Kulturerbe heute
Problemfall Leopold Schefer
von Bernd-Ingo Friedrich
Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums schmiegten, die eingingen in den
Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Santa Clara, wohl hüteten, jemal sich
höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese Leute handelten bei den großen Geistern
der Nation, welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem
Geschmack zurecht und gaben sie wiederum Leuten preis, die solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen.
Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von
Gassenwirtshäusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er ihnen echt
und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten
Wasser und Zucker, färben ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren
Kunden unter irgendeinem bedeutungsvollen Namen.
Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst,
daß ihr Gebräu sich nicht halten würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
nicht auch berausche. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne
schwindelnd macht. (...) Sie kleiden ihr Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht
anregt, ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren, sie geben sich das Ansehen von heiterem,
sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen Natürlichkeit, die lebt und leben läßt, sie sind arglose Leute,
die ja nichts wollen, als ihrem Mitmenschen seine „oft trüben Stunden erheitern", und ihn auf eine natürliche,
unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte,
und die Krallen kommen frühe genug ans Licht.
(Wilhelm Hauff über H. Clauren, 1827)

Gips, um 1850.
Kein Schriftsteller, vielleicht am wenigsten Leopold Schefer, hat eine derartige Behandlung verdient.
Ihm ergeht es seit seinem Tode mit den "Volksmännern" (und -frauen) wie der Nelly vom Loch Ness mit den Jounalisten im Sommerloch: Wenn sich aus den Fingern nichts mehr saugen läßt, wird irgend eine alte
Geschichte aufgewärmt. („Kaum ist etwas Gras über eine
Sache gewachsen, kommt irgendein Kamel und frisst es wieder weg.") Die Mutmaßung,
Leopold Schefer könnte mehr mit dem Muskauer Park zu tun haben, als man ihm bisher
zugestanden hat, gehört zu diesen Geschichten.
Ob Dr. Adolph Kohut ein Verehrer Schefers war, der in seiner Begeisterung für den Meister ein wenig über das Ziel hinaus schoß, oder ob er bereits zu jenen Marketing- Strategen gehörte, denen die Sensation über das Thema geht - so wie sie sich heute in Politik und Kultur tummeln - sei dahingestellt. Er veröffentlichte 1884 anlässlich des 100. Geburtstages Leopold Schefers eine Würdigung, in der er die Rolle Schefers bei der Anlage des Parkes etwas überzeichnete.1 Damit stieß er eine Lawine von Leserzuschriften in der Gartenzeitung los, in der sich die deutsche Gärtnerschaft vehement für ihren Abgott Pückler in die Bresche schlug und argumentativ dabei ebenso in Schieflage geriet wie andererseits Dr. Kohut. Dessen Ansicht tauchte noch einmal 1893 im Vorwort der Reclam- Ausgabe von Schefers Laienbrevier auf und dürfte damit verantwortlich dafür sein, dass in einer Anthologie von 1964 Schefer gar als der Schöpfer des Muskauer Parkes genannt wird. 2 Daß Schefer dazu beitrug, das „Parkfeuer" in Pückler zu entzünden, steht außer Frage. Sein Biograph Lüdemann vermerkt es ausdrücklich, und auch Schefer selbst vergisst nicht, gelegentlich darauf hinzuweisen. Doch mehr war da nicht, und wäre da mehr gewesen, hätte Schefer sich gewiß dahingehend geäußert. Es nicht zu tun hätte selbst einem „Weltweisen" wie ihm ein kaum aufzubringendes Maß an Selbstverleugnung abgefordert. Damit könnte man das Thema ablegen, doch es geht ja um mehr - viel mehr -, nämlich um das Vermarkten eines unbequemen, Gottseidank toten Mannes, mit dem man zwar nichts anfangen kann, aus dem man aber Geld holen möchte.
