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Sorbische Wurzeln in Bad Muskau

Lugknitz, Sorau, Bautzen, Schleife, Ochla, Berlin

und vielen persönlichen Gesprächen


... haben sich eine Fibel gebastelt, auf die sie sehr stolz sind und die auch anderen Freude bereiten soll. Und das tut sie. Jedenfalls mir, beim Rezensieren, denn die 28 Seiten, gefaßt in vier bedruckte Umschlagseiten im A4-Format sind wie geschaffen für einen älteren Rezensenten mit mehreren Dioptrien. Sie tragen den Titel: „Auf Spurensuche nach sorbisch-wendischen Wurzeln im Kirchspiel Muskau.“ Das ist sehr hübsch ausgedacht: Goldsucher suchen Gold, Schatzsucher suchen Schätze, und Spurensucher suchen – klar, u zu u – Wurzeln. Die deutsche Sprache ist eben eine schöne Sprache. So logisch. Ein Untertitel verrät, was sich hinter dem Titel verbirgt. Es ist ein „deutsch-polnisches Projekt“ auf der Suche nach „unsere[n] gemeinsamen sorbischen Wurzeln“. Die Polen werden staunen! Besonders die, die nach 1945 im Kirchspiel Muskau Wurzeln schlugen und noch gar nicht wissen, oder einfach ignoriert haben, daß ihre Rhizome blau-rot-weiß sind und an ihr „ratusz“ gar kein Adler, sondern eine Linde gehört. – Ich glaube, der Leser ahnt schon, worauf ich hinaus will. Also, ich sag’ es mal so: Wenn ich ein Kleid nähen würde, was mir sicher gelänge, weil ich Anfang der Swinging Sixties immerhin einige Stunden Nadelarbeit hatte, dann würde dieses Kleid möglicherweise aussehen – nein, anders, oder am besten: Kennen Sie den Witz von dem Mann und dem Schneider? Und dem Anzug? Nein?


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Also. Der Mann hat sich einen Anzug machen lassen. Er zieht ihn an und besieht sich damit im Spiegel. „Nun? Was sagen Sie?“ fragt ihn der Meister. „Na ja, ich weiß nicht“, sagt der Mann, „hier hinten ist ’ne Falte, seh’n Sie das?“ – „Ja“, sagt der Meister, „aber das ist doch nicht weiter schlimm. Wenn Sie die Schulter bißchen hochzieh’n, ist sie weg.“ – „Na, schau mal an“, staunt der Mann, „tatsächlich“, und beschwert sich umgehend wieder: „Jetzt hab’ ich aber hier ’ne Falte!“ – „Mein Gott“, entgegnet der wortmächtige Meister ebenso prompt, „Menschenwerk ist immer etwas unvollkommen; zieh’n Sie halt den Bauch bißchen ein, der wirkt sowieso sehr unvorteilhaft.“ – „Da haben Sie recht“, sagt der Mann, zieht den Bauch ein und entdeckt die nächste Falte: „Jetzt ist hier hinten eine!“ – „Ach was, das bißchen! Hintern raus und fertig. Mann! Sie seh’n phantastisch aus!“ Der Mann findet das jetzt auch. „Macht alles in allem 950, Stilberatung inklusive.“ Der Mann bezahlt und geht. Auf dem Heimweg kommt er an einer Parkbank vorbei, auf der zwei elegante ältere Damen sitzen. Die Frauen sehen ihm nach, bis er außer Hörweite ist, dann sagt die eine zu der anderen: „So jung und schon so krumm, ist das nicht traurig, Phiechen?“ „Ja, Riechen, das ist traurig. Morbus Bechterew, schätz’ ich. Da kann man nichts machen. Aber hast Du den perfekten Maßanzug gesehen? Ich möchte wissen, wo der seinen Schneider hat!“


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Der Vergleich hinkt natürlich, wie alle Vergleiche, oder wie der Anzugträger, denn der Schneider hat sich ja wenigstens noch behelfen können. Aber bei dem Wurzelwerk hilft gar nichts mehr, weil unter dem Anzug auch nichts Vernünftiges steckt. Es ordnet sich ein in die lange Reihe der Übersichten, in die „in der Kürze der Zeit“ oder aus anderen Gründen „die unterschiedlichsten Spuren nur unvollständig und lückenhaft aufgenommen werden konnten“, die aber „als Anregung für Geschichtsinteressierte [oder Literatur-, Kunst-, Natur- und überhaupt Interessierte] beiderseits der Neiße fungieren“. Sollen.

