Christian Gotthelf Anton 1
Buchhändler und Verleger in Görlitz
Von Bernd-Ingo Friedrich, mit Dank an
Tilo Böhmer, Ostritz
und Tino Fröde, Olbersdorf
Bibliographie auf www.kulturpixel.de
Christian Gotthelf Anton, geboren am 30. April 1756 in der Oberlausitzer Sechsstadt Lauban (heute Lubañ in Polen), gestorben am 19. Mai 1835 in Görlitz, war ein Bruder des Rechtsgelehrten, Historikers, Sprachforschers und Mitbegründers der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz Carl Gottlob von Anton (1751–1818, geadelt 1802). Sein Vater war der Kauf- und Handelsherr Gottlob Anton. Zwei weitere namhafte (verwandte) Antons mit irritierenden Initialen sind der Altphilologe K(C)arl Gottlieb (1778–1861) und der Hebraist K(C)onrad Gottlob Anton (1745–1814). Vor allem wohl wegen dieser vielen Namensähnlichkeiten ist Christian Gotthelf Anton meistens nur als Buchhändler und kaum als der Verleger „C. G. Anton“ wahrgenommen worden. Dabei trifft besonders auf ihn die schöne „Stellenbeschreibung“ aus einer Festschrift der Firma „Friedr. Vieweg & Sohn“ zu:
„So höchstpersönlich die Leistung ist und so unbedingt alles auf die Persönlichkeit ankommt [...] ist gerade der vollkommenste Verleger immer nur Diener, muß er bereit sein, hinter seinem Werk zurückzutreten, in ihm aufzugehen bis zur Selbstentäußerung. Und um das Paradoxon voll zu machen: er dient zween Herren, was doch unmöglich sein soll. Seine beiden Herren aber sind in Wahrheit alle jenen schöpferischen Kräfte, die etwas zu sagen haben und sich mitteilen wollen [...] auf der anderen Seite die unzähligen, die nach solcher Mitteilung dürsten [...]“ 1
Deshalb ist es nicht nur ungerecht gegenüber denjenigen, die zur Verbreitung des Wissens der Menschheit beitrugen, indem sie es – oft mit beträchtlichem finanziellen Einsatz und Risiko – für die massenhafte Verbreitung aufbereiteten und vertrieben, sondern auch wissenschaftlich nicht vertretbar, daß in Bibliographien und Literaturverzeichnissen zumeist die Verlage als einzige nicht benannt werden. Die schlichte Angabe des Verlagsortes mit einer Jahreszahl kann sogar irreführend sein, wenn der gleiche Titel in zweiter Auflage in einem anderen Verlag erschien. Eine Folge dieses sicherlich bequemen, sonst aber durch nichts zu rechtfertigenden Verfahrens ist eine in Teilen brachliegende Verlagsforschung, denn hier ist es mit dem bloßen Abschreiben bereits vorhandener Literatur nicht mehr getan; hier hilft nur noch das leider mühselige Sichten von Bibliotheks- und Archivmaterial.
Allerdings haben auch die Verleger nicht unwesentlich dazu beigetragen, die leiblichen Väter von Büchern zu verschleiern, indem sie oft kaum noch auflösbare Kürzel verwendeten. Die Gründe dafür waren wohl vor allem die Zensur und damit verbundene gewisse Rücksichten. Einem vielfädig an seine bürgerliche Existenz gebundenen Unternehmer empfiehlt es sich nun einmal nicht, mit Namen und Adresse die Identifizierung mit gewissem Gedankengut zu provozieren. Hinweise wie „Zu haben in den Buchhandlungen“ (es folgen Namen und Adressen) „sowie beim Herausgeber, Schloßgasse Nummer 153, zwei Treppen hoch.“ sind fast nur auf Kinderbüchern zu finden.
