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Josef Wilms, Köln-Vogelsang: Ein Kiesel liegt gering am Grund

Ein Gruß von Ost nach West
von Bernd-Ingo Friedrich (Ost)


Kühlschrank: „Es ging 75 Jahre ohne.“
Fernsehgerät: „Für so’n Quatsch hab’ ich keine Zeit.“
(Josef Wilms im Gespräch mit Rüdiger Heimlich.)


Am 16. Juli 2011 teilte der Draussenseiter. Das Kölner Strassenmagazin unter der Überschrift „Ein Kiesel liegt gering am Grund“ über das Internet mit: „Heute ist im Kölner Stadtanzeiger (!) ein schönes, zweiseitiges Porträt über unseren DRAUSSENSEITER-Dichter Josef Wilms zu lesen. Das freut uns!“

Das liebevoll detaillierte Portrait mit dem Titel „Ein Kiesel liegt gering am Grund. Der Dichter Josef Wilms aus Vogelsang“ von Rüdiger Heimlich (Text) und Michael Bause (Bilder) ist mit verantwortlich dafür, daß dem Dichter im Alter von 76 Jahren das gar nicht mehr erwartete Glück zuteil wurde, einige seiner Gedichte „verbucht“ zu bekommen. Drei Freunde seiner Dichtkunst (s. unten) haben ein kleines „Book on Demand“ besorgt, mit dem der Besorgte allerdings nicht sehr glücklich ist, oder war. Nun kennt der Verfasser dieses (des vorliegenden) Artikels Josef Wilms seit einigen Jahren brieflich und weiß, daß er kein einfach zufrieden zu stellender Mensch ist; ein gemeinsamer, in Heimlichs Porträt auch erwähnter Brieffreund nennt ihn „den verrückten Wilms“, was aber beileibe nicht wörtlich zu verstehen ist!

Ein Mensch, auf sich allein gestellt,
fernab der großen, weiten Welt,
entwickelt manche Eigenheit,
die andere nicht immer freut.

An diesem, meinem Vierzeiler würde Wilms zum Beispiel umgehend und unverblümt (und zu Recht) rügen, daß „Eigenheit“ und „freut“ keine Reimwörter seien. Er war auch Derjenige, der in einem von mir mitverfaßten 208-Seiten-Buch auf Seite 203 (im Personenregister!) den vermutlich einzigen Druckfehler entdeckte. Auch ich kann mich bis zum Bersten über Fehler in meinen Büchern ärgern. Oft sind sie der modernen Technik geschuldet, doch letzten Endes ist es immer noch der Mensch, der sie bedient, und der folgende (mein) Hobelspan beschreibt die Dialektik ziemlich präzise:

Der Computer ermöglicht es dem Graphiker, die Texte anderer so gedankenlos in ein Verarbeitungsprogramm zu füllen wie der Bauarbeiter seinen Fertigbeton in die Verschalung.

Solcherart ist zum Beispiel das Originalrezept für das Fürst-Pückler-Eis in der ersten Ausgabe meiner damit befaßten Broschüre zu 400 anstatt 200 Gramm Zucker gekommen! Und das bei einem Liter Schlagsahne!

Doch zurück zum Buch von Josef Wilms. Nachdem unser gemeinsamer Freund mir mitgeteilt hatte, daß Wilms endlich ein Büchel hat, war ich sogleich daran gegangen, im Internet danach zu suchen, hatte es auch bald bei libri.de gefunden und ein Exemplar bestellt. Aber dann dachte ich: warum hab’ ich das denn nicht beim Dichter selber gemacht?! Also habe ich per PK (= Postkarte) noch eins bei Wilms persönlich geordert (das andere wollte ich einem Freund schenken), mir ein „dickes Autogramm“ hinein erbeten und war nun der Meinung, damit seine Freude mindestens zu verdoppeln. Diese Rechnung hatte ich natürlich ohne Wilms gemacht. Ich erhielt von ihm eine lange GPK (= Gedichtpostkarte)* mit Bluncks „Klampfenlied“ und seinem „Tapir“ und der folgenden knallharten Abfuhr:

