelt, u. die Gesellschaft, welche in selbiger ihre wendischen Predigtübungen jeden Sonnabend Nachmittags um 1.Uhr hielt, trennte sich.

(19.05.2011, Kulturpixel seit dem 26.07.2011)

Anmerkungen
1 Christoph Faber: eigtl. Christoph Friedrich Faber.
2 Hilbenz: Michael Hilbenz (Michaù Hilbjenc), 1787-97 Diakon, dann bis 1816 Pfarrer bei St. Michaelis.

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