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Bibliophilie anno Toback

Dr. Heinrich Meyers Gutenbergs-Album von 1840

Von Bernd-Ingo Friedrich


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Der Muskauer Dichter und Komponist Leopold Schefer, Vater von vier Töchtern und einem Sohn, schrieb am 12.X.1839 an den Buchdrucker Heinrich Meyer in Braunschweig:

„[...] Heut, als sobald ich erst konnte, sende ich Ihnen meine Gabe für Ihr Gutenberg-Album, ersuche Sie sehr für dieselbe um den letzten Platz darinnen, und hoffe daß sie ein Kern für das Album sei. Nur gebe ich Nichts ohne einen Abdruck von mir weg. Haben Sie also zu seiner Zeit ein anrüchiges oder anbrüchiges Exemplar das Sie nicht verkaufen können, so machen Sie mir damit ein Vergnügen! [...] Bleiben Sie gesund und rüstig in ‚Gutenbergs Reich’ und behalten mich in gutem Andenken [...]“.

Das Album, dem Schefers Gabe und seine verschmitzte Schnorrerei galt, gehörte zu den zahlreichen Veröffentlichungen anläßlich der Feierlichkeiten zu Ehren Gutenbergs, die zu einem festen Bestandteil der deutschen Festkultur geworden waren. Die 4. Säkularfeier des Buchdrucks im Jahre 1840 war Höhepunkt und vorläufiger Abschluß einer Entwicklung, die bereits 1540 ihren Anfang genommen hatte.

„1837 wird in Mainz das große Gutenbergdenkmal von Bertel Thorvaldsen enthüllt, es ist das erste öffentliche Monument. Gutenberg tritt aus dem Rahmen der Memorialkultur der Theologen und Gelehrten und wird in den Kanon großer Deutscher wie Blücher oder Goethe aufgenommen. Das Mainzer Volksfest mit nationaler Hochstimmung ist das Vorbild für fast alle kommenden Feste des 19. Jahrhunderts. 1840, im Zeitalter des Vormärz mit seinem Streben nach Einheit, wird an vielen Orten gefeiert, auf Gutenberg werden verschiedene Wunschvorstellungen projiziert. In Preußen sind wegen des Todes von König Friedrich Wilhelm III. kurz vor dem 24. Juni erst im Herbst nur einige Feste zugelassen. In Bayern dagegen sind die Veranstaltungen aus Angst vor politischen Demonstrationen verboten.1840 bildet sich eine öffentlich zelebrierte Festform heraus, mit Kantaten, Reden, Umzügen, Fahnen, Feuerwerk, Fackeln, Glockengeläut und Kanonenschüssen.“

„Geplant waren Feste in Aachen, Aarau, Agram, Altenburg, Altona, Ansbach, Arnstadt, Arolsen, Augsburg, Bamberg, Basel, Bayreuth, Berlin, Bernburg, Braunschweig, Bremen, Breslau, Bunzlau, Chemnitz, Danzig, Darmstadt, Delitzsch, Dessau, Dresden, Eisenberg, Elberfeld, Erfurt, Erlangen, Flensburg, Frankfurt a. M., Freiburg i. Br., Glogau, Görlitz, Gotha, Göttingen, Halle, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Heilbronn, Hildburghausen, Jena, Kamenz, Karlsruhe, Kassel, Keilhau, Koblenz, Königsberg, Kopenhagen, Leipzig, Lörrach, Lübeck, Mainz, Mannheim, Meißen, Minden, Neukirchen, Nordhausen, Oldenburg, Oslo, Oppeln, Paris, Philadelphia, Plauen, Potsdam, Quedlinburg, Regensburg, Reutlingen, Rudolstadt, Saalfeld, St. Gallen, Schleusingen, Schwerin, Sondershausen, Sorau, Stettin, Stockholm, Straßburg, Stuttgart, Troppau, Ulm, Verden, Warburg, Weimar, Wesel, Wien, Würzburg und Zürich.“ 1

In das nationale Gesamtkunstwerk von 1840 ordnete sich das Gutenbergs-Album 2 ebenso wie die von Robert Schumann rezensierten, in Leipzig aufgeführten Werke „Buchdruckerkantate“ und „Lobgesang“ von Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy 3 an herausragender Stelle ein.

