Aus meinem Sudel-Notebook
Wie viele Bücher braucht der Mensch?
Von Bernd-Ingo Friedrich
"Die Antiquare kaufen gerne ganze Bibliotheken; mich hat auch schon einer gefragt, wie alt ich bin, aber der war sogar noch älter als ich, hahaha."
(Hans-Dietrich Haemmerlein, 70)

Ein Dauerbrenner in jeder Beziehung, in der es nur einen Büchernarren gibt, ist die
Erörterung der Frage: wie viele Bücher braucht der Mensch? Unternehme ich sie mit meiner
Frau, so kenne ich ihre Antwort schon im Voraus, denn sie wird, ohne mit der Wimper zu
zucken, feststellen: Auf alle Fälle hast DU schon genug. Nun, ich denke, auch in dieser Frage
entscheiden letzten Endes die zwei wichtigen Dinge: Geist und Geld. Hat man genügend
Geist, kann man auf Bücher ganz und gar verzichten, wie der Sonderling Mentelli. Hat man
genügend Geld, kann man sich nach Herzenslust Bücher kaufen, wie die Regensburger Thurn
und Taxis, ob man die nun alle braucht oder nicht. Der Durchschnittsmensch, wie ich zum
Beispiel, kann auf Bücher nicht verzichten, hat aber meist zu wenig Geld, um sich alle
Wünsche erfüllen zu können.
Um dem abzuhelfen verfällt er unter Umständen auf die Idee, selbst welche schreiben zu
wollen, wozu er dann auch wieder Bücher braucht, und gibt sich Träumereien hin wie weiland
Arno Schmidt:
"... wenn einmal, irgendwann=einmal, ein Mäzen=oder=so auftauchen wird, der mir
"um=meiner=selbst=willen" - es ist schwer; ich weiß wohl; ich selbst würd’s auch nicht tun -
eine monatliche Rente von, nu, sagen wir, 500 Mark "auswirft" und ich dann - ach, es fallen
einem gleich Ausdrücke wie "Lebensabend" ein, und "buntgeblümter Schlafrock", "The
echoing Green", "Der Schnee tröpfelte emsig vom Dach", "Die Nacht wird kalt, sagte der
alte Rudolph, vom Wetterfähnlein kreischt es herunter, die Eichen fangen zu rauschen an,
lege mehr Holz an den Herd, Alwin", tcha, und jetzt hab’ ich natürlich den Faden verloren."
Also, - wie viele Bücher braucht der Mensch? Speziell für den Schriftsteller stellt derselbe
Arno Schmidt in seinem Aufsatz "Meine Bibliothek" von 1964 fest:
„In der Stadt, nahe einer Großbibliothek, kommt er mit ein paar Hundert aus; in ländlicher
Abgeschiedenheit, wo Autarkie zum Hauptgebot wird (man kann nicht tagelang ’rumreisen,
das ergibt unangenehmste Hemmschuhe 2. Ordnung!), liegt das Minimum, meiner Erfahrung
nach, bei etwa 60 Metern Bücher; (rund 2 Tausend Stück; drei dürften besser sein; man wird
schließlich, lebt man länger, zwangsläufig Spezialist für ein Dutzend Gebietlein).“
Wie gesagt – der Schriftsteller. Und der Normalbürger?
Eine, deren Familie Jahrhunderte lang Kulturträgerin war, die Fürstin Gloria von Thurn und
Taxis, sollte es wissen. Sie selbst besitzt, größtenteils ererbt, 165.000: „Jeder Haushalt sollte
eine, wenn auch kleine, Bibliothek haben. Die Bibel, den Talmud oder den Koran sollten Sie,
je nachdem, welcher Religion Sie angehören, ebenfalls im Haus haben. Die Mindestanzahl an
Büchern, die eine solche Bibliothek umfassen sollte, sinkt stetig. Der erste Lord Rothschild
fragte einst einen Freund: ‚Wie viele Bücher besitzt ein Gentleman?’ Und der antwortete:
‚Zwanzigtausend’. Heutzutage liegt die Mindestzahl etwa bei eintausend Bänden.“ Das klingt
für’s erste gar nicht übel. Aber es geht noch weiter.
„Wer in Wohnungen mehr Videos, CDs und DVDs als Bücher hat, sollte anfangen, sich
Sorgen zu machen, oder sich erkundigen, wo er in seiner Stadt Bücher zum Kilopreis
erwerben kann, um zumindest kosmetisch Abhilfe zu schaffen. Ein paar Werke der
Weltliteratur sollte man zu Hause haben .... Und einige Werke sollte man darüber hinaus
tatsächlich auch gelesen haben, dazu gehören ...“.
So weit die Fürstin. Die Listen der unbedingt zu empfehlenden Bücher sehen, abhängig vom
Verfasser, sehr verschieden aus. Nach Reich-Ranicki, Schwanitz oder Christiane Zschirnt
braucht man keine Hundert. Damit kann ich meiner Frau nicht kommen; damit säge ich bloß
meinen eigenen Ast ab.
Möglicherweise hilft ein Blick in die Bücherschränke prominenter Kopfarbeiter.
Gleims Bibliothek (wer kennt noch etwas von Gleim?) war 10.000 Bände stark, 27 Inkunabeln befanden
sich darunter. Goethe - man sollte meinen, er hätte mehr gehabt - trug 6 ½ Tausend Bücher
zusammen, Gerhart Hauptmann um die 7.000, Brecht kam mit der Hälfte aus, die Weigel
hatte aber auch noch 2.000 Stück.