Fest wie eine sorbische Dorflinde steht: Mit dieser „Wünschelruthe“ kommt man nicht weit. Die Literaturangaben beweisen es. Mehr will ich dazu nicht sagen, denn das hätte dann mit Freude nicht mehr viel zu tun. Würde sich auch gar nicht lohnen. Und hätte auch keinen Zweck mehr, das Unglück ist nun einmal in der Welt. In vier Sprachen sogar; 32 Seiten minus drei eng bedruckte Seiten Titelei, zwei Seiten dto. Anhänge, zehn Seiten zum Teil recht „merkwürdige“ Bilder*; bleiben 17, geteilt durch vier, macht: Rund vier Seiten Text in jeder. Eine wahrhaft opulente Broschüre! Denen, die jetzt vielleicht wieder mit dem Spruch „meckern kann jeder, aber besser machen“ kommen, sage ich klipp und klar: Ich könnte das, aber ich denke gar nicht daran! Ich weiß doch, wie viel Mühe so was macht. Nämlich genau die Mühe, die sich die Wurzelsucher nicht machen wollten, oder konnten, wegen der „Kürze der Zeit“; der Sommerzeit vielleicht, der eine Stunde fehlt. Außerdem gibt es von den Sorbischen Instituten in Bautzen und Cottbus schon genügend darüber. Und last not least ist das Lästern doch viel schöner. – Apropos: Kennen Sie den schon?

Sagt einer zur Brigitte B. (B. wie Bartel; Bartels, das sind die, die wissen, wo man den Most holt), also, sagt einer zu der Barteln: „Du, ich habe gestern im Park einen Affen gefangen!“ Sagt die Barteln: „Du! Du wirst es nicht glauben: Ich habe da vorgestern zwei gefangen!“

(29.12.2011)

P.S. Auf das grundsätzliche Problem bei der Identifizierung „sorbischer Wurzeln“ weisen die letzten Absätze des auch in den Jahresschrift 2009 des Wendischen Museums Cottbus veröffentlichten Artikels „Der junge Vater - Leopold Schefer und die Sorben“ und der in der Jahresschrift 2008 abgedruckte Artikel „Herbstlied - Musik von Herrn Schefer, Text von Herrn Wehlam“ auf der Webseite schefer.kulturpixel.de hin. Auf die ambivalente Rolle von „Abstammungen“ und „Blutsbanden“ in der deutschen und Nationalismen in der Geschichte überhaupt sollte man insbesondere in Deutschland eigentlich nicht mehr hinweisen müssen ... (Vgl. Kommentar vom 30.01.2012.)



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Mit freundlicher Genehmigung von antiquitaeten-lausitz.de

* Nicht dabei: Die oben abgebildeten Kalotypien wurden Anfang der 2000er Jahre in einer Muskauer Mülltonne entdeckt. Angefertigt wurden sie um 1900 im Atelier von Eugen Rosenthal in Muskau oder Weißwasser. Über die abgelichteten Personen ist nichts bekannt. Der Fund wurde von Georg Häusler im Muskauer Anzeiger Nr. 223 vom 13. März 2009 ausführlich beschrieben. Das mittlere Photo illustriert seit 2007 den Artikel „Bei der Glätterin - Von der Verwendung der Briefbeschwerer bei den Sorben“ auf briefbeschwerer.kulturpixel.de und ist seitdem unter dem Begriffspaar „Muskau Sorben“ in der ersten Reihe der Google-Bildersuche zu finden. Das Gemälde des bekannten deutschen Portraitmalers Richard Nitsch (1866-1945), um 1900 auf eine Holztafel gemalt, befindet sich seit vielen Jahren in einer Muskauer Privatsammlung und ist – allerdings etwas aufwendiger, nämlich nur mit Hilfe der Eingabe „(...) Nitsch“, dann aber wiederum in der ersten Reihe – ebenfalls im Internet zu finden. Es zeigt eine Muskauerin in Sonntagstracht beim Kaffeemahlen. – So viel zur „Spurensuche“ ... (und zur Muskauer Tracht).

(04.02.2012)

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