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Leopold Schefer und Japan?

Eine Plauderei

von Bernd-Ingo Friedrich

Mit Dank für ihre sachkundige Hilfe an Beate "Belise" Wonde, Berlin.


Was haben der deutsche Biedermeierautor Leopold Schefer (1784-1862) und der japanische Generaloberstabsarzt Mori Rintarô (1862-1922) gemeinsam? Oberflächlich betrachtet gar nichts, denn ein Vergleich ihrer Lebensdaten ergibt, daß Mori Rintarô (wenn man diese Tatsache nicht zugleich als eine Gemeinsamkeit annehmen will) im Todesjahr Schefers erst geboren wurde. Doch ein Blick in beider Biographien fördert eine Reihe von Gemeinsamkeiten zutage: ihre Väter waren Ärzte, beide liebten leidenschaftlich, beide erlitten eine gewaltsame Trennung von der Geliebten, und beide verarbeiteten diese existenzbedrohliche Erfahrung zu noch heute geschätzten Meisterwerken. Beide sind hierzulande nur Wenigen bekannt.

In einem Festvortrag zum 222. Geburtstag Leopold Schefers, gehalten am 30. Juli 2006 im Muskauer Schloß, verglich Professor Klaus Völker, Herausgeber eines längst vergriffenen Bandes ausgewählter Novellen Schefers1 die Bedeutung des Muskauer Erzählers für seine Zeit mit der Martin Walsers für die unsrige – nur nannte er ihn (mit der eingeschobenen Bitte, man möge ihn dafür nicht steinigen) „tausendmal besser“. Wo Walser bald ins Seichte abgleite und monoton werde, da fange es bei Schefer an, interessant zu werden und bliebe es bis zum Schluß. Den unbegreiflichen Bedeutungsverlust Schefers in der deutschen Literaturgeschichte illustrierte er anhand der Verlagsanzeigen einer mehrfach aufgelegten Separatausgabe der Novelle Die Prinzeninseln.2 Diese Novelle ist die einzige selbständige Veröffentlichung eines Scheferschen Werkes nach 1900, und die genannte Reklame präsentierte Schefer in der illustren Gesellschaft von Balzac, Mynona, Schwitters und anderen. Eine andere Novelle Schefers, Die Düvecke oder die Leiden einer Königin, war zuvor von Paul Heyse in den Band 19 der Anthologie Deutscher Novellenschatz aufgenommen worden.3


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Diese Anthologie mit 84 Novellen befand sich auch im Besitz Mori Ôgais, der in seiner Heimat verehrt wird wie hierzulande Goethe, von dem es jedoch in Deutschland beinahe 100 Jahre nach seinem Tode noch immer keine Biographie gibt. Diese ist überfällig angesichts der Tatsache, daß der unter seinem Künstlernamen Ôgai („Möwenfern“) bekannte Militärarzt, Schriftsteller und Übersetzer die deutsche Literatur in Japan bekannt machte und ihr mit hervorragenden Übersetzungen zu großem Ansehen verhalf.

(Den Goethe-Übersetzer Mori Ôgai stellt ein Heft der Mori-Ôgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität in Berlin Mitte vor4, Mori Ôgais Deutschlandtagebuch enthält einen längeren biographischen Anhang5 , andere in deutscher Sprache vorliegende Veröffentlichungen seiner Werke enthalten mehr oder weniger ausführliche Begleittexte, darüber hinaus existiert so gut wie nichts.)

Als Sohn einer alten Arztfamilie mit Verbindungen zum Fürstenhof in Tsuwano, seinem Geburtsort, erlernte Mori Ôgai die klassische chinesische Sprache, das damals für eine Karriere notwendige Holländisch sowie Deutsch, ging 1872 zusammen mit dem Vater nach Tokio und begann 1874, Medizin zu studieren. Er schloß das Studium, neunzehnjährig, im Jahre 1881 ab und trat anschließend als Militärarzt in das kaiserlichen Heer ein. Nach einer erfolglosen Bewerbung ging er 1884 zum Studium der Hygiene und des Heeressanitätswesens nach Deutschland. Über Leipzig, Dresden und München gelangte er im April 1887 zu Robert Koch nach Berlin. 1888 kehrte er in seine Heimat zurück und beendete seine Militärlaufbahn 1916 als ranghöchster Militärarzt des japanischen Heeres. 1917 wurde er zum Generaldirektor der Kaiserlichen Bibliotheken und Museen ernannt.

Deutschland wurde für Mori Ôgai zum prägenden Erlebnis. Sein Deutschlandtagebuch, niedergeschrieben in klassischem Chinesisch, und seine umfangreiche Bibliothek zeugen davon. In seinem 38 Bände umfassenden Gesamtwerk finden sich unzählige Übersetzungen deutscher Autoren wie Clausewitz, Goethe, Hackländer, Heine, E.T.A. Hoffmann, Kleist, Knigge, Lessing und Schiller, darunter so bedeutende Werke wie Clausewitz’ Vom Kriege (ca. 1200 Seiten!) und beide Teile von Goethes Faust. (Ein Werk Leopold Schefers ist leider nicht dabei.)

