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Nekrolog auf Ernst-Jürgen EJD Dreyer (1934–2011)

Du kamst spät,
mein Freund, und
gingst zu früh.


brief umschlag design ernst juergen dreyer noten


Der Schriftsteller, Dramatiker, Übersetzer und Musikwissenschaftler „EJD“ Ernst-Jürgen Dreyer, geboren am 20. August 1934, starb am 3. November 2011. Seiner jahrelangen engagierten Arbeit ist es zu danken, daß die Kompositionen des Muskauer Dichters Leopold Schefer, als letzte Werkgruppe spät erschlossen, seit 2005 in einem jedermann zugänglichen Verzeichnis vollständig vorliegen (so weit so etwas geht) und ihre Belebung – nicht Wiederbelebung! – in der Musikpraxis in Gang gekommen ist.

Das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (München 1978 ff.) weiß über Ernst-Jürgen Dreyer:

„geboren [...] in Oschatz/Sachsen. Ab 1942 in Sichelberg (Sierpce), 1945 Flucht nach Ilmenau/Thüringen. 1952–1957 Studium der Musikwissenschaft in Weimar, Jena und Leipzig, 1958 Promotion. 1959 Übersiedlung nach Frankfurt/M., Arbeit in der Bibliothek der Musikhochschule, 1961–1972 sommerliche Unterrichtstätigkeit am Goethe-Institut, 1973–1978 am Bildungszentrum Murnau, daneben journalistische Tätigkeit und Arbeit am Roman Die Spaltung sowie an musikmorphologischen Büchern. 1978–1986 journalistische Mitarbeit bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verschiedenen Rundfunkanstalten, ab 1980 Arbeit an der deutschen Versfassung von Petrarcas Canzoniere, Forschungen über vergessene Komponisten (Robert Gund, Leopold Schefer [und Norbert Burgmüller]). 1987 Umzug nach Weilheim/Oberbayern, 1994 nach Kaarst [2007 nach Neuss]. Preise: Hermann-Hesse-Preis (1980); Preis der Frankfurter Autorenstiftung (1982).“*

Dem folgt ein Essay von Gisela Ullrich. Die anschließende Bibliographie umfaßt vier Seiten mit 57 Einträgen (Stand 01.07.2003). Die Auswahlbibliographien beschränken sich zumeist auf drei Dutzend Titel. An ihnen wird dennoch die große Bandbreite dessen sichtbar, was EJD, in dem sich wissenschaftlicher Ernst und die Lust an launigen Sprachspielen bis hin zum Nonsens auf das Wunderbarste vereinigten, beschäftigte. Sie reichen von einem Versuch, eine Morphologie der Musik zu begründen, mit einer Einleitung über Goethes Tonlehre bis zu den originellen Meiendorfer Einbogendrucken mit so erfrischend unbekümmerten Titeln wie Hirnsfürze (Zwei- bis Zweiunddreißigzeiler in vielerlei Gestalt), Schielfleisch (Palindrome) oder Gottvaters Glans (Sonette).

Was in den Kurzbibliographien vor allem fehlt, sind die Funkessays, an denen EJD ständig und mit besonderem Vergnügen bastelte; wichtigste Werkzeuge: Schreibmaschine, Filzstift, Schere, Leim und Klebestreifen. Er bezeichnete sie mit dem Eigensinn des Philologen, der seine Muttersprache bis in ihre feinsten Verästelungen kennt und liebt, als „Wort- und Musiksendungen“, obwohl man sie längst „features“ nannte. Seit 1979 liefen rund 100 solcher Collagen über verschiedene Rundfunksender. Sie bewegten sich respektlos-heiter bis seriös-makaber von Adam de la Halle und Oswald von Wolkenstein bis „Ausgeliefert unters Eisen. Die Musiker und die Guillotine“, „Musik zur Wortmusik von Arno Holz“ oder „The music of Ezra Pound” durch 800 Jahre Musikgeschichte.