Während sich Dr. Kohuts damals fast noch zeitgenössischen Ansichten und deren Wiederholung in den frühen 60ern noch mit mangelndem Wissen begründen lassen, kann man diese Entschuldigung heute nicht mehr akzeptieren. Und so stellen sich die Versuche, Leopold Schefer über diese längst geschlossene Hintertür wieder ins Gespräch zu bringen - bei Lichte besehen - als kalkulierte Kampagnen aus ökonomischem Interesse dar. Man möchte einen Dichter vor den Touristen-Karren spannen, mit dem man ansonsten nichts anfangen kann, oder will, weil er angeblich zu schwierig sei. Diese aus einer gediegenen Ignoranz geborene Einschätzung Schefers verhindert bis heute eine angemessene Würdigung in seiner Heimat seit den ersten Versuchen durch die Professoren Bettina und Lars Clausen in den 70er Jahren. Das wird zum Beispiel in einer Festrede des damaligen Parkverwalters E. T. A. Kurland deutlich, die an Schlitzohrigkeit kaum zu übertreffen ist. Er teilt darin einige biographische Fakten mit, verweilt etwas länger in seinem Metier, der Parkgestaltung, und kommt dann über die üblichen Zitate zur Ungenießbarkeit der Scheferschen Werke auf die Literatur des Vormärz und der Achtundvierziger Revolutionäre zu sprechen, auf Georg Herwegh und natürlich auf die Arbeiterklasse usw. Er schließt die mehrseitige Betrachtung mit dem Satz: „...es bleibt weiteren Forschungen vorbehalten, wie das Werk Schefers und seine politische Anschauung zu den dargelegten historischen Fragen eingeschätzt werden muß." 3
Das mehrbändige Literaturlexikon der DDR tut Schefer mit dem Nebensatz ab: „Apologetisch verhielten sich nach wie vor jene Autoren, die der Volksbewegung fern standen und auch nicht die Brüchigkeit der alten Ordnung und die Unausweichlichkeit der gesellschaftlichen Veränderungen erkannt hatten. Das betraf (...) Dichter ungebrochener konfessioneller Religiosität (...) oder philiströs-beschränkter Bürgerlichkeit (L. Schefer)." 4
Darauf bezieht sich Dr. phil. Proske 1984 in einem Artikel in der Lausitzer Rundschau: „Trotz seiner philiströs beschränkten Bürgerlichkeit verdient Schefer eine differenzierte Würdigung." 5 Immerhin schreibt derselbe nach der Wende wohl ungewollt selbstkritisch unter der Überschrift „Dir müssen Feind sein, die Knechtschaft wollen": „Vermeintliche Sozialisten befanden auf philiströs beschränkte Bürgerlichkeit." 6
Solche Urteile sind keine Wertung, sondern kommen einer Abwertung des Dichters gleich. In ihnen paaren sich zum mindesten Hilflosigkeit, Unverständnis und eine gewisse Arroganz, und am ehrlichsten (auch solidesten) kommen noch jene daher, die sich ihre Substanz erborgen bei Arno Schmidt oder den Professoren Clausen. Völlig blödsinnig sind Anleihen bei Kritikern, die Schefer weder gemocht noch verstanden oder gar nicht gelesen haben. Schefer war Schriftsteller, und über einen Schriftsteller zu schreiben, ohne wenigstens sein Hauptwerk und einige andere seiner Werke zu kennen, und dennoch Urteile zu fällen, oder lediglich zu kolportieren, ist anmaßend. Gewiß - Schefer läßt sich nicht einfach konsumieren oder benutzen. Aber wer noch nicht aufgehört hat, sich zu fragen, wie das Zusammenleben der Menschen besser organisiert werden könnte und wie der Mensch dazu beschaffen sein müßte, kann Schefer auch heute mit Gewinn und Vergnügen lesen. Er verkörpert eine Weltsicht, die unpolitisch erscheint und eben deshalb politisch ist; er läßt sich nicht vereinnahmen und verlangt dem, der sich auf ihn einläßt, kompromißlos praktische und vor allem persönliche Konsequenzen ab.
Wer Schefer aus diesem Grunde oder einfach nur deshalb ablehnt, weil er ihm zu weitschweifig, kompliziert, zu dunkel usw. ist, sollte sich mit ihm erst gar nicht abgeben. Das sollte er denen überlassen, die Schefer mit Sympathie lesen - und stattdessen die Gala abonnieren und sich mit Prinz Ernst August von Hannover befassen. Zum Beispiel.
Anmerkungen
1 Kohut, Adolph: „Gedenkblatt zum 100sten Geburtstage Leopold Schefers" In: Der Salon für
Literatur, Kunst und Gesellschaft. Leipzig: Payne, Band II 1884; S. 381-395. S. dazu auch Clausen, Bettina: Leopold-Schefer-Bibliographie. Ffm.: Bangert & Metzler 1985; S. 257.
2 Schmitthenner, Hansjörg: Blume der Nacht. Traum und Wirklichkeit der Romantik.
München: Südwest Verlag (1968); S. 210.
3 Kurland, K.H.A.: Wer war Leopold Schefer? (Vortrag auf einem Schefer-Forum zum 110.
Todestag des Dichters und Komponisten am 13.2.1972 im Alten Schloß in Bad Muskau.) Typoskript o. O. 1972.
4 Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. 12 Bde.
Hrsg. Hans-Günther Thalheim u.a. Berlin: Volk und Wissen volkseigener Verlag 1965-1983. Achter Band,
Erster Halbband 1975; S. 203.
5 Proske, Detlef: „Die Welt ist schaffbar. Zum 200. Geburtstag des Muskauer Humanisten
Leopold Schefer." In: Lausitzer Rundschau vom 28. Juli 1984; S. 6.
6 Ders.: „Dir müssen Feind sein, die Knechtschaft wollen". Zum 130. Todestag des Muskauer
Dichters Leopold Schefer". In: WW Wochenblatt 2 (1992) Nr. 9 vom 26./27.2.1992; S. 2.
(2005)
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