Ein alter Mann, dem der Kopf durch die Haare wächst
Leopold Schefer zum 222. Geburtstag
von Bernd-Ingo Friedrich
Link zur ausführlichen Leopold-Schefer-Biographie auf schefer.kulturpixel.de

Am 30. Juli 2006 hätte der Muskauer Erzähler, Lyriker und Komponist Leopold Schefer seinen 222. Geburtstag gehabt. Nun, das hätte er ganz sicher nicht, denn so alt wird kein Mensch - aber man weiß, was damit gemeint ist. Vielleicht wäre diese heute seltsamerweise gängige Floskel für den Jubilar Anlaß genug gewesen, auf einem Dutzend Tagebuchseiten über unsinnige Redensarten zu philosophieren. Vielleicht wären es auch ein paar Seiten mehr geworden, denn schon die zeitgenössischen Kritiker kamen nicht umhin, ihm verbale Ausschweifungen und eine gewisse Umständlichkeit beim Entwickeln seiner pantheistischen Weltsicht anzukreiden. Diese Weitschweifigkeit war es vor allem, die den Dichter bereits zu seinen Lebzeiten für Viele problematisch machte. Theodor Mundt etwa, ein Kenner der zeitgenössischen Literatur, schrieb 1843 in Die Kunst der deutschen Prosa:
„In Jean Paul’s Geist und Gedankentracht, obwohl aus eigner Seelenquelle schöpfend, bewegt sich sein Wahlverwandter Leopold Schefer, der sonst, was seine durcheinandertaumelnde Schreibart betrifft, zu denjenigen Schriftstellern gehört, die den Stil bloß für ein nothwendiges Uebel anzusehen scheinen, der da sein muß, um die Gedanken schreiben zu können. Gedanke und Form leben bei ihm in einer wilden Ehe, der natürliche Bund zwischen Inhalt und Darstellung ist nicht geschlossen.“
Die Urteile über Leopold Schefer sind subjektiv unterschiedlich gefärbt, stimmen aber im Wesentlichen überein: Man rühmt seinen großen Einfallsreichtum, kritisiert seine Form- und Maßlosigkeit und schätzt (oder verdammt) vor allem sein Laienbrevier. Da wir hier seinen Geburtstag würdigen wollen, verzichten wir auf die Kritiken jener, die mit Schefer nichts anfangen können oder ihn aus den verschiedensten Gründen nicht mögen und lassen stellvertretend für alle wohlwollende Kritik den Fürsten Pückler zu Wort kommen. Er schrieb in einem Brief an Leopold Schefer:
„Liebster Scheffer!
Ich muß noch ein Blatt über Ihr Laienbrevier hinzufügen.
Es ist Ihr bestes, ein vortreffliches Werk! Ganz entfernt von jener Dunkelheit, ja bei allem Menschthum der Gedanken zuweilen Schwülstigkeit und Manier die nach meinem Urteil die Fehler mehrerer Ihrer Erzählungen sind. Hier finde ich nun klare, milde Perlen an Edelsteine gereyht; die aus Natur und Leben tief und vorurtheilsfrey geschöpfte Weisheit, im lieblichsten Gewande wie zum heiligen Christ bescheert.
Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Werke und zu dem nie versiegenden Segen, den Tausende daraus schöpfen werden. Dieß Buch wird ein Volksbuch werden, nicht für den Plebs aller Klassen, aber für alle Edlere darunter, und sein Einfluß auf wahre Menschenbildung muß groß und dauernd seyn.“
Der Brief schließt mit dem Satz:
„Glück auf, mein guter Schefer, und lassen Sie Ihren hellen Stern so fortleuchten über gute und Böse, ich möchte gern hinzusetzen über Kluge und Dumme, wenn es für die letzteren möglich wäre! Denn dass die Dummheit die eigentliche Sünde gegen den heiligen Geist ist, habe ich jetzt ausgefunden.“

Die Eckdaten aus Leopold Schefers Lebenslauf sind schnell genannt.