1995 wurde von den Sendern Freies Berlin und Bayerischer Rundfunk die Gemeinschaftsproduktion „Weltfahrt und Gemüsegarten. Der Dichter und Komponist Leopold Schefer“ ausgestrahlt. Ihr schlossen sich in rascher Folge insgesamt 13 Publikationen über Leopold Schefer an; vorausgegangen waren die Begleittexte für zwei Uraufführungen Scheferscher sinfonischer Werke im Rahmen der Bautzener Sinfoniekonzerte 1992/93 und 1995/96 sowie der Eintrag „Schefer“ in der meist nur kurz „MGG“ genannten Enzyklopädie Musik in Geschichte und Gegenwart.

In dem Lausitzer Dichterkomponisten hatte der Musikwissenschaftler EJD einen Hochkaräter entdeckt, wie man ihn – wenn überhaupt – im Leben nur ein Mal findet. Bettina und Lars Clausen, ihrerseits von Arno Schmidt inspiriert, hatten ihn auf Schefers Kompositionen aufmerksam gemacht, nicht ahnend, was sie damit auslösen würden. EJDs eigenhändige Recherchen in den Archiven der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Görlitz, der Stiftung Klassik Weimar, des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt am Main, des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf und des Robert-Schumann-Hauses in Zwickau sowie die Korrespondenz mit weiteren Einrichtungen erbrachten zunächst sechs Beiträge in verschiedenen Fachzeitschriften, darunter die Lìtopis. Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur. In ihr erschien der EJDs Schefer-Rezeption gleichsam leitmotivisch durchziehende Artikel „Hanka ty sy moja – Leopold Schefer und das Volkslied“ (Bautzen 1995).

Schefers Kunstliedschaffen stellte er in zwei Noteneditionen vor, dem von ihm rekonstruierten Liederzyklus Klage und Trost (Bargfeld 1995) und dem Doppel-Kanon Das Vater unser (Stuttgart 1998). Diesen folgte der repräsentative „Erbe-Band“ Leopold Schefer (1784-1862) Ausgewählte Lieder und Gesänge zum Pianoforte (Das Erbe deutscher Musik, Band 122; München 2004). Er enthält 42 Stücke, davon 21 aus Leopold Schefer’s Gesängen zu dem Pianoforte und 21 aus dem handschriftlichen Nachlaß Schefers, u.a. den Liederzyklus „Um dich weint meine Seele“ (von Schefer elf Jahre vor Beethovens Zyklus „An die ferne Geliebte“ komponiert!).

In Zusammenarbeit mit dem Kölner Dichter Josef Wilms, der sich wie EJD bevorzugt verkannten und vergessenen Autoren aus Literatur und Musik widmet, entstand in der eigens zu diesem Zweck etablierten Sektion Musikwissenschaft der von Wilms gegründeten Edition „Stallgefährte“ das von EJD mitfinanzierte Sonderheft Dichter als Komponisten (Köln 2005), „Dem Dichterkomponisten Josef Wilms gewidmet“. Die beiden mit lexikalischen Gedächtnissen gesegneten Herausgeber haben in ihm Erlesenes (im doppelten Sinne) aus mehreren Jahrzehnten zusammengeführt und auf einmalige Weise miteinander verknüpft. Die in Form eines Ringbuches für Musiker leicht handhabbare Anthologie versammelt 56 Lieder von 53, und literarische Texte von 12 Autoren sowie einen 50 Seiten langen, „Eine andere Musikgeschichte“ überschriebenen Essay von EJD. Bettina von Arnim oder Johann Wolfgang von Goethe überraschen darin kaum; Friedrich Nietzsche, Karl May oder gar Theodor W. Adorno hingegen schon. Von Schefer enthält sie die Lieder „Verhaßter Mond: Mond, du gelber Eierdotter“ und „Gute Nacht“.

Im Jahr darauf konnte, gefördert durch den Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien und das Kulturamt der Stadt Görlitz, im Verlag Gunter Oettel, quasi als Schlußstein eines weiten musikgeschichtlichen wie musiktheoretischen Bogens, der profunde Band „Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben“. Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer (Görlitz 2006) erscheinen. Er enthält eine Einführung, einen musiktheoretischen Teil mit zahlreichen Notenbeispielen, das Schefersche Werkverzeichnis und ausführliche Register. Zwei Anhänge komplettieren den Band. Es war mir vergönnt, dieses Nachschlagewerk mit zu erarbeiten, wobei sich die Koproduktion mit EJD – nicht zuletzt des ungewohnten Metiers wegen – zu meiner bislang größten Herausforderung auswuchs, während sie mir andererseits einen Erkenntnisgewinn bescherte, der mich in Form von Büchern ein Vermögen gekostet hätte. Aus dieser Zusammenarbeit heraus ist, initiiert von EJD, schließlich auch die CD Tagebuch einer großen Liebe. 22 Lieder von Leopold Schefer (Bautzen 2006) entstanden. Ein kleines Heft mit Klaviermusik (Bautzen 2007) schloß die Reihe der Publikationen ab. Ein zweites hätte folgen sollen, doch es scheiterte leider am Verlag.

