Lehre und Trost
Alfred Brehm und das Laienbrevier von Leopold Schefer
von Bernd-Ingo Friedrich
„Ein wahrer Spruch ist mehr als Goldes werth,
Denn von der Weisheit hängt das Leben ab –
Und eine Wahrheit früh gekannt zu haben,
Gäb manch Verlorner gern sein Bluth darum,
Der jetzt, weil Irrthum ihn bethörte, büßt."
Laienbrevier, Motto

Das Laienbrevier von Leopold Schefer wurde in Deutschland zwischen 1834 und
1898 insgesamt 21mal aufgelegt, davon zwölfmal noch zu Lebzeiten des Dichters. Es wurde
ins Englische übersetzt, teilweise in das Polnische, in Prosa übertragen und
nachgeahmt.1 Es sicherte dem Dichter ein regelmäßiges Einkommen, das
genügte, die notwendigen täglichen Ausgaben zu bestreiten. Seinen Zeitgenossen, die ihn vor
allem als Verfasser von Novellen aus Dutzenden Kalendern, Almanachen, Taschenbüchern
usw. kannten, war das Laienbrevier ebenso vertraut wie dessen Schöpfer. Der
Muskauer Dichter und Komponist Leopold Schefer (1784-1862) gehörte zu den
meistgelesenen Schriftstellern seiner Zeit. Man rühmte seinen großen Einfallsreichtum,
kritisierte seine Form- und Maßlosigkeit und schätzte vor allem sein Laienbrevier.
Dieses ist eine Sammlung von 366 Lehrgedichten, also einem für jeden Tag des Jahres
einschließlich 29. Februar, eingeteilt in die zwölf Monate des Jahres. Sie haben keinerlei
Bezug auf die kirchlichen Feste und Feiertage, denn der Pantheist Schefer lehnte die Kirchen
und ihre Dogmen ab. Der Form nach sind es reimlose, meist fünfhebige Jamben, dem Inhalt
nach eine Preisung der Schöpfung in all ihren Facetten, wobei im Zentrum der Dichtung das
einfache häusliche Leben steht. Das Credo der Sprüche ist: „Gott ist überall und alles ist
göttlich und darum ist alles gut, alles geschieht zur rechten Zeit, alles gedeiht zum wahren
Glück des Menschen, auch das Unglück und der Schmerz. Denn nur der Mensch kennt das
wahre Leid und leiden-können ist echt menschlich, Mensch-sein aber ist
göttlich."2 Allerdings hinderte es den Dichter nicht daran, sich gelegentlich
doch über Unrecht und Willkür zu empören. In einer Zeit massiver gesellschaftlicher
Umbrüche (das Kommunistische Manifest erschien 1847) gab das Laienbrevier
vielen Menschen die Möglichkeit einer Hinwendung zu Gott abseits konventioneller Formen.
Ein sehr anrührendes Beispiel für die konkrete Hilfe, die das Laienbrevier einem
Menschen in einer verzweifelten Lage bot, gibt uns der „Tiervater" Alfred Brehm.
Alfred Brehm bereiste in den Jahren 1847 bis 1852 zusammen mit seinem Bruder Oskar und Dr. Richard Vierthaler Nord-Ost-Afrika. In seinem Gepäck befand sich auch das Laienbrevier.3 Dieses und andere Bücher hatte er sich von zu Hause nachschicken lassen, wie aus einem Brief an seine Mutter hervorgeht. Darin schrieb er: „Auch würde es mir die größte Freude sein, einige deutsche Klassiker und vor Allem Schillers Gedichte von Euch zu erhalten, denn nach einer solchen Lektüre, und solchem Genusse sehne ich mich fortwährend. Auch bat ich in dem Briefe, den der Baron (v. Müller; 1824-1866) mitnahm, um 'Schäfers Laienbrevier', Berlin 1839, das ich ja nicht zu vergessen bitte, denn der Geist bedarf wirklich manchmal einer tröstenden, beruhigenden Lektüre, und gerade diese bietet jenes Werk."4

Ein Jahr später, am 8. Mai 1850, ertrank der Bruder beim Baden im Nil; ein Unglück, das
Brehm in seinen Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika mit den Worten beschreibt: „Der Tod ereilte ihn zu früh, denn schon in seinem achtundzwanzigsten Jahr haben wir ihn
begraben. Mir starb in ihm der beste Freund, der treueste Gehülfe, der aufopferndste Gefährte.
