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Der närrische Petri

Leopold Schefer in Bautzen

von Bernd-Ingo Friedrich



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schefer petri anleitung

Der Muskauer Dichter und Komponist Leopold Schefer gehörte im Biedermeier zu den gefragtesten Almanachautoren.1 Daß er auch komponierte, wußten zu seinen Lebzeiten nur Wenige. Er hinterließ unter anderem eine unvollendete Oper, eine Symphonie, Streichquartette, Klaviersonaten und vor allem Lieder, die zum Besten gehören, was die Musik der Romantik zu bieten hat. In einer neueren Rezension der Gesänge zum Pianoforte, herausgegeben von Ernst-Jürgen Dreyer, dem Entdecker der „Perlen der Romantik", heißt es dazu: „In dem Bande begegnen Lieder, von denen selbst Schubert-Kenner nicht zu sagen wüßten, weshalb sie nicht von Schubert stammen könnten."2 Wesentlich für Schefers gesamten und insbesondere seinen musikalischen Werdegang war der Besuch des Gymnasiums in Bautzen und dort wiederum die Begegnung mit einem Manne, der wie Schefer für lange Zeit und zu Unrecht in den Schatten der Musikgeschichte geriet.

Der damals 15jährige Leopold Schefer bezog das Gymnasium 1799. Dessen Rektor war zu jener Zeit der berühmte Pädagoge Friedrich Gottlob Ernst Gedicke, bei dem auch Schefer Unterricht hatte.3 Viel freie Zeit verbrachte Schefer mit privaten Studien in der Ratsbibliothek. Musiklehrer Schefers war der Kantor Johann Samuel Petri,4 Verfasser einer Anleitung zur praktischen Musik, die noch heute geschätzt wird und 1999 als Reprint erschien.5

Petri, geboren 1738, entstammte einer weit verzweigten und geachteten Familie von Geistlichen und Musikern in Sorau (heute Zary in Polen). Nach einigen Jahren Tätigkeit in Lauban (heute Luban in Polen) kam er 1770 als Lehrer und Kantor nach Bautzen. Schefers Biograph Lüdemann erwähnt ihn, die Aufzeichnungen Schefers benutzend, mit viel Sympathie:

„Der närrische Petri hatte ein Lehrbuch der Musik geschrieben und den originellen Gedanken ausgeführt, ein Doppelconcert für zwei Contrebässe, welche an rasenden Backzahnschmerzen leiden, zu componiren. Er war es, der das mitgebrachte erbärmliche Violin- und Klavierspiel des Freundes besserte und ihn bei Wind und Wetter im strengsten Winter nach Dresden, sieben lange Meilen weit, in die Oper jagte, wo Naumann die 'Cyclopen' gab und nicht minder endlich zu kleinen Compositionen den Antrieb und die Anleitung herbeibrachte." Die nicht immer glänzenden Zeugnisse Schefers kommentiert er mit dem Satz: „(...) allein der heitere Freund setzte sie in Musik, was nicht immer geschieht. Auch dem trefflichen Verse, den der Rector darin aufnahm: 'Ordine pervenies, quo non licet ire labore.' begegnete dies Schicksal." (Frei übersetzt lautet der Spruch: „Nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge gelangst du dahin, wo es sich nicht mehr lohnt zu arbeiten."6)

Daß Petri ein hervorragender Pädagoge gewesen sein muß, läßt die schon erwähnte Anleitung zur praktischen Musik erkennen. 1782 fügte Petri der ersten Auflage seiner bereits 1767 in Lauban entstandenen Musiklehre einen musikgeschichtlichen Teil hinzu, nahm eine Reihe von Instrumenten neu auf und erweiterte das bereits Vorhandene in einem Umfang, daß von einer zweiten Auflage eigentlich keine Rede mehr sein konnte, denn von 164 auf 484 Seiten „umgearbeitet, verbessert und vermehrt" entstand ein neues Buch. Es zählt heute zu den Standardwerken zur musikalischen Aufführungspraxis im 18. Jahrhundert und gehört zu jenen theoretischen Schriften, die im 18. Jahrhundert die Herausbildung einer einheitlichen Kompositionslehre ermöglichten. Daneben haben die praktischen Lehrwerke als Spiel- und Verzierungsanweisungen für bestimmte Instrumente eine große Bedeutung. Zu letzteren gehören so berühmte Werke wie Carl Philipp Emanuel Bachs Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, Leopold Mozarts Versuch einer gründlichen Violinschule oder Johann Joachim Quantz’ Versuch einer Anweisung, die Flöte traversière zu spielen; des weiteren gehören dazu praktische Übungsstücke wie Das wohltemperierte Klavier oder Die Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach.