Beinahe wichtiger noch als die praktisch-archivalische und musiktheoretische Aufarbeitung des Schefer-Erbes hat EJD, ein „teamworker“ par exzellence und als solcher Ruhepol eines durchaus problematischen Freundeskreises aus Schriftstellern und anderen schöpferisch Tätigen, es auch verstanden, Schefers Tonschöpfungen hörbar zu machen. Er überredete das Wiener Glasharmonika Duo („Thema e Variazione“ und „Erst ganz leis“) und das Marburger Oktett („Das Vater unser“) zu Demo-Versionen; die Lieder für die Sendung „Weltfahrt und Gemüsegarten“ wurden von Absolventen einer Meisterklasse gesungen, die Klaviermusik dazu spielte einer seiner Freunde ein.

Dem Bautzener Komponisten und Verleger Mĕrko Šolta-Scholze, der sich in einem seiner Geleitworte bei EJD „für Anregung und Unterstützung, die zur Veröffentlichung beitrugen“ bedankt, ermöglichte er die Rekonstruktion von nun schon fünf Instrumentalwerken Schefers, von denen inzwischen sogar zwei Ouvertüren (s. oben) und ein „Römisches Quartett“ uraufgeführt werden konnten.

EJDs Vorträge zu verschiedenen Anlässen runden das Bild ab. Er hielt sie u.a. im Rahmen des Lausitzer Musiksommers 2000 in der OLB Görlitz, zur Herbsttagung der OLGdW 2001 in Bad Muskau und, wiederum im Rahmen des Lausitzer Musiksommers, auf dem Kolloquium „Denkmal für Schefer“ 2006 in Bad Muskau.

Nicht zuletzt haben auch meine eigenen Arbeiten, nennen möchte ich hier in diesem Zusammenhang vor allem die zwar dünne, aber sehr solide Broschüre Leopold Schefer. Dichter und Komponist. 1784–1862 (Görlitz 2005), über das gemeinsame Thema hinaus von EJDs „Schulmeisterei“ profitiert, denn wir waren darüber Freunde geworden. Unsere „Sparbriefe“, so genannt wegen der bis zum Zerfallen genutzten Briefumschläge, fehlen mir schon jetzt. Seit 2004 waren an die 200 Karten, Briefe, Büchersendungen und Päckchen und mindestens ebenso viele Emails hin- und hergegangen. (Eine Enveloppe war so lange unterwegs, bis die Post ihre Beförderung verweigerte.)

Mit Albert Einsteins letzten Worten hätte auch Ernst-Jürgen Dreyer – nicht nur in Bezug auf Leopold Schefers musikalische Hinterlassenschaft – sein Leben für Familie, Freunde, Kollegen, Kunst und Literatur beschließen können: „Ich habe meine Sache hier getan.“

Bernd-Ingo Friedrich am 10.12.2011.


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Links zu Webseiten und Artikeln zum Nachlesen

fulgura frango Sonettwesen & andere Excentricitæten / Ernst-Jürgen Dreyer
Leopold Schefer Muskau / 6. Leopold Schefer als Komponist (sechs Artikel)
kulturpixel.de / 1. Bibliophiles - 40 Jahre Meiendorfer Drucke
„Ordentlich auch der Eintrag bei Wikipedia“ (Robert Wohlleben)

* Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – KLG. Loseblattsammlung. Hrsg. Heinz Ludwig Arnold. München: Richard Boorberg Verlag 1978 ff. (edition text + kritik.) - Eintrag „Dreyer, Ernst-Jürgen“ in nachschlage.NET/KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, URL: http://www.nachschlage.NET/document/16000000113 (abgerufen von Robert Wohlleben am 11.12.2011).

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