Róža Domašcyna, Maja Nagel(owa) und Angela Hampel
Lyrik und Buchkunst aus der zweisprachigen Lausitz
Von Bernd-Ingo Friedrich

Eine Vorgezogene anmerkung:
Die kleinschreibungen In Den buchtiteln Entsprechen Der Originalen schreibweise.
Eine zweite Anmerkung:
Ich versuche noch, meinen Webmeister – er sei gepriesen – zum Anlegen eines „Tuhls“ zu überreden,
das die korrekte Wiedergabe des sorbischen Alphabets ermöglicht. (Erledigt.)
„Wer mit der Katze geeggt hat, der weiß, wie sie zieht.“
(Sorbisches Sprichwort.)
Lyriker, hat einmal einer gemeint, seien bloß zu faul, einen Roman zu schreiben. Wahr oder nicht wahr – Lyriker bekommen immer schöne Bücher. Das liegt, denke ich, zu einem Gutteil daran, daß Gedichte weniger Platz beanspruchen als Romane. Eine Seite Duodez, bedruckt mit wenigen Zeilen, vermag sich allein durch ihre beeindruckende Weiße die Präsenz einer Folioseite und damit jene bibliophile Anmutung zu verschaffen, zu der es eine Romanseite niemals bringen wird. Je kürzer die Verse, je kürzer die Zeilen, desto besser sieht sie aus. Die Seite. „Gott hat alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“, heißt es im Buch der Weisheit. Ein Gedicht hält – in der Regel – Maß und ist damit gleichermaßen prädestiniert für die Symmetrie und den goldenen Schnitt wie für Asymmetrie und Tabubrüche.
Und: Angesichts einer Seite, auf der – zum Beispiel – nichts weiter steht als die Überschrift „Small talk, Cicciolina“ und „Du kommunizierst/ mit den Geschlechtsorganen/ und ich bin – sprachlos“ (Christian Kreis) fragt sich unwillkürlich jeder: Was ist das für ein Mensch, dieser Dichter; wie berühmt mag er sein, daß ihm sein Verleger, der doch, um zu sparen, am liebsten noch das Impressum in den Text integrieren würde, freiwillig (denn zwingen kann man dazu keinen) so wenig Papier bedruckt?
Zu alledem läßt sich diese Wirkung noch durch Mittel steigern, die den Prosaformen nur bedingt oder gar nicht zur Verfügung stehen, bietet die Lyrik wesentlich mehr Möglichkeiten für Gestaltungen als alle Prosa.
Zum einen erscheint sie als Lyrik, die – nicht anders als Erzählungen oder Romane – illustriert wurde. Hierfür ließen sich beliebig viele Beispiele anführen, ich habe mich für Fredmanns Episteln an diese und jene, aber hauptsächlich an Ulla Winblad von Carl Michael Bellmann, gestaltet von Werner Klemke, entschieden, weil sie zu meinen Lieblingsbüchern gehören. (Auch die LP mit Manfred Krug höre ich noch immer gern.)
In der konkreten Poesie wird der Text so strukturiert, daß er graphischen Charakter annimmt. Bekannt sind die Gedichte von Guillaume Apollinaire und Ernst Jandl, als populärste Beispiele dürften Christian Morgensterns „Die Trichter“ oder „Fisches Nachtgesang“ gelten.
Guillaume Apollinaire wird auch als ein Vertreter jener Lyrik genannt, die visualisiert und selbst zur Kunst wird, der visuellen Poesie. Gerhard Rühm und Karl Riha sind zwei Vertreter der Gegenwart.
Sonderfälle, die gewöhnlich – eine Schublade muß sein – der konkreten Poesie zugerechnet werden, sich von der Semantik jedoch völlig befreit haben, stellen die Sprachblätter von Carlfriedrich Claus oder die „scribentische Kunst“ des Lautdichters Valeri Schestjanoi dar.
Zur illustrierten und visualisierten Lyrik hat sich zunehmend die „bibliophilisierte“ Lyrik gesellt. Über sie versuchen sich vor allem die Künstler, denen die „demokratische“ Buchkultur zunehmend den Broterwerb erschwert, mit Hilfe exklusiver und exklusivster Pressendrucke eine vermögende Klientel zu erschließen.

Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit illustrierter Lyrik anhand einiger ausgewählter Beispiele, speziell mit Gedichten und Miniaturen der zweisprachig schreibenden Autorin Róža Domašcyna, die von den beiden Malerinnen und Graphikerinnen Maja Nagel (Maja Nagelowa) und Angela Hampel illustriert wurden.
