À la Rousseau
Vom Ordnen der Bücher
Von Bernd-Ingo Friedrich speziell für Ecki
Gute Bücher sind Ratgeber, die allen Respekt verdienen. (Mark Twain)

Wer viele Bücher besitzt, bekommt mitunter recht eigenartige Bemerkungen darüber zu hören. „Hast du die alle gelesen?“ gehört quasi zum Standard. „Die hatte ich auch alle, aber jetzt
sind die ja nichts mehr wert“ war ein Satz, der mich sehr verblüfft hat. Er kam, nach der
„Wende“, von einem Kunsthandwerker, den ich bis dahin für intelligent gehalten hatte. Heute ist er
Vermieter, und seine neuen Spielzeuge sind Immobilien. „Typische Ostbibliothek“ kam ausgerechnet von einem Freund und wurde zum Auslöser längeren Nachdenkens über unser Verhältnis zueinander. Eines Tages machte ich dann den Fehler, in eine Kleinstadt zu ziehen, in der die
Bürger ihren Kindern noch immer die Vornamen der weiland herrschenden Grafen geben, lackierte Wurzeln für Kunst halten und echte Antiquitäten auf den Müll schaffen,
und deren lokale Größen schon den Bau eines neuen Kindergartens als eine Vision für die
Zukunft zelebrieren – schlichte Gemüter eben. Hier wurde ich mit der Frage konfrontiert:
„Kaufst du deine Bücher nach den Regalen?“
Ich gebe zu: Angesichts des großen, wanddeckenden Regals in meinen Schreibzimmer ist diese Frage nicht ganz abwegig. Doch abgesehen davon, daß Lexika meist mehrbändig und für
alle Zeiten und Ideologien nahezu gleich in Format und Aufmachung sind und sowieso schon
eine schöne Reihe ergeben, daß auch die Werkausgaben von Goethe, Schiller, Heine, Pückler,
Casanova, Schweitzer, Der lachende Philosoph und einige BdK-Bände dominant und für diesen Gesamteindruck verantwortlich sind, sorgt außerdem das leidige, wohl fast jeden Bibliophilen beschäftigende Raumproblem von vornherein für eine gewisse Nivellierung. Denn wer
kann sich schon ein 45 Zentimeter hohes Regalfach wegen eines XXL-Pressendrucks leisten,
in dem ansonsten Duodezbändchen stehen, nur weil sie alle den gleichen Verfasser haben ...?
Da ich also ohnehin nur bedingt systematisch vorgehen kann, kommt es auf eine „sinnvolle“
Anordnung nicht an, und ich kann mir ein Arrangement gönnen, das das Auge erfreut. Wo
welches Buch zu finden ist, muß ich mir halt merken. - Wenn der Überblick verloren geht, ist
es sowieso an der Zeit sich zu fragen, ob man Bücher, von denen man gar nicht mehr weiß,
daß man sie hat, überhaupt noch braucht. - Und so mache ich mich von Zeit zu Zeit, meist,
wenn die Stapel der Neuzugänge zu kippen drohen, an das (Ein-) Ordnen à la Rousseau, der
in seinen Bekenntnissen berichtet, wie er sich 1765, auf der Flucht (!) vor seinen Feinden, auf
der St. Petersinsel etablierte:
„Einige Augenblicke stöberte ich unter meinen Büchern und Papieren, mehr um sie auszupacken und in Ordnung zu stellen, als um etwas zu lesen. So ordnete ich denn täglich, und meine
Bibliothek ward für mich, was für Penelope ihr Gewebe; dabei hatte ich die Bequemlichkeit,
soviel ich wollte, müßig zu gaffen, danach bekam ich Langeweile und ließ die drei oder vier
übrigen Morgenstunden vollends alles stehen.“
Eine solche Beschäftigung wirkt enorm belebend auf stockende Gedankenflüsse.
Erstaunlich ist, daß man es durch irgend einen Dreh, wie beim japanischen Puzzle, immer
wieder schafft – oft weiß man gar nicht, wie –, noch ein Teil unterzubringen. Farblich geht es
dabei relativ bunt zu. Für beruhigende Akzente sorgen 28 Bände Herder in Grün links oben
und als Gegengewicht rechts unten 1 Meter 65 Meyer’s Groschenbibliothek, 67 hübsche rote
Biedermeierbändchen, in die 339 Nummern eingebundene sind. Sie stehen vor zur Hälfte
nach hinten eingerückten Inselbändchen, deren vergleichsweise bescheidene drei Meter sich
in Kniehöhe über die gesamte Regalbreite erstrecken. Dazwischen leuchtet ein Regenbogen
aus Schutzumschlägen der bis auf den Melchior-Grimm-Band vollzähligen Bibliothek des 18.