Außer den – ohne das Sterbedatum – bereits genannten Lebensdaten, aus denen auch hervorgeht, daß Anton den Kreis der Laubaner vergrößert, die mit Muskau in engerer direkter oder indirekter Beziehung standen (Johann Caspar Crusius und Heinrich Seidel wurden auf www.kulturpixel.de bzw. schefer.kulturpixel.de bereits vorgestellt), enthält der von ihm selbst verlegte Band I/1 des „Otto” (s unten) einige seiner Werke:
„§§. 1.) Den verehrten Innwohnern Laubans gewidmet. Laub. 1793. 8.
2.) Der Mann von Würde. In der Laus. MS. 1797. I.1.
3.) Wahrheit. – Ebd. p. 734.
4.) Über Temperamentstugenden. (In der Laus. MS. 1798. im 10. 11. und 12. St.)
5.) Über Geistesgröße. (In der deutschen Monatsschr. 1798. 11. St.)
6.) Verschiedene Aufsätze in der National-Zeitung der Teutschen, im Reichs-Anzeiger und im Litterarischen Anzeiger.“ 2
Die „Personen-Wiki“ der SLUB Dresden fügt dem weitere „Biographische Notizen“ hinzu:
– nach Kaufmannslehre in Zittau 1776 Handlungsdiener in Breslau
– 1777 Übernahme der väterlichen Materialhandlung in Lauban
– 1781 Heirat mit Christiane Elisabeth Birnbaum aus Marglissa
– Aufbau einer Leihbibliothek aus eigenen Bücherbeständen
– 1793 Verkauf der Materialhandlung und Gründung der Buchhandlung Hermsdorf & Anton in Görlitz mit dem Buchhändler J. (sic!) Hermsdorf 3
[sowie gemeinsamer Erwerb des Franckeschen Verlags in Halle, s. Bibliographie];
Mitgliedschaft in der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften
– seit 1798 alleinige Führung der Buchhandlung
– Herausgabe zweier Journale und Tätigkeit im Kunsthandel
– während der Napoleonischen Kriege vorübergehend Herausgabe von Landkarten

Woher die Notizen stammen, ist allerdings unklar, denn die angegebene Deutsche Biographie und die „Literatur von und über die Person im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek“ geben sie nicht her. Zweifelhaft scheint nach dem derzeitigen Erkenntnisstand die „Herausgabe zweier Journale [eventuell Lausizische und Neue Lausizische Monatsschrift?] und Tätigkeit im Kunsthandel“ zu sein. (Dazu und zum Vornamen Hermsdorfs s. Anm. 3.) – Den Notizen hinzuzufügen wäre noch, daß Christian Gotthelf Anton nach einem Schlaganfall im Jahre 1818 das Sortimentsgeschäft an einen Buchhändler und Verleger mit der Firmierung C. G. (!) Zobel verkaufte, das Verlagsgeschäft aber weiterführte und erst 1822 seinem Sohn Eduard übergab. (Nach: Tilo Böhmer: „Die Oberlausitzer Gelehrtenfamilie Anton/ von Anton und ihre Hirschfelder Wurzeln. Zum 350. Geburtstag von Paul Anton.“ In: Oberlausitzer Heimatblätter. Spitzkunnersdorf: Oberlausitzer Verlag, Heft 28/2011; S. 15–22. Mit zahlreichen Quellenangaben.)