Die finanzstarken Sammler warten da mit anderen Zahlen auf. Der Fürst Pückler konnte sich in
Branitz durch 10.000 Bände lesen, aber er schriftstellerte immerhin auch. Metternich konnte
im Schloß Kynžvart, früher Königswart, über 37.000 Bände verfügen (kam der denn
überhaupt zum Lesen?), die Bücherei des Regensburger Postmeisters erwähnte ich bereits.
Die wird allerdings noch übertroffen von der des Grafen Dzialynski auf Kórnik, einem sehr
schönen Schinkel-Gehäuse bei Posen, jetzt Poznan. Darin sind rund 200.000 Bände
versammelt, anbei 134 Inkunabeln. Eine Sammlung fällt wiederum überraschend aus dem
Rahmen: Friedrichs des II. planmäßig angelegte Bibliothek in Sanssouci nämlich beherbergt
nur 2.000 Bände. Vermutlich hat er seine Bibliothek so zusammentragen lassen wie seine
Galerie, Meter für Meter, bis die Wände voll waren; Uniformen drum und fertig. Allerdings
soll er anderswo auch noch Bücher gehabt haben. Aber viel Zeit hatte der Mann ja auch nicht.
Professor Werner Klemke, ein sammelnder Kopf- und Handarbeiter, gehört unbedingt in
meine Aufzählung. Klemkes Berliner Bücherparadies wurde in den Marginalien 77/1980
eindrucksvoll beschrieben. „In einem alten Mietshaus hat er eine große Etagenwohnung, dazu
noch ehemalige Ladenräume, allesamt mit Büchern belebt, 35.000 Bände seiner Bibliothek
brauchen Platz“, heißt es da unter anderem. Mit diesem Satz im Kopf und den Marginalien in
der Tasche zog ich einstmals zur Sprechstunde meines Wohnungsamtes; außerdem dabei hatte
ich, ich weiß nicht mehr genau was, jedenfalls irgend etwas Markiges, das Parteistatut der
SED oder Ähnliches, in dem es um die Einheit von Arbeiten, Leben, Wohnen, um
Kultur usw. ging, um „ideologischen Druck“ zu erzeugen. Und es funktionierte. Ich bekam
bald eine richtige Wohnung, zwar zum Selberbasteln, also Ausbauen, aber immerhin. Die
Wohnung war, als wir sie dann endlich fertig hatten, geräumig und wunderschön, hatte von
morgens bis abends Sonne und Platz für alle meine Bücher. Vom Schreibtisch aus guckte ich
ins Grüne.
In den selben Marginalien wird auch sehr schön die kleine Bibliothek des Flämingbauern
Andreas Bölke aus dem 18. Jahrhundert beschrieben. Der Bauer Bölke besaß 10 Bücher: 1
Bibel, 6 weitere geistliche Bücher, 1 Rechenbuch, 1 Buch über Tier- und eins über die
Menschenkrankheiten. Mehr brauchte der Bauer nicht.
So gesehen muß der Mensch von heute eigentlich gar kein Buch mehr haben: auf die
geistlichen verzichten wir in der Regel, für die Krankheiten von Mensch und ggf. Tier haben
wir Ärzte, und das Rechenbuch ersetzen wir durch den Computer.
Mit den Vergleichen ist also nichts zu machen. Letztlich muß ich wohl zugeben, daß das
Ansammeln von Büchern in seiner Substanz nichts anderes ist als die Verlagerung des uralten
Jagdtriebes in die eigene Bücherstube, wo man noch der einsame Jäger sein kann und darf. Es
bleibt allerdings ein gewisser Rechtfertigungszwang, denn zur erfolgreichen Jagd gehört nicht
nur das Machen von Beute, sondern die Beute muß auch teilbar sein. Und so deklariere ich
meine eigentliche Beute um, zu Werkzeugen zur Erlangung der echten, der teilbaren Beute
Geld. Unter Umständen begnüge ich mich mit dem Hinweis auf den möglicherweise sicheren
Wertzuwachs meiner Werkzeuge und ihre Veräußerbarkeit, weshalb ich natürlich am liebsten
solches gediegener Qualität anschaffe.
Ansonsten heißt es weiter tippen. Womit ich wieder bei der anfänglichen Frage bin. Denn
natürlich durchschaut meine Frau den Schwindel mit dem Werkzeug. Zum Glück ist sie
großzügig und gönnt mir meine Sammeltassen und freut sich mit, so gut sie kann.
(2003. In: Marginalien 173/ 1.2004; BuB 7-8/ 2005 und auf www.buchkunst.info.)

Literatur
Schmidt, Arno: „Der Platz an dem ich schreibe“. In: Das essayistische Werk zur deutschen Literatur in vier
Bänden. Eine Edition der Arno Schmidt Stiftung. Zürich: Haffmanns Verlag 1988; Bd. 4; S. 343./
Thurn und Taxis, Gloria von/ Allesandra Borghese: Unsere Umgangsformen A-Z. Niedernhausen/ Ts.:
Falken Verlag GmbH 2000; S. 52./
Literarische Museen und Gedenkstätten in der DDR. Hrsg. Nationaler Museumsrat der DDR. Berlin 1981./
Löschburg, Wilfried: Historic Libraries of Europe. Leipzig: Edition Leipzig 1974./
Walther, Klaus: „Mit Büchern leben“. In: Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie. Hrsg. von
der Pirckheimer-Gesellschaft. Berlin 1980; Siebenundsiebzigstes Heft, S. 6./
Kühn, Heinrich: „Der Bücherschrank des Flämingbauern“. Ebenda; S. 65.
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