Jahrhunderts. Preiswert, gut illustriert, ersetzen sie teure Erstausgaben und sind außerdem
hervorragend kommentiert. Sich eine solche Anthologie nicht anzuschaffen, wäre fast schon
dumm. Ergänzungen zu Mandeville oder Boswell, von denen es ohnehin nicht viele deutsche
Übersetzungen gibt, stehen nicht dazwischen, sondern schließen sich an.
Ein separater Schrank beherbergt meine Leopold-Schefer-Sammlung mitsamt einigen dazu
gehörenden Anthologien und der entsprechenden Sekundärliteratur. Hier geht es kunterbunt
zu wie in einer Kinderstube, denn die Hälfte der Novellen gibt es nur als Erstausgaben in Almanachen und Taschenbüchern, die Gedichtausgaben sind so verschieden wie die Gedichte,
und die verschiedensten Ausgaben des Laienbreviers repräsentieren ein knappes dreiviertel
Jahrhundert Einbandgeschichte. Daneben stehen, ziemlich streng, Platen, Pückler, Menzel,
Freiligrath und Gottschall, mäßig verschieden in Größe und Dekor, aber alle in das gleiche
grüne Leinen gebunden. Kindlers Literaturlexikon, die prächtigen Bände von Sengle, Eloesser, Leixner sowie einige andere Literaturgeschichten folgen.
Im Zentrum des großen Regals steht übrigens einiges äußerlich ganz Unscheinbare. Es sind
meine liebsten Bücher. Neben schmalen weißen Heften der Mori-Ogai-Gedenkstätte in Berlin
und einigen pergamentfarbenen Meiendorfer Drucken im selbstgebastelten Schuber steht ein
halber Meter "Gabor und Dreyer"; deren voluminöser Canzoniere verhindert, ebenso wie der
Lenz-Wälzer mit den sämtlichen Erzählungen auf der anderen Seite, dass Hefte umfallen,
wenn ich einige von ihnen aus dem Regal nehme. Quer darüber liegt Werner Laubschers
Wortflecht und Lautbeiß, weil er dazu gehört, aber stehend nicht hineinpasst. Das Ganze sieht
aus wie ein Tempelchen mit zwei dicken Säulen. Ihm schließen sich drei Bände Edgar Allan
Poe an, die Karschin, Schmidt von Werneuchen, Friederike Kempner und ähnliches. Rechts
davon, von der Sache her natürlich völlig unlogisch, eine alte Volksausgabe von Brehms
Tierleben, aber nicht nur, weil die Größe stimmt, sondern weil auch diese Bücher zu jenen
gehören, die ich öfter in die Hand nehme. Das Arrangement in Rot, Weiß und Blau hat etwas
Elegantes, Französisches, und wirkt inmitten älterer Ausgaben sehr apart.
Das also ist das ganze Geheimnis meiner „erstaunlichen“ Ordnung. Eine andere Frage, die mich genau so überrascht hat, war:
„Wieso sehen deine Bücher alle so neu aus? Liest du die gar nicht?“
Auch darüber dachte ich nach und stellte fest, daß die Meinung, Bücher seien zum Lesen da
und müssten auch gelesen aussehen, sehr verbreitet ist. Nach ohnehin trüben Erfahrungen mit
dem Verleihen von Büchern, habe ich deshalb seit einigen Jahren an gut sichtbarer Stelle ein
Exemplar des Zen - Wege zur Erleuchtung von Enomiya-Lassalle deponiert, das mich davor
bewahrt; bewahren soll! Es war ladenneu, als ich es auslieh. Nach anderthalb Jahren holte ich
mir selber ein Buch zurück, dem kein Buchbinder mehr helfen konnte. Es war schiefgelesen,
am Rücken aufgeplatzt, voll mit Kugelschreiber-Anmerkungen, Eselsohren, dem Sabber eines
Säuglings und den Kaffeeringen seines Vaters. Zum Glück war und ist ein solches Verhältnis
zu Büchern nicht immer und überall üblich gewesen, denn dann hätten wir heute wohl kaum
all die schönen antiquarischen Bücher, und die schriftliche Überlieferung würde ganz schön
holpern. Ich denke, wer nicht sorgfältig mit Büchern umgeht, zumal geborgten, hält auch von
seinen Mitmenschen nicht viel, zumal von dem, dessen Buch er sich borgt. Und ich habe auch
nie begreifen können, weshalb man meint, daß Menschen, die Schönes schaffen können, zum
Beispiel Schriftsteller, in einer genialisch-wüsten Räuberhöhle hausen müßten.
(2007)

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