Wie mich seit vielen Jahren ein Molch verfolcht
Die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer
von Bernd-Ingo Friedrich
„Andrias Scheuchzeri“ ist der Molch aus Karel Capeks Roman Der Krieg mit den Molchen, und natürlich verfolgt er mich nicht leibhaftig. Doch seit über vier Jahrzehnten kreuzt er meine Lebensbahn, indem er etwa alle zehn Jahre unverhofft und ohne daß ich mich darum kümmere, in meiner Lektüre auftaucht. Der Molch verdankt seine literarische Geburt einem opulenten Werk der Frühaufklärung, denn Capek kannte die Abbildung des Skelettes, das der „Med. D. Prof. in Lyceo Tirugino, Academiae Imper. Naturae Curiosor. LEOPOLDINO-CAROLINAR AE Adjuncto, & Socc. Regg. Anglicae & Prussicae Membro“ Johann Jakob Scheuchzer zu Beginn des 18. Jahrhunderts mehrmals veröffentlichte, u.a. in einer der bemerkenswertesten, gut überlieferten und dennoch wenig bekannten Bibelausgaben. Es vergingen allerdings fast vier Jahrzehnte, bis ich dahinterkam.
Ich begann mit dem Lesen in den Fünfzigern, bis dahin war Vaters Lexikon mein liebstes Bilderbuch. Ihm, dem „Allbuch“ von 1942, verdankte ich meine ersten Bildungserlebnisse. Ich bestimmte damit Mineralien und vieles Andere, ohne Rücksicht auf Chemie und Physik, lediglich anhand der Abbildungen und erwarb mir damit den schmeichelhaften, natürlich unbegründeten Ruf eines frühreifen Gelehrten. Als mir eines Tages beim Altpapiersammeln eine zerfledderte alte Ausgabe von Karel Capeks Krieg der Molche ohne Titelblatt in die Hände fiel und ich darin zum ersten Mal auf den Namen Scheuchzer stieß, suchte ich natürlich in diesem Lexikon danach, doch die Auskunft, die ich fand, war recht unbefriedigend, und so blieb der Stachel stecken. Es war wohl der seltsame Klang des Namens, die Mischung aus Schluchzer und Scheuche, der mich fasziniert hatte. Den vollständigen Krieg mit den Molchen des Aufbau Verlages1 , den ich Anfang der 60er geschenkt bekam, stellte ich leider achtlos beiseite, weil ich das Buch ja bereits gelesen hatte. So entging mir die Abbildung des Skelettes auf Seite 92.

Im „Allbuch“ steht unter dem Stichwort Scheuchzer: Scheuchzer, Johann Jacob, schweiz. Naturforscher, *1672 Zürich, †das.1733, beschrieb fossile Pflanzen und Tiere. Er ist der erste Erforscher des schweiz. Hochgebirges. Schrift: „Naturhistorie des Schweizerlandes“ (2 Tle., deutsch 1716-18). 2
Scheuchzers Naturhistorie hat in der einschlägigen Literatur Spuren hinterlassen. Weniger bekannt ist seine meist Physica Sacra genannte „Kupfer-Bibel“ 3 , obwohl sie in die Gegenwartsliteratur hinein gewirkt hat – siehe oben. Sie ist ein Versuch, die damaligen Erkenntnisse der Naturwissenschaften in Kongruenz mit der Bibel zu bringen, ein letzter, großartiger Versuch der Versöhnung vor allem von Theologie und Geologie bzw. Paläontologie. Scheuchzer war Diluvianist. Indem er die Entstehung der Fossilien durch die Sintflut erklärte, gelang es ihm, die augenscheinliche organische Herkunft der Versteinerungen, mechanische Auffassungen der Welt und die Schöpfungsgeschichte in Einklang zu bringen. Darüber hinaus brachte er in dem umfangreichen Werk eine solche Fülle von