Anton hinterließ des weiteren Aufzeichnungen, die der Görlitzer Ratsarchivar Richard Jecht in Görlitz in der Franzosenzeit 1806-1815 unter „Quellen und Literatur/ Handschriftliches“ ausführlich benannte und charakterisierte.4 „Christian Gotthelf Antons, Buchhändlers in Görlitz, Tagebuch über die Kriegsereignisse vom 6. März 1813 bis in den Mai 1816. Das Manuskript, eine Abschrift von Dr. Nicolai, liegt auf der Milichschen Bibliothek, Handschrift IV 74. Hier ist benutzt eine saubere Kopie dieser Abschrift in der Magistrats-Bibliothek auf dem Rathause [von Görlitz]. 2 Bände.5 Anton schrieb jeden Tag seine Erlebnisse, Beobachtungen und Gerüchte ein, und dadurch, sowie durch die temperamentvolle Auffassung wird das Tagebuch zu einer wichtigen und fesselnden Quelle.“ Sie wird in der einschlägigen Literatur dementsprechend gern und oft zitiert.6
Die auf www.kulturpixel.de unter „Bibliophiles“ veröffentlichte vorläufige Bibliographie erfaßt 74 Titel. (Stand 30.07.2011.) Hinzu kommen viereinhalb Jahrgänge der Lausizischen [einfaches z] Monatsschrift, die er ab 1795 mit Hermsdorf zusammen und ab 1798 allein, und neun Jahrgänge der daraus hervorgegangenen Neuen Lausizischen Monatsschrift, die er von 1800 bis 1808 verlegte; nun herausgegeben von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften.7
Werke der Mitglieder der Gesellschaft und vor allem seines Bruders Carl Gottlob sind natürlich stark in seinem Sortiment vertreten. Herausragend sind Über Sprache in Rücksicht auf Geschichte der Menschheit (1799) und die Geschichte der teutschen Landwirthschaft von den ältesten Zeiten bis zu Ende des funfzehnten Jarhunderts (3 Bde. 1799–1802), zwei Schriften, mit denen Anton (Carl Gottlob) zum Begründer zweier Wissenschaftszweige wurde, der philologischen Archäologie und der Agrarwissenschaft.
Der zu großen Teilen auf einem handschriftlichen „Catalogus“ Karl Gottlob Antons basierende Katalog Die Bibliothek der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften alphabetisch verzeichnet (1819) gehört ebenfalls dazu.
Zwei Titel aus dem Verlagsprogramm Christian Gotthelf Antons erschienen sogar als Reprints. 1. Der von Anton begonnene „Otto“, das Lexikon der seit dem fünfzehenden Jahrhunderte verstorbenen und jeztlebenden Oberlausizischen Schriftsteller und Künstler, aus den glaubwürdigsten Quellen möglichst vollständig zusammengetragen von Gottlieb Friedrich Otto, Prediger zu Friedersdorf bei Görlitz und Mitgliede der Oberlaus. Gesellsch. der Wissenschaften. (Erste Abtheilung. A–D 1800, Zweite Abtheilung E–G 1801. Reprint des gesamten Lexikons in einer Auflage von 50 Exemplaren. 3 Bände 1800–1803 und Supplementband von Johann Daniel Schulze 1821.8 Neustadt a. d. Aisch, Verlag für Kunstreproduktionen, im Auftrag des Ostritzer Antiquariats 2001–2002.)
Anton zeichnete nur für den ersten Band verantwortlich. Die Bände 2 und 3 sowie der fast zwanzig Jahre später erschienene Supplementband wurden bei Burghart, ebenfalls in Görlitz, veröffentlicht. Über den unverzichtbaren „Otto“ schrieb die Ostritzer Antiquarin Marita Böhmer: „Das wohl seltenste Werk zur Oberlausitzischen Geschichte, in Privathand kaum mehr anzutreffen. Der Absatz war so gering, daß Otto zur Finanzierung seine Bibliothek verkaufen mußte. Das Werk stellt auch heute, 200 Jahre nach seinem Erscheinen, eine Fundgrube für Heimatforscher, Bibliothekare und Antiquare mit vielen bio- und bibliographischen Angaben dar.“
Ein weiterer, zur Freude vieler Ärzte wieder aufgelegter Reprint ist Interessante Anekdoten für Aerzte und Nichtärzte. Zur Aufheiterung und belehrenden Unterhaltung von Christian August Struve (1796. Reprint der Originalausgabe nach dem Exemplar der Universitätsbibliothek Leipzig. Ausgabe für S. Karger Verlag für Medizin und Naturwissenschaften Gesellschaft GmbH, Germerin/ München. Leipzig: Zentralantiquariat der DDR 1985.)