„Nein, bif! Zu fehlerhaft ist das kl. Buch. Drei Leute, jeder mit Doktorgrad, haben es fabriziert. Die Fehler sind zu zahlreich. Aufl. nur 50 Stck. Auf einer Lesung wurden nur deshalb alle verkauft, weil ich andere Gedichte von mir sehr gut vorgelesen habe. Kurz, man kann es niemandem empfehlen. Es ist fraglich, ob es weiter – u. dann so grauenhaft voll von Fehlern – gedruckt wird. Kurz, das Ganze lohnt sich nicht. Vergessen Sie’s – Bin zu krank, um mich weiter damit zu beschäftigen. Beste Grüße JW.“

Schrumm! Also habe ich erst einmal auf das BoD von libri.de gewartet und war gespannt, was die drei Graduierten da wohl angerichtet haben mochten. – Inzwischen ist das kleine „Book“, das selbstverständlich den Titel Ein Kiesel [Wilms!] liegt gering am Grund trägt, eingetroffen. Es enthält auf 86 von 112 Seiten Gedichte, den Rest nimmt das übliche Drumherum ein, und tatsächlich! Ich habe das Buch aufgeschlagen und sogleich einen Druck- (oder Ab-Schreib-?) Fehler erwischt: Auf Seite 84 „feiern sie der liebe Fest“. Wie viele sich noch wo verstecken mögen, weiß vorläufig Wilms allein.

Druckfehler sind in jedem Falle, oder Buche, schlimm! Doch in der Lyrik sind sie um so schlimmer, als in ihr nicht erst der verdruckte Buchstabe, sondern schon ein Komma, ja, sogar das prosaisch harmlose Spatium unglaubliche Verheerungen anrichten und den Dichter, der sich viele schlaflose Nächte hindurch an eben jener Stelle abgearbeitet hat, in den Wahnsinn treiben können. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich habe das Rezept mit den 400 Gramm Zucker ausprobiert!

Aber eigentlich fängt es – bei meinem Bändchen – schon damit an, daß alle Unterlängen des Rückentitels auf die Vorderseite des Umschlags gewandert sind; BoD-Design eben. – Ich möchte Wilms’ Ausgewählte Gedichte trotz alledem weiterempfehlen. Sie sind nämlich viel zu schön, um weiterhin mißachtet zu werden. Ihre Herausgabe war – ihres eigensinnigen Schöpfers wegen – einigermaßen schwierig und schon deshalb sehr verdienstvoll. Des Dichters „Kummer wird wieder vergeh’n, pong pongtuli pongtuli“, wie auch der meine vergangen ist, und vielleicht entschließt man sich bei BoDs, wo das Büchlein sicherlich noch lange gedruckt werden wird, ja gar noch – bei Digitalem geht so etwas – zu einem nachträglichen Lektorat ...

(Nachdem ich Josef Wilms diesen Artikel zusammen mit einem für das Neue Lausitzische Magazin verfaßten Nachruf auf unseren oben zitierten, zwischenzeitlich verstorbenen gemeinsamen Freund am 11.12.2011 zur Durchsicht geschickt hatte, erhielt ich am 13.12. von ihm einen Brief, in dem tatsächlich alles schon gar nicht mehr so schlimm klingt; ja, er hat ein Exemplar seines „Kiesels“ sogar an die Weißwasseraner Stadtbibliothek geschickt, denn er hat nachgelesen und festgestellt: „Genau an meinem Geburtstag, am 21.11.1935, hat Weißwasser das Stadtrecht verliehen bekommen. Na, sowas!“ – Ich habe noch immer keinen signierten „Kiesel“ ...)