Gottlob Leopold Immanuel Schefer wurde am 30. Juli 1784 als Sohn eines Arztes geboren. Seine ersten Lehrer waren der Vater, Rektor Tamm und Hofrat Röhde. 1799 bezog er das Gymnasium in Bautzen, das er jedoch 1804 verließ, um seine kranke Mutter daheim unterstützen zu können. Er bildete sich autodidaktisch weiter, hauptsächlich in der Muskauer Schloß-Bibliothek. 1806 unternahmen er und Graf Hermann von Pückler, dessen Schwester Agnes er liebte, eine Wanderung „nach der Schneekuppe“, wobei Schefer den Weg zur Burgruine Kynast zu Fuß zurücklegte, während der junge Graf sich in einer Sänfte hinauftragen ließ – eine Episode, die wir deshalb erwähnen, weil sie das ambivalente Verhältnis der beiden Jugendfreunde bestens charakterisiert, ohne daß man es weiter erörtern müßte. Ende 1812 übernahm Schefer als "General-Inspector" Pücklers die Geschäfte der Standesherrschaft und führte sie erfolgreich bis 1816. In jenem Jahr trat er mit finanzieller Unterstützung des Grafen eine ausgedehnte Reise durch Europa und Kleinasien an, die er seine „Lebens-Universität“ nannte, und von der er im Dezember 1819 heimkehrte. Während dieser studierte er Komposition bei Salierei in Wien und befaßte sich mit Medizin; außerdem erlernte er weitere Fremdsprachen, so daß er schließlich Lateinisch, Alt- und Neugriechisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Koptisch, Türkisch sowie ein wenig Arabisch und Ägyptisch sprach. Er heiratete 1821, baute sich ein Haus nach seinen Plänen, bezog es 1831 und verließ Muskau von da an nur noch zu wenigen kürzeren Reisen. Er lebte zunächst von einer kleinen Ehrenpension, die er vom Grafen bzw. Fürsten Pückler bezog, konnte jedoch bald von den Einkünften aus seiner Schriftstellerei leben. Er stand insbesondere der Fürstin Pückler nahe und unterstützte sie während der häufigen, oft ausgedehnten Reisen Pücklers in der Administration Muskaus und bei der Anlage des Parkes; letzteres in einem Umfang, daß ihn eine Anthologie aus den 1960er Jahren irrtümlich sogar als den Schöpfer des Muskauer Parks nennt. An der Herausgabe der Schriften Pücklers hatte er ebenfalls großen Anteil. Er starb am 13. Februar 1862.

Natürlich gäbe noch einiges mehr zu sagen, doch über seine Biographie ist der Dichter nur schwer zu erschließen. Er war ein Mensch der „inneren Werte“, und auch seine persönlichen Tagebücher, die er beinahe 60 Jahre lang ununterbrochen führte, enthalten kaum greifbare historische oder biographische Daten. Es ist nötig und genügt vorerst zu wissen, daß er materiell gesichert einen engen Lebenskreis zog. Wer ihn kennen lernen möchte, tut das am besten mit Hilfe seiner Werke. Leider ist nach wie vor außer dem schmalen Heft 13 Gedichte und Lieder, 1984 von Bettina Clausen herausgegeben und noch zu haben über den Verlag Bangert & Metzler, nicht eines davon im Buchhandel.
Aber etwas antiquarische Literatur für allgemein Interessierte sei hier genannt. „Schefer für Faule“ bietet der beliebte und zu Recht viel gelobte Funk-Essay von Arno Schmidt Der Waldbrand oder Vom Grinsen des Weisen. Arno Schmidts berühmter Essay ist beileibe keine Wissenschaft, doch er ist unterhaltsam und mit Schmiß geschrieben, und so liest man gute Literatur von Schmidt und interessiert sich für Schefer, und damit ist der Zweck erfüllt. Man sollte ihn schon deshalb lesen, weil 1961 mit ihm die bis heute anhaltende Renaissance des bis dahin so gut wie vergessenen Leopold Schefer begann.
Wer es ganz genau wissen will und viel Zeit und Nerven mitbringt, nehme sich die zwei Bände vor: Zu allem fähig. Versuch einer Sozio-Biographie zum Verständnis des Dichters Leopold Schefer von Bettina und Lars Clausen. Viel mehr als das darin Enthaltene kann man über Schefer und „sein“ Muskau nicht erfahren. Der ungeübte Leser wird damit allerdings seine Schwierigkeiten haben.