Der Apotheker Struve, ein Pionier der Kuhpockenimpfung (wie Leopold Schefers Vater übrigens auch), war auch der Verfasser einiger der um 1800 beliebten und weit verbreiteten Not- und Hilfstafeln bzw. -büchlein. Bei Anton erschien eine ganze Reihe dieser Ratgeber:

Noth- und Hülfsthafeln für Ertrunkene, Erfrorene und Erhenkte, verfaßt von Christian August Struve, 1794, auch in Wendische übersetzt von Pastor Pannach und in vielen Exemplaren verteilt (1795),
Desgleichen, vom tollen Hundsbiß; von Giften, beym Verschlucken, vom Blitz getroffene; Was beim Gewitter zu beobachten; wie man mit Kindern verfährt, durch Betten erdrückt und erstickt sind. Mit der Abbildung eines tollen Hundes (1795),
die von Adolph Traugott von Gersdorff verfaßte Anzeige der nothwendigsten Verhaltungsregeln bei nahen Gewittern, und der zwekmäsigsten Mittel, sich selbst gegen die Schädlichen Wirkungen des Blizes zu sichern. Für Unkundige (1798),
und Wie kann man dem Scharlachfieber vorbauen? und wie muß man sich dabei verhalten? zur Erinnerung bei der jezt herrschenden Krankheit von D. C. A. Struve (1799).
Zu den Schriften, die das soziale Engagement der in der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zusammengeschlossenen Gelehrten bezeugen, gehört auch der Versuch über Armenversorgungsanstalten in Dörfern von Gottlob Adam Erdmann von Nostitz und Jänkendorf (1801), der sich als Dichter „Arthur vom Nordstern“ nannte.
Einmalig: Der Dresdner Mundkoch oder Küchen- und Hauswirthschafter: Enthaltend vollständige Anweisung zur Zubereitung aller möglichen Arten warmer und kalter Speisen, und anderer nützlicher Sachen in der Haushaltung so wie auch einen Anhang von der Conditorey; Mit besonderer Rücksicht auf die Gesundheit. Geschrieben für angehende Köche, Köchinnen und Hausmütter von einem prakticirenden Koche (2 Bde. 1806; erste und einzige Auflage, sehr selten; außer bei Weiss/ 814 in keiner Kochbuchbibliographie zu finden). Heute unbezahlbar, kostete es damals auf Schreibpapier gedruckt 2 Reichtaler und 12 Groschen, auf Druckpapier glatte 2 Reichtaler.
Ausführlicher sei auch Die Kunst die Seifen, besonders die Talgseifen mit beträchtlicherer Kostenersparniß als bisher zu bereiten, nach Anleitung chemischer Grundsätze von Johann Heinrich Gottlieb Brückner (1802) beschrieben. Der Text – man sieht es ihm noch an – wurde von dem ZVAB-Anbieter „Deborah Coltham Rare Books“ aus Großbritannien geborgt:
„Scarce first edition of this detailed chemical treatise on the art of soap-making, particularly those made of tallow, by Johann Brückner, described on the title-page as „Seifensiedermeister in Schönberg”.Clearly aimed at the practitioner Brückner hopes to outline more cost effective methods than previously cited. He begins with a useful list of works on soap-making contained within the preface, and a brief history of the origin of soap. Amongst the various topics covered in this detailed work, Brückner includes an explanation of some chemical terms, the best solvents to use with tallow, how to make good almond soap, and how best to arrange one’s workshop and tools. The folding engraved plates, and two text illustrations highlight various pieces of equipment, with the folding statistical table highlighting ‘Über die Schwere der Aschenlaugen’.The only edition cited on OCLC is that of 1811, which is also referred to in Engelmann Bibliotheca-mechanico-technologico 54.”