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Link zu Josef Wilms’ „Poesie im Wind“ auf kochbuch.kulturpixel.de


Josef Wilms: Ein Kiesel liegt gering am Grund. Ausgewählte Gedichte.
Herausgegeben von Rüdiger Heimlich, Petra Frerichs und Joke Frerichs.
Books on Demand, ISBN 978-3-8423-5953-6. Paperback, 112 Seiten. 7,90 Euro.
Seit März 2012 „Nicht mehr lieferbar“
Das Nachwort der Herausgeber beruht im wesentlichen auf dem eingangs zitierten Porträt, erschienen im Magazin des Kölner Stadtanzeigers vom 16./17.07.2011.
Das anschließende Gedicht (drei aneinandergehängte Verse aus Josef Wilms’ Zehnteiler „Nacht und Sonne“, einem Gedicht auf der Grundlage seines Gedichts „Die Sonne der Liebe am Horizont“), den Klappentext und das Autorenportrait im Folgenden habe ich dem Buch entliehen.

Ein Kiesel liegt gering am Grund.
Was hat er noch zu hoffen?
Er träumt und ruht und ist gesund:
Die Zukunft steht ihm offen!
So mag es manchen Menschen gehen:
Sie liegen wie auf Lager.
Sie sind schon zu was ausersehen
und keineswegs Versager!
Doch noch ist ihre Zeit nicht reif,
ihr Los noch nicht beschrieben.
Ihr Stern kriegt spät den hellen Schweif,
den alle fraglos lieben.

Klappentext des Buches

Aus der Fülle des Gesamtwerks von mehreren Hundert Gedichten des Dichters Josef Wilms aus Köln-Vogelsang wurde eine Auswahl getroffen, um die verschiedenen Sujets, Stile, Versmaße und Reimformen zu repräsentieren. Die Zuordnung zu den fünf Rubriken Liedgedichte, Naturgedichte, Reflexionen, Hommagen und Experimentelles ist nicht immer eindeutig. Den Herausgebern kommt es darauf an, das Spektrum an dichterischem Vermögen aufzuzeigen und das Interesse am Werk Josef Wilms’ zu wecken.

Autorenportrait Josef Wilms

Josef Wilms wurde am 21. November 1935 als einziges Kind der Eheleute Wilhelm und Anna Wilms geb. Auweiler in Köln geboren. Die Eltern starben noch vor Kriegsende. Die Vollwaise wuchs bei einer Tante, die studierte Opernsängerin war, im Hause der Eltern in Köln-Vogelsang auf. In dem Haus wohnt er heute noch.
Wilms besuchte die Volksschule und absolvierte eine Lehre bei der Stadtverwaltung Köln. Nach dem Lehrabschluss arbeitete er über 7 Jahre als Verwaltungsangestellter bei der Stadt Köln.
1961 wechselte er zum Deutschen Gemeindeverlag und wurde stellvertretender Abteilungsleiter der Vertriebsabteilung.
Ab 1961 unterbrach er immer wieder seine Berufstätigkeit, um sich autodidaktisch weiterzubilden. Ab dieser Zeit unterhielt er einen umfangreichen Briefwechsel mit Persönlichkeiten aus Literatur und Musik.
Ab 1974 ist er – abgesehen von zwei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – arbeitslos gewesen. Statt zu resignieren nutzt er die freie Zeit, um sich vielfältig weiterzubilden: auf Gebieten wie Literatur, Musik, Philosophie, Natur- und Tierkunde.
Seit 1983 gibt er – ohne fremde Hilfe – eine eigene Zeitschrift heraus: Den Stallgefährten. Blätter für Literatur und andere Gegenstände. In 23 Jahren (von 1983 bis 2005) erschienen 17 Bände. Die meisten Texte stammen von Josef Wilms selbst. Aber darüber hinaus auch von Schriftstellern und Komponisten, deren Arbeiten ansonsten vom Kulturbetrieb nicht wahrgenommen, vergessen oder verdrängt worden wären.