Róža Domašcyna ist ein „Nachwende-Glückspilz“. (Sagt sie.) Geboren im oberlausitzischen Zerna/Sernjany (bei Kamenz) und fünfjährig mit den Eltern ins benachbarte Schönau/Šunow verzogen, wo sie Kindheit und Jugend verlebte, besuchte sie die Polytechnische Oberschule in Ralbitz/Ralbicy. Nach einer Ausbildung zum „Wirtschaftskaufmann“ studierte sie die Ingenieurökonomie des Bergbaus in Laubusch (Senftenberg) und Literatur in Leipzig; als berufliche Stationen ab 1968 gibt sie in ihrer Kurzbiographie an: „redaktionelle Hilfskraft, Schreibkraft, Materialwirtschafterin, Redakteurin, freie Autorin“. Als freie Schriftstellerin arbeitet sie seit 1990 mit Erfolg und hat inzwischen schon viele Fäden gesponnen.1
Das Aufzählen der Werke von Lyrikern, die vielfach Einzelbeiträge in Anthologien veröffentlichen, ist immer etwas schwierig; noch schwieriger wird es, wenn es Arbeiten verschiedenster Genres betrifft. Deshalb seien hier nur summarisch genannt: Theaterstücke, Features und Hörspiele; Beteiligungen an Anthologien, Almanachen und Kalendern; Beiträge und Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften; Übersetzungen und Nachdichtungen aus dem Polnischen, Tschechischen und Slowakischen. Hinzu kommt, daß Róža Domašcyna auch schon als Herausgeberin tätig war und mit santera pantera. Lyrik aus Sorabia sogar auf ein Buch verweisen kann, das in Österreich den Titel „Schönstes Buch“ erhielt.
Ein preiswertes, originelles und der www-Zeit gemäßes Kuriosum aus einer Edition, die sich einmaleingedicht nennt, ist das von der Autorin selbst auf CD gesprochene Gedicht „Ich streute mir brot aufs salz.“ 2
An eigenen Büchern hat sie es zwischen 1990 und 2011 auf 13 gebracht. Die Verlage, in denen ihre wichtigsten Bücher erschienen, sind bzw. waren die Gerhard Wolf Janus press Berlin (2011 liquidiert), neuerdings der Projekte-Verlag Cornelius mit Sitz in Halle an der Saale, und nach wie vor natürlich der Domowina-Verlag Bautzen.
Die Sorben hatten nach der Wende generell das Glück, daß eine Sprachbarriere sie schützte und keine geschäftstüchtigen Deutschen ihnen das eigene Verlagsgeschäft ruinieren konnten. Im Domowina-Verlag Bautzen arbeiten noch immer Buchgestalter, die gut geschult sind und sich vielfach bewährt haben.3 Fast alle eint ein Studium an der Hochschule für Graphik und Buchkunst in Leipzig, und in ihren Lebensläufen finden sich die Namen von Albert Kapr, Walter Schiller, Gert Wunderlich und Irmgard Horlbeck-Kappler. Essays, Werkbeispiele und biographische Angaben zu diesen Künstlern enthält der Band Das Vermächtnis der Mittagsfrau. Sorbische Kunst der Gegenwart.4
Zuletzt erschien im Domowina-Verlag das Gemeinschaftswerk Prjedy hač woteńdźeš. Bevor du gehst. „Das Buch handelt vom Leben der Frauen, von Müttern und Töchtern und streift dabei den Nationalsozialismus, den Sozialismus und das Heute in der zweisprachigen Lausitz. Es geht um die Arbeit, die schwere körperliche Arbeit der Frauen auf dem Lande. Das zeigen die Fotos, sie zeigen Gesichter und Hände, Arbeitsgegenstände, häuslichen Wohnraum, auch einen Trabbi … ich habe den Text anhand der Arbeitsbekleidung zweisprachiger Frauen (konkret meiner Mutter) geschrieben. Die Bekleidung ist nicht Gegenstand, sondern lediglich Mittel zur Fortbewegung des Textes.“ (R. D.) Auf einer dem Buch beigegebenen CD präsentiert Róža Domašcyna ihren Text in acht Sprachen.5
Die Dichterin sagt von sich, „ich lebe in meiner dritten Sprache“ und meint damit jene poetische Sprache, die sie sich aus der Konfrontation und Synthese ihrer beiden Muttersprachen Sorbisch und Deutsch geschaffen hat. Ihre Stoffe schöpft sie aus Märchen, Sagen und Mystischem ebenso wie aus der unmittelbaren Gegenwart und ihren Konflikten; auf die Gleichzeitigkeit von Exotik und Ferne, Bodenständigkeit und Nähe weist die Wortfindung „Sorabia“ im Buchtitel santera pantera hin. Ihm zugrunde liegt „šandra bandra“, ein Kinderreim ohne semantische Bedeutung, der im Nachbarort schon wieder anders, nämlich wie „santera pantera“ klingt, was im Spanischen – sinngemäß und von Róža Domašcyna unbeabsichtigt – „Heiliger Panther“ heißt.6 Es erinnert an eine Wortschöpfung des mit der sorbischen Sprache vertrauten Muskauer Dichterkomponisten Leopold Schefer, der in seinem Novellenfragment „Die Emancipation der Pferde“ lautmalerisch von einem – ebenso unübersetzbaren – „unartigen Rantus-Sandus“ sprach, womit er eine gewalttätige Gottheit zu imaginieren versuchte. – Sprache, die „denkt“.