Informationen aus allen Wissensgebieten unter, daß es eine ganz eigene, lexikalische Qualität bekam. Es werden darin, sämtlich aus Bibelstellen abgeleitet, selbst so kuriose Untersuchungen angestellt wie zu „Cavallerie“, „wo die Weiber die größte Brüste haben“, „woraus die Americanische Völcker ihr Brod backen“ usw. Dem vielbelesenen Scheuchzer wucherte der Stoff unter den Händen, die Zahl der Kupfer wurde einige Male vergrößert, und die Herausgabe der Bibel zog sich über mehrere Jahre hin. Subskribenten mußten vertröstet, die Preise erhöht werden, das Vorhaben wuchs sich zu einem verlegerischen Großunternehmen aus. Im Jahre 1735 endlich lag die umfangreich kommentierte Scheuchzer-Bibel samt Kupfern komplett vor und wurde Dank der umsichtigen Geschäftsführung des Verlegers Pfeffel auch wirtschaftlich zum Erfolg. An ihm hatten der Zeichner und Kupferstecher Johann Melchior Füßli und der Maler, Zeichner und Direktor der Nürnberger Kunstakademie Johann Daniel Preißler als Gestalter der Tafeln maßgeblichen Anteil. An dem Mammutunternehmen hatten außerdem 26 Kupferstecher aus Nürnberg und Augsburg gearbeitet, von denen das Vorwort 19 mit Namen, Geburtsdatum und Wohnort nennt, darunter die Söhne von Pfeffel und Scheuchzer. Als Korrektor war Johann Martin Miller tätig, gedruckt wurde bei Christian Ulrich Wagner d.Ä. aus Ulm. Das Werk bestand schließlich aus vier Bänden in Extrafolio, enthielt 760 ganzseitige Kupfertafeln und kostete die seinerzeit enorme Summe von 75 Reichsgulden.
1967 kam ich in ein Dresdener Internat. Dort lernte ich einen alten Herrn kennen, der alle möglichen und unmöglichen Dinge sammelte, vor allem aber Minerale und Fossilien, und alle Tagebaue, Steinbrüche und Kiesgruben zwischen Dresden Schlottwitz und St. Egidien kannte. Vom Trittpflaster durch den Garten, das Ammoniten enthielt, über altgermanische Mühlsteine im Kaninchen-, Wasserleitungen und Skeletteile aus dem 16. und 17. Jahrhundert im Hühnerstall, Jugendstil-Schränke voller Steine unter Heu in einem Schuppen - bis in den letzten Winkel des Hauses hinein war alles von seiner Leidenschaft gezeichnet. Seiner Frau war in der Küche eine winzige Ecke geblieben, die sie sich jedoch mit ein paar Salamandern teilen mußte, die im Aquarium auf dem Fensterbrett wohnten. Gelegentlich begleitete ich ihn beim Pflanzensammeln in der näheren Umgebung und einmal in einen Tagebau, wo ich tatsächlich einige fossile Samen des Mastix-Baumes (ein Hartriegelgewächs wie die Cornaceae, die Kornelkirsche; ein Braunkohlenbildner) und einen kartoffelgroßen, 140 Gramm schweren Bernsteinbrocken fand. Er besaß auch eine wertvolle Handbibliothek und zeigte mir daraus einmal ein mehrbändiges, mit Kupferstichen illustriertes Werk Scheuchzers, dessen Titel ich allerdings vergessen habe. Es enthielt wohl Abbildungen von Fossilien aus der Sammlung Scheuchzers. Als ich das Internat und Dresden nach zwei Jahren verließ, schenkte mir mein väterlicher Freund einen silbernen Freundschaftsbecher und das Buch Zwei Jahrtausende Bibelbuch.4 Darin fand ich neben vielen anderen auch die Scheuchzer-Bibel beschrieben und wußte nun schon ein bißchen mehr.
