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Friederike Kempner

Die schlesische Nachtigall

von Bernd-Ingo Friedrich



Zum 100. Todestag der Dichterin


friederike kempner


Willst gelangen du zum Ziele,
Wohlverdienten Preis gewinnen,
Muß der Schweiß herunterrinnen
Von der Decke bis zur Diele!

Die Dichterin dieses lehrreichen Vierzeilers hieß Friederike Kempner, genannt „Der schlesische Schwan". Sie starb vor 100 Jahren am 23. Februar 1904 auf ihrem Gut Friederikenhof in der Nähe von Breslau. Ihr Grab auf dem jüdischen Friedhof in Breslau ist erhalten geblieben und wird gepflegt von einer treuen Fan-Gemeinde, deren Name der Dichterin vermutlich selbst zur Inspirationsquelle geworden wäre, dem „Freundeskreis Kempner/ Friederike Kempner Gesellschaft e.V.". Geboren wurde sie am 25. Juni 1836 in Opatow in der Provinz Posen. Sie blieb unverheiratet und weihte ihr Leben der Poesie, den Armen und dem Kampf gegen Einzelhaft, Antisemitismus und die versehentliche Bestattung noch Lebender.

Sie gilt als eine der herausragenden Vertreterinnen des unfreiwillig komischen Humors in der deutschen Literatur, und die „Goldschnitt-Lyrik" der Gründerzeit wäre ohne sie um ein charmantes Highlight ärmer. Ihre Gedichte erlebten im Selbstverlag mehrere von Mal zu Mal umfangreichere Auflagen. Bereits zu ihren Lebzeiten erschienen zahlreiche Parodien, die ihr das Leben verbitterten, ihren Drang zum Reimeschmieden aber nicht hemmen konnten. Ihre Familie, so heißt es, kaufte ihre Gedichte auf, um das Ansehen der Familie zu wahren. Doch das könnte auch erdichtet sein. Tatsache ist, dass der bekannte Literaturkritiker und Publizist Alfred Kerr ursprünglich ebenfalls Kempner hieß und daß er schließlich, genervt von den ständigen Anspielungen auf seine Holperverse dichtende Verwandte, seinen Namen änderte. Es gilt unter Fachleuten jedoch ganz und gar nicht als ausgemacht, dass sie ihre Gedichte unfreiwillig komisch zur Welt brachte. Die Vermutung, es würde sich bei dem scheinbar harmlosen Fräulein um ein frühes Marketing-Genie handeln, ist nicht abwegig. Schon Zeitgenossen äußerten den Verdacht, die Naive könnte tatsächlich ein Schlitzohr sein, und ihre drolligen Schöpfungen wären lediglich U-Boote für den Transport ihrer sozialkritischen Ideen. Die anhaltende Resonanz auf ihr Werk wäre eine Bestätigung dafür. Im Vorwort des Katalogs einer Ausstellung des Freundeskreises Kempner zu Leben und Werk der Dichterin heißt es:

„Als sich 1989 der Freundeskreis (...) gründete, stand für die Vereinsmitglieder noch die unfreiwillige Komik im Vordergrund des literarischen Interesses an Friederike Kempner. Die weitere Auseinandersetzung mit der Person der Dichterin und mit ihrem Werk brachten aber bald neue Aspekte. Friederike Kempner erwies sich immer mehr als eine engagierte und kritische Frau. Vor allem aber eröffnete die Beschäftigung mit ihr einen ungewöhnlich interessanten Zugang in die Welt des 19. Jahrhunderts, denn Friederike Kempner war in ihrem ganzen Wirken auch ein typisches Kind ihrer Zeit."

Theaterstücke von ihr wurden in Berlin und Breslau gespielt, und die Einführung von Leichenschauhäusern in Preußen durch königliches Reskript im Jahre 1871 ist ihr Verdienst. Wenn nun doch wieder ein etwas verrückteres Exempel ihrer Dichtkunst folgt, dann nur, weil auch dieser kleine Nekrolog auf unsere „schlesischen Nachtigall" sich gern ihrer bedient, um dem Leser mehr Appetit auf das lyrische Fräulein Kempner zu machen. Sie hat es ja so gewollt. Oder vielleicht doch nicht ?

Im Gebüsch gestreckt
Ruhet Hindu faul,
Gift'ge Schlange leckt
Gierig sich das Maul

Nimmt erst Anlauf dann,
springt auf Hindu ein,
Schlägt dem armen Mann
Giftzahn in's Gebein.

Hindu fliehen will –
Glieder sind verkrampft –
Bet' zu Buddha still
Und verscheidet sanft.

(2004)

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