Sein Tod war der schwerste Schicksalsschlag, der mich je betroffen hat."5
Seine Begleiter und Einheimische halfen ihm, das Geschehene zu verarbeiten: „Es that mir wohl, unaussprechlich wohl, zu sehen, daß sich fünf Religionsparteien vereinigt hatten, um einem Todten die letzte Ehre zu erweisen, um in vier Sprachen an seinem Grabe zu beten."6
Noch ganz unter dem Eindruck des Geschehens notierte Brehm in Band 2, Seite 90, seiner Tagebücher die Anfangszeilen des Gedichtes zum zwölften Januar aus dem Laienbrevier:
„Mit dem Betrübten klagen ist das Beste,
Die Schmerzen ab ihm von der Brust zu lesen,
Und Worte geben seinem stummen Starren;
Damit er bald der Leiden Kreis durchwandle."
Zwei Seiten darauf folgt als weiteres Zitat des Gedicht vom zehnten Oktober mit dem Vermerk „Schefer (II Seite 156)"
„O scheue, scheue die Lebendigen,
Und presse keinem Kinde Thränen aus!
Sie können einst, und bald, vor deinen Augen
Zu Toten werden, und was du verblendet
Vom Tag je ihnen Leides angethan –
Das hast du armen, armen, armen Toten,
Nun – oder hast du hohen, hohen Geistern,
Nun – oder gar dem Gott, dem Gott gethan!
Unfehlbar aber dir, dir, immer dir,
Und in dich selber stürzt die That zurück,
Blickt dich mit ihrem offnen Auge nun
Die Erde – mit dem Grabe – dafür an,
Blickt dich der Sonne Auge dafür an,
Ja, hält der Tote dir sein Aug' geschlossen,
Still wie ein Kind hin, das du küssen willst –
Des Toten Anblick trifft erst herzzerreißend!
Der Schlag, den du dem kranken Hunde gabst,
Wird dich gereun – wenn er gestorben ist,
Wird dich gereun – wenn du gestorben bist.
O presse keinem Kinde Thränen aus!
Und scheue, scheue die Lebendigen!"
Fortsetzung und Schluß des Januargedichtes finden sich schließlich auf Seite 95.
„Denn unermeßlich ist dem Menschen Nichts,
Dem Sterblichen unsterblich Nichts gemessen,
Der Freud' ein Maaß und auch dem Leid ein Ziel.
Und wollt' er ewig weinen – ihm versiechen
Zuletzt die Thränen, wollt' er immer wachen
und seinen Schmerz betrachetn – löst' ihm endlich
Der treue Schlaf die Glieder auf, verwischet
In holden Träumenseinen Schmerz und flüstert
Allmählig Hoffnungsroth und Lebenslust ihm
In so bescheidnen Morgenröthen ein,
Die anspruchslos und schön und treu ihm täglich
Antreten und ihn leise fragen, ob
Er lebend nicht zum Leben kehren wolle?
Denn die da leben, sollen rüstig wirken,
Und wenn wir todt sind, dann erst laßt und ruh'n!"
Zuvor jedoch heißt es, anschließend an die Trostworte des Gouverneurs der Medina in arabischen Schriftzeichen, und verständlicherweise noch ein wenig konfus, „höre ich von allen Seiten, doch will es mich nicht trösten, und ich greife nach meinem Schefer, und zwinge mich fröhlich zu sein, denn sagt er: (I Seite 10) ‚denn unermeßlich ist dem Menschen Nichts,'" usw. In den später gedruckten Aufzeichnungen liest sich diese Passage dann so: „Und dann greife ich zu meinem Laienbrevier, um darin Trost zu suchen und zu finden. O, Leopold Schefer, das hast Du wohl nicht geahnt, daß selbst im fernen Afrika Deine Worte einem tiefbetrübten Herzen Balsam sein würden! Und welcher Trost lag nicht in diesen schönen Worten: ‚denn unermeßlich'" usw.7
Das Laienbrevier erscheint in den Reiseskizzen noch einmal. Ebenfalls im Band 3 wird dem Kapitel VI, „Der Marabu", als Motto der Anfang des Gedichtes vom XXI. Juni vorangestellt:
„Des Elephanten Zahn – das Elfenbein
Ist das, was lockt, daß man ihn jagt und tödtet;
Daß man die Muschel öffnet, daß sie stirbt, -
verursacht ihr die Perle! Netze stellet man
Dem Vogel Tsu, der schönen Federn wegen."