Róža Domašcynas hintergründiger Sprachwitz steckt auch in Titeln wie wróćo ja doprědka du (deutsch: „zurückzu geh ich nach vorn“) oder Selbstredend selbzweit selbdritt. Unverhohlen eifersüchtig bin ich auf ihren Buchtitel Kunstgriff am netzwerg mit der Wortfindung „netzwerg“, bei der ein einziger veränderter Buchstabe drei verschiedene Wortbedeutungen (Netzwerk / Net-Zwerg / Netz-Werg) auf der gleichen Bedeutungsebene (!) hervorbringt. Ähnliche Spielereien enthält (vermutlich) das von Dieter Zimmermann illustrierte Bändchen My na AGRA. (Darin sind Anagramme, die sich dem Nichtsorben leider nicht erschließen.)
Stolz ist Róža Domašcyna auf ihre Künstlerbücher und künstlerisch gestalteten Bücher. „Sie sind mir allesamt zugefallen. Die Künstler, Verleger, Herausgeber haben mich angesprochen, ob ich Text(e) gebe. Mit Geld hatte das für mich bei den Künstlerbüchern aber in keinem Fall etwas zu tun. Es war mir stets wie ein Geschenk.“ (R. D.) Bis zum Jahresende 2011 waren es einschließlich Beteiligungen an Künstlerbüchern 15, angefangen bei den selbstgebastelten „Künstlerheften“ Gundula Sells (Dresden 1987 und 1989) über die Mappenwerke mit Photographien von Jürgen Matschie in Kleinstauflagen (Bautzen 1990 und 2000) bis hin zu der Gedichtauswahl Rollenspiele und dem Kalender 2011 im Handsatz von Renate Reitz-Schiwek an der Hochschule für Graphik und Buchkunst (Leipzig 2009 und 2010). Beteiligt war Róža Domašcyna an Anthologien der edition bergelmühle (Edenkoben 2002 und 2004) und an Almanachen der edition engel der poesie (Speyer 2000, 2002, 2004, 2006, 2008 und 2010). „Die Henne im Gras“, von der Großmutter, der Märchenerzählerin Hana Chìžcyna, die in Horka bei Kamenz lebte, erzählt und von Róža Domašcyna zum ersten Mal aufgeschrieben, veröffentlichte Peter Ludewig als Privatdruck (München 2000).
Besonders spannend sind die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit mit Maja Nagel und Angela Hampel, beide Absolventinnen der Hochschule für bildende Kunst in Dresden und im selben Jahrzehnt geboren wie Róža Domašcyna, die zu ihnen in enger Beziehung steht. Sie sind insofern wesensverwandte Frauen, als es sich bei ihnen um brachiale Talente handelt, die einem anderen Werk ihren Stempel aufdrücken können, ohne es zu beschädigen. Obwohl eine bedächtig wortwagende, sorgsam Worte wägende Dichterin auf den ersten Blick nicht zu ihnen zu passen scheint, erweist es sich schnell, daß Róža Domašcynas sprachliche Mittel subtiler sind, als es vielleicht den Anschein hat, und ihre spielerisch-heitere Lyrik durchaus imstande ist, sowohl Angela Hampel zu kraftvoll-emotional aufgeladenen Lithographien als auch Maja Nagel zu einfühlsam-nachdenklichen Radierungen zu inspirieren.
