Die Skaryna-Bibel der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz
von Bernd-Ingo Friedrich
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Foto © Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz
Im Jahr 2005 erschienen zwei Beiträge, die auf eine sensationelle Entdeckung in der
Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften zu Görlitz hinweisen.1, 2 Das
Ereignis selbst liegt allerdings bereits einige Zeit zurück. In einer kleinen Ausstellung der
OLBdW zum „Jahr der Bibel" 2003 wurde der Görlitzer Pfarrer i.R. Peter Lobers auf eine
russische Bibel aufmerksam, die er Dank seiner Sprachkenntnisse als eine Bibel Francysk
Skarynas erkannte. Die einzigen in Deutschland nachgewiesenen Drucke Skarynas zeichnen
sich durch ihren Umfang und eine hervorragende Erhaltung aus. Sechs der elf zu einem
Konvolut zusammengebundenen alttestamentlichen Bücher wurden 1518, fünf der Bücher
1519 in Prag einzeln gedruckt und ausgeliefert.
Mit Hilfe von Besitzvermerken und Katalogen läßt sich der Weg der Bibel von einem nicht
näher bekannten Andreas Banck über den deutschen Reformator Johann Heß, den
Bibliophilen Daniel Staude, die Bibliothek des alten Görlitzer Gymnasiums bis in die
Sammlung Johann Gottlieb Milichs verfolgen. Der Schweidtnitzer Sammler und Gelehrte
schenkte seine 4.000 Bände umfängliche Bibliothek 1727 dem Görlitzer Gymnasium
Augustum, dessen Bibliothek sich seitdem die „Milichsche Bibliothek" nannte. In Christian
Knauthes Historischer Nachricht von denen Bibliothecken in Görlitz (Görlitz 1737),
die auch eine Beschreibung der Milichschen Bibliothek enthält, findet sich eine erste
Erwähnung der „Bibel in Moskowitischer Sprache". Von der ersten weißrussischen Bibel und
ihrem Übersetzer und Herausgeber wurde damit erstmals in einer deutschen Veröffentlichung
Kenntnis genommen, sieben Jahre früher, als bislang bibliographiert. 1951 wurde die
Milichsche Bibliothek mit der OLBdW vereinigt, und die Skaryna-Bibel gelangte in deren
Besitz.
Skarynas Bedeutung und die seiner Bibelübersetzung für die weißrussische Kultur entspricht
etwa der Luthers für die deutsche. Skaryna stammte aus Litauen, hatte in Krakau die sieben
freien Künste, danach in Kopenhagen und Padua Medizin studiert. Von Hause aus katholisch,
war er reformatorischen Bestrebungen gegenüber aufgeschlossen. Das Wort Gottes
Jedermann zugänglich zu machen war eines ihrer Anliegen, die er begrüßte und sich zu eigen
machte. 1517 ließ er sich in Prag nieder. Er begann mit dem Übersetzen einzelner Teile des
Alten Testaments in die damals gängige Umgangssprache und ließ sie jeweils nach ihrer
Fertigstellung drucken. Dieser Aufgabe widmete er sich zwei Jahre lang. Ob er jener Dr.
Franciscus aus Polen war, dessen Anschlag sich Dr. Martin Luther 1525 durch die Flucht
nach Torgau entzog, wird in einer Beilage zum Exkurs „Die Görlitzer Skaryna-Bibel" (siehe
Anmerkung 2) gemutmaßt.
(2006. Erschienen in: Marginalien 184/ 4.2006.)

Anmerkungen
1 Randow, Norbert: „Skaryna-Bibel in Görlitz. Sensationeller Fund in Deutschland: Erstes in
ostslawischer Sprache gedrucktes Buch". In: Görlitzer Magazin. Beiträge zu Geschichte und Gegenwart der
Stadt Görlitz und ihrer Umgebung, Bd.18. Hrsg. Stadtverwaltung Görlitz, Städtische Sammlungen für
Geschichte und Kultur. Görlitz: Oettel Verlag 2005; S. 66-73.
2 Diedrich, Hans-Christian: „Exkurs 4: Die
Görlitzer Skaryna-Bibel". In: „Auf dem Wege zur Glaubenseinheit …". Reformationsgeschichte Weißrußlands.
(Beiträge zur Geschichte der evangelisch-lutherischen Kirche Rußlands. Band 5 hg. v. Georg Kretschmar.)
Erlangen: Martin-Luther-Verlag 2005; S. 127-134.
Photos: Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, Görlitz.
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