Es wurde von dem Braunschweiger Buchdrucker (Johann) Heinrich Meyer (1812-1863) initiiert und herausgegeben. 4 Das bis auf Ausnahmen von Friedrich Vieweg und Sohn in Braunschweig gedruckte Prachtwerk in Großquart stellt eine der aufwendigsten Festschriften unter den vielen Gutenberg-Ehrungen jenes Jahres und eine typographische Musterleistung seiner Zeit dar. Meyer erwähnt ein Konkurrenzunternehmen, doch es gab Dutzende. Das Gutenbergmuseum Mainz bewahrt Festschriften ähnlicher Güte aus Erfurt, Erlangen, Leipzig, Frankfurt, Kamenz, Hannover, Berlin und Weimar auf.

Der braune Lederband mit reicher, meist floraler Vergoldung auf beiden Deckeln und dem Rücken, vergoldetem Rückentitel, Kantenvergoldung, allseitigem Goldschnitt und dem Vorderdeckel mit dem Gutenberg-Wappen in Gold, Rot, Schwarz und Silber wurde gebunden von J. J. Selencka in Braunschweig. Gleichzeitig erschien eine einfache Oktav-Ausgabe im Halbledereinband mit 372 Seiten und nur einem Porträt.

Auf dem Innendeckel des vorliegenden Exemplars hat sich der handschriftliche Besitzvermerk des „H. Buchdruckereibesitzers E. Ebert 1876“ erhalten. Das Album war ein Werk, das ein Gewerbe beispielhaft repräsentierte und auf das ihre Besitzer mit Recht stolz sein durften und sicherlich auch waren. Auf über 348 Seiten präsentiert es gediegene Handwerkskunst.

Punkt I. in der „Übersicht des Inhalts“ ist die „Einleitung“. Sie teilt Biographisches zu Gutenberg, Fust und Schöffer mit und gibt eine gedrängte Darstellung der Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Eingefügt sind hier die meisten der achtzehn Tafeln, darunter sechs farbige. In der Erläuterung zu den Illustrationen werden die „Hauptmomente“ bezeichnet, „welche in der Geschichte der Buchdruckerkunst und nachgeborner Erfindungen hervortreten.“ Was in der Buchdruckerei um 1840 geleistet werden konnte bzw. gebräuchlich war, wird mit Beispielen vorgestellt. Das Wappen der Familie Gutenberg auf dem Titel, die jedem deutschen Beitrag beigegebene Vignette und ein Dedikationsblatt sind in der damals meistverwendeten graphischen Technik, dem Holzstich, ausgeführt. Auf dem Frontispiz zeigt ein Kupferstich das Porträt Gutenbergs. Es folgen der Reihenfolge im Buch nach: eine Ansicht von Mainz in Stahlstich, ein Porträt Fusts in Schwarzkunst (Sammetstich oder Schabmanier), ein Porträt Schöffers in aqua tinta oder Tuschmanier, das Gutenbergsche Monument als lithographischer Bronzedruck in 6 Bronzetönen, das Standbild Schöffers in claire obscur, ein anonymes Porträt (eine Gemäldereproduktion) als Beispiel für das Machbare im Holzschnitt, ein Porträt des Buchdruckers Friedrich König (des Erfinders der Schnellpresse) als Radierung, ein Porträt des französischen Mechanikers Achill Collas (der ein pantographisches Gerät zum Kopieren von Plastiken erfand und den Reliefstich perfektionierte), ein Porträt Senefelders in Lithographie und dessen ebenfalls lithographierte Handschrift; als Titel zur zweiten Abteilung eine „illustrierte poetische Spende“ in vierfarbigem Congreve-Druck auf gewalztem Chinapapier (Druck von mehreren Farbplatten gleichzeitig) und ein doppelseitiger Notendruck in Stereotypie. Ein Titel zur dritten Abteilung (von 11 verschiedenen Platten) und die Autographa aller Mitarbeiter sind noch einmal vom Stein gedruckt. Das Wappen Gutenbergs als clair-obscur-Druck von acht Holzplatten schließt den Band ab. Alle Zeichner, Stecher, Graveure und Drucker des In- und Auslandes werden namentlich aufgezählt. Ihre Namen hier zu nennen, ist nicht möglich, einen auszuwählen, wäre ungerecht, denn alle sind von ausgezeichneter Qualität.