XXXXX

* Ein Wort noch zu den oben erwähnten GPK. Vor Erscheinen des „Kiesels on Demand“ hat Josef Wilms seine Lyrik in dieser speziellen, von ihm entwickelten Form in alle Welt hinausgeschickt; meine GPK-Sammlung besteht momentan aus 32 Exemplaren. Ihr Herstellungsprozeß ist das Ergebnis einer wohldurchdachten Kombination konventioneller und moderner Vervielfältigungstechniken. Wilms tippt seine Anschrift, das Gedicht / die Gedichte, die Anmerkungen, Kommentare, typographischen Arabesken und alles, was seiner Ansicht nach noch dazu gehört, zunächst in seine Schreibmaschine; dann werden die variablen Teile im Copy-Shop in einem experimentell und jeweils neu zu ermittelnden Maßstab auf Papier verkleinert; zu Hause mit Klebestreifen zu einer normalen, etwa 10,5 x 15 cm großen oder länglichen, 10,5 x 21,5 cm messenden Postkarte montiert; die fertige Karte wird, wieder im Shop, vier- bzw. dreifach auf ein Blatt Karton im Format A4 kopiert; anschließend wird dieses Blatt in der beabsichtigten Auflage vervielfältigt und schließlich zurechtgeschnitten. Die Rückseiten der GPK bleiben zum Beschreiben frei. – Es folgt ein Beispiel mit einem meiner Lieblingsgedichte, dem Krisenhelfer „Bienenwolf“. Ihm schließt sich eine vom Dichter autorisierte Interpretationshilfe an.

Anfang der GPK

Josef Wilms, Reiherweg 32, D-50829 Köln (Vogelsang)

Geschöpfe Gottes: Bienenwölfe
Dem Vorsitzenden der Manfred-Kyber-Gesellschaft Peter Götz

JOSEF WILMS
Der Bienenwolf

Bei Maja nicht, bei Bonsels nicht;
kaum mitternachts um Zwölfe.
Warum machst du als Dichter dicht?
Es gibt auch Bienenwölfe!

Von Menschenaugen angesehn,
gibts nichts an uns zu tadeln:
Von oben sind wir richtig schön.
Wir bringen nichts zum Nadeln.

Wir steigen in Gebirgen rum
und leben gern in Tälern.
spar dir, o Mensch, dein Rumgebrumm!
Wir lassen uns nichts schmälern!

Du lugst kaum je in unsre Welt,
weißt nichts von unsrem Leben.
Hast dich auch nie zu uns gesellt.
Schweig still! So ist es eben!

Gewiss, ein bißchen Bienenbrut
dient manchmal uns zur Speise.
Doch machen wir dies wieder gut
auf unsre Art und Weise.

Von Borkenkäfern schwer zerstört,
weint manche arme Eiche:
„Ihr Bienenwölfe-Larven hört,
hier liebt man uns als Leiche!“

Daß wir zumeist von Nutzen sind,
ward oftmals schon bewiesen.
Bei uns weiß jedes Larvenkind:
„Wir helfen gern bei Krisen.“

Verfasst: Donnerstag, 30. August 2007 am frühen Morgen

Als Liebhaber der Bücher von Waldemar Bonsels (1880–1952) war ich vor vielen Jahren im Bonsels-Haus (Ambach am Starnberger See) bei der Witwe des Dichters 3 ½ Wochen zu Gast. Den Menschen des 21. Jahrhunderts möchte ich besonders Waldemar Bonsels’ Trilogie MARIO, EIN LEBEN IM WALDE empfehlen. (Josef Wilms).

Wissenschaftlicher Name des 10 bis 15 mm langen Bienenwolfs: Trichodes apiarius (Linné, 1758). Familie: Cleridae (Buntkäfer). Die Larven von Bienenwölfen ernähren sich nach Dr. Svatopluk Bilý u. a. von den Larven von Borkenkäfern.