Wie bereits angedeutet - heute beschäftigt man sich vielerorts wieder mit Leopold Schefer. Besonders interessant und zukunftsträchtig ist dabei die Entdeckung seines kompositorischen Schaffens, des zu Lebzeiten des Dichters überhaupt keine öffentliche Beachtung erfuhr, durch den Musikwissenschaftler Dr. Ernst-Jürgen Dreyer. Man beschäftigt sich literarisch und musikalisch mit Schefer in Bargfeld, Kiel, Regensburg, Kaarst, Berlin, Bautzen, Bad Muskau und anderenorts; in der Oberlausitzer Philharmonie kennt man seine Kammer- und Orchestermusik, das Glasharmonika-Duo Wien hat Kompositionen von ihm im Repertoire, die Sender BR und SFB brachten ein Feature mit Gesängen zum Pianoforte, in der Görlitzer Stadtbibliothek wurde eine szenische Lesung von Arno Schmidts Leopold-Schefer-Funk-Essay veranstaltet u.v.m. Ebenso beweist eine ganze Reihe von Einträgen im Internet (ca. 600) das anhaltende Interesse an Leopold Schefer. Dort ist er u.a. in mehreren Spruchsammlungen vertreten – ein Beweis auch dafür, daß es noch viele seiner Bücher und deren Leser geben muß. Besonders häufig zu finden ist in diesen Anthologien das Gedicht „Geh fleißig um mit deinen Kindern“. Es stammt aus dem bereits erwähnten Laienbrevier, einer Sammlung von 366 Lehrgedichten, also einem für jeden Tag des Jahres, den 29. Februar eingeschlossen. Das Brevier wurde insgesamt 21mal aufgelegt, davon 12mal noch zu Lebzeiten des Dichters, und es sicherte dessen Grundbedarf zum Lebensunterhalt. Es wurde ins Englische übersetzt, zum Teil ins Polnische, bearbeitet, nachgeahmt, gelangte auszugsweise in Literaturgeschichten, Klassikerausgaben, Anthologien und Poesiealben und erlangte eine Verbreitung wie nur wenige Bücher seiner Zeit. Leopold Schefer wurde damals mehr gelesen als der Geheimrat Goethe. Und Bad Muskau erscheint im Netz immerhin mindestens 8mal mit der Firma Heizungsbau und Sanitärinstallation Roland Schmalenberg, Leopold-Schefer-Straße 6.

Das klingt nun alles ziemlich ernsthaft. Aber Leopold Schefer war nicht nur Eremit und Künstler. Deshalb bilden den Schluß zunächst zwei (kürzere) Gedichte des jungen Schefer aus seiner Sturm- und Drangzeit, der Zeit der unbeschwerten ersten Jahre nach der Übernahme der Herrschaft Muskau durch den „tollen Pückler“. In unserem ersten Beispiel charakterisiert er sie wie folgt:
Wir hatten alle Beutel voll
Und lebten flott vom Baaren.
So ging’s begeistert, lieblich, toll,
Doch schwer, bei schönen Jahren.
Auch die Muskauer Töpfer haben Schefer zu Gedichten inspiriert. Davon hier eins, das, wie auch die ganze Gedichtsammlung Hafis in Hellas, seine Zeitgenossen erotisch oder gar einen „geistigen Opiumrausch“ nannten. Darüber muß man sich heute aber wirklich sehr wundern!
Götter seid ihr, liebe Töpfer!
Durch ein wenig Glanz und Dauer,
Durch ein Schnäuzchen an dem Kruge,
Durch ein Blümchen auf dem Bauch.
Leicht verkauft ihr eure Waare!
Und die Weiber und die Männer
Kaufen vor den Tempelthüren
Was das Haus bedarf, voll Eifer,
Willig offnen Aug’s betrogen.-
Töpfer seid ihr, liebe Götter,
Haltet feil an allen Ecken
Neue Waare neuen Käufern!
Und ich auch geh’ eben kaufen
Um ein Töpfer mit zu werden.
Und damit das Laienbrevier nicht fehle, daraus noch die Anfangszeilen zum 7. Februar.
Geh’ fleißig um mit deinen Kindern! habe
Sie Tag und Nacht um dich, und liebe sie,
Und laß Dich lieben einzig-schöne Jahre;
Denn nur den engen Traum der Kindheit sind
Sie dein, nicht länger! ...
Zuletzt noch „Zloty Mysli“ aus dem Internet für unsere Nachbarn (möglicherweise von einem anderen Leopold Schefer – über entsprechende Hinweise würden wir uns freuen). Die polnischen Akzente sind leider irgendwo im Äther verschollen.
Wlasciwe stosunki z lidzmi to:
gorliwosc, ciekawosc zycia,
uczenie sie od kazdego,
kto cos wie i umie.
(2003, bearbeitet 2006)
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