Maja Nagel, die bedächtigere der beiden Künstlerinnen, wohnt in Eula (bei Meißen) und Berlin.7 Sie illustrierte 1995 den Gedichtband Zwischen gangbein und springbein.8 28 Seiten Gedichte unter diesem Titel waren 1993 bereits in der Grafikwerkstatt Dresden erschienen. (Dazu mehr im Abschnitt über Angela Hampel weiter unten.)
Ein Buch, mit dem sie – in diesem Falle von ihr ausgewählte – Dichtungen Róža Domašcynas „bibliophilisierte“, ist der Handpressendruck Rindfleisch und Meerrettich.9 Gedruckt wurde er als 14. Bändchen der Edition Savod Progress in Berlin. (Aus der Edition Tartuca der selben Werkstatt kam 2000 übrigens ein Auszug aus Hermann von Pücklers Andeutungen über Landschaftsgärtnerei mit Kaltnadelradierungen von Klaus Zylla.) Zum Standard der Pressendrucke (kostbare Papiere, aufwendiger Handsatz, originale Graphik, Vorzugsausgaben) kommt bei Savod Progress hinzu, daß auch die Papiere für die Einbände, abgestimmt auf den jeweiligen Inhalt, von Hand gefertigt werden – es fehlt eigentlich nur, daß sie die Bäume für das Papier selber fällen und das Erz für die Bleilettern aus dem Bergwerk holen. Derart ist ein zauberhaftes Gesamtkunstwerk entstanden, in dem Maja Nagels „Männeken“, wie sie ihre archetypischen Figuren scherzhaft nennt, vom Einband aus auf die erste Seite und über alle folgenden Seiten hinweg durch den Buchblock und wieder auf den Einband (bock-) springen. Deren lebhafte Bewegung wird noch dadurch verstärkt, daß sie wellenförmig über jeweils zwei unaufgeschnittene Seiten hinweg verläuft.
Angela Hampel lebt in Dresden.10 Zusammen mit Gudrun Trendafilov hat sie (s. oben) 1993 die originalgraphische Mappe Zwischen gangbein und springbein gestaltet, der auch dem von Maja Nagel illustrierten Lyrikband seinen Namen gab. Verwendet wurden dafür bereits vorliegende Gedichte Róža Domašcynas. Vervielfältigt wurde die Mappe in 150 Exemplaren. 30 Exemplare druckte und verlegte Angela Hampel von Pelzlos.11 Im Gegensatz zur ersten Mappe handelte es sich hierbei um Graphiken, die von Róža Domašcyna quasi „beschrieben“ wurden. Dieses intime Werk ist von gleicher Homogenität, doch gänzlich anderer Art als das oben beschriebene Rindfleisch und Meerrettich. An ihm zeigt sich die Seelenverwandtschaft seiner beiden Schöpferinnen besonders deutlich. Die spröde Erotik der Dichtungen erhält durch Angela Hampels dynamische Frauenleiber eine mehrschichtige Sinnlichkeit, die durch und durch emanzipiert weiblich ist und mitunter sogar ein wenig beklemmend wirkt. In der Gerhard Wolf Janus press erschienen in den 90er Jahren auch einige Handsatzkalender, die Arbeiten Angela Hampels zu Gedichten von Róža Domašcyna enthalten.

Ein Verlag mit dem Anspruch, künstlerisch gestaltete Bücher zu machen, wie sie in der DDR allgemein üblich waren, ist der Projekte-Verlag Cornelius: „Die Edition Cornelius wird ausgewählt und herausgegeben von Manfred Jendryschik und Reinhardt Cornelius-Hahn. Inhalt der Edition sind besonders anspruchsvolle Texte, die von bedeutenden Autoren verfaßt worden sind. Die hier angeführten Buchtitel geben die ästhetischen Vorstellungen des Verlages wieder, der auch in der Zukunft Maßstäbe für das besondere Kulturgut Buch in der Gesellschaft setzen möchte.“ (Aus der Verlagswerbung.) In seinem Verlagssortiment befinden sich seit dem 31.12.2011 auch die Buchbestände der Janus press Gerhard Wolfs, der sich mit diesem Tag zur Ruhe gesetzt hat.