Der Einleitung folgt die „II. Abtheilung. Deutsche Beiträge“ in Prosa und Lyrik, gereimt und ungereimt. Der einstimmende Beitrag „Die Sprachen an Gutenberg“ wurde verfaßt von dem 14jährigen Sohn des Hof- und Medicinalraths Dr. Aegidi, Leibarzt der Prinzessin Friederike von Preußen und einer der Wegbereiter der Homöopathie. Mit Erstdrucken oder Beiträgen sind vertreten: Ludwig Auerbach, Graf von Bentzel-Sternau, Friedrich de la Motte Fouqué, Ladislav von Pyrker, Leopold Schefer, Gustav Schwab, Friedrich Kind, Theodor Hell, Ludwig Bechstein, Hermann Marggraf, Friedrich Rückert, Heinrich Schwetschke, Moses Mendelson und viele andere. Die Beiträge selbst sind, wie Auftragsarbeiten dieser Art zu sein pflegen: von mäßiger Güte.

Schefers Beitrag „Gutenberg und sein Reich“, weitschweifig-umständlich wie bei ihm üblich, findet sich in dem Album auf den Seiten 106-110. Bemerkenswert sind die Schlußzeilen des Gedichts: „Wer Andrer Druckwerk stiehlt, als Mensch ein Rabe,/ Der schlägt noch Gutenbergen todt im Grabe!“ Dem kann man wohl noch immer zustimmen.

Die III. Abteilung enthält 43 Beiträge in fremden Sprachen mit deutscher Übersetzung, darunter eine aus dem Spanischen von dem damals 20jährigen Friedrich Engels. Unter den Sprachen finden sich etliche Raritäten, wie Wendisch und Wallachisch, und so exotische wie Altägyptisch mit Hieroglyphenschrift.

Den fremdsprachigen Beiträgen schließen sich 26 „Schriftproben“ an, p. e. eine chinesische, verschiedene Keilschriften (für Text und für Noten), oder Pehlvi, Zend und Cabulisch aus der Schriftgießerei Friedrich Ries in Leipzig.

Drei Tafeln „Autographa der Mitarbeiter“ stellen noch einmal die 143 im Text zum Teil bereits genannten Personen, die an dem Album in irgend einer Weise mitwirkten, mit ihren Handschriften vor.

Die „Liste der Subskribenten“ schließt den Textteil ab, ihr folgt nur noch das oben schon beschriebene Gutenberg-Wappen. Die Subskribentenliste beginnt mit „Se. Majestät der König von Sachsen“, zwei Dutzend Hoheiten und Durchlauchten, der restliche Adel wird eingereiht unter die Übrigen, zumeist Buchhändler und Buchdrucker quer durch Europa, hauptsächlich aber aus Süddeutschland und Österreich. Große Verleger- und Herausgebernamen sind ebenfalls darunter: Westermann, Schwetschke, Cotta, Metzler, Beck und Fränkel, Campe, Kippenberg, Vieweg & Sohn, Trowitzsch u. Sohn sowie „das Personal der Buchdruckerei Trowitzsch u. Sohn“, die „Direction der Waisenhausbuchdruckerei“, die Weidmannsche Buchhandlung, Friedrich Kind, Theodor Hell und Michael Edler von Rambach – um nur einige anzuführen.