Werke Mori Ôgais gehörten noch vor etwa 3 Jahren zur Pflichtlektüre an den höheren Schulen Japans. Allerdings sind Ôgai und sein Zeitgenosse Natsume Soseki vom Pflichtlehrplan gestrichen worden, weil der sprachliche Entfremdungsgrad - zumindest im frühen Schaffen Ôgais - zum heutigen Japanisch zu groß geworden und nur noch mit Hilfe zu überwinden ist. Übertragungen in das heutige Japanisch hingegen fehlt die Authentizität des Originals. Den Lehrern steht es jedoch frei, in offenen Stunden „Ôgai“ zu unterrichten, wovon sie auch gern Gebrauch machen.


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Als Schriftsteller berühmt wurde Ôgai, der sich intensiv mit Paul Heyse und dessen „Falkentheorie“6 auseinandergesetzt hatte, mit Novellen. Seine bekannteste Novelle, die auch in deutscher Übersetzung vorliegt, hat ihren realen Hintergrund in der Biographie des Dichters: Mori Ôgai verliebte sich in Berlin in ein Mädchen, dessen Namen die Novelle selbst nennt. Die Geliebte heißt darin „Elis“, der Name des Vaters, und damit ihr Nachname, wird mit „Ernst Wiegert“ und dem Zusatz „Schneidermeister“ genannt. Es erscheint zunächst wenig glaubhaft, daß ihr Name tatsächlich unverschlüsselt in die Literatur gelangt sein soll, doch ein erhalten gebliebenes Dokument beweist es. Ôgai verbrachte mit Elise eine sehr glückliche, wenn auch nicht unbeschwerte Zeit, denn schon seine Berliner Vertrauten empfanden sein Verhältnis als unpassend, und der Konflikt mit seiner Familie kündigte sich bereits an. Unmittelbar nach seiner Heimkehr nach Japan forderte ihn die Familie mit Nachdruck auf, sich von Elise zu trennen, und Ôgai, im Geist des Konfuzianismus streng erzogen, gehorchte. Elise, die ihm von Deutschland nachgereist war, bekam Geld und wurde zurück nach Deutschland geschickt. Die Schiffs-Passagierlisten von Yokohama und Hong Kong mit ihrem Eintrag sind noch vorhanden. Je nachdem, wo in der Sütterlinschrift der i-Punkt hingeraten ist, erscheint sie einmal als Elise Wiegert, ein andermal als Elise Weigert. Ôgai wurde mit einer ungeliebten, von der Familie bestimmten Frau verheiratet. Er entledigte sich des Traumas schreibend, praktisch während der Flitterwochen, und so entstand die Novelle Das Ballettmädchen7, deren Bedeutung für die japanische Literatur der des „Werther“ für die deutsche gleichkommt. Eine weitere Beziehung zu einem heute kaum noch gelesenen, seinerzeit ebenso wie Paul Heyse sehr geschätzten Autor, Friedrich Hackländer8, knüpfte Mori Ôgai selbst, indem er ihn bei der Charakteristik Elises in der Novelle zitierte:

„Die Beziehungen zwischen mir und Elis waren bisher unschuldiger, als es in den Augen anderer erscheinen mochte. Weil ihr Vater arm war, hatte sie nichts ordentliches lernen können. Mit fünfzehn war sie dem Angebot eines Tanzmeisters gefolgt und in diesem anrüchigen Gewerbe ausgebildet worden. Nach Abschluß des Kursus kam sie ans Victoria-Theater, wo sie derzeit einen zweiten Platz unter den Ballettmädchen einnahm. Sie führte also das traurige Leben einer Tänzerin, von der der Dichter Hackänder sagt, sie sei die Sklavin der heutigen Zeit. Für einen Lohn, der kaum der Rede wert ist, sind diese Mädchen in Fesseln geschlagen und werden tagsüber bei den Proben und abends auf der Bühne hart herangenommen. Sobald sie die Garderobe des Theaters betreten haben, pudern und schminken sie sich und schlüpfen in hübsche Kostüme, draußen aber reicht es oft nicht einmal für sich selber zum Kleiden und Essen, und wenn eine von ihnen auch noch Vater, Mutter und Geschwister zu ernähren hat, wie schlimm ist sie dann erst dran!“9

Ôgais Konvenienzehe, angesichts der Umstände kaum verwunderlich, hielt nur ein Jahr. Zehn Jahre später überarbeitete er sein "Deutsches Tagebuch" und tilgte - falls es sie gegeben hat - daraus alle Elise betreffenden Stellen; jedenfalls redigierte er es für die Nachwelt. 1902 heiratete er seine zweite Frau Shige, und diese verlangte von ihm, alle Fotos, Briefe sowie anderes Persönliche von Elise vor ihren Augen zu verbrennen. Vermutlich standen Ôgai und Elise bis dahin noch in Briefkontakt. Es blieben: die Novelle und ein Eintrag in einer Passagierliste ... So verständlich die Suche nach Dichtung und Wahrheit in Mori Ôgais Novelle auch ist, so scheint das Schicksal Elis’ die Literaturhistoriker heute doch offenbar mehr zu beschäftigen, als das Wirken Mori Ôgais für die deutsche Literatur in Japan - siehe oben. Der Rumänische Dichter Mihai Eminescu bringt es allgemein auf den Punkt:

„... jede kleine Not, die eine
    arme Seele durchgemacht
wird sie fesseln mehr als alles,
    alles, was du je gedacht ...“ 10

Europa hat keinen Maßstäbe setzenden Intellektuellen wie Mori Ôgai hervorgebracht, der – umgekehrt – seine eigene Erfahrungswelt mit einer profunden Kenntnis asiatischer Sprache, Literatur und Kultur verbunden hätte. Insofern bleiben weltoffene und lernfähige asiatische Intellektuelle wie Mori Ôgai eine Herausforderung.