Im Projekte-Verlag ist nun nach ort der erdung (Oktav)12 mit Der Hase im Ärmel (Quart)13 ein zweiter Band Róža Domašcynas verlegt worden. Auch den Hasen hat es, dem Titel nach, mit dem Untertitel Sorbische Märchen, deutsch erzählt von Róža Domašcyna schon einmal gegeben, und zwar in der Janus press und in Folio.14 Aus dem 36seitigen „Grafik-Buch“ mit 17 Algraphien von Angela Hampel ist eine 160 Seiten umfassende Ausgabe mit 21 Graphiken im Offsetdruck geworden. Sie ist die insgesamt dritte Ausgabe, denn in einer einfachen Broschur gab es den Hasen ebenfalls.15
Im Klappentext heißt es über ihn: „Róža Domašcyna nimmt uns mit in die Märchen- und Legendenwelt der Lausitz, in den wundersamen Kosmos sorbischer Überlieferungen: geheimnisvolle Gestalten begegnen uns da wie Kobolde und Irrwische und die berühmte Mittagsfrau, andererseits dürfen wir uns im Menschenalltag zwischen Spreewald und Abraum verlaufen. Angela Hampel weiß mit ihren Zeichnungen das Erzählte kraftvoll und ironisch zu erweitern. Dies ist ein Hausbuch der neueren Art.“ Es ist ein gut gestaltetes, gut gedrucktes und verarbeitetes und insgesamt sehr schönes Buch geworden, dessen humorvoll-verschmitzte bis wollüstig-makabere Geschichten und Gedichte nur den Fehler haben, daß sie zu kurz sind, wie die schönen Beine der/des Geliebten, von denen man nie genug kriegen kann. Kaum hat man angefangen, sich mit ihnen zu beschäftigen, da sind sie auch schon wieder zu Ende. Doch es reicht allemal für ein galoppierendes Herz und ein sehnsüchtiges Ziehen im Magen.
Ich gebe zu: Manche der Geschichten lassen mich, einen strenggläubigen Atheisten, etwas ratlos zurück. Doch dafür habe ich mit „Die Henne im Gras“ ein wunderbares Gleichnis gefunden, das mich darüber hinwegtröstet, daß ich niemals im Lotto gewinne. Ich hatte schon, nachdem etliche Personen ihr Leben hatten lassen müssen, gefürchtet, die Henne würde im Kochtopf enden. Aber sie lebt – Gott sei Dank – und sitzt jetzt eben vielleicht fröhlich auf einem Dachfirsten ganz in meiner Nähe und wartet auf jemanden, den sie mit Goldstücken beglücken kann. Ich würde sie ganz gern ein Weilchen behalten ...
Die Erzählung „Das ‚Hans im Glück’-Glück“ soll – ich hörte es von der Dichterin – ein Nachwort sein. Ich empfehle aber jedem, es gleich zu Anfang zu lesen, denn es erklärt einiges. „Ein Briefgen“ des Herausgebers Manfred Jendryschek, das ich für das Nachwort hielt, ist aufschlußreich für diejenigen, die etwas über die Illustrationen wissen wollen. Ich würde es zuletzt lesen und erst einmal die Bilder genießen. Sehr brauchbar, für einen Nichtsorben schlicht unverzichtbar, sind die Worterklärungen und das zweisprachige Ortsverzeichnis. Sie verstecken sich nur dummerweise im Inhaltsverzeichnis (hinten im Buch) unter dem wenigsagenden Begriff „Anmerkungen“, die im Text aber nicht markiert sind, so daß man sie entweder zufällig rechtzeitig bemerkt oder, wenn man Pech hat, erst wenn man sich, hier und da natürlich verständnislos, bis zum Ende des Buches durchgelesen hat.
Ein Wermutsmolekül hat er mir, dem Bibliophilen, allerdings beschert, der Hase, und das ist das Verlagssignet auf seinem Schutzumschlag. Es macht den Eindruck, als hätte ein technischer Zeichner es für irgend etwas anderes entworfen.
(27.01.2012)

neugierige
Helga

Drei Gedichte aus ort der erdung von Róža Domašcyna
Was tun, Antwort auf die uralte Frage:
Zirkulare. Ein buch drucker gedicht.
Im satz. Noch ein Buchdruckergedicht.
Ein Sack voll Anmerkungen
1 Zu Róža Domašcyna als Autorin s. Christian Prunitsch: „Sorbische Literatur nach 1945.“ Zu finden über http://www.domowina-verlag.de/de/sorbische-buecher-literatur.