Petri ordnete sich mit seiner allgemein verständlichen Anleitung an hervorragender Stelle ein. Eine Singschule, deren Fehlen er beklagte, erschien noch während der Drucklegung, was er in einer der Vorrede folgenden „Erinnerung" anzeigt.7 Damit erfaßte sein Werk alles damals Verwendete. Es ist dank seiner wiederholten launigen Formulierungen eine angenehme Lehre. So schließt Petri etwa einen Abschnitt, in dem er den übermäßigen Gebrauch der Fuge beanstandet, mit der Bemerkung:

„Hierzu komt der Uebelstand, daß bey der Amenfuge das ganze Singechor mit aufgesperrtem Maule da steht, bis es das letzte –men, wie der Frosch die Mük-ke, erschnappt hat." Oder er schreibt zum Schluß des mit Notenbeispielen versehenen §.3. seiner Erklärungen zum Modulieren der Flötentöne mit Hilfe der Zunge lapidar: „Dis sey genug von ti ri di."

Ebenso trug das reiche Musikleben Bautzens zu Schefers Ausbildung bei. Zum Beispiel gastierte in Schefers erstem Bautzener Jahr ein Fräulein Kirchgeßner mit der „Glasorgel" im neuerbauten Konzerthaus und beförderte möglicherweise seine Vorliebe für dieses seltsame Instrument.

In dankbarer Erinnerung wurden dem Gymnasium später vom Sohn Leopold Schefers, dem Bauingenieur Alexander Schefer, eine lebensgroße Büste des Dichters und zwei seiner Werke geschenkt, wie die „Bautzener Nachrichten" am 16.3.1873 meldeten. Die Büste ist leider verschollen. Bei den genannten Werken handelt es sich eventuell um die zwei Exemplare von Schefers Hauptwerk, dem Laienbrevier, die sich heute in der Stadtbibliothek befinden. Auch Petris Anleitung zur praktischen Musik in der maßgeblichen zweiten Auflage ist in der Stadtbibliothek vorhanden.

Schefers Lieder gehören inzwischen zum festen Bestandteil einiger Kammermusikensembles Europas. Die Bautzener Pianistin und Musikverlegerin Liana Bertók hat ihnen eine eigene CD gewidmet7 .

(2006. Gekürzt erschienen in: Oberlausitzer Hausbuch 2007.)


schefer petri lausitzer philharmonie


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Anmerkungen
1 Friedrich, Bernd-Ingo: Leopold Schefer. Dichter und Komponist. 1784-1862. Görlitz: Neisse Verlag 2005.
2 Ausgewählte Lieder und Gesänge zum Pianoforte. Mit einem Vorwort hrsg. von Ernst- Jürgen Dreyer. München: G.Henle Verlag 2004. Siehe dazu auch: Rezension von Peter Gülke. In: Die Musikforschung. Hrsg. Gesellschaft für Musikforschung. 58. Jahrgang 2005/ Heft 4. Kassel 2005; S. 477-479.
3 Schulz, Hagen: „In memoriam Ludwig Friedrich Gottlob Ernst Gedicke (1760-1838) – ein Bautzener Schulmann". In: Jahresschrift (4) 1998. Hrsg. Stadtmuseum Bautzen. Bautzen 2005.
4 Biehle, Hermann: Musikgeschichte von Bautzen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Leipzig 1924.
5 Petri, Johann Samuel: Anleitung zur praktischen Musik. Leipzig 1782.
6 Lüdemann, Wilhelm von: „Leopold Schefer's Leben und Werke." In: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Eilfter Theil. Leipzig 1857. Die Angaben Lüdemanns sind nicht immer zuverlässig; siehe dazu auch: Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich: "Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben". Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer. Görlitz: Oettel Verlag 2006.
7 “Während des, daß das Manuscript dieses Buches nach Leipzig zum Drukke eingesendet war, erschien die vortrefliche Anleitung [richtig: Anweisung] zum musikalisch-zierlichen Gesange von Herrn Hillern zu Leipzig, welche den in diesem Buche im neunten Kapitel des zweeten Theils geführten Klagen über den bisherigen Mangel einer solchen Anweisung auf einmal gänzlich abhilft.“ Johann Adam Hillers Anweisung erschien 1780.
8 Tagebuch einer großen Liebe. 22 Lieder von Leopold Schefer. CD. Hrsg. Freundeskreis Lausitzer Musiksommer e.V. bei KONSONANZ Musikagentur. Bautzen 2006.


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