05
Zur Startseite

Ingo und Arno

Eine Weihnachtsgeschichte

von Bernd-Ingo Friedrich

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“
Matthäus 7,16: Von den falschen Propheten.


ingo arno weihnachtsgeschichte familienfoto --- ingo arno weihnachtsgeschichte ritterorden


Unter meinen vielen Büchern lässt sich kaum ein halbes Dutzend finden, das sich mit der folgenreich-kurzen Geschichte des dritten deutschen Reiches befasst. Drei Bücher sind es, die mir entsprechend dem obigen Bibelzitat dazu völlig genügen: Kennzeichen J, Die Zerstörung Dresdens und Viktor Klemperers LTI.

Ein viertes, das mit dem tausendjährigen Reich seinem Titel nach nichts zu tun hat, steht in meinem Bücherregal an einer Stelle, wo es mir nicht ständig in die Augen fällt. Es ist Der deutsche Ritterorden von Michael Brink, 1939 im Verlag Bitter & Co. in Recklinghausen erschienen. Mit ihm verbindet sich die folgende Geschichte:

Mein Vater hatte immer ein Photo bei sich, auf dem er und seine sieben Geschwister „wie die Orgelpfeifen“ aufgereiht standen – daher wohl die Geschichte mit dem Standesbeamten, die mein Bruder immer gern erzählte; die Geschichte von unserem Großvater, der auf dem Standesamt die Geburt seines achten Sprößlings anzeigte, und nachdem der Standesbeamte festgestellt hatte, daß der Großvater Jahr für Jahr eine Geburt angezeigt hatte, nur im Jahre soundso nicht, gefragt wurde, was er denn im Jahre soundso gemacht hätte. Darauf soll der Großvater seelenruhig entgegnet haben: „Pause“. Aber die Recherchen für diese Geschichte ergaben, daß jene Geschichte lediglich erdichtet ist, denn die Geburtsjahre meines Vaters und seiner Geschwister hatten überhaupt kein Regelmaß. Meine Geschichte hingegen ist leider wahr. Sie wurde nie erzählt, und alles was ich darüber weiß, mußte ich mir aus einzelnen Bemerkungen zusammensetzen. Sie ereignete sich zur Weihnachtszeit 1943 in Weißwasser, einer Kleinstadt in der Oberlausitz, meinem Geburtsort.

Mein Vater und sein jüngerer Bruder Helmut waren in die Vorbereitungen des GröFaZ zum großen Endsieg einbezogen worden. Vater war gerade 19 Jahre alt, Helmut nach damaligem bürgerlichen Recht ebenfalls noch nicht volljährig. Die beiden jüngsten Geschwister waren 1943 fünf und drei Jahre alt. Am 23. Dezember war seit längerem wieder einmal die ganze Familie beisammen. Die beiden Großen hatten viel zu erzählen. Alle waren aufgeregt und fröhlich, lärmten durcheinander und freuten sich auf Heiligabend. Da erschütterte eine heftige Explosion das Haus. Helmut hatte, um nach Burschenart seinen daheim gebliebenen Kumpels zu imponieren, eine Handgranate mitgebracht. Wohl wissend, daß er damit bei den Eltern schlecht ankommen würde, hatte er sie im Garten unter einem Gebüsch versteckt. Die beiden Jüngsten, Arno und Ingo, hatten sie gefunden und gezündet.

Vaters Photo, das gravierte Patenbesteck Arnos, ein Granatsplitter, der Name eines Cousins und der Name, den ich trage, sind alles, was noch an die beiden Jungen erinnert. Und natürlich das oben erwähnte Buch. Das besondere an ihm ist sein Schutzumschlag: Er ist mit Blut verschmiert. Mein Vater hatte in dem Buch gelesen, als das Unglück geschah. Es lag aufgeschlagen auf dem Küchentisch, auf den man die verstümmelten Leichen der Kinder gelegt hatte.

Vaters Bruder Helmut verließ noch am gleichen Abend das Haus, fuhr an die Front und kehrte aus dem Krieg nicht mehr zurück.


Geburten Arno und Ingo: beurkundet Weißwasser 12/38 und 167/40.
Tod Arno und Ingo am 23.12.43: beurkundet Spremberg 350/43 und 351/43.


(2006. In: Marginalien 184/ 4.2006.)

Kommentare zu diesem Artikel ansehen | Kommentar zu diesem Artikel verfassen

Zur Startseite

Nach oben

made by hsulzer internetagentur © 2008