Eine Stimme vom Niederrhein am 2.9.2007 an J. W.
... Über Ihr neues Gedicht habe ich mich herzlich gefreut.
„Warum machst du als Dichter dicht“ ist eine tolle Zeile! ...

Ende der GPK

XXXXX

Wilms’ „Erklärung zur GPK“

Jetzt sitzen Sie vielleicht kopfschüttelnd vor meinem Bienenwolf-Gedicht. Wer weiß schon, daß es so ein Tier überhaupt gibt. Alle Welt kennt Bienen und Honig und vielleicht noch die Biene Maja. Aber Bienenwolf – Fehlanzeige! – Über so abgelegene Tiere Gedichte zu schreiben ist besonders schwer, weil trotz aller Wissenschaft in der Regel wenig über sie bekannt ist. Ganz vor allem: Wie mag es mit dem Seelenleben solcher Geschöpfe beschaffen sein??? Das ist für mich eigentlich immer das Wichtigste. Wie spräche ein solches Geschöpf Gottes zu uns??? Den Menschen! – Und noch ein anderes Problem: Als Dichter vor diesen Myriaden von Geschöpfen/ Lebewesen stehend --- welches beehrt man als Dichter mit einem Gedicht??? Ich glaube, daß hier bei mir mehr oder weniger der Zufall die Regie führt. Anders geht’s aber auch nicht. Noch heftiger ist der Impuls, alle diese Geschöpfe ganz beiseite zu lassen, weil es ja doch nicht zu schaffen ist, das alles zu bewältigen, was man als Dichter bedichten müßte! DAS sind die Probleme von der einen Seite. Die Probleme von der anderen Seite liegen bei den Menschen. Denn die allein können Gedichte lesen. Das heißt für den Dichter, daß er seine Gedichte so schreibt, daß sie erstens dem Menschen verständlich sind und daß sie zweitens noch einen Bildungseffekt, verbunden mit einem nicht zu geringen Unterhaltungseffekt haben --- sonst werden solche Gedichte erst gar nicht von den Menschen wahrgenommen bzw. gelesen.

In meinem BIENENWOLF-Gedicht spricht also der Bienenwolf als solcher. In der ersten Strophe spricht er halb und halb die Biene Maja bzw. den Dichter Bonsels an, aber auch die Dichter in ihrer Gesamtheit. Warum machst du als Dichter dicht? Das heißt, daß der Dichter zwar von der Biene (Maja) dichtet, vor allem anderen aber in diesem Umfeld dicht macht. Entweder nichts davon wissen will oder sowieso wegen mangelnder Bildung nichts davon weiß. Was dem Bienenwolf als Auch-Geschöpf Gottes gar nicht recht sein kann.

Des weiteren spricht er von sich, daß er mit Menschenaugen gut anzusehen ist und nichts zum Nadeln bringt, also keine Bäume schädigt, daß sie etwa ins Nadeln geraten und gar absterben. Sodann spricht er davon, wo er anzutreffen ist. In Gebirgen und in Tälern. Dem Menschen ist das schon zuviel und er fängt an herumzubrummen. Der Bienenwolf sagt ihm aber, daß die Bienenwölfe sich nichts schmälern lassen.

Und dann sagt der Bienenwolf dem Menschen gründlich Bescheid:
Du lugst kaum je in unsere Welt,
weißt nichts von unsrem Leben.
Hast dich auch nie zu uns gesellt.
Jetzt fängt es dem Menschen an zuviel zu werden und er will dem Bienenwolf in die Parade fahren. Dazu kommt es aber gar nicht. Der Bienenwolf merkt dies rechtzeitig und sagt: Schweig still! So ist es eben!

Dann die Sache, daß man als Bienenwolf ein bißchen Bienenbrut verspeist, daß dies aber dadurch gut gemacht wird, daß man in anderer Weise sehr von Nutzen ist und daß die Bienenwölfe-Larven den schwer angeschlagenen armen Eichen rasch zu Hilfe eilen und unter den todbringenden Borkenkäfer-Larven entsprechend „aufräumen“.