Eine kulturhistorisch wertvolle Rarität stellt die Autobiographie eines frühen „Prekariers“ dar: Friedrich Gotthelf Jäsrichs Selbstbiographie, nebst einigen Geistesarbeiten desselben in Prosa und in Versen, entworfen in der Frohnfeste zu Mußkau, und herausgegeben von Christian Gottlieb Langner, Archidiaconus und Wendischem Prediger daselbst. Das etwas kuriose Werk wurde in zweiter Auflage 1812 bei C. G. Anton verlegt und wird seit Juli 2011 in einer Zusammenfassung auf www.kulturpixel.de „Bad Muskau“ vorgestellt.
Der regionalgeschichtlich bedeutsame Abriß der Oberlausitzischen Geschichte (4 Bde. 1802-1806) war ab dem zweiten Band „zu finden beym Verfasser und in der C. G. Antonschen Buchhandlung“. Verfaßt wurde das Werk von Christian Gottlieb (!) Käuffer ...
Von 1796 bis zu dessen Tod 1804 verlegte Anton beinahe die Hälfte der Werke Johann Jakob Mniochs (1765–1804). Mnioch zählte zu den originellsten Autoren seiner Zeit, wurde von Wieland, Herder, Fichte, Tieck, E.T.A. Hoffmann und Hitzig geschätzt und war mit ihnen persönlich oder brieflich verbunden. Er hatte das Pech, von Danzig und Warschau aus kaum wahrgenommen zu werden, während andere, bedeutendere als er, gleichzeitig ähnliche Gedanken erfolgreich auf den Markt bringen konnten. Anton hat von ihm verlegt:
Ein Bändchen Gedichte (1796),
Sämmtliche auserlesene Schriften (3 Bde. 1798-1799),
Ideen über Gebetsformeln (1799),
Zerstreute Blätter, beschrieben von Maria Mnioch geb. Schmidt. Gesammelt und herausgegeben von J. J. Mnioch (1800, 2. unveränderte Auflage 1821),
Erläuterungs-Variationen über die Tendenz der Fichteschen Schrift Bestimmung des Menschen (1801)
und die Analekten (2 Bde. 1804).
Dem zweiten Bändchen der Analekten („Vermischte Sachen“) ist ein Nachruf Antons beigegeben, in dem sich das persönliche Verhältnis des Verlegers zu einem Autor ausdrückt: „Wenn ich übrigens Mnioch meinen Freund nannte, ihn, den ich nie persönlich kannte, so scheint doch ohne persönliche Bekanntschaft Freundschaft möglich zu sein – Freundschaft, die sich auf ähnliche Gefühle, auf ähnliche Überzeugungen gründet. Unsere Geister waren sich verwandt, wenn wir einander gleich nie von Angesicht sahen, – und eine Jahrelang fortgesezte Korrespondenz, die nur seit einiger Zeit durch Kränklichkeit und zufällige Umstände unterbrochen ward, – rückte uns immer näher zusammen, und ich war stolz darauf, einen Mann von so hellem Geiste und von so vortreflichem Herzen unter meine geliebten Freunde zählen zu dürfen. Görlitz, im Merz 1804.“ (Vorwort S. VIII.)