Im nächsten Jahrzehnt, es war 1978, erwarb ich im Rostocker Antiquariat einige ältere Jahrgänge der Marginalien, darunter den 1964er. Bei dem Artikel von Kurt Kauter im Augustheft5 konnte ich mich über die Physica Sacra fast schon als gute alte Bekannte freuen. Der Autor beschreibt darin ausführlich Scheuchzers Bemühungen, ein angeblich menschliches Skelett, das Skelett eines Riesensalamanders aus der Molasse des nördlichen Alpenvorlandes, in seine diluviane Beweisführung zu integrieren, denn das Problem war, daß sich keine fossilen Menschen finden ließen. (Was hätte Scheuchzer wohl zum Ötzi gesagt ... ?).
Als ich mir 1987 den Krieg mit den Molchen in der von Ticha gestalteten Ausgabe kaufte, freute ich mich sehr, hierin auch ein Skelett und dazu den lustigen, von Ticha rekonstruierten Molch zu finden. 6 Der Zusammenhang zwischen dem Molch Andrias und der Physica Sacra blieb mir weiterhin verborgen, denn ich las wieder nicht richtig - weil ich den Roman doch schon gelesen hatte! Außerdem kannte ich die Tafel XLIX der Scheuchzer-Bibel noch nicht.
1994 absolvierte ich ein Praktikum in Esslingen am Neckar. Viel freie Zeit verbrachte ich in Esslingens Gaststätten beim fabelhaften Esslinger Wein und natürlich in Buchhandlungen, Antiquariaten und Archiven, so auch im dortigen Stadtarchiv. Esslingen besitzt außerdem eine kleine, erlesene Kirchenbibliothek, die von dem Archiv mit betreut wird. Es gelang mir nach einigen vergeblichen Anläufen, diese kleine Bibliothek zu besichtigen und erlebte eine große Überraschung: ich begegnete „meiner“ Scheuchzer-Bibel leibhaftig. An einem freien Tag bestellte ich mir alle vier Bände in den Lesesaal und entdeckte im ersten Band ein Skelett, das mir irgendwie bekannt vorkam. Es war das Skelett des diluvialen Menschen, doch offenbar hatte ich in dem Moment völlig vergessen, was ich bis dahin darüber gelesen hatte. Wenig später erstand ich Kunstvolle Wissenschaft7 , begegnete darin Scheuchzers Bibel diesmal als „Physique sacrée“, und noch immer war der Groschen nicht gefallen.
2002 war ich bei der Überschrift „Die ganze Bibel als Raster zur Aufbereitung des Wissens“ in Populäre Enzyclopädien8 wieder auf die Physica Sacra gestoßen und hatte mir daraufhin die Geheiligte Naturwissenschaft9 von Irmgard Müsch besorgt. Nun erst entdeckte ich die Identität von „Homo diluvii testis“ alias „Andrias Scheuchzeri“.
Das von Scheuchzer im wahren Sinne des Wortes erdichtete „Betrübte Bein-Gerüst von einem armen Sünder“ („Erweiche Stein und Herz der neuen Bosheit-Kinder.“) ist nämlich (der aufmerksame Leser weiß es längst) das Urbild der Skelette in meinen Capek-Ausgaben. Die Anfang des 18. Jahrhunderts in den Öninger Steinbrüchen gefundene Steinplatte mit den fossilen Resten des bei Capek als „Cryptobranchus primaevus“ oder „Andrias Scheuchzeri“ bezeichneten Reptils gelangte 1725 in Scheuchzers Sammlung und wurde von ihm gern als menschliches Skelett gedeutet. Er gab die Abbildung des Steins 1726 unter dem Titel „Homo diluvii testis“ heraus und verschickte sie stolz an seine Kollegen. Von einem der Paläontologen erhielt er folgende Antwort:
„Vor übersandtes Kupfer von dero Homine Diluviano sage ich gehorsammen danck, und werde es zu dero Ehren in meinem Museo verwahren. Ich muß bekennen, daß Sie, wand es nicht etwann ein großer Fisch ist, ein a parte curriositaet vor vielen andren besitzen, u. wenn es auch ein Fisch wäre, so ist Er ansehnlich genug, u. hat kaum seines gleichen.“ 10
Scheuchzer ließ sich durch solche Einwände nicht beirren und dachte gar nicht daran, einer Lappalie wegen seine ganze schöne Theorie aufzugeben, und so konnte Scheuchzers Molch-Mensch zwei Jahrhunderte später zum Romanhelden avancieren.