Unter den Subskribenten befindet sich kein einziger Schriftsteller. Der Hofbuchdrucker und Verleger Carl Gottlob Trowitzsch, der Niederlassungen in Frankfurt an der Oder und Berlin begründete und im Auftrag der „Kön. Preuß. Kalender-Deputation“ auch den neben dem Gothaer und Göttinger dritten wichtigen genealogischen (Berliner) Kalender herausgab, veröffentlichte im Berliner Kalender auf das Gemein Jahr 1829 (Berlin 1828) auch Leopold Schefers Novelle „Der Bauchredner“. Die von den Erben für eine Tochter erbaute prächtige Neorenaissance-Villa in Frankfurt an der Oder beherbergte zuletzt das Kabinett des Museums Junge Kunst FFO. (Gottfried Benn, als Schüler des Frankfurter Friedrichs-Gymnasiums mit dem jüngsten Sohn der Familie befreundet, war häufig in der „Trowitzsch-Villa“ zu Gast.) Dem Museum standen ein Foyer, fünf Ausstellungsräume und ein Café für die Öffentlichkeit sowie Büro-, Bibliotheks-, Archiv- und Lagerräume zur Verfügung. Die erhalten gebliebenen Teile der Innenausstattung, insbesondere die aufwendig rekonstruierte, reich vergoldete und bemalte Kassettendecke des ehemaligen Salons, zeugen noch immer von dem immensen Reichtum der Verlegerfamilie. Sie hatte mit dem Erwerb eines Gutenbergs-Albums gewiß keine Probleme.

Ob der Schriftsteller Leopold Schefer sein „anrüchiges oder anbrüchiges Exemplar“ bekam, ist nicht bekannt. - Vermutlich nicht.

(2.9.2007

Ein P.S. aus Europa. Chronik der gebildeten Welt. In Verbindung mit mehren Gelehrten und Künstlern herausgegeben von August Lewald. 1840. Dritter Band. Stuttgart. Literatur-Comptoir (1839), S. 565f.

„Wir haben die angenehme Pflicht, noch ein Gutenbergs-Album anzuzeigen, welches bei Johann Heinrich Meyer in Braunschweig erschienen und von dem Dr. Heinrich Meyer, der für die Geschichte der Typographie schon Erfreuliches geleistet hat. herausgegeben worden ist. Dieses Album veranschaulicht den Segen der Erfindung Gutenbergs besonders dadurch, wie sie in allen Sprachen gewirkt hat, überall hin sich verbreitete. Sentenzen sind fast aus allen europäischen Sprachen gegeben; ihnen folgen interessante Schriftproben. Aufsätze über Gutenberg und sein Werk, sind lesenswert; zu einem derselben ist das schöne Wort Luthers: 'Die Buchdruckerei ist summum et postremum donum, das höchste und letzte Geschenk,' als Motto gewählt.
Sey es erlaubt, von den Beiträgen, die deutsche Schriftsteller gaben, einige anzuführen. [Es folgen ein kurzer Text von Berthold Auerbach und je ein Gedicht von Hermann Marggraf und Gustav Schwab.]
Das Album scheint unter denen, die Gutenbergs Kunst üben, die Theilnahme gefunden zu haben, die es verdient. Möge diese Theilnahme ihm auch in anderen Kreisen werden! H...k.“

(11.01.2009)

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Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, bei


Anmerkungen
1 S. auch Monika Estermann: „O werthe Druckerkunst/ Du Mutter aller Kunst:“ Gutenberg-Feiern im Laufe der Jahrhunderte. Katalog. Mainz: Gutenberg-Museum 1999; S. 133-189.
2 1840. Gutenbergs-Album. Herausgegeben von Dr. Heinrich Meyer. Braunschweig, Verlag von Johann Heinrich Meyer. London, bei C. und H. Senior. Philadelphia, bei J.G.Wesselhöft (1840).
3 Robert Schumann: Gesammelte Schriften über Musik und Musiker. Leipzig: Reclam o. J.; Bd. III, S. 25-28. Schumann beschreibt hier auf knapp drei Seiten das (musikalische) Gutenbergfest in Leipzig.
4 Allgemeine Deutsche Biographie. Elektronische Version, hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Bayerischen Staatsbibliothek, Januar 2003; S. 337-339.


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