Christian Gotthelf Antons deutlich von der Aufklärung geprägte Bücher kennzeichnen ihn als einen von Anfang an in jeder Hinsicht mutigen Verleger. Bekannte er sich schon mit seinen ersten Veröffentlichungen wie der Dokumentation des Religions-Proceß des Prediger Schulz zu Gielsdorf etc. (1792), Dr. K. Fr. Bahrdts Katechismus der natürlichen Religion (2. Auflage 1795) oder den dazugehörigen Sokratischen Gesprächen zur Einleitung und Erläuterung des Bahrdtischen Katechismus der natürlichen Religion (1793) zur zeitgenössischen Religionskritik, so ging er 1805 einen Schritt weiter, als er die Briefe über die philosophische Rechts- und Staatswirthschaftslehre, herausgegeben von J. A. Dori in sein Sortiment aufnahm. Johann Adolph Dori, geboren in Sorno bei Senftenberg (Geburtsdatum unbekannt), gestorben 1807, war der erste Deutsche, der bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert eine schlüssige Theorie des demokratischen Sozialismus entwickelte. Als Philosoph nimmt er eine Zwischenstellung zwischen Kant und Fichte ein, als politischer Theoretiker steht er zwischen dem utopischen deutschen Frühsozialismus eines Franz Heinrich Ziegenhagen, Carl Werner Frölich, Franz Hebenstreit oder Andreas Riedel und den revolutionären deutschen Demokraten des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Eine (sozial gerechte!) Zukunftsgestaltung auf der Grundlage seiner Ideen wäre ohne weiteres denkbar. Der Schriftsteller Volker Braun schätzt ihn, die Historiker Jürgen Garb, Günter Mühlpfordt und Jürgen Riethmüller haben ihm in ihren Arbeiten viel Raum gewidmet. – Dies sei genug von Antons Büchern.
Die kurze Darstellung der Fortsetzung der Firmengeschichte durch Hermann Eduard Anton beruht im wesentlichen auf Rudolf Schmidts Deutsche Buchhändler, deutsche Buchdrucker,9 erweitert um einige Angaben aus der Neuen Deutschen Biographie.10
Hermann Eduard Anton, geboren am 17.12.1794 in Görlitz, erhielt Gymnasialbildung und wollte sich aus Neigung dem Studium der Naturwissenschaften widmen. Der Vater brachte ihn jedoch mit 14 Jahren in die Buchhändlerehre zu Renger nach Halle. Dr. Eberhard, der Disponent der genannten Handlung und Schriftsteller, unterstützte ihn in seinen Lieblingsneigungen, ohne die Fachausbildung zu vernachlässigen, und führte ihn in den Kreis seiner gelehrten Freunde ein. Naturwissenschaftliche und literarische Studien füllten seine Mußezeit, und seine wenigen Spargroschen benutzte er zur Anlage einer kleinen Bibliothek. Als freiwilliger Jäger im Lützowschen Freikorps machte er die Befreiungskriege 1813–15 mit. Danach trat er in die Firma seines Vaters ein, ging nach Leipzig und später nach Halle. Am 26.5.1822 heiratete er Johanna Augusta Eugenie Hebenstreit, die Tochter des Medizinprofessors Ernst Hebenstreit in Leipzig.
Am 9. Mai 1822 eröffnete er in Halle die Sortimentsbuchhandlung „Eduard Anton“. Die Buchhandlung seines Vaters löste er auf und vereinigte sie mit seinem Sortiment, den Verlag übernahm er ebenfalls nach Halle. Den Ausbau seines Unternehmens betrieb er planmäßig. Neben Philosophie, Pädagogik, Geschichte und Philologie pflegte er vor allem die Naturwissenschaften und verlegte eine Reihe von hervorragenden naturwissenschaftlichen Werken von Christian Ludwig Nitzsch, Rudolph Amandus Philippi, Hermann Burmeister und anderen. Auch Schul- und Lehrbücher, namentlich von Wilhelm Harnisch und Christian Gottlob Scholz, waren bekannte Antonsche Verlagsartikel. Altersgründe veranlaßte ihn, 1858 (NDB: 1859) seine Sortimentsbuchhandlung dem Sohn Max, geboren am 24.12.1824, zu übergeben. Ein Jahr später übernahm dieser auch den Verlag. So konnte sich Eduard Anton – ohnehin mehr Gelehrter als Buchhändler – bis zu seinem am 24.3.1872 in Halle „erfolgten Tode“ (Schmidt) ganz seinen wissenschaftlichen Neigungen hingeben. Im Börsenverein der Deutschen Buchhändler setzte er sich für die Zulassung der jüdischen Buchhändler zur Buchhändlerbörse ein. In Halle trat Anton 1848 als gemäßigter Politiker und später als Stadtverordneter hervor, der besonders im Sozialwesen tätig war. Auf dem Gebiete der Conchyliologie war er eine Autorität. Seine Sammlung umfaßte 13.500 Exemplare, von ihm in 4.412 Arten bestimmt, worunter 348 von ihm neu aufgefundene waren. Der gedruckte Katalog der Sammlung galt als Lehrbuch der Muschelkunde.11
Max Anton verkaufte sein Sortiment im Januar 1900 an Max Zschau, das von diesem unter der Firma „Eduard Anton“ weitergeführt wurde. Die Verlagsabteilung erwarben Ferdinand Hirt & Sohn in Leipzig, die sie mit ihrem Verlag vereinigten.