Vergleichend kann man feststellen, daß auch der weitgereiste Weltbürger, Schriftsteller und Komponist Leopold Schefer mit seinen "morgenländischen" Novellen relativ wenig für das Verständnis von Orient und Okzident bewirken konnte.

Leopold Schefers unglückliche Liebe zur Schwester seines Freundes und Gönners Graf Hermann von Pückler stand anfangs unter einem glücklichen Stern, denn dieser hatte das Verhältnis akzeptiert und begünstigt. Er zerstörte es brutal, als er seine Schwester 1812 standesgemäß verheiratete - doch das ist schon wieder eine neue Geschichte. Die Lieder, die Schefer für seine geliebte Agnes schrieb, bezeichnet man heute als „Perlen der Romantik“. 11 Agnes verbrachte lange, leere Ehejahre an der Seite des ungeliebten Ehemannes. Über das weitere Schicksal des Ballettmädchens Elis ist nichts bekannt. 12



Anmerkungen
1 Der Waldbrand. Gesammelte Erzählungen von Leopold Schefer. Nachwort u. Auswahl von Klaus Völker. Frankfurt am Main: Zweitausendeins (1985).
2 Schefer, Leopold: Die Prinzeninseln. Freiburg: Walter Heinrich 1922. (Schnitter-Bücher. Die hohe Reihe.)
3 Gemeinsam mit Hermann Kurz und Ludwig Laistner gab Paul Heyse die Reihen Deutscher Novellenschatz (1871–1875, 24 Bände), Neuer Deutscher Novellenschatz (1884–1887, 24 Bände) und Novellenschatz des Auslandes (1877–1884, 14 Bände) heraus. Im Katalog der Nachlaßbibliothek von Mori Ôgai an der Bibliothek der Tokyo-Universität findet sich unter der Bibl.-Nr. E400/313: Heyse, Paul & Kurz, Hermann, eds. Deutscher Novellenschatz, München, Oldenbourg. 24 vols.
4 Weber, Beate: Mori Ôgai als Wegbereiter der Goethe-Rezeption in Japan. Hrsg. Mori-Ôgai-Gedenkstätte der Humboldt-Universität Berlin. O.O. CVS o. J.
5 Mori Ôgai: Deutschlandtagebuch 1884-1888. Hrsg. Heike Schöche. Tübingen: konkursbuchverlag 1992.
6 Um der Formauflösung entgegenzuwirken, entwickelte Heyse eine Novellentheorie. Sie ging als „Falkentheorie“ in die Literaturgeschichte ein, weil er sie am Beispiel jener Boccaccio-Novelle erläuterte, in der ein verliebter, aber verarmter Jüngling seiner Angebeteten seinen einzigen Besitz, einen Falken, als Essen serviert. Heyse verlangte, eine solche Besonderheit müsse in jeder Novelle zu finden sein.
7 Mori Ôgai: Das Ballettmädchen. Eine Berliner Novelle. Mit 26 zeitgenössischen Illustrationen. Aus dem Japanischen von Jürgen Berndt und mit einem Nachwort von Ursula Berndt. Berlin: Edition q 1994 (Japan-Edition). Für eine andere deutsche Ausgabe wurde der weniger glückliche Titel Die Tänzerin gewählt.
8 Friedrich Hackländer: Europäisches Sklavenleben. 4 Bde. Stuttgart: Verlag von Adolph Krabbe 1854. Mori Ôgai las vermutlich die Ausgabe von 1885 mit den Illustrationen von Arthur Langhammer.
9 Mori Ôgai, Das Ballettmädchen, S. 32.
10 Eminescu, Mihai: „Epistel I“. In: Der Abendstern. Gedichte. Übersetzt, in deutsche Verse gebracht und mit einem Nachwort von Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer. Mainz: Dietrich’sche Verlagsbuchhandlung 1999. S. 63.
11 Leopold Schefer’s Gesänge zu dem Pianoforte. Musik vom Dichter. Herausgegeben vom Grafen von Pückler-Muskau. Leipzig: Breitkopf und Härtel 1813. S. auch www.kulturpixel.de, Dreyer/ Publikationen.
12 „Die Tänzerin“ heißt auf japanisch „Maihime“, Fürst Pücklers abessinische Sklavin hieß „Ajiamé“; eine rein phonetische Verwandtschaft, die hier im Zusammenhang plötzlich Bedeutung annimmt?


(6.7.2005)

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