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Das Herz der Gräfin Zinzendorf

Ein ungewöhnliches Exlibris aus dem 18. Jahrhundert

Bernd-Ingo Friedrich



Die Herrnhuter der ersten Stunde hatten wohl wenig gemein mit jenen, an denen der Fürst Pückler später so wenig gute Haare ließ. Nikolaus Graf von Zinzendorf, der Begründer der Gemeine, war lebenslustig und liebte den Luxus, ein barocker Typ im beständigen Spagat zwischen großem Herrn und dem Oberhaupt einer religiösen Gemeinde und alles andere als ein „homo oeconomicus". Sein großzügiger Umgang mit zum Teil riesigen Summen im Verein mit grenzenlosem Vertrauen auf seinen „Bankier" Jesus Christus gefährdeten zeitweilig sogar die Existenz der Unität. Ebenso wichtig wie das Missionswerk mit allem, was dazu gehörte an Entbehrungen und Strapazen, Rückschlägen und Erfolgen, waren ihm seine Bücher und ihre Ausstattung. Vor allem aber dienten sie ihm zur Verbreitung seiner Botschaften. Wo Zinzendorf war, wurden auch Bücher hergestellt, und an jedem neuen Aufenthaltsort kümmerte er sich vordringlich darum, eine Druckerei zu bekommen, möglichst eine eigene. Seine Predigten, Lieder und Gedichte, die von ihm zusammengestellten Losungen erhielten nicht nur zweckmäßige Gewänder. Neben einfachen Broschüren gibt es bessere und beste und Ausgaben mit richtigen Prachteinbänden, wunderschönen Vorsatzpapieren, Einstecktaschen, die sich zwischen Vorsatz und Buchdeckel befinden, und anderen Raffinessen. Ein sehr schönes und überdies wegen seiner handschriftlichen Einträge als Kostbarkeit im Archiv der Herrnhuter Gemeine gehütetes, kleines Buch trägt den Titel: Vier und Dreyßig HOMILIAE über die Wunden-Litaney der Brüder, Gehalten auf dem Herrnhaag in den Sommer-Monathen 1747 von dem ORDINARIO FRATRUM. Zu finden in den Brüder-Gemeinen.1

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In ihm findet sich ein ganz reizendes, extravagantes Exlibris. Aus dem marmorierten Vorsatzpapier des vorderen Einband-Deckels wurde ein Herz heraus geschnitten bis auf zwei Stege, die als Scharniere fungieren, so daß man das Herzchen nach oben aufklappen kann. Seine Rückseite ist mit einem andersfarbigen Brokatpapier beklebt. Die herzförmige Öffnung im Vorsatzpapier wiederum wurde hinterklebt mit einem glänzend roten Papier, dem goldene Ornamente und die Initialen E. D. Gr. v. Z. aufgeprägt sind. Sie stehen für Erdmuthe Dorothea Gräfin von Zinzendorf. Das schmale Bändchen kam über die Brüdergemeine Königsfeld im Schwarzwald in das Archiv, der es laut Eintrag am 10. August 1972 von Frau Brion, geb. Ehrhardt, aus Morges am Genfer See gestiftet wurde. Ihre Eltern und Voreltern gehörten der Brüder-Sozietät in Straßburg an. Wie die Schrift in deren Besitz kam, ist nicht bekannt. Der Graf von Zinzendorf schenkte es seiner Frau Erdmuthe Dorothea, die Randnotizen darin stammen von seiner Hand. In anderen Büchern gibt es das Exlibris auch anders herum: man klappt das bedruckte rote Herzchen heraus und legt das Brokatpapier im Vorsatz frei.

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(2005. Erschienen in: Marginalien 180/ 4.2005.)
Die Abbildung des Büchleins erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch den Leiter des Unitätsarchivs Herrnhut.

Anmerkung
1 Homilie: Ansprache, Predigt; Predigtweise, in der Vers für Vers des Textes angewendet und erklärt wird; Ggs.: Themapredigt.
Die Wundmale Christi waren für die herrnhutische Theologie von zentraler Bedeutung.


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