Alfred Brehm besaß eine umfangreiche belletristische Bibliothek, deren zweitgrößte Abteilung die Lyrik war. In ihr sind viele Namen zu finden, die auf eine geistige Verwandtschaft mit Schefer hindeuten, wie Bodenstedt, Rückert, Schwab, Seume und der indische Dichter Kalidasa. Von letzterem stammt übrigens auch die Vorlage für Schefers fragmentarische Oper „Sakontala". Und so finden sich überall in Brehms Werken Zitate, die der damals gängigen Literatur entnommen sind. In Das Leben der Vögel8 sind das, um nur einige bekannte Namen von Zitat-Spendern zu nennen, Bechstein, Geibel, Goethe, von der Grün, Herder, Kinkel, Pfeffel, häufig Rückert, Schiller, Sturm und, nicht zuletzt – "Leopold Schäfer" (sic!)9 . Es ist wiederum das Laienbrevier, das den ersten Abschnitt „Der Leib und seine Glieder" einleitet mit den Zeilen:
„Vom Werke lernest Du des Meisters Kunst.
Ein für Dich unbekanntes Werk wird Dir
Geheimnisvoll schon lieb, wenn Du nur weißt.
Es ist von Deinem Meister, ist sein Schönstes!
Vermuthe das getrost von der Natur!".
Es sind fünf Zeilen aus der Mitte des Gedichts vom achten Mai – dem Todestage seines Bruders Oskar.
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Geschrieben nach einem Hinweis auf das Archiv für Brehmforschung in Thiemendorf bei
Görlitz von Kultursekretär Joachim Mühle, Landratsamt Niesky, und anhand von Unterlagen,
die mir der Leiter des Archivs, Herr Hans-Dietrich Haemmerlein, sowie Herr Jörg Hitzing
von der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf/ Thüringen zur Verfügung stellten.
(2005. Erschienen in: Silesia Nova 4/ 2005; Vereins-Info 23 des Förderkreises Brehm e.V. 2005.)
Anmerkungen
1 Laienbrevier. Berlin: Veit & Comp. Erstes Halbjahr 1834, Zweites Halbjahr 1835,
weiter Veit Bln. 37, 39, 44, 46, 50, 50, 52, 52, 55, 56, Veit Lpz. 59, 63, 67, 69, 72, 78, 84, 98; Reclam 1893;
Hendel 1897; Brewiarz Swiecki (poln.) 1843; The Layman's Breviary (engl.) 1867; Prosa-
Bearbeitung (Dr. Julius Bolia) 1872.
2 Morold, Max: „Ein vergessener Dichter". In: Deutscher Bibliophilen-Kalender für das Jahr
1916. Vierter Jahrgang. Wien: Verlag von Moritz Perles 1916; S.56.
3 Nach den Seitenangaben Brehms muß es sich um die Separatausgabe des Laienbreviers
aus Schefer, Leopold: Ausgewählte Werke. 12 Bde. Leipzig: Veit & Comp. 1845/46 gehandelt haben.
4 Alfred Brehm an seine Mutter. Egypten, am Pfingstmontage 1849. Brehm-Gedenkstätte
Renthendorf Nr.1319.
5 Brehm, Alfred Edmund: Reiseskizzen aus Nord-Ost-Afrika oder den unter egyptischer
Herrschaft stehenden Ländern Egypten, Nubien, Sennahr, Nosseeres, und Kordofahn gesammelt auf seinen in
den Jahren 1847 bis 1852 unternommenen Reisen. 3 Bde. Jena: Friedrich Mauke 1855; Dritter Theil, S. 46.
6 Ebenda S. 49.
7 Ebenda S. 180, und derselbe: Tagebücher, Bd. 2; S. 90-95. Brehm-Gedenkstätte Renthendorf
Nr.5739,2.
8 Derselbe: Das Leben der Vögel. Dargestellt für Haus und Familie. Glogau: C. Fleming
1867; S. 13.
9 Schulze, Andreas: Alfred Brehm als Literat. Magisterarbeit. Typoskript. München 1993; S. 57.
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