2 einmaleingedicht/ Ich streute mir brot aufs salz/ róža domašcyna. www.muenchnerfruehling.de/verlag. CD im Pappcover 28 x 14 cm o. O. u. J. (München 2011).
3 S. dazu auch: Bernd-Ingo Friedrich: „50 Jahre Domowina-Verlag. 50 lat ludowe nakładnistwo Domowina.” In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie. Herausgegeben von der Pirckheimer-Gesellschaft im Harrassowitz Verlag Wiesbaden. Heft 193 (1.2009); S. 43–49.
4 Das Vermächtnis der Mittagsfrau. Sorbische Kunst der Gegenwart./ Wotkazanstwo psedpoldnice. Serbske wumelstwo psibytnosci./ Wotkazanje pripoldnicy. Serbske wumelstwo pripoldniy. Hrsg. Stadt Cottbus, Landkreis Bautzen, Stiftung für das sorbische Volk. Bautzen: Domowina-Verlag Bautzen 2003.
5 Maćij Bulank, Róža Domašcyna: Prjedy hač woteńdźeš. Bevor du gehst. Bautzen: Domowina-Verlag 2011. – „Das Buch enthält eine DVD, auf der Róža Domašcyna ihren deutschen und (ober-) sorbischen Text zu den Fotografien von Maćij Bulank und zur Musik des sorbischen Komponisten Mìrćin Wechlich liest. Den Text gibt es in sechs weiteren Hörfassungen: Niedersorbisch, Englisch, Französisch, Tschechisch, Slowakisch und Polnisch.“ (Aus der Verlagswerbung.) – Vorläufig letzte Neuerscheinung überhaupt sind die Nachdichtungen: Ján Zambor: Zelený veĉer. Grüner Abend. Rimbach: Verlag im Wald 2012. Slowakisch und deutsch.
6 Span. santero/santera: Heiligtumsaufseher/-in, Betbruder/-schwester; pantera: Panther.
7 Zur Person s. Das Vermächtnis der Mittagsfrau, S. 169.
8 Róža Domašcyna. Zwischen gangbein und springbein. Gedichte. Zeichnungen von Maja Nagel. Berlin: Verlag Gerhard Wolf Janus press 1995. Auch als Vorzugsausgabe mit einer Originalgraphik (Radierung) von Maja Nagel erschienen.
9 Rindfleisch und Meerrettich. Gedichte von Róža Domašcyna. Ausgewählt und mit sechs colorierten Radierungen versehen von Maja Nagel. Savod Progress 14. „Bleisatz in der Akzidenz-Grotesk und Handpressendruck von Harald Weller. Druck der Radierungen bei Savod Progress. Umschlag aus der Werkstatt für Papier Gangolf Ulbricht. Die Auflage beträgt 50 Exemplare. Alle Radierungen sind numeriert und signiert.“ (Aus dem Impressum.) Broschur, Japanische Bindung, 25,5 x 20,5 cm, 7 gefaltete Blätter (14 Seiten). Berlin: Savod Progress 2004.
10 Zur Person s. Das Vermächtnis der Mittagsfrau, S. 173.
11 Róža Domašcyna und Angela Hampel: Pelzlos. Dresden: Eigenverlag Angela Hampel 1995. Steindruck: Peter Stephan, Handsatz und Buchdruck: Udo Haufe, Bindung: Angelika Funk. 8 Doppelblätter mit 7 Gedichten und 7 Graphiken.
12 Róža Domašcyna: ort der erdung. gedichte & miniaturen. Edition Cornelius („Weiße Reihe“). Halle (Saale): Projekte-Verlag Cornelius 2011.
13 Róža Domašcyna und Angela Hampel: Der Hase im Ärmel. Nach sorbischen Legenden, Zauberformeln und Märchen. Ebd. 2011. Auch Vorzugsausgabe mit zwei Originalgraphiken (Lithographien) von Angela Hampel erhältlich.
14 Dasgl. Einmalige limitierte Auflage in 100 signierten und numerierten Exemplaren. Schrift: Rotis Antiqua, Druck: Grafikwerkstatt Dresden. Berlin: Verlag Gerhard Wolf Janus press 1997. Gebundene Ausgabe, 32 x 28 cm, 36 Seiten. Die Nummern 1-50 kamen in den Verkauf.
15 Dasgl. Berlin: Verlag Gerhard Wolf Janus press 1997. Broschur bzw. Taschenbuch, 20,5 x 14 cm, 112 Seiten.
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