Sagen Sie also bloß nicht, der Wilms hat sie nicht mehr alle, der ist bekloppt, das gibt es doch alles gar nicht! Der Wilms ist keinesfalls bekloppt – ganz im Gegenteil! – Ganz unten steh’n dann noch vier Zeilen wissenschaftliche Angaben.

(01.12.2011)

XXXXX

Was „den Wilms“ antreibt, hat er mir gleichfalls im Brief vom 13.12. (s. oben) mitgeteilt: „... Sie können sich das wahrscheinlich nicht vorstellen. Es ist gleichzeitig schön und schrecklich: diese Schaffenskraft, dieser unbegreifliche Schaffensfuror! – ... Ich weiß einfach von zu vielen Sachen/Dingen und Verhältnissen. Und die sagen jetzt alle der Reihe nach zu mir: ‚So, du weißt jetzt von uns allen, nun mach auch schön was draus!’“

Außerdem hat der Dichter mich gebeten, folgendes mitzuteilen: „Eine der vielen kleinen Unstimmigkeiten in Dr. Heimlichs K. St.-A.-Artikel [resp. Nachwort im „Kiesel“] über mich. ‚Theologie d. Z.’ hängt nirgendwo an meinen Wänden. Unter der Kuckucksuhr hängt seit 1991 nur mein Gedicht ‚Wo’. J. W.“ – Es folgt das „Wo“ als GPK, im Original von Wilms handschriftlich eingeleitet mit den Worten: „Das hängt im DIN A3 Format unter der Kuckucksuhr.“

Anfang der GPK

[Adresse wie oben, weitere Angaben]

GESCHÖPFE GOTTES: ZIEGEN
Domplatzziegenzyklus IV

Josef Wilms
WO

Wo die Domplatzziege schreitet
und bei Nacht ein Lied sich wiegt,
wird das heil’ge Fest bereitet,
das uns aneinander schmiegt.

Wo zwei Ziegenhörner ragen,
stößt die Nacht verliebt ins Horn.
Jubelt hell in allen Lagen,
spürt sie heiß des Ansturms Sporn.

Wo die Domplatzziege wittert,
liegt gewiß was in der Luft.
Wenn vom Stern die Schnuppe splittert,
überbrückt sie jede Kluft.

Wo zwei Ziegenaugen glänzen,
glimmt sogleich des Nachtlichts Docht.
Kommt es dann zu Sambatänzen,
Hat Sie es wohl so gemocht.

Wo die Domplatzziege rastet,
ruht sich auch der Dichter aus.
Wenn des Fingers Kuppe tastet,
will die Liebe sanft hinaus.

Wo der Ziege Füße treten,
wächst hervor des Sängers Lied.
Soll er dankbar sein und beten,
daß ein solches oft geschieht?

Wo die Domplatzziege weidet,
stehn die Gräser voll im Saft.
Wenn der Dichter klagend leidet,
wird ihm alles Tun zur Kraft.

Wo das Ziegentier sich wendet,
bricht die Schaffenslust sich Bahn.
Ob die Liebe auch einst endet:
Nichts war Rauch und nichts war Wahn!

Dieses vierte DPZ-Gedicht entstand am Mittwoch/Donnerstag, 26./27. Juni 1991 nachts

Der geneigte Leser möge sich bitte vor Augen halten, daß das hier im Gedicht Ausgesagte mindestens tausend Lichtjahre von dem entfernt ist, was zur Zeit zwischen der Domplatzziege und dem Domplatzziegendichter in Wirklichkeit läuft oder vielmehr nicht läuft. Das derzeitige „Verhältnis“ ist so unter aller Kanone, daß der Domplatzziegendichter von dem fraulichen Urbild gänzlich absehen und die weibliche Hauptgestalt seines Gedichts zu einem reinen Geschöpf seiner Phantasie erheben mußte.

Ende der GPK

XXXXX

(14.12.2011)

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