Ein halbes Denkmal für Leopold Schefer
den Propheten im eigenen Lande ...
Von Bernd-Ingo Friedrich
Der Dichterkomponist Leopold Schefer galt allgemein als „der Weise von Muskau“, sein Verleger und Freund Moritz Veit sah in ihm gar den Stifter einer neuen Religion. Das deutsche Bildungsbürgertum empfand sein Laienbrevier als zukunftsweisend und trug den Weltbürger durch das 19. Jahrhundert, doch mit dem europaweiten Erstarken des nationalistischen Gebrülls wurde es um ihn still. Wirtschaftlich ging es dem drei Jahrzehnte lang überaus Erfolgreichen schon ab 1850 zunehmend schlecht. Er hinterließ „gegen 400 Reichsthaler Verbindlichkeiten, die von den Jahren 48 od. später herstammen, wo der Buchhandel darnieder lag.“1
1849 wurde er Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz. Der Einzelgänger, der davon überzeugt war, daß nur das Schwache sich verbinden müsse, während das Starke sich Verbündete suche, tat dies nach der gescheiterten 48er Revolution wohl wissend, daß der schriftstellerische Erfolg ihm bald untreu werden würde. Allerdings war sein Glaube daran, mit Hilfe Anderer in seinem Sinne etwas bewegen zu können, von jeher gering und so sind denn auch keine Aktivitäten innerhalb der Gesellschaft bekannt geworden. Vielmehr war Schefers Beitritt wohl eher ein Versuch, seinen Nachlaß zu sichern und über ihn vielleicht noch etwas für seine drei unverheiratet gebliebenen Töchter zu tun. Doch es kam – wie meistens – anders.
Während Schefer selbst in seinen drei letzten Lebensjahren von der Deutschen Schillerstiftung unterstützt wurde, sahen sich die Mädchen, nachdem sie offenbar erfolglos den Fürsten Hermann von Pückler-Muskau in Branitz um Hilfe ersucht hatten,2 bald gezwungen, mit Hilfe ihres Bruders Teile des väterlichen Nachlasses zu verkaufen. Die Autographen zerstoben in alle Welt; die Musikalien gingen nahezu geschlossen an das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar; Schefers Reisetagebücher wurden wohl noch verschiedenen Verlegern angeboten und sind heute – bis auf eine Ausnahme – nicht mehr auffindbar.
Die Gelegenheit einer Ehrung, bei der ein Widerschein vom Ruhm des Geehrten auf den Ehrenden fällt, läßt sich indes kaum jemand entgehen. (Ein Mahnmal dieser Art, das sogenannte „Hungerdenkmal“, hatte schon Graf Hermann von Callenberg 1778 zur Erinnerung an die Hungerjahre 1771/72 „mit nicht geringen eigenen Kosten“ auf dem Kirchplatz von Muskau errichten lassen.)
Es folgt die Vorgeschichte des Ehrendenkmals (Denkmals, Grabsteins) für das ehemalige Mitglied der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz in Form einer kleinen Chronologie aus dem Neuen Lausitzischen Magazin.

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Protokoll der 155. Hauptversammlung am 14. Oktober 1880.
In : NLM Bd. 56 (1880), Nachrichten aus der Gesellschaft; unter
6) Familie Schefer in Muskau ist bereit, der Gesellschaft den handschriftlichen Nachlaß Leopold Schefers zu schenken.
Protokoll der 161. Hauptversammlung den 5. Oktober 1883.
In : NLM Bd. 59 (1883), Nachrichten aus der Gesellschaft; unter
VIII. Zur Errichtung eines Ehrendenkmals Leopold Schefers werden 300 Mark bewilligt
Protokoll der 162 Hauptversammlung. Görlitz, den 30. April 1884.
In : NLM Bd. 60 (1884), Nachrichten aus der Gesellschaft; unter
2. Punkt: Ing. [Alexander] Schefer [der Sohn] wird zum Ehrenmitglied ernannt
3. Punkt: Übernahme der Mehrkosten für den Grabstein Leopold Schefers über die bereits bewilligten 300 Mark hinaus
Weiteres vermelden die Gesellschaftsannalen in der Angelegenheit nicht. Oskar Förster, möglicherweise identisch mit jenem „Förster, Oskar, Kellner, Marktplatz 193“, den das Muskauer Adreßbuch von 1937 nennt, hinterließ ein um 1950 angefertigtes Typoskript mit dem Titel „Herbstliche Nachlese einer glücklichen Sommerzeit“. Darin hielt er fest, daß der Denkstein auf dem Grab Leopold Schefers am 14. September 1884 von der OLGdW gesetzt wurde. Er berichtet auch, daß am 9. September 1904 die Enthüllung einer „Gedächtnistafel“ am Geburtshaus Schefers gefeiert wurde.3 Rätselhaft bleibt, warum beide Ehrungen im September stattfanden, denn Schefer wurde im Juli geboren und starb im Februar.
Leopold Schefer hatte mit seinen Denkmälern nicht viel Glück. Die Gedenktafel an seinem Geburtshaus ging 1945 mit dem Haus in Trümmer, Ersatz wurde für beide nicht geschaffen. Eine vom Prinzen der Niederlande (Besitzer der Standesherrschaft Muskau von 1846 bis 1881) gestiftete schmiedeeiserne Einfriedung des Grabes wurde irgendwann, wahrscheinlich in den Nachkriegswirren, gestohlen.4 Und ein Vergleich zweier Fotos zeigt, daß auch das Grabmal nicht verschont blieb: Während eine photographische Aufnahme aus den 1960er Jahren (linkes Bild) das Monument noch vollständig zeigt, fehlt ihm auf dem Photo aus den 70er Jahren (rechtes Bild; im Hintergrund die bereits „renovierte“ Schefer-Villa) plötzlich der Sockel ...
(17.12.2011)
Anmerkungen
1 Vgl. Dreyer/Friedrich, „Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben“ (Görlitz 2006), S. 42, Anm. 167.
2 Marie Schefer, die älteste und die Lieblingstochter Schefers, äußerte in einem Brief von „Muskau den 20. Februar 1862“ aus die Bitte an Pückler, „ob Ew. Durchlaucht die große Gnade haben wollen und uns Töchtern die Pension die unser geliebter Vater der Gnade Ew. Durchlaucht zu danken hatte – was er auch noch vor wenigen Tagen aussprach – vielleicht lassen zu wollen.“ In Pücklers Testament sind die Schefer-Töchter nicht berücksichtigt.
3 In einem leider ohne Verfasser und bibliographische Angaben überlieferten Zeitungsartikel zu Schefers „50jährigem Todestage am 13. Februar“ (1912) wird mitgeteilt, daß die Gedenktafel am Günzelschen Haus Schefers einziger noch lebender Tochter Hilda, „die ihren Wohnsitz in Görlitz hat“, zu danken gewesen sei. Das ist so typisch Muskau, daß es stimmen muß.
4 Marie Schefer teilte der Leipziger Illustrirten Zeitung am 29. April 1864 brieflich mit, daß Prinz Friedrich der Niederlande das Grab ihrer Eltern „durch ein zierliches eisernes Gitter umgeben und schützen ließ, woran eine ebenfalls eiserne Tafel mit den Namen der theuren Verstorbenen sich befindet“. Das Familiengrab existiert nicht mehr, Leopold Schefers Grabstein befindet sich seit 1981 an anderer Stelle.
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