(28.07.2011)

Anmerkungen
1 Aus der Festschrift: Friedr. Vieweg & Sohn in 150 Jahren deutscher Geistesgeschichte. 1786-1936. Braunschweig: Friedr. Vieweg & Sohn 1936; S. 233f.
2 Lexikon der seit dem fünfzehenden Jahrhunderte verstorbenen und jeztlebenden Oberlausizischen Schriftsteller und Künstler, aus den glaubwürdigsten Quellen möglichst vollständig zusammengetragen von Gottlieb Friedrich Otto, Prediger zu Friedersdorf bei Görlitz und Mitgliede der Oberlaus. Gesellsch. der Wissenschaften. 3 Bde. Görlitz, bey C. G. Anton und Burghart 1800-1803; hier Bd. I, Görlitz, bey C. G. Anton 1800; S. 19.
3 Die Angaben wurden vermutlich entnommen: Berger, Eduard „Geschichte des Buchhandels in der Lausitz im 19. Jahrhundert (bis 1879).“ In: Neues Lausitzisches Magazin 56 (1880). Görlitz: im Selbstverlage der Gesellschaft und in Kommission der Buchhandlung von E. Remer; S. 261. – Der Vorname Hermsdorfs lautete: Karl Friedrich. Das geht aus der Anzeige hervor, mit der Christian Gotthelf Anton in der Lausizischen Monatsschrift 1797, 12. Stück, 3./4. Umschlagseite, seine Übernahme der Buchhandlung bekannt machte, s. Abb. oben.
4 Richard Jecht: Görlitz in der Franzosenzeit 1806-1815. Görlitz: Verlagsanstalt Görlitzer Nachrichten und Anzeiger 1913; S. 121.
5 Ratsarchiv Görlitz, Varia 233 u. 234. Das Manuskript der Milichschen Bibliothek befindet sich heute in der Universitätsbibliothek Breslau (Wroclaw/ PL), Handschriftenkatalog Nr. 6627.
6 Beispielsweise in: Roman Töppel: Die Sachsen und Napoleon. Ein Stimmungsbild 1806-1813. Diss. Wien Köln Weimar: Böhlau Verlag 2008. (Dresdner Historische Studien Bd. 8.)
7 S. dazu: Webseite der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften / Publikationen.
8 Supplementband zu J. [sic!] G. Otto's Lexikon der Oberlausitzischen Schriftsteller und Künstler, zum Theil aus dem Nachlasse des Verstorbenen und mit Unterstützung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften und anderer Gelehrten bearbeitet von M. Johann Daniel Schulze, Rect. sch. Luccay. 1821.
9 Schmidt, Rudolf: Deutsche Buchhändler, deutsche Buchdrucker. Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes. 6 Tle. in 1 Bd. Berlin: F. Weber und Eberswalde: R. Schmidt 1902-1908; Tl. 1 (1902) S. 10-11. (Reprint Hildesheim New York: Olms Verlag 1979.)
10 Lülfing, Hans: „Anton, Hermann Eduard.“ In: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 318.
11 Verzeichnis der Conchylien, welche sich in der Sammlung von Hermann Eduard Anton befinden. Herausgegeben von dem Besitzer. Halle 1839.
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