Als ich mir 2003 die Idee zu dieser Geschichte notierte, ahnte ich nicht, daß das Leben selbst schon deren Fortsetzung und Schluß für mich bereit hielt, wie ich sie mir nicht besser hätte ausdenken können. Ich unterhielt mich mit einem befreundeten Antiquitätenhändler über das hinterhältig-unvorhersehbare Auftauchen jeder Art von Schwierigkeiten bei der Ausführung ohnehin schon kniffliger Projekte. Dabei illustrierte ich meine Behauptung, man könne zwar alles anfangen, man dürfe nur nicht wissen, was dabei auf einen zukomme, mit der soeben gelesenen Entstehungsgeschichte der Scheuchzer-Bibel. Daraufhin stutzte er, verschwand unvermittelt, und wenige Augenblicke später präsentierte er mir stolz und vergnügt einen Band Kupfer=Tafeln Zu der PHYSICA SACRA ( ...) Darinnen die erstern 364.Tafeln (...) Augsburg 1731. Er enthielt die TAB. XLIX mit dem Skelett des falschen Homo diluvii. Die Formulierung „enthielt“ impliziert, daß es den Band als solchen nicht mehr gibt, denn die Kupfer wurden, nachdem sie jahrelang den Laden gehütet hatten, einzeln verkauft. Tabula 49 mit dem Skelett des „Andrias Scheuchzeri“ hängt jetzt neben mir an meinem Schreibplatz.
(2003)


Nachtrag 2008 - danke, Helga!
Anmerkungen
1 Capek, Karel: Der Krieg mit den Molchen. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1954; Abb. S. 92.
2 Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden und einem Atlas. Leipzig: F. A. Brockhaus 1942.
3 Scheuchzer, Johann Jakob: Kupfer-Bibel / In welcher Die PHYSICA SACRA Oder Geheiligte Natur-Wissenschafft Derer In Heil. Schrifft vorkommenden Natürlichen Sachen / Deutlich erklärt und bewährt Von JOH. JAKOB SCHEVCHZER Med. D. (...) Anbey Zur Erläuterung und Zierde des Wercks In Künstlichen Kupfer-Tafeln Ausgegeben und verlegt Durch Johann Andreas Pfeffel (...) Augspurg und Ulm / Gedruckt bey Christian Ulrich Wagner (vier Foliobände) 1731, 1733, 1735.
4 Eule, Wilhelm: Zwei Jahrtausende Bibelbuch. Berlin: Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft 1958; S. 174.
5 Kauter, Kurt: „Die Kupferbibel und ihre Bedeutung für die Geschichte der Geologie“. In: Marginalien. Blätter der Pirckheimer Gesellschaft. Fünfzehntes Heft. August 1964; S. 53-60.
6 Capek, Karel: Der Krieg mit den Molchen. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1987. Illustrationen, Typographie und Einband: Hans Ticha; Abb. S. 95.
7 Stafford, Barbara Maria: Kunstvolle Wissenschaft. Aufklärung, Unterhaltung und der Niedergang der visuellen Bildung. Amsterdam, Dresden: Verlag der Kunst 1998; S. 52.
8 Populäre Enzyclopädien. Hrsg. Ingrid Tomkowiak. Zürich: Chronos Verlag 2002; S. 55-57 u.a.
9 Müsch, Irmgard: Geheiligte Naturwissenschaft. Die Kupferbibel des Johann Jacob Scheuchzer. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000. (Dissertation)
10 Müsch S. 142.
Die Wiedergabe der Illustrationen von Hans Ticha erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Künstlers.
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